Kategorie: Bücher

Legende vom Vorwissen

Die Autoren, die sich mit dem 11. September 2001 befassen und dabei den ein oder anderen Mythos vom „Inside Job” in die Welt posaunen, machen es sich einfach. Da werden verkürzte, verfälschte und gefälschte Zitaten genutzt, um den Mythos von der Verschwörung zu spinnen, die für alles — und eben auch für islamfaschistischen Anschläge des 11. September 2001 — verantwortlich sein soll.

Da werden aber auch amerikanische Filme und Serien mit einer manischen Pedanterie nach angeblichen Beweisen durchsucht, mit denen man davon überzeugen will, dass in Wirklichkeit eine mysteriöse Verschwörung für die Anschläge verantwortlich wäre. Dieser angeblichen Verschwörung wird eine ungeheuere Macht nachgesagt.

Sie kontrollieren, so behauptet es der Verschwörungsautor, sogar die Filmindustrie und das Fernsehen. Schließlich habe die angeblichen Konspirateure — Jahre vor dem 11. September 2001 — in verschiedensten Filmen und Serien Hinweise hinterlassen. Die Verschwörungsideologen, die im Gewand des allwissenden Aufklärers auftreten, weisen in ihren Büchern auf diese angeblichen Hinweise hin, die sie entdeckt haben wollen.

Der verschwörungsideologische Autor Gerhard Wisnewski, dessen Bücher im bekannten und renommierten Knaur-Verlag erscheinen, schreibt zum Beispiel in seinem neuesten Buch über über einige Filme, die er mit den Ereignissen in Verbindung bringt.

Wisnewski beschäftigt sich dort unter anderem mit dem Science Fiction Film „Independence Day”, der eine Alien-Invasion zeigt. Der Film stammt aus dem Jahr 1996 und zeigt in bombastischen Bildern, wie die großen Städte der Welt durch riesige Raumschiffe, die einen gigantischen Laserstrahl einsetzen, vollkommen zerstört werden. Dabei ist auch zu sehen, wie New York durch Feuerbälle und gigantische Explosionen vernichtet wird.

Für Gerhard Wisnewski sind diese Szenen ein Hinweis, weil „man” angeblich „genau die gleichen Rauchwolken durch die Straßenschluchten wabern“sieht, „wie später am 11. September 2001“. Wisnewski ist daher überzeugt: Für ihn sind die Ereignisse des 11. September 2001 „in Teilen ein Remake von Independence Day“.

Mit dieser Behauptung kann Wisnewski an eine Legende anknüpfen, die von verschiedenen Verschwörungsideologen verbreitet wird, die dabei auch auf andere Filmen und Serien zurückgreifen. Es handelt sich um die Legende vom Vorwissen, die nicht nur mit diesem Film belegt werden soll.

Einige Verschwörungsgläubige glauben zum Beispiel, dass in dem Film „Super Mario Brothers”, der aus dem Jahr 1993 stammt, der 11. September 2001 verhergesagt wurde, weil dort zu sehen ist, wie sich das World Trade Center in ein Gebäude des Bösewichts verwandelt. Nun kursiert ein kurzer Filmschnippsel, mit dem die Behauptung belegt werden soll, dass die Anschläge vorausgeahnt worden seien.

Manche Verschwörungsgläubige verweisen wiederum auf das Akte X Spin Off „Die einsamen Schützen”. Der Pilotfilm dieser kurzlebigen Serie zeigte vor den Anschlägen des 11. September auch einen Plan, mit dem ein Flugzeug ins World Trade Center gesteuert werden soll.

Andere Verschwörungsgläubige sind in der Fernsehserie „Die Simpsons” fündig geworden. In der Folge „Homer in New York”, die aus dem Jahr 1997 stammt, ist eine Werbeanzeige zu sehen, mit der die Gläubigen die Mythen zum 11. September 2001 belegen wollen. Die Anzeige eines Busunternehmens zeigt nämlich eine 9, im Hintergrund sind die Zwillingstürme zu sehen. Für einige Verschwörungsgläubige ist mit dieser durchaus beliebten Numerologie der letztendliche Beweis erbracht, das die Produzenten der Fernsehserie „lange im Vorraus über die angeblichjen Terroranschläge vom 11.09.2001 bescheid wussten”.

Auf diese Weise wird die Legende vom Vorwissen gesponnen. Mit plumper Numerologie, verfälschten Deutungen und der ein oder anderen Serie soll das Konstrukt der gigantischen Verschwörung untermauert werden, an der sogar der Simpsons Produzent Matt Groening, der Akte X-Macher Chris Carter und der Independence Day Regisseur Roland Emerich beteiligt sein könnte. Die Märchenerzähler zum 11. September werden sicherlich noch weitere Filme und Fernsehserien entdecken, mit denen sie ihre Mythen belegen wollen. Schließlich werden auch in anderen Filmen Gebäude und Städte zerstört.

Letzendlich werden hier Gedanken aufgegriffen, die bereits für vorherigen Weltverschwörungsideen konstitutiv waren. In den Werken der Verschwörungsindustrie wurde bereits Anfang des letzten Jahrhunderts behauptet, dass die angebliche Verschwörung die Medien kontrollieren würden und ganze Städte in die Lufts sprengen könne. Die heutigen Autoren, die die Ereignisse des 11. September benutzen,  scheinen an diesen Wahn anzuknüpfen.

In ihrem Konstrukt werden die großen Medien ebenfalls durch die übermächtige Verschwörung dominiert, die sogar so dreist ist, Jahre vor den Anschlägen bestimmte Hinweise in harmlosen Spielfilmen und Serien zu hinterlassen, bevor sie zur Sprengung schritt. Letzendlich knüpfen also auch heutige Verschwörungsideologen an die Wahnideen an, die bereits von ihren geistigen Ahnen beworben wurden.

Die Gerhard Wisnewski Zitate stammen aus folgendem Buch: Operation 9/11– Der Wahrheit auf der Spur. Knaur Taschebuch Verlag. München, 2011. Seite 227 ff.

Untergangsmythen

Am 14. April 1912 streifte das zum damaligen Zeitpunkt größte Passagierschiff der Welt einen Eisberg und versank im Atlantik. Etwa 1500 Menschen fanden den Tod. Schnell wurde der die Titanic zum Handlungsort zahlreicher Spielfilme und Romane.

