Populisten gegen Europa

Mit ihrer neuen Partei wollen sie die „Alternative für Deutschland“ sein. Ein paar erzkonservative und deutschnationale Gestalten haben sich zusammengefunden, um ihren Traum von der Rückkehr zur Deutschen Mark mit einer neuen Organisation Nachdruck zu verleihen. Die „Alternative für Deutschland“ sorgt für Schlagzeilen, das Oberhaupt dieser Gruppierung bewirbt sie zur besten Sendezeit im ZDF. Zuallererst geht es um den Ausstieg aus dem Euro; doch die Unterstützer der Partei vertreten auch deutschnationale, völkische und verschwörungsideologische Positionen.

Voller Freude verweisen die Parteigründer auf einen„wahren Strom an Unterstützung“. Wer einen Blick auf die Liste der offiziellen Unterstützer wirft, dürfte auf verschwörungsideologische Autoren und erzkonservative Politiker stoßen, die die Angst vor Europa eint. Dort fürchtet man eine angeblich drohende Diktatur, die aus der Europäischen Union erwächst. Die Europäische Union scheint ihnen die neue Sowjetunion, Brüssel das neue Moskau und Merkel so etwas wie eine Wiedergeburt des Karl Marx zu sein.

Es sind Personen wie Stefan Milkereit, die nun in der neuen Partei Politik betreiben wollen und die die Angst vor der angeblichen Diktatur anzutreiben scheint. Der Steuerberater aus dem Biebertal sitzt als Beisitzer im Bundesvorstand. Außerdem betreibt er einen Twitter-Account, über den er absurde und belanglose Lebensweisheiten absondert. „Wer tief stapelt, kann nie hoch hinaus kommen“, schreibt er dort. Neben derartig belanglosen Weisheiten finden sich dort aber auch NS-Relativierungen. So zum Beispiel die Behauptung, dass das Löschen von Kommentaren eine neue Form der Bücherverbrennung darstellen würde. Diejenigen, die das „Vaterland“ nicht lieben, würden eine „allgemeine Gefahr“ darstellen, meldet das Parteivorstandsmitglied ebenfalls über Twitter. Der bisherige Höhepunkt aus Tiraden und Phrasen war am 28. November 2012 erreicht. Damals erfand das Parteivorstandsmitglied ein „Multi-Kulti-Gen“ und schrieb in NS-Manier über daraus resultierende „Mutationen“:

Multi-Kulti-Gen führt zu Mutationen und damit zu Krankheiten, die vorher bei Reinrassigkeit nicht vorhanden waren. Wissenschaftlich erwiesen.

Ein weiterer Unterstützer der neuen Gruppierung ist der ehemalige Brigadegeneral Dieter Farwick. Der deutsche Landser tritt als Publizist in Erscheinung. Seine Artikel finden sich unter anderem in der „Preußischen Allgemeinen Zeitung“, dem Sprachrohr der deutschnationalen Landsmannschaft Ostpreußen, die auch in diesem Jahrtausend mit völkischer Brauchtumspflege an die verlorenen Ostgebiete erinnert.

Dort lässt sich Farwick zum Beispiel über den „Konflikt“ im „Nahen Osten“ aus. Er gibt den deutschen Nachhilfelehrer, der die „Zwei Staatenlösung“ empfiehlt und vor einem israelischen Angriff auf den Iran warnt. In dieser Zeitschrift wird – vielleicht im Gegenzug – das Buch des deutschen Militärs empfohlen. „Sein Buch ‚Wege ins Abseits. Wie Deutschland seine Zukunft verspielt’“ sei „eine hervorragende Ergänzung zu Sarrazins Schriften“. Dieses Buch ist im Übrigen im Osning-Verlag erschienen, in dem die deutsche Kriegsschuld durch die altbekannten Präventivkriegsmythen geleugnet wird.

Ein anderer Unterstützer der entstehenden Partei schreibt nicht für den Verlag, dafür aber für eine andere Zeitung der deutschen Rechten. Es handelt sich um Dr. Bruno Bandulet, der als nach eigenen Angaben für die neu-rechte Junge Freiheit schreibt. Außerdem hat er mehrere Bücher verfasst. Einige sind imverschwörungsideologischen und rechtsesoterischen Kopp-Verlag erschienen. Passenderweise verbreitet das ehemalige Mitglied des deutschnationalen Bund Freier Bürger (BfB) geschichtsrevisionistische Verschwörungsmythen:

Kaum jemand weiß, dass Deutschland bis heute vertraglich gebunden ist, sich an die Geschichtsversion der Siegermächte zu halten. (…) Die Verpflichtung Deutschlands, die eigene Geschichte durch eine fremde Brille zu sehen, wurde 1990 vertraglich verlängert!

Dieses Zitat ist Wasser auf die Mühlen der Geschichtsrevisionisten, Antisemiten und Holocaustleugner. Es findet sich daher auf zahlreichen Internetseiten, die von derartigen Gestalten betrieben werden.

Zahlreiche Verschwörungsgläubige beobachten oder unterstützen das neue Parteien-Projekt. Da wären zum Beispiel beiden Aktivisten des „Aktionsbündnis Direkte Demokratie“ aus Stuttgart. Dieser Zusammenschluss um Hansjörg Schrade und Bernhard Seitz organisiert seit einiger Zeit den Kampf gegen Europa, indem man Politiker anzeigt und auf der Straße marschiert. Nun treten Schrade und Seitz als Unterstützer der neuen Partei in Erscheinung.

Zuvor hatte ihre Gruppierung vor einer „Machtergreifung“durch eine ominöse „EU-Diktatur“ gewarnt. In diesem Zusammenhang ging man auch auf die Straße. In Berlin marschierte man vor dem Reichstag auf. Dort beteiligten sich auch einige Kader der Nationaldemokratischen Partei Deutschland (NPD). Auf anderen Aktionen des „Aktionsbündnis“ sprachen die Vordenker des verschwörungsideologischen Milieus: Auf einer Kundgebung hielt Jens Blecker eine Brandrede. Auf dessen Internetseite findet sich auch antisemitische Hetze. Dort ist zum Beispiel von den „bei­den Fami­li­en­clans Roth­schild und Rocke­fel­ler” die Rede, die die Welt beherrschen würden.

Das neue Parteienprojekt wird außerdem durch Wilhelm Hankel unterstützt. Der verbreitete seine Theorien auch in der National-Zeitung des vor kurzem verstorbenen Nationalsozialisten und DVU-Gründers Gerhard Frey. Ein weiterer Unterstützer ist Karl Albrecht Schachtschneider, der überall dort auftritt, wo man sich vor dem Euro und den dazugehörigen Institutionen fürchtet. Bereits im Jahr 2009 begeisterte er bei die Mitglieder der rassistischen Gruppierung „Pro Köln“.

Mit dem ehemaligen Radiomoderator Ken Jebsen, der für seine anti-amerikanischen und anti-israelischen Tiraden berüchtigt ist, führte Schachtschneider angeregte Gespräche, die der Nachwelt zur Verfügung gestellt wurden. Schachtschneider publiziert ebenfalls im Kopp Verlag. Zahlreiche Unterstützer der neuen Partei stammen ebenfalls aus dem Umfeld des verschwörungsideologischen Verlages, der ihre Machwerke publiziert.

