Erinnerungen des Erzoberlenkers

Seine Erinnerungen an eine „Lebensbegegnung“ findet sich in vielen Bücherregalen von Anthroposophinnen und Anthroposophen. Aktuell werden sie unter anderem in der Waldorf-Zeitschrift „Erziehungskunst“(02/11) beworben. Die Erinnerungen Friedrich Rittelmeyers – ein evangelischer Pfarrer, der sich zum Anhänger Steiners mauserte und zum ersten „Erzoberlenker“ der anthroposophischen, neugnostisch-esoterischen „Christengemeinschaft“ wurde – werden seit Jahrzehnten vertrieben. Der Verlag „Urachhaus“sieht in dem Buch eine Möglichkeit, sich „ein besonders authentisches Bild“ über Rudolf Steiner zu verschaffen.

Steiner ist bis heute die bestimmende theoretische Größe, der die Pädagogik an Waldorfschulen und die Praxis auf Bio-„Demeter“-Höfen bestimmt. Das Buch sei eine „Fundgrube für alle, die sich um ein lebensnahes Bild Steiners bemühen“, heißt es in der Verlagswerbung. So warf ich einen Blick in das Buch, um mir ein „ganz authentisches Bild“ zu machen.

Friedrich Rittelmeyer, der Autor des biographischen Buches, veröffentlichte im Übrigen bis in die 40er Jahre des letzten Jahrhunderts anthroposophische Titel, die so launige Namen wie „Deutschtum“ (1934), „Der Deutsche in seiner Weltaufgabe zwischen Rußland und Amerika“ (1932) oder „Rudolf Steiner als Führer zu neuem Christentum“ (1933) tragen. In der „Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner“(1928) findet sich ebenfalls die Begeisterung für das „Deutschtum“ und die „deutsche Weltaufgabe“. Den völkischen Jargon kann man auch in Rittelmeyers Erinnerungen entdecken.

In seinem Buch schildert der „Erzoberlenker“ Friedrich Rittelmeyer die Vorträge, die Steiner während des Ersten Weltkriegs hielt. Für ihn war Steiner ein Mensch, der eine „Liebe“ zur „deutschen Weltaufgabe“ vermittelte

„Nie habe ich ihn durch die Kriegsjahre hindurch einen intimen Vortrag halten hören, ohne das er die Gedanken aller Zuhörer auf die draußen Kämpfenden und auf die Gefallenen gerichtet worden wäre. (…) Seine Liebe gehörte der deutschen Weltaufgabe, aber es war eine Liebe der Hoffnung und der Sorge (…)“.

So erinnerte sich Rittelmeyer. Er begeisterte sich in seinem Buch für den Nationalismus Rudolf Steiners, den er für einen „Menschheitsführer“ hält. „Wenn ich nach den Wirkungen“ seiner Vorträge „urteilen soll, die sie auf mich selbst gehabt haben“:

In ihnen war alles da, was das junge deutsche Herz mit aller Begeisterung erfüllen konnte (…), was ihnen sittlichen Dauerhalt geben konnte (…), aus der allein die deutsche Kraft geboren wird (…). Das unruhige Geflacker des Nationalismus wurde zur heiligen Flamme, in der das Licht aber auch das der Opfer glühte.“

„Seine Liebe zum Deutschtum, ganz unverblendet und geistgeboren, blieb sich völlig gleich“.

Steiners „Liebe zum Deutschtum“ und zur „deutschen Weltaufgabe“, die sein Jünger Friedrich Rittelmeyer mit Begeisterung beschreibt, verdeutlichen den völkischen Wahn, dem die Vordenker der Anthroposophie verfallen waren. Vielleicht erklärt dieser Wahn andere Ideen Steiners, die von Friedrich Rittelmeyer geschildert werden.

Irgendwann nach dem Ersten Weltkrieg, wenige Jahre vor dem Tod Steiners, kam es zu einem Treffen im „Goetheanum“, dem anthroposophischen Wallfahrtsort in Dornach (Schweiz). Dort arbeitete Rudolf Steiner gerade an einer Holzplastik, die einen anthroposophischen Christus darstellen sollte. Die beiden anthroposophischen Vordenker debattierten an dieser Stelle über die „semitischen“ Hintergründe, über die Rudolf Steiner seinen Jünger aufklärte: Lediglich „die Partie um Mund und Kinn“ sei „semitisch“, „das Obere“ sei „arisch“.

Ansonsten liest sich das Buch wie eine plumpe Heldengeschichte um Rudolf Steiner, den Rittelmeyer zum anthroposophischen Superman stilisiert. Steiner ist für Rittelmeyer ein „Menschheitsführer“ und allen anderen Menschen überlegen. Der namenlose konkurierende „Arbeiterführer“ wird beispielsweise „so umgelegt, daß er den Saal verließ und draußen weinte“.

So zumindest Friedrich Rittelmeyer in seinen Lebenserinnerungen an Rudolf Steiner, die – wenn man dem anthroposophischen Verlag glauben will – ja eine „Fundgrube für alle“ sind, „die sich um ein lebensnahes Bild Steiners bemühen“. Diese „Fundgrube“ zeigt das völkische Denken Steiners deutlich auf.

Solche Ideen scheinen die heutigen Anthroposophinnen und Anthroposophen allerdings nicht zu stören. Wie sonst sollte man erklären, dass die Erinnerungen immer wieder neu aufgelegt und in der aktuellen Ausgabe der „Erziehungskunst“ beworben werden, damit möglichst viele Waldorfpädagoginnen und Pädagogen sowie irgendwelche anderen Fans der Anthroposophie, sich ein „lebensnahes Bild“ über den Gründer der Waldorfschulen verschaffen können.

Eine Kritik an dem völkischen Wahn wird man weder im Buch, noch in der „Erziehungskunst“ entdecken, die das Machwerk des Friedrich Rittelmeyer bewirbt. Bis heute scheint die überwiegende Mehrheit der Anthroposophinnen und Anthroposophen kein Problem mit Steiners „Liebe zum Deutschtum“ oder den Theorien Friedrich Rittelmeyers zu haben. Wie sollen sie auch den Wahn erkennen, den sie selbst noch teilen.

Quelle für alle Rittelmeyer-Zitate: „Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner“. Urachhaus Verlag. Stuttgart. 1970. Seite 52 ff.

Kommentare sind geschlossen.