Bereits im Jahr des Untergangs entstand der Stummfilm „Saved from Titanic“, in dem Dorothy Gibson, die den Untergang überlebt hatte, die Hauptrolle übernahm. In den Jahrzehnten nach dem Untergang erschienen Spielfilme, Dokumentationen, Sachbücher und Sensationsromane.

Einiges wurde hundertjährigen Jubiläum erneut auf den Markt gebrach. Noch einmal durfte sich Jack Dawson in James Camerons Kinofilm zum „König der Welt“ machen. Noch einmal versank die Titanic in diesem romantischen Kitschspektakel in den eisigen Fluten. Wer noch nicht genug hat kann die zahlreichen Ausstellungen begutachten, Dokumentationen auf N24 anschauen, Computerspiele spielen und Bücher verschlingen, die sich mit dem Untergang des Schiffes befassen und in denen oftmals an die Herzen gehenden Geschichten verbreitet werden.

Die Katastrophe ist aber auch eine Grundlage für verschiedene Mythen, die bereits kurz nach dem Untergang verbreitet wurden und die zum hundertjährigen Jubiläum eine Renaissance erleben dürfen. Bereits kurz nach dem Unglück wollte der ehemalige Seemann Peter Pryal den Kapitän der Titanic, Edward John Smith, gleich zweimal auf den Straßen Baltimores entdeckt haben, obwohl er doch mit dem Ozeanriesen untergegangen war.

Zur Freude der Klatschpresse stellte Pryal auf diese Weise den Tod auf der Titanic in Frage. Die damaligen Revolverblätter verbreiteten dieses Märchen nur zu gerne. Sie betrieben einen Scheckbuchjournalismus und kauften die kruden Geschichten von vermeintlichen Zeugen ein, die für ihre Behauptungen gut bezahlt wurden. Wenn keine Zeugen aufzutreiben waren, wurden einfach Geschichten erfunden. So verbreiteten sich Mythen und Märchen, die bis heute bekannt sind.

Der deutsche Doktor Friedrich Carl Quitzrau, der auf dem Schiff Mount Temple nach Kanada reiste, behauptete zum Beispiel, dass dieses Schiff der Titanic nicht zu Hilfe geeilt sei und stattdessen mit abgedunkelten Lichtern das Sterben beobachtet hätte. Die zeitgenössische Presse griff diese Behauptungen auf und Quitzrau hatte seinen kurzweiligen Zeitungsruhm.

Ernest Gill, ein Seemann von der Californian, verkaufte sich wiederum an die Bostoner Presse und behauptete, man habe von diesem Schiff den Untergang der Titanic beobachtet, ohne zu Hilfe zu eilen. Für etwas mehr als eine handvoll Dollar und ein wenig Ruhm schienen diese vermeintlichen Zeugen zu jeder Behauptung bereit zu sein. Hinzu kamen Falschmeldungen über unglaubliche Reichtümer und über angebliche Geschwindigkeitsrekorde, die durch verschiedene Presseagenturen verbreitet wurden und in die damaligen Spielfilme zum Untergang einflossen, mit denen auch antisemitische, anti-amerikanische und anti-britische Propaganda betrieben wurde.

In dem nationalsozialistischen Propagandafilm „Titanic“, der im Jahr 1943 gedreht wurde, wird der Untergang auf das Wirken der „Börsenspekulanten“ zurückgeführt, die die Titanic in ein Eismeer rasen lassen. „Das Geld ist der einzige Wert, an den ich glaube“, sagt der amerikanische Industrielle John Jacob Astor dort. Der Film, der auf einen vor, während und nach dem  Nationalsozialismus populären Sensationsroman des Autoren Josef Pelz von Felinau zurückgeht, sah sich derweil als „ewige Anklage gegen Englands Gewinnsucht“.

In diesem Machwerk agierte der deutsche Held Petersen gegen die angebliche „Weltordnung“ der„Spekulanten“. Der Nazi-Film, für den die Deutschen nach Kriegsende anstanden, verbreite einige Mythen, die sich bis heute großer Beliebtheit erfreuen: So wird dort zum Beispiel die Behauptung aufgestellt, dass die Titanic die schnellstmögliche Überquerung des Atlantiks zum Ziel gehabt hätte, um das imaginäre „Blaue Band“ zu gewinnen. Dabei war das schon aus technischen Gründen nicht möglich. Die Titanic hätte niemals die Geschwindigkeit erreichen können, die dafür notwendig gewesen wäre.

Später gingen allerlei verschwörungsideologische Goldgräber mit ihren Mythen über die Titanic hausieren und bezeugten bevorzugt Geschichten, die der Vater oder der Großvater von einem mittlerweile verstorbenen Zeitzeugen erfahren haben sollte. So erlangte William Diebel seine zwei Minuten Fernsehruhm. Er munkelte im September 1987 in der Fernsehsendung „Return of the Titanic“, die von Telly „Kojak“ Savalas moderiert wurde, von einer Geschichte, die seinem Vater im ersten Weltkrieg zu Ohren gekommen war: „Er behauptete, dass die Titanic in Wirklichkeit nie einen Eisberg gerammt hat. In Wirklichkeit sank sie aufgrund einer Explosion“.

Verschwörungsideologen konstruieren mit derartigen Märchen nun den Mythos eines gigantischen Versicherungsbetrugs, der gerne auch mit gewaltigen Explosionen und einem angeblich nicht vorhandenen Eisberg angereichert wird. Für viele Verschwörungsgläubige ist die echte Titanic niemals untergegangen. Stattdessen wurde sie durch ihr Schwesterschiff, die beschädigte Olympic, ausgetauscht und versenkt. Der gigantische Versicherungsbetrug wird zumeist einer Person angelastet, der Besitzer des Firmen-Konglomerats war, das die Titanic produzierte.

Es handelt sich um den amerikanischen Bankier J.P. Morgan, der in seiner Zeit nicht nur hohe Profite realisierte, sondern auch zum bevorzugten Hassobjekt verschiedener Anti-Amerikaner avancierte, die sich über dessen Knollennase belustigten und ihm eine Allmacht nachsagten, die dieser in der Realität nie besaß. Eigentlich wollte Morgan mit der Titanic reisen, hatte diese Reise jedoch abgesagt und vergnügte sich lieber im französischen Aix-les-Bains mit seiner Geliebten. Für Verschwörungsgläubige ist dieses belanglose Ereignis ein Hinweis darauf, dass Morgan aus guten Gründen auf die Reise verzichtet hätte. Schließlich sei er an der angeblichen „Verschwörung“ beteiligt gewesen, der die Titanic zum Opfer fiel.