Ein Blick auf diese Unterstützer der neuen Partei macht deutlich, wohin deren Reise gehen wird. Hier geht es um mehr als den Euro. Es geht um eine Sammlungsbewegung, die denjenigen eine Heimat bieten dürfte, die von einem starken Deutschland träumen. Zusätzlich dürfte diese Partei verschiedene Verschwörungsgläubige anziehen, die in der Europäischen Union einen nächsten Schritt zur vermeintlich drohenden Weltdiktatur sehen.

Die anti-europäischen Positionierung dürfte der als kleinster gemeinsamer Nenner sein.  Mit ihrem verschwörungsideologischen Populismus gegen die „’Parasiten in Brüssel’“ könnte die „Alternative“ bei den nächsten Wahlen einen Achtungserfolg erzielen. Damit könnte dieser Partei das gelingen, woran andere Kleinstparteien bisher gescheitert sind.

Der Prozess

Am Montag, den 25.02.2013, stand ein Mensch vor Gericht, weil er keine Fernsehgebühren bezahlt hatte. Im britischen Horsham fand ein Prozess gegen Tony Rooke statt, bei dem es eigentlich nur Fernsehgebühren gehen sollte. Doch es ging auch um die Ereignisse 11. September 2001 und eine gigantische Fernseh-Verschwörung, an die Rooke zu glauben scheint.

In Großbritannien muss man ebenfalls Fernsehgebühren zahlen, mit denen die British Broadcasting Company (BBC) finanziert wird. Rooke hatte die Zahlung dieser Gebühren eingestellt und sich wenig später von einem Kontrolleur erwischen lassen. Gegen einen Zahlungsbefehl legte er einen Widerspruch ein. Rooke wollte das resultierende Gerichtsverfahren vor dem Magistrates Court, um sich als Ankläger aufzuspielen. Dem Angeklagten ging es darum, die BBC der Beihilfe zum Terrorismus zu beschuldigen. Dabei berief er sich auf Paragraph 15, Artikel 3, des „Terrorism Act 2000“, in dem es um die Finanzierung von terroristischen Gruppierungen geht.

Tony Rooke macht die BBC zu einer terroristischen Gruppierung, weil diese angeblich die Hintergründen des 11. September 2001 verschweigen und all diejenigen diffamieren würde, die die Wahrheit ans Licht bringen wollten. Dabei geht es auch um zwei Dokumentationen der BBC, die die Verschwörungsideologen und ihre Konstrukte kritisch beleuchten. Damit war der Sender ins Fadenkreuz der Verschwörungsgläubigen geraten.

Dem Verschwörungsgläubigen ging es vor dem Magistrates Court um seine Sache: Der Aktivist der verschwörungsideologischen Gruppe „Christians for 9/11 Truth“ glaubt, dass die britische „Mainstream-Medien“ ein Teil der gigantischen Verschwörung seien, die er für die Ereignisse des 11. September 2001 verantwortlich macht.

Auf der Internetseite seiner christlich-fundamentalistischen Sekte werden daher Martin Luther King und Jesus Christus in Stellung gebracht, um über die angeblichen Hintergründe des 11. September aufzuklären. Seinen Prozess wollte er zum Fanal machen, mit dem die angebliche Wahrheit ans Licht kommen sollte. Der Truther wurde dabei von verschiedenen Verschwörungsideologen unterstützt, die vor Gericht als Zeugen aussagen sollten.

Der dänische Verschwörungsideologe Niels Holger Harrit, der ein Begründer der so genannten und vielfach widerlegten „Nanothermit-Theorie“ ist, war nach Hersham gereist. Der britische Truther Ian Henshall, der sich gerne über den angeblichen Einfluss von „jüdischen Gruppen“ erregt und die Unterstützung durch den britischen Nationalsozialisten Martin Webster lediglich aus taktischen Gründen ablehnt, war ebenfalls anwesend, um als Zeugen aufgetreten.

Als Kameramann trat der norwegische Verschwörungsideologe Torstein Viddal auf, der bis 2010 ein Mitglied der rechtspopulistischen „Fremskrittspartiet“ (FrP) war. Viddal erregte in letzter Zeit einiges Aufsehen, als er heimlich das Abschlussstatement des Anders Behring Breivik aufnahm und über Youtube verbreitete. Er macht diesen Massenmörder zum „Zionisten“ und erfreut auf diese Weise die Antisemiten in aller Welt. Viddal propagiert dabei das Konstrukt einer zionistischen Weltverschwörung, die die Massenmedien kontrollieren würde. Diese angebliche Verschwörung sei außerdem – direkt oder indirekt — für verschiedene Anschläge verantwortlich.

Die Zeugen und der Kameramann, der sie vor dem Gerichtsgebäude befragte, glauben wie ihr Kompagnon Rooke, dass die BBC bereits vor dem 11. September 2001 über den Ablauf und die Hintergründe der Anschläge informiert war. Sie glauben an die machtvolle Verschwörung, die Politik und Presse kontrolliert und dabei über Leichen geht. Die eigentlichen Täter des 11. September 2001, jene islamofaschistischen Rackets, die damals etwa 3000 Menschen ermordeten, werden vom ihnen entlastet. Sie schreiben dafür eine ganz andere Geschichte, in denen sie selbst als Helden auftreten. Dabei inszenieren sie sich als Aufklärer und Wahrheitssuchende, die diese angebliche Wahrheit gegen alle Widerstände vor Gericht und ans Licht zerren.

Vor dem Prozess hatte man daher Texte verfasst, mit denen der Angeklagte zum Ankläger gemacht wurde. So suggerierte Michel Chossudovsky, dass die BBC „wegen Manipulation von Beweisen und einseitiger Berichterstattung im Zusammenhang mit den Anschlägen vom 11. September 2001 vor Gericht“ stehen würde. Nichts davon ist wahr.

Unterstützung gab es auch aus Deutschland. Der Text des antisemitischen Autors wurde ab dem 24.02.2013 auf der Internetseite des rechtslastigen Kopp-Verlages verbreitet. Einen Tag später griff ein Autor der nationalbolschewistischen Tageszeitung junge Welt das Thema auf. Dort wurde der Verschwörungsgläubige zum „Terrorismusverweigerer des Tages“ gemacht. Dort wurde die Hoffnung geäußert, dass die „Verantwortlichen zur Rechenschaft“ gezogen werden. Ähnliche Äußerungen waren auf zahlreichen Internetseiten des Verschwörungsmilieus zu lesen.

Vor Prozessbeginn hatte sich die Gemeinde der Verschwörungsgläubigen vor dem Gerichtsgebäude versammelt. Etwa 100 Unterstützerinnen und Unterstützer waren eingetroffen, um die angekarrten Zeugen zu hören, die über die Ereignisse des 11. September berichten sollten. Doch dazu kam es nicht. Richter Stephen Nicholls befand Rooke für schuldig. Er muss nun 200 Pfund Verfahrenskosten zahlen. Die eigens eingeflogenen Zeugen kamen nicht zu Wort.

Sicherlich ist das nicht das Ergebnis, von dem die Verschwörungsgläubigen geträumt haben. Daher tun sie nun das, was sie am besten können: Sie deuten die Ereignisse um und blenden die Fakten aus, die nicht mit ihrer Umdeutung übereinstimmen.

Im „American Freedom Radio“ berichtete Rooke und sein Kompagnon Henshall stolz darüber, wie sie den Richter überzeugt hätten. Rooke war in der Sendung des Kevin Barrett zu hören, der von der Anti Defamation-League als einer der bekanntesten Köpfe der antisemitischen Verschwörungsmythen zum 11. September 2001 bezeichnet wird. Auf den Prozess folgten zahlreiche Jubelartikel. Da wurde die Verteilung zum historischen Triumph gemacht. Die Niederlage wurde zum Sieg des Angeklagten umgedeutet.

Die größten Falschbehauptungen finden sich in einem deutschen Jubelartikel. Dort wird die Verurteilung verschwiegen und eine ganze Hauptverhandlung erfunden, von der noch nicht einmal die britischen Truther sprechen:

Rooke wurde nicht abgeurteilt. Stattdessen setzte der Richter den Termin zu einer umfassenden Hauptverhandlung an. Damit wird es jetzt allmählich eng für die BBC, denn nun werden verschiedene international anerkannte Wissenschaftler und weitere Zeugen angehört werden.

Man muss schon ein sehr spezielles Verhältnis zur Realität haben, wenn man aus einer Verurteilung einen Sieg des Angeklagten fabriziert.

Tony Rooke ist nun auf der Suche nach den nächsten Verschwörungsgläubigen, die keine Fernsehgebühren mehr zahlen. Es könnte also in naher Zukunft weitere Verurteilungen geben, die dann in einen Sieg umgedichtet werden, um die Märchen von der Fernseh-Verschwörung zu verbreiten.

Meteoriten, Ufos und die USA

Vor einigen Wochen stürzte ein Meteoriten-Hagel auf die Erde und verglühte größtenteils über der russischen Region Tscheljabinsk. Die Folgen der Katastrophe vom 15. Februar 2013 waren hunderte verletzte Menschen, tausende zerstörte Fensterscheiben, reißerische Medienberichte und verschiedene Verschwörungsmythen, die über die einschlägigen Internetseiten verbreitet wurden.

Mal wieder hatten die Gläubigen, die jeden Anlass benutzen, um ihn in ihr wahnhaftes Weltbild einzupflegen, ein Ereignis zu Hand, mit dem sie den Mythos von der mysteriösen Verschwörung spinnen konnten. Sie benutzten mal wieder eine Katastrophe und fanden Verantwortliche, die sie nun für den Vorfall verantwortlich machten. Aus der Katastrophe wurde ein UFO-Überfall oder gar ein amerikanischer Angriff gemacht.

Bereits am Tag des Unglücks meldete sich der rechtspopulistische Krakeeler Wladimir Wolfowitsch Schirinowski zu Wort und munkelte von einem Waffen-Experiment, für das er die USA verantwortlich machte: „Das sind keine fallenden Meteoriten, sondern die Amerikaner testen neue Waffen“, behauptete der Politiker der Liberal-Demokratischen Partei Russlands (LDPR), der zumindest in der Vergangenheit vor allem durch antisemitische Hetze aufgefallen war.

Einige Wochen nach dem Unglück findet sich die Behauptung vom angeblichen Waffen-Experiment der USA auf zahlreichen Internetseiten des verschwörungsideologischen Milieus. Unterschiedliche Gruppen berufen sich auf den rechten Russen: So verbreitet die Schweizer Sektion der verschwörungsideologischen„Graswurzelbewegung“ von „We are Change“ ebenso die Behauptungen des Rechtspopulisten wie die „Arbeitsgemeinschaft Staatlicher Selbstverwaltungen“, die ansonsten die Nazi-Mythen der so genannten „Reichsbürger“ verbreitet. Hier munkelte man von „Machenschaften der USA“, die diesmal sogar für einen Meteoriten verantwortlich gemacht werden.

Diejenigen, die diese wahnwitzigen Behauptungen kolportieren, bewegen sich in einer verschwörungsideologischen Tradition: Nach anderen Naturkatastrophen, wie dem Erdbeben, das im Jahr 2010 Haiti verwüstete, raunten die Verschwörungsgläubigen ebenfalls von mysteriösen amerikanischen Waffen, die zum Einsatz gekommen wären. Bereits im Jahr 2004 verbreitete der mittlerweile verstorbene Joe Vialls, eine Ikone der selbsternannten „Truther“, die Behauptung, dass die USA für das Sumatra-Andamanen-Beben verantwortlich seien.

Die Anti-Amerikaner sind einem raserischen Wahn verfallen. Daher sagen sie den USA eine unglaubliche Mach nach: Strahlen-, Erdbeben-, Wetter– und andere Superwaffen gehören zum Repertoire, die in ihren Märchen Verwendung finden. Der Anlass ist durchaus beliebig: Erdbeben, Tsunami und Meteoritenschauer scheinen gerade gut genug, um den Hass auf die Vereinigten Staaten auszuleben. Der Meteorit über Russland ist ein weiterer Anlass, der nun benutzt wird.

Neben den anti-amerikanischen Mythen wurden aber auch andere Märchen verbreitet. Einige Verschwörungsgläubige wollen mal wieder ein UFO entdeckt haben. Daher verbreiten sie nun pixelige Videos, auf dem mit einigem guten Willen ein dunkler Punkt zu erkennen ist. Einige sind sich sicher, dass ein UFO den Einschlag beobachtet habe, andere sprechen davon, dass das angebliche UFO den Meteoriten zerstört haben. Auch dies ist nichts neues: Nach den Mord-Taten des Anders Behring Breivik raunten Verschwörungsgläubige von einem UFO, das sie in den Straßen Oslos entdeckt haben wollten; doch dabei handelte es sich um eine einfache Straßenlaterne.

Verschwörungsgläubige sind vorhersehbar. Sie ordnen jedes Ereignis — vom Fernsehprogramm bis zur Naturkatastrophe — ihrem Wahn unter und machen überall die angebliche Verschwörung aus. Daher kann man sich ausmalen, wie sie auch auf zukünftige Ereignisse reagieren werden. Was folgen wird, ist eine weitere Aktualisierung des Verschwörungswahns. Dann werden mal wieder die USA verantwortlich gemacht. Dort wird man erneut von Strahlen– und Wetterwaffen schwafeln. Außerdem wird man das ein oder andere UFO entdeckt haben wollen. Die nächste Naturkatastrophe kommt ebenso sicher wie das nächste Verschwörungskonstrukt.