Derartige Mythen wurden durch Robin Gardiner und Dan van der Vat popularisiert, die mit ihren Büchern die „Geschichte eines gigantischen Versicherungsbetrugs“. erzählen wollten. Das Buch über die angebliche „Titanic-Verschwörung“ erschien 1996 im renommierten Goldmann-Verlag. Hier verbreiteten Gardiner und Van der Vat ihre „Verschwörungstheorie“, in dem sie allerlei Mythen mit technischen Details, Gesellschaftstratsch und historischen Fakten vermischten. Hinzu kamen die typischen Suggestivfragen, mit denen – wie so oft – die Existenz einer Verschwörung nahe gelegt wird. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass die Titanic in Wirklichkeit die beschädigte Olympic gewesen sein könnte. Die Eigner der Schiffe hätten einen „Austausch“ vorgenommen und die falsche Titanic  – mehr oder weniger bewusst – untergehen lassen.

Mit dieser Idee konnte auch ein anti-amerikanisches Ressentiment bedient werden. In den Büchern dieser Verschwörungsideologen wird der amerikanische Bankier Morgan als übermächtiger,„ausländischer Raubritter“ und „Hai“ gezeichnet, der seine angeblich „unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten“ eingesetzt hätte, um „Macht und Profit zu erlangen“. So bleiben die Fakten auf der Strecke. Zwar schildern Gardiner und van der Vat recht akkurat den Untergang und die daran anschließenden Untersuchungen, müssen aber verständlicherweise jeden Beweis für den vermeintlichen Versicherungsbetrug schuldig bleiben und sich auf Gerüchte über J.P. Morgan beschränken. Es bleibt bei Suggestivfragen und Mutmaßungen, mit denen die beiden Autoren jedoch ihren Teil dazu beigetragen haben, dass dieser Verschwörungsmythos über die Titanic bekannt wurde.

Verschiedene Verschwörungsideologen haben sich nach dieser Lektüre ausführlicher mit der Katastrophe befasst und die Werke ihrer Vorgänger benutzt, um ähnliche oder sogar noch waghalsigere Verschwörungsmythen zu propagieren. In diesem Jahr veröffentlichte beispielsweise Gerhard Wisnewski sein Buch über die angebliche Verschwörung, der er ein „Attentat“ auf die Titanic nachsagt. So gebührt ihm der zweifelhafte Verdienst, die Verschwörungsmythen seiner Vorgänger radikalisiert zu haben.

In seinem Buch beruft sich Wisnewski immer wieder auf seine geistigen Vorgänger, die in seinem Buch zu „Titanic-Experten“ mutieren. Der deutsche Verschwörungsideologe, der in diesem Jahr zur Privataudienz mit dem iranischen Holocaustleugner und Antisemiten Ahmadinedschad reiste, bietet gleich mehrere Erklärungsansätze, mit denen er den Untergang des Dampfers verklärt.

Doch zunächst beschäftigt Wisnewski sich mit seinem „liebsten Propagadafilm“. Gemeint ist die berühmte Titanic Verfilmung des John Cameron, der ihn und andere zum „Opfer einer ausgeklügelten Propagandaaktion“ gemacht hätte. Rose, deren fiktive Geschichte im Spielfilm zum Leben erweckt wird, sei „mit dem Nimbus einer Holocaustüberlebenden ausgestattet“, behauptet Wisnewski. Nun versucht Wisnewski den Beweis zu erbringen, dass dieser Spielkitschfilm nicht unbedingt auf historischen Fakten beruht. So möchte Wisnewski den Zweifel am Untergangshergang wecken. Auf eine ähnliche Weise nutzt er die Aquarelle des Künstlers Ken Marschall, auf denen er Beweise für seine wahnwitzigen Verschwörungsideen gefunden haben möchte.

Schnell ist eine erste Erklärung ausgebreitet, die noch schneller durch eine weitere Erklärung ersetzt wird. In Wirklichkeit sei die Titanic im Rahmen eines „verdeckten Krieges“ zwischen England und den USA versenkt worden. Letztendlich geht es aber um einen noch perfideren Plan, bei dem mittels „Bombe im Bauch“eine „Explosion“ verübt wird, um die Titanic, die eigentlich die Olympic ist, „planmäßig absaufen“ zu lassen.

Dafür wurde die falsche Titanic durch einen „irren Kapitän“ in ein „Mienenfeld“ aus Eis gesteuert,  um die passende „Kulisse“ für das „’Massaker’ unter Amerikas reichsten Männern“ zu erzeugen. Währenddessen werden „die Passagiere bei einem fröhlichen Besäufnis abgefüllt“. Danach habe eine „schaurige Selektion” stattgefunden. Natürlich hat die „bewaffnete Bande“, mit Kapitän Smith als Anführer, in Wirklichkeit überlebt. Das ist die Kurzfassung des Märchens, das einem von Gerhard Wisnewski, auf mehr als 400 qualvoll zu lesenden Seiten, aufgetischt wird.

Dabei identifiziert Wisnewski auch Verantwortliche. Er präsentiert den üblichen Bösewicht, der jedoch nur einen Oberbösewicht repräsentiert. Wie so oft in der einschlägigen Verschwörungsliteratur, wird der Industrielle Morgan als „grausamer, angriffslustiger Finanzmann“ gezeichnet, der „Geld aus dem Nichts schaffen“ konnte, für die damaligen kapitalistischen Krisen verantwortlich gemacht wird und „jeden Knochen bis auf die Knochenhaut“ abnagt.

Mit seiner Version des Morgan-Mythos überschreitet Wisnewski, der mit seinen Machwerken bereits possierliche Mythen über den Unfalltod von Jörg Haider, die islamofaschistischen Angriffe des 11. September 2001 und die Mondlandung verbreitete, allerdings noch eine weitere Grenze. Schließlich möchte Wisnewski einen Hintermann ausgemacht haben, den er verantwortlich macht. Wisnewski kolportiert die Behauptung, dass Morgan nur der „US-Statthalter der Rothschilds gewesen“ sei und beruft sich in diesem Kontext auf den fanatischen Antisemiten Eustace Mullins, der Jüdinnen und Juden in schlimmster NS-Tradition als „Parasiten“ bezeichnete.

Um das Märchen vom „Attentat“ glaubwürdig erscheinen zu lassen, macht Wisnewski die Überlebenden unglaubwürdig, die von diesem angeblichen „Attentat“ nichts mitbekommen haben. Der eine Überlebende hätte an „selektiver Demenz“ gelitten, der andere sei betrunken gewesen, wieder andere hätten eventuell „Anweisungen“ bekommen. Sie hätten gelogen, sich „wie ertappte Verbrecher“ verhalten oder heißen Rosenbaum. Viele Erinnerungen von Überlebenden könne man „getrost ins Reich der Phantasie verweisen“, behauptet Wisnewski, der die Überlebenden unglaubwürdig machen muss, weil ihre Erinnerungen oftmals seinem Verschwörungskonstrukt vom „Attentat“ widersprechen.

Dafür werden die Märchen und die Geschichten, mit dem der ein oder andere Zeitgenosse nach dem Untergang der Titanic ein kleines bisschen Bekanntheit erlangen wollte, in aller Ausführlichkeit präsentiert. Außerdem dürfen die Märchenerzähler noch einmal eine Wiederauferstehung erleben. Ihre Geschichten, die sie vom Vater oder Großvater erfahren haben wollten, wurden bereits in Gardiners Buch und in den anderen Machwerken der Verschwörungsindustrie recycelt. Nun bedient sich Wisnewski, um den Mythos vom „Attentat” zu spinnen. Zusätzlich pickt Wisnewski ganz selektiv einige wenige Fakten heraus, die seinen Verklärungsansatz dienlich sind. Doch grundsätzlich werden diese Verschwörungsmythen zum Untergang der „Titanic“ durch die seriöse Forschung widerlegt.

Es ist der irrationale Glaube an die angebliche Weltverschwörung, der die Verschwörungsfans, die sich auf den Spuren ihrer Vorfahren bewegen, auch im Falle der Titanic begeistert. Der Untergang der Titanic ist, wie die Angriffe des 11. September 2001, nur ein Anlass, mit dem der Glaube an die Weltverschwörung belegt werden soll. Die Verschwörungsbücher zum Untergang können ein Baustein für die Verschwörungskonstrukte sein.

Daher werden weitere Filme und Bücher über den angeblichen Versicherungsbetrug oder das vermeintliche Attentat auf die Titanic produziert werden. In diesen Machwerken wird sich jedoch nur der Wahn offenbaren, der die alten Mythen aufs Neue reproduziert, um die vermeintlichen Verantwortlichen ins Fadenkreuz zu nehmen.

Zwischen Moskau, Rockefeller und Hartz IV

Es ist ein kleiner Bestseller auf dem riesigen verschwörungsideologischen Markt: Oliver Janichs„Kapitalismuskomplott” gilt als eine Bibel der deutschen Libertären. Der ehemalige Focus-Money Redakteur hat nicht nur eine kleine Partei gegründet, sondern auch ein Buch geschrieben, mit dem die theoretischen Grundlagen vorgestellt werden, die ihn und seine Kompagnons antreiben.

Das Buch wird von Libertären und Verschwörungsfans als Erklärung beworben, mit der die Welt verändert werden könne. „Dieses Buch hat es geschafft mir viele linke Dogmen aus den Gehirnwindungen zu entfernen”, jubelt ein Anhänger des Parteivorsitzenden. Dieser behauptet, dass mit der Lektüre die „Vorstellungen über die Realität auf den Kopf ” gestellt werden würde. Er würde „Wege” aufzeigen, „wie wir zu einer friedlichen, freiheitlichen und gerechteren Welt gelangen” können.

Doch Janich verspricht vieles und hält nichts. Dafür kolportiert er wahnwitzige Verschwörungsmythen. Der Parteivorsitzende erfindet das ein oder andere Gespräch, fälscht den ein oder anderen Fakt und warnt vor dem ein oder anderem Politiker, den er zum Instrument einer angeblichen kommunistischen Weltverschwörung macht. Genug Stoff für einen „Triller”, denn mit einem Sachbuch oder gar mit einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung hat das Buch vom „Kapitalismuskomplott” nicht das Geringste zu tun.

Putzen und Kapitalismus

Schließlich hat der umtriebige Verschwörungsideologe nach eigenen Angaben noch nicht einmal ein Sachbuch verfasst, sondern ein Machwerk veröffentlicht, das er „Thriller” nennt. Daher verzichtet Janich auch auf den Gebrauch von Fußboten, „weil diese” angeblich „gerne übersehen werden”. Das macht es ihm einfach, sein wahnwitzige Theorien zu verbreiten, ohne sie in irgendeiner Form belegen zu müssen.

Janich definiert zum Beispiel den Kapitalismus als „Vertragsfreiheit”. Er leugnet die Totalität dieses gesellschaftlichen Systems, verneint die gesellschaftliche Ausbeutung, den Warenfetisch und die reaktionären Ideologie, die die kapitalistischen Gesellschaften Tag für Tag hervorbringen.

Dafür gibt Janich sich reichlich Mühe, den Kapitalismus als naturwüchsige Gesellschaftsform darzustellen, der aus „Putzfrauen” reiche Menschen macht. Es handele sich um eine „natürliche Ordnung”, die „eigentlich nur Freiheit” bedeuten würde, wenn denn der bösartige Leviathan Staat nicht wäre, den Janich als Einschränkung der kapitalistischen Gesellschaft begreift:

Ich werde später zeigen, wie eine ungelernte Putzfrau ohne Sprachkenntnisse komfortabel leben kann und im Alter sogar Millionärin wäre, würde der Staat nicht eingreifen.

Nun werden Menschen die ihre Arbeitskraft verkaufen und putzen gehen, im Alter nicht reich, können sich dafür aber an einem kaputten Rücken und anderen Schmerzen erfreuen. Doch derartige Folgen der Lohnarbeit werden vom Vordenker der „Partei der Vernunft” (PdV) ignoriert. Es ist sein spezifischer Blick auf die deutsche Realität, der das Buch wie ein roter Faden durchzieht. Mit dem Blick auf Hartz4-Empfänger_innen behauptet Janich zum Beispiel:

Sozialhilfe oder Hartz-IV-Empfänger haben ein geringes Interesse zu arbeiten, wenn sie auch ohne zu schuften Geld bekommen.

Wer einmal in den zweifelhaften Genuss dieser rudimentären Sozialleistungen gekommen ist, die gerade einmal ausreichen, um ein Leben am Rande der Gesellschaft zu fristen, dürfte diese Behauptung empören. Schließlich bedeutet Harz IV ein Leben in Armut. Janicht stigmatitisiert die Empfänger derartiger Sozialleistungen, auch wenn er einschränkt, dass nicht „alle diese Gruppen faul” seien. Doch solche Relativierungen verblassen angesichts von Sätzen, in denen Janich die Erwerbslosen als gesellschaftliche Schädlinge bezeichnet:

Der faule Arbeitslose schadet den fleißig Arbeitenden.