Itanamuli

Irgendwann im Jahr 2003 kam John Fenley auf eine merkwürdige Idee. Er meldete die Adresse www.itanimulli.com an und leitete sie auf die Internetseite des amerikanischen Nachrichtendienstes National Secret Agency (NSA) weiter. Wenn man nun das Wort Itanamulli von hinten nach vorne liest, kommt Illuminati heraus. Es handelt sich also um den Namen jenes Geheimbundes, der 1776 in Bayern gegründet und wenige Jahre später zerschlagen wurde.

Bis heute ranken sich zahlreiche Mythen um den Geheimbund. Dabei können die heutigen Mystiker, die von einer Fortexistenz des Geheimbundes ausgehen, auf eine umfangreiche Vorarbeit zurückgreifen, die von zahlreichen Verschwörungsideologen fabriziert wurde. So behaupte der britische Autor John Robinson bereits 1778, dass die Illuminaten zahlreiche andere Organisationen, wie die Freimaurer, steuern würden.

Später avancierten die Illuminaten zu einem bevorzugten Hassobjekt zahlreicher Antisemiten, die diese in ihren Machwerken anführten, um den Wahn von der jüdischen Weltverschwörung zu verbreiten. Der Mythos von den Illuminaten, die im Verborgenen fortexistieren würden, wurde also weiterhin benutzt. So wurde der Geheimbund auch durch die Nationalsozialisten herangezogen. Der Name des Anführers dieses Geheimbundes spielte dabei eine wichtige Rolle; mit Adam Weißhaupt machten Antisemiten Politik.

In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts erlebte die Chiffre, in den Werken verschiedener Verschwörungsideologen, eine neue Renaissance: Es waren Autoren wie Des Griffin, die nicht nur die antisemitischen Protokolle der Weisen von Zion, aktualisierten, sondern den Namen des Geheimbundes benutzten, um ihre kruden Thesen von der geheimen Weltverschwörung zu bebildern.

In den Machwerken der Verschwörungsideologen wurde von einer andauernden Existenz der Illuminaten ausgegangen. Dieser Gedanke wurde durch zahlreiche Verschwörungsideologen, wie zum Beispiel Jan Udo Holey oder David Icke, aufgegriffen. Bis heute leben die Illuminaten also in den Machwerken der Verschwörungsindustrie fort.

Auch heute finden verschiedenene Verschwörungsgläubige in diesen Machwerken die vermeintliche Bestätigung: Die Illuminaten würden nach wie vor existieren und seien, so meint der Verschwörungsgläubige, ein gewichtiger Teil der angeblichen Weltverschwörung.

Die erwähnte Domain ittanamuli.com und deren Weiterleitung auf die Internetseite eines amerikanischen Nachrichtendienstes gilt in diesem Milieu als Baustein, mit dem die Gläubigen und ihre Vorbeter ihren Glauben an die Weltverschwörung belegen wollen. So wird die Existenz der Domain auf mehr als 50.000 Internetseiten debattiert. Dort wird diese Domain, die eher als Scherz gemeint war, auch als weiterer Hinweis auf die Fortexistenz der angeblichen Verschwörung verstanden.

Der Anmelder wird oftmals zum Teil der angeblichen Verschwörung gemacht. Es sind derartige Mythen, die für den Verschwörungsgläubigen gerade gut genug sind, um sich immer wieder davon zu überzeugen, dass die Weltverschwörung existiert.

Mit Armbrust und Knarre

Am Freitag, den 11. Januar 2013, wurde der amerikanische Programmierer und Autor Aaron Swartz, der an der Entwicklung von RSS-Feeds beteiligt war, tot in seiner Wohnung aufgefunden. Er hatte sich, so berichtete sein Onkel Michael Wolf, offensichtlich erhängt. Dem Mitbegründer der Seite Reddit stand ein Prozess bevor, weil er angeblich 4,8 Millionen Dokumente aus dem Archiv des Massachusetts Institute of Technology (MIT) heruntergeladen haben sollte.

Aaron Swartz setzte sich für ein freieres Internet ein und wollte anderen Nutzerinnen und Nutzern des Netzes den Zugang zu Daten ermöglichen. Er kämpfte aber auch einen anderen Kampf und berichtete von Depressionen, die dazu führten, dass er sich wertlos und düster fühlte. Aaron Swartz wurde gerade einmal 26 Jahre alt.

Am Sonntag, den 13. Januar 20013, betrieb Mike Adams Leichenfledderei. Der Freitod des Programmierers war für Adams der Anlass, um einen Text zu verfassen, der sich rasant  verbreitete und auf zahlreichen Internetseiten der Verschwörungsszene zu finden ist.

Adams machte den Suizid des Programmierers zum perfiden Mord und benannte die vermeintlichen Täter. Er munkelte in diesem Zusammenhang über „tyrannische Urheberrechts-Fanatiker, die jeden zum Verbrecher stempeln wollen, der einen Film aus dem Internet herunterlädt”.

Mike Adams nutzte den Tod, um das Konstrukt einer Hollywood-Verschwörung zu aktualisieren. Er schrieb von den „großen Filmproduzenten der USA”, die wie eine „Mafia-Organisation” agieren würden. Diese angebliche Verschwörung der Filmproduzenten macht er nun für den Tod des Aaron Swartz verantwortlich.

Mike Adams bewirbt allerdings nicht nur Verschwörungsmythen, die sich um das Ende des Aaron Swartz ranken: So deutet er die islamo-faschistischen Anschläge des 11. September 2001 zum „Inside Job” um. Außerdem raunt er über eine  „Pharma Lobby”. Diese würde mit ihren Medikamenten die Immunschwächekrankheit AIDS verbreiten. Im paranoiden Wahn fürchtet sich Adams vor Barack Obama, der für ihn gar eine „neue Art Hitler” darstellt.

Seine Vorbilder sind ganz andere Personen. Es sind antisemitische Verschwörungsideologen wie David Icke oder verschwörungsideologische Holocaust-Leugner wie Jeff Rense, die für ihn „echte Helden” sind. Zusätzlich palavert Adams von einem „Holocaust”, für den er Feministinnen verantwortlich macht. Seine wahnhafte Mythen erfreuen die Verschwörungsgläubigen in aller Welt. Die Pamphlete des Mike Adams werden auch in Deutschland verbreitet.

Am Montag, den 14. Januar 2013, veröffentlichte der rechts-esoterische Kopp-Verlag auf seinen Internetseiten eine deutsche Fassung des Adams-Textes. Nun konnten sich auch die hiesigen Verschwörungsgläubigen über die angeblichen Hintergründe des Todes von Aaron Swartz belehren lassen. Der Text über die Hollywood-Verschwörung verbreitete nun auch auf den deutschsprachigen Internetseiten der Verschwörungsszene und wurde dementsprechend kommentiert.