Ähnliches weiß Janich über Migranten zu berichten. Er hat kein Problem mit denjenigen, die seinem Ideal des Kapitalismus nützen, dafür aber mit Menschen, die nach Deutschland kommen und Sozialleistungen beziehen. Am deutschen Stammtisch des Oliver Janich klingt das dann etwa so:

Die eigentliche Ursache liegt darin, dass Menschen in unsere Sozialsysteme einwandern können und sich so gar nicht integrieren müssen.

Sein Ideal ist die kapitalistische Gemeinschaft, in der Gewerkschaften und Konzerne miteinander harmonieren. Erstere dürfen „Rechtsberatung, eine genossenschaftliche Versicherung oder andere Interessenvertretungen” anbieten, die Konzerne dürfen ihr kapitalistisches Zuckerbäckerland schaffen, indem weder Kündigungsschutz noch Mindestlöhne existieren, dafür aber Leih– und andere Formen der Lohnarbeit. Janich singt das hohe Lied der guten Konzerne, diese seien „von sich heraus sozial”.

Rothschild und Gorbatschow

Der Parteivorsitzende hat keine Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft. Schließlich macht er letztendlich einige einzelne Familien für die vermeintlichen Ungerechtigkeiten verantwortlich, die er zu erkennen glaubt.

Er knüpft an anti-amerikanische und antisemitische Verschwörungsmythen an. Janich gibt unter anderem der amerikanische Notenbank Federal Reserve (FED) die Schuld, dass die Menschen und auch der„ungelernte Arbeiter” noch nicht „im Schlaraffenland leben”. Schuld tragen „diejenigen Familien, die die amerikanische Notenbank durchgesetzt haben”.

Mit diesem verschwörungsideologischen Mythos macht Janich einzelne Bankiers-Familien verantwortlich. Hier agrumentiert der Vorsitzende der „Partei der Vernunft” wie jeder ordinäre Verschwörungsideologe, der von „Familien” munkelt, aber oftmals die Rothschilds und Rockefellers meint.

Janich beruft sich dabei auf einen weiteren Bestseller der Verschwörungsszene. Er zitiert zustimmend aus G. Edward Griffins Buch „Die Kreatur von Jekyll Island”. In Deutschland ist dieses Machwerk im rechten und esoterischen Kopp-Verlag erschienen. Griffin ist seit Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts ein Vordenker der antisemitischen John Birch Society.

Er macht in seinem Buch ganze sechs Familien für alle Ungerechtigkeiten des Kapitalismus verantwortlich. Sein antisemitischer Kolportagen-Roman befasst sich über weite Strecken mit der Rothschild-Familie, die er zum führenden Teil einer gigantischen Verschwörung macht.

„Sie” würden eine „verborgene Tagesordnung” umsetzen wollen. Ziel sei der „Welt-Sozialismus”. Griffin macht diese angebliche Verschwörung daher für kapitalistische Kriege und für staatskapitalistische Systeme wie die Sowjetunion verantwortlich. Außerdem hätten „sie”, mit Hilfe des„Erzkriminellen” Gorbatschow, die „Öko-Bewegung” geschaffen. Der Verschwörungsautor Janich scheint von diesem antisemitischen Verschwörungsbuch inspiriert worden zu sein, sein Buch liest sich über weite Strecken wie ein deutsches Plagiat des antisemitischen Machwerks.

JFK und Woody Harrelson

Ich werde in diesem Buch keine einzige Verschwörungstheorie verbreiten.

Der Vordenker der deutschen Libertären will mit seinem Buch zwar „keine einzige Verschwörungstheorie” verbreiten, doch er tut es. Penetrant propagiert Janich Verschwörungsmythen, die in seinem Milieu so ungeheuer beliebt sind. So behauptet Janich, dass John F. Kennedy durch die CIA ermordet wurde. Die Bush-Familie sei in das Attentat verwickelt.

Menschen, die dieser vollkommen haltlosen Behauptung widersprechen, werden als CIA-Agenten bezeichnet. So zum Beispiel der NBC-Journalist Edward Epstein. Janich muss auch hier jeden Beweis schuldig bleiben, deswegen beruft er sich aber auf namenlose Gesellen: „Laut vielen Top-Kennedy-Forschern ist Epstein ein CIA-Agent”. Janich spart sich jeden Beweis. Seine obskure Begründung klingt amüsant:

Die Hinweise sind so zahlreich, dass hierfür kein Platz ist, um sie abschließend behandeln zu können.

Dafür greift er eine Rede auf, die in der Verschwörungsszene umgedeutet wird, um die Existenzt der angeblichen Verschwörung zu belegen. Es handelt sich um eine Rede, die Kennedy im Jahr 1961 vor versammelten Journalisten hielt.

Hier warnte er vor einer „monolithischen und ruchlosen Verschwörung”, die mit „Unterwanderung” und mit „Guerillaangriffen” vorgehen würde. Kennedy knüpfte hier an antikommunistische Theorien an, die von einer großen kommunistischen Verschwörung ausgingen. Verschwörungsideologen benutzen diese antikommunistische Rede des John F. Kennedy, um die Behauptung aufzustellen, dass der damalige Präsident ganz allgemein vor einer Weltverschwörung gewarnt habe. Daher sei er ermordet worden.

Für Janich handelt es sich um eine Verschwörung des amerikanischen Geheimdienstes. So reißt Janich die Rede des John F. Kennedy aus dem Zusammenhang. Seine weiteren Quellen sind YouTube-Videos und „Oliver Stones Film JFK”, der zur wahnwitzigen Beweisaufnahme herangeführt wird:

Stones Hauptdarsteller in Natural Born Killers von 1994 war Woody Harrelson. Er ist der Sohn von Charles Harrelson, einem verurteilten Auftragskiller. Er soll der Charles Harrelson sein, der als einer der drei ‘Landstreicher’ am Tag des Kennedy-Attentats verhaftet wurde. Die drei waren höchstwahrscheinlich Teil des Plots.

Unfreiwillig amüsant ist auch Janichs Schilderung eines mega-geheimen Treffens, das in seinem Kopf entstanden ist. Er schildert ein geheimnisvolles Treffen von dreizehn „Illuminaten”, die den Klimawandel erfinden und nebenbei auf die Idee kommen, Flugzeuge in Wolkenkratzer fliegen zu lassen.

„Wie wär’s, wenn wir den Leuten einfach erzählen, es liege an der Industrialisierung. Ihr wisst schon: Mensch bläst Schadstoffe in die Luft, gleichzeitig wird’s wärmer, also ist der Mensch schuld”, sagt der Eine. Der Andere zweifelt: „Das schlucken die nie. Genauso gut könnte ich ein Flugzeug in einen riesigen Wolkenkratzer fliegen lassen und den Leuten erzählen, dass er dadurch in sein eigenes Fundament fällt.” Janich urteilt über sein Märchen, das er für das Buch erfunden hat:

So könnte es gelaufen sein.

Weltverschwörung und Google

Es sind die USA, die den Hass des Autoren erregen. Er die Praxis des Nationalsozialismus mit dem Vorgehen der amerikanischen Institutionen gleich:

Wie man heute noch die Parallelen zwischen Reichstagsbrand und 11. September sowie Ermächtigungsgesetz und Patriot Act übersehen kann, ist nur mit einem völligen Versagen der Medien zu erklären, zumal wir im Zeitalter des Internets leben.

Doch die Medien seien von alten „Kommunisten” und „Linksintellektuellen durchsetzt”. Außerdem würden „Desinformanten” den armen Janich und seine ideologischen Kumpanen mit „Desinformationstaktiken” bedrohen. Selbstverständlich macht Janich geheimnisvolle Hintermänner aus, die hinter dem Vorhang die Fäden ziehen.

Es seien „Globalisten”, „die eine Weltregierung anstreben”. Janich konstruiert hier eine kleine, geheime Gruppe, die an einer „Neuen Weltordnung” arbeiten würden. Beweise muss Janich schuldig bleiben. Stattdessen empfiehlt er eine Suchmaschine:

Wenn Sie ‘Neue Weltordung’ oder ‘New World Order (NWO)’ googeln, finden Sie unzählige Zeitungsberichte, in denen geschildert wird, wie Bush (Vater und Sohn), Obama, Merkel, Brown und viele andere an der Neuen Weltordnung arbeiten oder arbeiteten.

Tatsächlich finden sich, wenn man Janichs Ratschlag befolgt, hunderte Internetseiten der Verschwörungsszene, auf denen ähnliche Märchen kolportiert werden. Wo die Internetseiten der Verschwörungsszene als Quelle dienen, sind Verfälschungen und Umdeutungen nicht weit. So behauptet Janich zum Beispiel:

Den exakten Terminus ‘Neue Weltordung’ haben meines Wissens (…) bisher nur George Bush sen. und Gordon Brown in den Mund genommen.

Würde der Verschwörungsideologe auch einmal andere Internetseiten besuchen, könnte er wissen, dass die Phrase von der „Neuen Weltordnung” bereits nach dem Ersten Welkrieg populär wurde.

Darth Vader und die Grünen

Die kleine Truppe, die anscheinend relativ erfolglos die „Neue Weltordnung” anstrebt, setzt sich nicht nur aus bekannten amerikanischen Politikern zusammen. Janich behauptet, dass diese geheime Gruppe von einem schwarzen Lord geführt werden würde: Der Bankier David Rockefeller sei „der ‘Darth Vader’ der Neuen Weltordnung”. Außerdem würden verschiedene Think-Tanks existieren, die alle an der großen Weltverschwörung beteiligt wären. Janich nennt etwa den amerikanischen „Council on Foreign Relations”(FER).

Hier beruft sich der Verschwörungsideologe auf einen anderen Verschwörungsideologen: Die Propagandisten von Verschwörungsmythen berufen sich eben gerne auf andere Propagandisten, die ganz ähnliche Märchen propagieren. So werden Pseudo-Beweise geschaffen: Die eigene Ideologie wird mit den Groß-Konstruktionen anderer Verschwörungsideologen belegt.

In diesem Fall beruft sich Janich auch auf den amerikanischen Nationalisten Alex Jones, der mit seiner verschwörungsideologischen Radiosendung und seinen Pseudo-Dokumentationen die Ideen der „Truther” und „Birther” propagiert. Zur riesigen Weltverschwörung gehören für Janich außerdem weitere Think-Tanks, Barack Obama, die „Bilderberg-Konferenz”, die deutschen Grünen und die Pharma-Industrie.

AIDS und „Illuminati” 

Vielleicht bewirbt Janich daher andere Machwerke der Verschwörungsszene. Er behauptet zum Beispiel, dass das „Wissen um alternative, natürliche Heilmittel – insbesondere für Krebs – (…) unterdrückt” werden würde, damit „Big Pharma” mehr Profite generieren könne. Außerdem versucht sich Janich als AIDS-Leugner:

Aids soll durch Hepatitis-B-Impfungen in Afrika und San Francisco in Umlauf gekommen sein.

Hier kolportiert Janich ein Märchen, das in der Verschwörungsszene durchaus beliebt ist. Er beruft sich dabei auch auf Ted Gunderson, der von Janich als „ehemalige FBI Direktor von Los Angeles” eingeführt wird.

Ted Gun­der­son, der an die­ser Stelle ein wich­ti­ger Kron­zeu­ge ist, glaubt im Übrigen an die „Ent­füh­rung von vie­len Tau­sen­den von ame­ri­ka­ni­schen Kin­dern zum Zweck der Pro­sti­tu­ti­on, der Por­no­gra­phie, für ex­pe­ri­men­tel­le High­tech­waf­fen, Ge­dan­ken­kon­troll­miss­brauch, Kin­der­skla­ven­ar­beit für un­ter­ir­di­sche Stütz­punk­te, weiße Kin­der­skla­ve­rei“ und sa­ta­ni­sche Ri­tu­al­mor­de. Als Täter hat Gun­der­son den ame­ri­ka­ni­schen Ge­heim­dienst CIA aus­ge­macht, die im Auf­trag von “ in­ter­na­tio­na­len Sa­ta­nis­ten – als das Il­lu­mi­na­ti be­kannt – han­deln“. Dies ist nur einer der Kronzeugen aus dem Verschwörungsmilieu, die Oliver Janich bemüht.

Carlos und Kissinger

In seinem Buch macht Janich, mit Hilfe anderer Kronzeugen, außerdem noch weitere Hintermänner aus: Der Terrorist Ilich Ramírez Sánchez (Carlos, der Schakal) und Henry Kissinger seien ein Teil der Weltverschwörung. Janich spricht davon, dass sie Mitglieder des sowjetischen Geheimdienstes KGB gewesen seien.