„Das war Mord”, empörte sich ein Verschwörungsgläubiger, der ansonsten Wahlwerbung für die NPD verbreitet, auf der Facebook-Seite des Kopp-Verlages. Ein Kompagnon assistierte und schrieb über geheimnisvolle Strahlenwaffen, mit denen eine „Manipulierung des Unterbewusstseins” betrieben werden würde. Vielleicht sind auch diese beiden Verschwörungsgläubigen dem Aufruf gefolgt, der am Ende des Adams-Textes zu finden ist. Der Verschwörungsideologe appelliert dort an seine Gefolgschaft: Diese soll sich bewaffnen. Diese Forderung findet sich auch auf den Internetseiten des Kopp-Verlages:

Ich bezweifle, dass Menschen wie Aaron Swartz viel über Selbstverteidigung wussten. Vermutlich besaß er nicht einmal eine Pistole. Aber dies ist eine Lektion, die sich alle Aktivisten zu Herzen nehmen sollten: Schaffen Sie sich eine Waffe an. Bringen Sie sich die Grundzüge der Selbstverteidigung bei. Gehen Sie mit ‘taktischerem’ Denken durch Ihre Umgebung (Städte, Straßen, Parkplätze, Wohnhäuser usw.). Achten Sie auf Ihr Umfeld.

Der Freitod des Internet-Pioniers Aaron Swartz wird also nicht nur benutzt, um ein kleines bisschen Leichenfledderei zu betreiben. Der daraus resultierende Verschwörungsmythos wird auch mit dem Aufruf verknüpft, sich zu bewaffnen. Es könnte tatsächlich Gläubige geben, die diese Aufforderung befolgen werden.

Diejenigen, die sich auf den Internetseiten des Kopp-Verlages informieren und sich daher durch die angebliche Verschwörung der Hollywood-Produzenten bedroht fühlen, weil sie gerade einen Film heruntergeladen haben, können sich in einem anderen Internetshop des Milieus mit Waffen eindecken. Dort finden sie zum Beispiel eine „leicht zu handhabende Gewehrarmbrust, die sowohl mit Pfeilen als auch mit 8 mm Stahlkugeln schiesst und über ein Magazin für 30 Kugeln verfügt”. Sie sei „kinderleicht” zu bedienen und könne daher auch von „Jugendlichen und Frauen” (!) „ohne Probleme gespannt werden”.

Das Verschwörungsmärchen über die mordenden Hollywood-Produzenten ist also nur ein weiterer Anlass, der dazu führen kann, dass sich einige Verschwörungsgläubige bewaffnen. Sie dürften sich mit Armbrust und Knarre ausstatten: So wie es sich Mike Adams auch im Kopp-Verlag erwünscht hat.

Die Horror-Show des Harry Fear

Wer in den vergangenen Wochen eine Veranstaltung besuchte, bei der es um den Gaza-Streifen und um Israel ging, könnte dort einen Menschen erlebt haben, der sich der Sache der Hamas verschrieben hat. Der britische Dokumentarfilmer Harry Fear bereist zur Zeit die Provinzstädte und die Metropolen des Kontinents, um in alten Kirchen und in großen Gewerkschaftshäusern über seine Sache zu sprechen.

Im Gaza-Streifen verbrachte Fear viel Zeit mit seiner Kamera und den Akteuren des Terrors. Bedeutende antisemitischen Kader, von Hamas und Islamischen Dschihad, wurden von ihm ebenso befragt, wie die Angehörigen der mordenden Antisemiten. Es entstanden vollkommen unkritische Interviews, in denen die völkischen Propagandisten dieser Vereinigungen ihre mörderischen Taten als „Widerstand“, der eine „nationale Pflicht“ darstellen würde, beschrieben.

Harry Fear steht an ihrer Seite. Auf der anderen Seite spricht er von „psychopathischer Gewalt“, für die er Israel verantwortlich macht. Der parteiische Dokumentarfilmer tritt auf seinen Veranstaltungen und in zahlreichen Interviews daher ganz offen für einen „bewaffneten Widerstand“ ein und erfreut auf diese Weise verschiedene Antisemiten, die von Vernichtung träumen.

Kurioserweise wird man in den Werbeclips und in den Veranstaltungen des Harry Fear wenig über die reale Praxis der von ihm beworbenen Mordbanden erfahren. Die mörderischen Attacken, bei denen sich die mit Nagelbomben bepackten Aktivisten bevorzugt in Schulen, Einkaufszentren und Linienbussen in die Luft sprengten, um möglichst viele Jüdinnen und Juden zu ermorden, werden von ihm nicht erwähnt. Dafür dürfen die Sprecher dieser Terrortruppe in seinen Videos ausführlich über ihren Kampf gegen Israel schwadronieren.

Hinzu kommen anti-israelische Grusel-Storys über die israelische Armee und den dazugehörigen Staat. Das sind die wichtigsten Inhalte von Fears Horror-Show, die dieser in Kirchen und Gewerkschaftshäusern präsentiert. Dort berichtet Fear über seine Erlebnisse in Gaza, um die Herzen der Menschen erfreuen, die gruselige Märchen über die israelische Armee hören wollen. Diese würde, so behauptet es Fear, eine „Endlösung“ anstreben.

Der Dokumentarfilmer scheint seine Parteinahme für den Antisemitismus schon lange vollzogen zu haben. Darauf verweisen auch einige Fotos, auf denen Harry Fear voller stolz zwischen vermummten Kadern der antisemitischen Hamas posiert, die ihre Waffen präsentieren. Darauf verweisen aber auch die Interviews, die Fear dem iranischen Sender Press.TV gab. Es handelt sich um einen Sender, in dem ansonsten bevorzugt die Shoa geleugnet oder antisemitische Verschwörungskonstrukte beworben werden.

Andere Fotos des umtriebigen Akteurs sind nicht so martialisch gehalten, vielleicht sollen sie die Herzen seiner Zielgruppe ansprechen. Kleine Kinder, die traurig oder kämpferisch in die Kameras schauen, sind ein weiteres bevorzugtes Fotoobjekt des britischen Aktivisten. Diese Fotos zeigt Harry Fear nun auf den Veranstaltungen, mit denen er die Sache bewirbt, die ihm augenscheinlich am Herzen liegt. Wer eine seine Veranstaltungen besucht wird außerdem ein Video zu sehen bekommen, das Fear zur Beweisführung heranzieht. Dort nähert er sich, gemeinsam mit anderen Kameraden, der israelischen Grenze, worauf ihm gedroht wird. Mit derartigen Filmen erfreut er seine Zuschauerinnen und Zuschauer, die seine Gruselvideos gerne sehen.

Die dazugehörigen Gruselgeschichten, die er mit Videos und Fotos garniert, werden ebenso gerne gehört. Der Dokumentarfilmer wurde zum Beispiel von Institutionen der evangelischen Kirche in Oldenburg eingeladen, um seine Hamas-Horror-Show in der größten Kirche der kleinen Provinzstadt darzubieten. Hunderte folgten der Einladung, an der unter anderem die evangelische „Akademie“ beteiligt war, die ansonsten paradoxerweise „Konzerte gegen Rechts“ unterstützt. Ob diese Institution auch am „Friedenspreis“ beteiligt war, die ein Diakon nach der Veranstaltung überreichte, ist nicht überliefert. Sicher ist aber, dass Harry Fear, auf Einladung eines Lehrers sogar die Kinder einer örtlichen Gesamtschule belästigen durfte.

Außerdem besucht er die staatlichen Rundfunkstudios, um von besorgten Kollegen über die Zustände befragt zu werden. Der ORF und Radio Bremen entblödeten sich nicht, Harry Fear zum Gespräch zu bitten. In Bremen besuchte der Dokumentarfilmer nicht nur ein Radiostudio. Fear hielt vor den Aktivisten der örtlichen Friedenstruppe, deren berüchtigste Aktionsform der Aufruf zum Israel-Boykott darstellt, seine kleine Horror-Show ab.

Kiel und Hamburg waren weitere Stationen, bevor es – nach einem Abstecher in die Niederlande — gen Österreich ging. Dort sprach Fear an der Universität Wien und für eine islamistische Vereinigung. Es waren nicht nur kirchliche Institutionen, sondern auch ein Arbeitskreis der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und eine parteinahe Stiftung, die die Abende ausrichtete. Die Gewerkschaft stellte daher auch ihr Räumlichkeiten zur Verfügung. Eine weitere Veranstaltung wurde in den Räumen der Grünen Heinrich-Böll-Stiftung aus Schleswig-Holstein ausgerichtet, die die Werbeveranstaltung des Harry Fear offenherzig unterstützte.

Dieser fordert auf den Veranstaltungen ein „Recht auf bewaffneten Widerstand“ ein und offenbart sich auch auf diese Weise als inoffizieller Sprecher der antisemitischen Terrorbanden, die Israel mit Vernichtung bedrohen. In dieser Rolle wird Harry Fear auch in Zukunft durch Gewerkschaften, Kirchen und Stiftungen hofiert werden, die seine Gruselgeschichten über Israel und seine Huldigungen der Hamas nur zu gerne eine Bühne bieten werden.

Mag sein, dass ihn seine Nähe zu den Menschen in Gaza einseitig sein lässt. Ein Veranstaltungsteilnehmer spricht von Propaganda. Aber ich bin ihm dankbar.

Das schreibt ein begeisterter Kirchenbesucher in einem mittlerweile gelöschten Kommentar. Eine derartige Horror-Show wird in Deutschland eben gerne gesehen.

Legende vom Vorwissen

Die Autoren, die sich mit dem 11. September 2001 befassen und dabei den ein oder anderen Mythos vom „Inside Job” in die Welt posaunen, machen es sich einfach. Da werden verkürzte, verfälschte und gefälschte Zitaten genutzt, um den Mythos von der Verschwörung zu spinnen, die für alles — und eben auch für islamfaschistischen Anschläge des 11. September 2001 — verantwortlich sein soll.

Da werden aber auch amerikanische Filme und Serien mit einer manischen Pedanterie nach angeblichen Beweisen durchsucht, mit denen man davon überzeugen will, dass in Wirklichkeit eine mysteriöse Verschwörung für die Anschläge verantwortlich wäre. Dieser angeblichen Verschwörung wird eine ungeheuere Macht nachgesagt.

Sie kontrollieren, so behauptet es der Verschwörungsautor, sogar die Filmindustrie und das Fernsehen. Schließlich habe die angeblichen Konspirateure — Jahre vor dem 11. September 2001 — in verschiedensten Filmen und Serien Hinweise hinterlassen. Die Verschwörungsideologen, die im Gewand des allwissenden Aufklärers auftreten, weisen in ihren Büchern auf diese angeblichen Hinweise hin, die sie entdeckt haben wollen.

Der verschwörungsideologische Autor Gerhard Wisnewski, dessen Bücher im bekannten und renommierten Knaur-Verlag erscheinen, schreibt zum Beispiel in seinem neuesten Buch über über einige Filme, die er mit den Ereignissen in Verbindung bringt.

Wisnewski beschäftigt sich dort unter anderem mit dem Science Fiction Film „Independence Day”, der eine Alien-Invasion zeigt. Der Film stammt aus dem Jahr 1996 und zeigt in bombastischen Bildern, wie die großen Städte der Welt durch riesige Raumschiffe, die einen gigantischen Laserstrahl einsetzen, vollkommen zerstört werden. Dabei ist auch zu sehen, wie New York durch Feuerbälle und gigantische Explosionen vernichtet wird.

Für Gerhard Wisnewski sind diese Szenen ein Hinweis, weil „man” angeblich „genau die gleichen Rauchwolken durch die Straßenschluchten wabern“sieht, „wie später am 11. September 2001“. Wisnewski ist daher überzeugt: Für ihn sind die Ereignisse des 11. September 2001 „in Teilen ein Remake von Independence Day“.

Mit dieser Behauptung kann Wisnewski an eine Legende anknüpfen, die von verschiedenen Verschwörungsideologen verbreitet wird, die dabei auch auf andere Filmen und Serien zurückgreifen. Es handelt sich um die Legende vom Vorwissen, die nicht nur mit diesem Film belegt werden soll.

Einige Verschwörungsgläubige glauben zum Beispiel, dass in dem Film „Super Mario Brothers”, der aus dem Jahr 1993 stammt, der 11. September 2001 verhergesagt wurde, weil dort zu sehen ist, wie sich das World Trade Center in ein Gebäude des Bösewichts verwandelt. Nun kursiert ein kurzer Filmschnippsel, mit dem die Behauptung belegt werden soll, dass die Anschläge vorausgeahnt worden seien.

Manche Verschwörungsgläubige verweisen wiederum auf das Akte X Spin Off „Die einsamen Schützen”. Der Pilotfilm dieser kurzlebigen Serie zeigte vor den Anschlägen des 11. September auch einen Plan, mit dem ein Flugzeug ins World Trade Center gesteuert werden soll.

Andere Verschwörungsgläubige sind in der Fernsehserie „Die Simpsons” fündig geworden. In der Folge „Homer in New York”, die aus dem Jahr 1997 stammt, ist eine Werbeanzeige zu sehen, mit der die Gläubigen die Mythen zum 11. September 2001 belegen wollen. Die Anzeige eines Busunternehmens zeigt nämlich eine 9, im Hintergrund sind die Zwillingstürme zu sehen. Für einige Verschwörungsgläubige ist mit dieser durchaus beliebten Numerologie der letztendliche Beweis erbracht, das die Produzenten der Fernsehserie „lange im Vorraus über die angeblichjen Terroranschläge vom 11.09.2001 bescheid wussten”.

Auf diese Weise wird die Legende vom Vorwissen gesponnen. Mit plumper Numerologie, verfälschten Deutungen und der ein oder anderen Serie soll das Konstrukt der gigantischen Verschwörung untermauert werden, an der sogar der Simpsons Produzent Matt Groening, der Akte X-Macher Chris Carter und der Independence Day Regisseur Roland Emerich beteiligt sein könnte. Die Märchenerzähler zum 11. September werden sicherlich noch weitere Filme und Fernsehserien entdecken, mit denen sie ihre Mythen belegen wollen. Schließlich werden auch in anderen Filmen Gebäude und Städte zerstört.