Kissinger sei nicht nur ein altgedienter KGB-Mann, sondern auch noch „der Pate der Bilderberger und der Neuen Weltordnung”. Beweise muss Janich natürlich auch hier schuldig bleiben. Es bleibt bei Mythen und Märchen, mit denen die große Weltverschwörung konstruiert wird.

Bilderberger, Rockefeller, Obama, Adorno und der KGB sowie die deutschen Grünen werden fröhlich zusammengemixt: Heraus kommt die kommunistische Weltverschwörung, an der auch ZDF-Anchorman Claus Kleber beteiligt sein soll. Nach langen Tiraden behauptet Janich:

Wir werden später noch sehen, dass sie tatsächlich echte Kommunisten sind, nicht nur in der Theorie.

Die kommunistische Weltverschwörung

Um die angebliche kommunistische Mega-Verschwörung zu belegen, beruft sich Janich — mal wieder — auf einen anderen Verschwörungsautoren. Janich empfiehlt die antikommunistischen Machwerke des Torsten Mann, der „die beiden wichtigsten Bücher der letzten Jahre geschrieben” hätte. Es handelt sich um Bestseller der Verschwörungsliteratur, die ebenfalls im rechtsesoterischen Kopp-Verlag erschienen sind.

Torsten Mann konstruiert ebenfalls die kommunistische Weltverschwörung. Er scheint durch eine Episode der Simpsons inspiriert, in der der Fall der Mauer und der Untergang der Sowjetunion als perfider Plan der Kommunisten dargestellt wird. Was bei den Simpsons noch ein Gag war, ist bei Torsten Mann trauriger Verschwörungswahn, dem auch Janich verfallen ist:

Der Fall der Mauer, die Auflösung des Warschauer Pakts und die scheinbare Demokratisierung des Ostens sind Teil einer Langfriststrategie, deren Ziel darin besteht, eine kommunistische Weltordnung zu errichten, was von jeher der Plan war.

Janich behauptet, dass „alle im Bundestag vertretenen Parteien kommunistisch unterwandert” seien. Er lässt die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts wiederaufleben und spricht „von einer direkten Steuerung aus Moskau”.

Von dort habe man die „Achtundsechziger-Bewegung” gesteuert und dort sei auch die kritische Theorie erfunden worden: „Der Ansatz: Alles sollte kritisiert werden, ohne Lösungsansätze zu bieten. So sollte die Unzufriedenheit der Bevölkerung geschürt werden, die diese auf den Kapitalismus schieben sollte”.

Später habe Moskau „die Friedensbewegung und die Anti-Atomkraftbewegung aufgebaut” und dann sogar noch die „Perestroika” erfunden, um das „langfristige Ziel”, den Kommunismus, zu erreichen. Die „Globalisten des Westens und des Ostens” hätten sich zusammengeschlossen: Ihr Ziel sei die faktische Zerstörung Deutschlands. So reproduziert der Parteivorsitzende, dessen Partei mal mit den Piraten und mal mit der NPD marschiert, rechte Verschwörungsmythen über die angebliche Weltverschwörung:

Heute wissen wir, dass der Student Benno Ohnesorg 1967 von einem Stasi-Mann ermordet wurde. Wichtige Leute aus der damaligen Bewegung haben heute Schlüsselpositionen in Politik und Wirtschaft inne.

IM-Merkel und IM-Brandt

Ein weiterer Agent dieser konstruierten Weltverschwörung sei Willy Brandt gewesen. Der ehemalige Bundeskanzler hatte während des Nationalsozialismus unter falschem Namen leben müssen. Für Janich ist dies Anlass genug, um zur Denunziation zu greifen: „Falsche Identitäten anzunehmen scheint ihm gelegen zu haben”, urteilt Janich über Brandt.

Außerdem stellt Janich die verschwörungsideologische Theorie auf, dass Brandt in Wirklichkeit ein Agent des KGB gewesen sei. Beweise muss er natürlich auch hier schuldig bleiben, es bleibt bei der Behauptung, dass der Kanzler „offensichtlich im Interesse der Stasi” gehandelt habe. Die Parolen von Nationalsozialisten, die den „Volksverräter” und „Stasi-Spitzel” in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts am liebsten an die Wand gestellt hätten, erleben auf diese Weise eine verschwörungsideologische Wiederkehr.

Brandt ist nicht der einzige bürgerliche Politiker, dem Janich eine Agenten-Tätigkeit andichtet. Er behauptet auch, dass Hans Dietrich Genscher in Wirklichkeit ein Stasi-Mitarbeiter gewesen sei. Ähnliches kolportiert Janich mit dem Blick auf Gregor Gysi und Angela Merkel. Bei Gysi konstatiert Janich eine„Stasi-Verdacht”, bei Merkel möchte er „weitere Hinweise auf eine mögliche Stasi Tätigkeit” entdeckt haben. Schließlich kennt Janich die Internetseiten der Verschwörungsszene, auf denen derartige Märchen kolportiert werden. Janich konstatiert:

Im Internet wird auch spekuliert, dass sie ihre eigenen Stasi-Akten und die ihres Vaters aufbewahrt.

Zentrale in Moskau

Die Gründung der Grünen führt Janich ebenfalls auf das geheimnisvolle und mächtige Moskau zurück. Er verschweigt die Beteiligung von deutschnationalen Hippies und von ebenso deutschnationalen Alt-Nazis. Dafür behauptet er:

Aus Moskau erging seinerzeit Order an die kommunistischen Kader, in die Grüne Partei einzutreten.

Beweise oder gar eine Quellenangabe sucht man hier ebenfalls vergeblich, dafür schmeißt Janich — mal wieder — einige Namen in den Raum:

Die spätere grüne Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer engagierte sich in der KPD/AO-nahen ‘Liga gegen den Imperialismus’, der spätere Vorsitzende Reinhard Bütikofer hat eine Vergangenheit in den kommunistischen Hochschulgruppen und dem maoistischen KBW, Jürgen Trittin war Mitglied im Kommunistischen Bund.

Dabei verschweigt Janich, dass die von ihm benannten K-Gruppen rein gar nichts mit der Politik der Sowjetunion anzufangen wussten. Ganz im Gegenteil sprachen sie vom „Sozialimperialismus” oder gar vom „Sozialfaschismus” der Sowjetunion.