Letzendlich werden hier Gedanken aufgegriffen, die bereits für vorherigen Weltverschwörungsideen konstitutiv waren. In den Werken der Verschwörungsindustrie wurde bereits Anfang des letzten Jahrhunderts behauptet, dass die angebliche Verschwörung die Medien kontrollieren würden und ganze Städte in die Lufts sprengen könne. Die heutigen Autoren, die die Ereignisse des 11. September benutzen,  scheinen an diesen Wahn anzuknüpfen.

In ihrem Konstrukt werden die großen Medien ebenfalls durch die übermächtige Verschwörung dominiert, die sogar so dreist ist, Jahre vor den Anschlägen bestimmte Hinweise in harmlosen Spielfilmen und Serien zu hinterlassen, bevor sie zur Sprengung schritt. Letzendlich knüpfen also auch heutige Verschwörungsideologen an die Wahnideen an, die bereits von ihren geistigen Ahnen beworben wurden.

Die Gerhard Wisnewski Zitate stammen aus folgendem Buch: Operation 9/11– Der Wahrheit auf der Spur. Knaur Taschebuch Verlag. München, 2011. Seite 227 ff.

Dokumente der Bilderberger

Auf der Internetseite des berüchtigten Kopp Verlages wurden, in Zusammenarbeit mit verschwörungsideologischen Mysteries–Magazin, einige alte Dokumente über die Bilderberger-Konferenzen veröffentlicht, denen verschiedene Verschwörungsideologen eine unglaubliche Macht unterstellen.

Die Bilderberger-Konferenz findet seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts statt, dort kommen Politiker, Manager und Journalisten zu einem losen Gedankenaustausch zusammen. Dabei werden Sonntagsreden gehalten und Kontakte geknüpft. Weil die Teilnehmer oftmals über den Inhalt dieser Sonntagsreden schweigen, haben Verschwörungsideologen ein leichtes Spiel.

Sie behaupten zum Beispiel, dass auf diesen Konferenzen wichtige Entscheidungen, etwa über den nächsten Kanzlerkandidaten der SPD oder den zukünftigen Präsidenten der USA, getroffen werden würden. Einige Autoren der Verschwörungsszene gehen sogar so weit, in der Konferenz, die einmal im Jahr an wechselnden Orten stattfindet, den Kern einer zukünftigen „Weltregierung“ erkennen zu wollen.

Dies ist nichts Neues: Der rassistische, antisemitische und antikommunistische Autor Gary Allen, der 1971 das verschwörungsideologische Standartwerk „Die Insider“ veröffentlichte, schrieb damals, dass das„ultimative Ziel der Bilderberger (…) eine Weltregierung“ sei. Als Verantwortliche wurden die üblichen Verdächtigen ausgemacht.

In fast jedem Pamphlet zur Konferenz werden seitdem die typischen Chiffren verwendet: Hier ist von den Rockefellers und Rothschilds die Rede, denen Verschwörungsideologen im antiamerikanischen und antisemitischen Wahn unterstellen, dass sie – so Allen — nach „einer Welt-Superregierung“ streben würden.

Dieses verschwörungsideologische Konstrukt wird auch auf den Internetseiten des Kopp-Verlages reproduziert. So warnt etwa Webster G. Tarpley auf den Internetseiten, auf denen sich Verschwörungsgläubige außerdem über „spirituelle Vorsorge“ und die baldige Wiedereinführung der Deutschen Mark belehren lassen können, vor den „Bilderbergern“ als „Wurzel der Macht und Weltherrschaft“.

Im Verlagsprogramm sind die dazu passenden Bücher zu finden. Dort berichtet etwa Andreas von Réttyi, der ansonsten auch über angebliche Außerirdische auf Erden aufklären möchte, auf 320 Seiten von den angeblichen Machenschaften der „Bilderberger“, die für ihn „das geheime Zentrum der Macht“ darstellen.

Auf der Internetseite dieses Verlages finden sich nun seit dem 02.12.2012 einige ausgewählte Dokumente aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Verlag veröffentlichte „im Geist von WikiLeaks“ rund 120 Seiten, die streng geheime„Bilderberg-Papiere“ darstellen sollen.

Diese Papiere stammen aus dem Archiv des ehemaligen Bundespräsidenten Walter Scheel. Man kann sie im Bundesarchiv in Koblenz einsehen. Die Papiere sind also bei weitem nicht so geheimnisvoll, wie es der Kopp Verlag suggeriert, der behauptet, „unzählige seiner jahrzehntelang geheimen Bilderberg-Akten” entdeckt zu haben. Trotzdem werden die Veröffentlichungen der Papiere von verschiedenen Verschwörungsgläubigen bejubelt.

Endlich, so glaubt man, hätte man Indizien, mit denen man das Konstrukt von der „Weltregierung“ belegen könne. So verweisen verschiedene rechte und esoterische Gruppierungen auf die Papiere.  Die völkische „Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn“ bewarb die Papiere ebenso wie die esoterische „Galaktische Föderation des Lichts“.

Wer einen Blick in die Papiere wirft, wird auf Belanglosigkeiten stoßen. Dort sind zum Beispiel seitenweise Dankesschreiben zu finden, mit denen für die Teilnahme an dem Treffen gedankt wird. Dort bedankt sich der eine beim anderen für den „netten Brief“ und schlägt vor „in Kontakt“ zu bleiben. Außerdem gibt es einen Überblick über die Reden, die auf den angeblich so mysteriösen Treffen der „Bilderberger“ gehalten wurden.

Es handelt sich um belanglose Sonntagsreden und Debattenbeiträge, in denen es um die damalige Situation in Europa, um die „Friedensbewegung“ und um Auf– oder Abrüstung geht.  Da spricht der damalige Bundeskanzler Schmidt von der „gleichberechtigten Partnerschaft“ zwischen den NATO-Mitgliedern und der Situation in Afghanistan, da schwafelt der damalige Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorf „von der Verpflichtung, den Zusammenhalt der Gemeinschaft freier Völker (…) zu festigen“. Da finden sich seitenweise belanglose Finanztabellen, Verabredungen zu Abendessen und Stichworte für zukünftige Telefongespräche.

Ein Blick in diese Dokumente macht allerdings deutlich, wie irrational der verschwörungsideologische Blick auf das Treffen der „Bilderberger“ ist. Verschwörungsideologen machen aus dem Treffen einiger Politiker, die Zusammenkunft einer angeblichen „Weltregierung“, vor der sie lautstark warnen. Aus den Dokumenten, die nun veröffentlicht wurden, geht allerdings nur hervor, dass auf diesen Zusammenkünften belanglose Reden gehalten werden, die sich in keiner Weise von den Reden unterscheiden, die Bundestag oder auf den Parteitagen zu hören sind.

Von dieser Tatsache werden sich die Verschwörungsideologen allerdings nicht abhalten lassen, um weiterhin das Konstrukt von der angeblichen „Weltregierung“ zu verbreiten, die einmal im Jahr zum Bilderberger-Treffen zusammenkommt.

Darauf verweist auch der Bericht des „Mysteries“–Magazins:„Trotz Verbot enthüllt: die Bilderberg-Geheimnisse der Bundesregierung“, heißt es hier reißerisch. Dort ist ebenfalls von der „Weltregierung” die Rede. Sicherlich werden die Dokumente auch weiterhin von dem einen oder anderen Verschwörungsautor missbraucht werden, um das irrationale Konstrukt von der„Weltregierung“ zu verbreiten. Schließlich geht es ihnen nicht um Fakten, sondern um die Umdeutung der Realität.

Die Zusammenkunft

Am 24.11.2012 wird die nächste Konferenz des Jürgen Elsässer im Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin stattfinden. Der Veranstalter ist Herausgeber des Compact Magazins, in dem verschiedene Verschwörungsideologen ihre Mythen und Märchen verbreiten.

Hier werden etwa die Ereignisse des 11. Septembers 2001 und die Morde des „Nationalsozialistischen Untergrundes” einer Umdeutung unterzogen. Der gemeinsame Nenner ist die verschwörungsideologische Deutung der Realität.

Dort veröffentlicht etwa Oliver Janich, Vorsitzenden der rechtspopulistischen „Partei der Vernunft”, seine Artikel. Diether Dehm, Volksmusikant, Linkspartei-Aktivist und „glühender Verschwörungstheoretiker”, ließ sich zum Interview bitten. Der ehemalige RBB-Moderator Ken Jebsen schreibt dort gegen den „Zentralrat der Juden” und die israelische Regierung an. Gemeinsam mit Jürgen Elässser wird Jebsen, der sich in der Vergangenheit auch an einer Grabschändung beteiligte, ebenfalls die Moderation der Konferenz übernehmen, auf der zahlreiche Autoren und Interviewpartner des Compact-Magazins zu sehen sein werden.

Hier soll es um die „Souveränität Deutschlands” gehen, die den Veranstaltern am Herzen liegt. Dabei möchte man über angebliche alliierte Geheimverträge und über die Reichsverfassung von 1871 debattieren. Zu diesem Spektakel des Deutschnationalismus wird Karl Albrecht Schachtschneider angekündigt, der mit seinen Kameraden von NPD und FPÖ gegen den Euro vorgeht, um anti-europäische Ressentiments zu betreiben. Dabei setzt er sich auch für ein Recht auf Holocaustleugnung ein.

Auf der Konferenz soll aber auch Jan von Flocken sprechen, der verschiedene Verschwörungsmythen, zum Beispiel zum japanischen Angriff auf Pearl Harbour, im Repertoire hat. Außerdem wird unter anderem der gealterte FDP-Politiker Helmut Schäfer angekündigt, der als außenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion bereits in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts den Jürgen Möllemann gab und von einem „israelischen Expansionsdrang” sprach, gegen den Appelle nicht ausreichen würden. Auf der „Souveränitätskonferenz” wird dieser deutsche Politiker daher „über Israel” sprechen. Schäfer treibt die Sehnsucht nach einem starken deutschen Staat an, der gegen Israel in Stellung gebracht werden soll. Man kann sich also ausmahlen, was er dort von sich geben wird. Außerdem werden weitere Referenten aus Russland angekündigt, die Elsässers Traum von einem deutsch-russischen Bündnis entsprechen.

Das Werbeplakat ziert ein Foto des Peter Scholl-Latour, der in der Vergangenheit bereits im Compact Magazin interviewt wurde und der ebenfalls auf der Konferenz sprechen wird. Der umtriebige Autor, der mit der rechts-konservativen „Jungen Freiheit” verbandelt ist, gilt hierzulande als Nah-Ost-Experte: „Netanjahu ist gefährlicher als Ahmadinedschad”, behauptet Scholl-Latour zum Beispiel. Er kann aber auch den Verschwörungsmythen zum 11. September 2001 einiges abgewinnen und begeistert auf diese Weise die deutsche Verschwörungsszene der „Truther” und „Infokrieger”, die seine Ausfälle nur zu gerne dokumentieren. Scholl-Latour ist die passende Werbefigur zur Konferenz, die auf den einschlägigen Internetseiten beworben wird.

Im Vorfeld rührte Jürgen Elsässer die Werbetrommel, indem er seine Konferenz in den Videos der Verschwörungsszene bewarb. Er ließ sich unter anderem von Johannes Conrad zum Interview bitten. Dieser Buchautor, in dessen Buch „Entwirrungen” die „Protokolle der Weisen von Zion” aktualisiert werden, ist ein Aushängeschild des Internetsenders „Bewusst.tv”, der nationalsozialistischen „Reichsbürgern”, irrationale Esoterikern und antisemitischen Holocaustleugnern eine Plattform bietet.

In diesem Umfeld bewarb Jürgen Elässer, der überhaupt keine Berührungsängste kennt, seine „große Konferenz in Berlin”und sprach über „Einwanderer” und „Urdeutsche”: „Wir verlieren die Vielfalt, wenn wir den Brei kochen”, jammerte Elsässer und warnte ganz völkisch vor „Vermischerei”.

Eine weitere Werbemöglichkeit fand Elsässer auf einer Internetseite, auf der Hakenkreuze und Runenästhetik zu sehen und Rassenlehre und Arier-Kult zu finden ist. Auf der Internetseite des Wjatscheslaw Wasiljewitsch Seewald wird im Stürmer-Stil gegen Jüdinnen und Juden gehetzt. Seewald spricht von „Parasiten” und träumt von einem Bündnis aus „Ariern” und „Slawen”:

So ist es auch mit der weißen Rasse. Ja, ich liebe sie und bin froh, daß ich in diesem Leben und in dieser Inkarnation weißer bin”,

Am 14.11.2012 war Jürgen Elsässer bei diesem Nationalsozialisten zu Gast, um seine Konferenz zu bewerben. Danach schrieb Seewald von einer „gelungenen Internetkonferenz” und warb für die Veranstaltung des Jürgen Elsässer. Die Veranstaltung des Jürgen Elsässer begeistert also auch einen Nationalsozialisten, der vor stilisierten Hakenkreuzen und Runen posiert, um vor „Parasiten” zu warnen.

Am 24.11.2012 werden sich die Anhänger des Jürgen Elsässer in der „Freien Universität Berlin” versammeln und zwischen 350 und 25 Euro Eintritt zahlen. Zu diesem Stelldichein dürften mehrere hundert Teilnehmer erscheinen. Dann werden verschwörungsideologische Antisemiten, selbsternannte Euro-Kritiker und sogenannte Nah-Ost-Experten zur Konferenz zusammenkommen.

Vorgetragenes zum Verschwörungswahn

In diesem Jahr sprach ich auf Einladung der ASSOCIAZIONE DELLE TALPE in Bremen. Dort befasste ich mich mit verschiedenen Verschwörungsmythen, die auch in der deutschen Linken populär sind. Das „Audioarchiv”, das viele hörenswerte Vorträge, Interviews und Radiofeatures sammelt, hat nun den Mitschnitt dieser Veranstaltung veröffentlicht. Er kann dort heruntergeladen werden.