Sie übernahmen oftmals die sogenannte Drei-Welten-Theorie der Maoisten. Diese Theorie, die 1974 von Deng Hsiao-ping formuliert wurde, geht davon aus, dass die Supermächte UdSSR und USA die erste Welt bilden, wobei die Sowjetunion als die aggressivere politische Macht eingeschätzt wurde, von der die Gefahr eines neuen Weltkriegs ausgehen würde. Diese Einschätzung ging mit einem aggressiven und positiven Deutschland-Bezug einher.

In den 80er Jahren lösten sich einige K-Gruppen auf, sie waren am Rande der Handlungsunfähigkeit. Einzelne Partei-Kader suchten ihr Heil in der Umweltbewegung, aus der die Grünen als Partei hervorgingen. Mit einer Verschwörung haben diese Ereignisse allerdings nichts zu tun. Oliver Janich verschweigt derartige Tatsachen und die Motivation der Partei-Kader. Stattdessen erfindet er einen Befehl der „Globalisten”, deren heimliche Haupstadt Moskau zu sein scheint.

Traum vom Reich

Bei soviel Verschwörungsmythen verwundert es dann auch nicht mehr, dass Janich an Theorien anknüpft, die durch die rechten „Reichsbürger” vertreten werden. Diese behaupten, unter anderem mit dem Blick auf den Personalausweis, dass die Bundesrepublik in Wirklichkeit kein Staat, sondern eine Firma der Alliierten darstellen würde.

Sie sprechen von der „BRD-GmbH” und behaupten, dass das „deutsche Reich” noch existieren würde. Daher schaffen sich „Reichsbürger” fantasievolle Ersatzdokumente und Pseudo-Institutionen. Mehrere „Reichskanzler” konkurieren miteinander, es gibt verschiedene „Reichsregierungen”, die von einem Deutschland in den Grenzen von 1941 träumen. Janich kritisiert zwar die Praxis der Reichsbürger, begeistert sich aber für deren Theorien:

Es spricht juristisch manches dafür, dass es sich bei der Bundesrepublik um eine Art Nichtregierungsorganisation (NGO) handelt, der Sie durch Beantragung eines Personalausweises (müsste eigentlich Personenausweis heißen) unwissentlich beigetreten sind. Bei der Gelegenheit: Schauen Sie sich Ihren Personalausweis einmal genauer an (…). Die Existenz der im Internet berühmten BRD GmbH ist ein weiteres Indiz.

Verschwörungsschrott

Janichs Machwerk ist ein verschwörungsideologisches Pamphlet, voller Verfälschungen und Umdeutungen, um die angebliche Mega-Verschwörung der Kommunisten aus Moskau zu belegen. Dabei nutzt er die Machwerke anderer Verschwörungsideologen oder empfiehlt die ein oder andere Internetseite des Verschwörungsmilieus. Fakten wird man in diesem Buch allerdings nicht finden. Der „Kapitalismuskomplott” ist ein wahnwitziges und antikommunistisches Pamphlet. Es handelt sich um Verschwörungsschrott in Buchform, von dem man nur abraten kann.

Oliver Janich appelliert am Ende seiner schriftstellerischen Tirade an seine geneigten Leser: Sie sollen das Buch weitergeben und den neuen Kunden „an einen Stuhl” binden, „bis Sie es gelesen haben”. Anders ist das Machwerk des Verschwörungsideologen auch kaum zu ertragen.

Oliver Janich: „Das Kapitalismus-Komplott: Die geheimen Zirkel der Macht und ihre Methoden”. Erschienen im FinanzBuch Verlag.

Theorien des Schlagfertigkeitstrainers

Die Zeitschrift Capital feiert ihn als „Star”, die Wochenzeitung Stern nennt ihn „Schlagfertigkeitspapst” und das Magazin „Wiener” huldigt ihm als „Meister des Flirts”. Matthias Pöhm arbeitet als „Schlagertigkeitstrainer”, der in Seminaren „mit verstaubten Redestrukturen” aufräumt.

Die Kurse des „Schlagfertigkeitstrainers” kosten wischen 200 und 5000 Euro. Zum Anfixen hat er mehrere Taschenbücher verfasst. Sein Buch „Nicht auf den Mund gefallen” wird gerne gelesen: 170.000 Exemplare wurden bisher verkauft. „Vergessen Sie alles über Rhetorik”, lautet ein weiterer Buchtitel, das der „Rhetoriktrainer aus Leidenschaft” verfasst hat. Das Taschenbuch ist im Goldmann-Verlag erschienen und verspricht eine „handfeste Anleitung”, die jede „Geburtstagslaudatio zum bewegenden Erlebnis” machen würde.

Auf mehr als 200 Seiten propagiert Pöhm rhetorische Tricks, die seine Leser_innen befähigen sollen, „ein David Copperfield” der Redekunst zu werden. Dabei bewirbt er zahlreiche Weisheiten, die Redner_innen zum „Meinungsführer” machen sollen, zu einem Menschen, den „man innerlich als Anführer akzeptiert”. Hinter diesem Wunsch verbirgt sich die autoritäre Denkweise des „Schlagfertigkeitstrainers”:

Menschen wollen geführt werden.

Das behauptet der Trainer, der die Leser_innen gar zu „Rudelführer”machen möchte, die die „Trägheit der Masse” zu ihrem Vorteil nutzen.

Dafür gibt es zahlreiche Ratschläge und Vorbilder, die in dem Buch des Pöhm genannt werden.„Beschreiben sie die Situation, die sie ändern wollen, als ein Horrorszenario und dem stellen sie ihre Lösung gegenüber, die natürlich dann paradiesische Zustände verheißt”, lautet eine dieser Weisheiten des Schlagfertigkeitspapstes. Ein positives Vorbild ist Evita Peron, ein negatives Vorbild Joseph Goebbels. Auf Seite 88 schildert der Autor Gleichnisse, die die angehenden Leser_innen verwenden sollen, um „Unfug plausibel zu machen, den sie vom logisch urteilenden Bewußtsein her ablehnen würden”. Pöhms erklärt auch, warum er derartige Gleichnisse so überaus sinnvoll findet:

Damit bekommen Sie Macht.

Sein Beispiel für einen Redner, der diese Vorgehensweise nutzte, um Macht zu erlangen, ist niemand anderes als Reichspropagandaminister Joseph Goebbels und dessen Rede im Sportpalast in Berlin. Pöhm zitiert einige „erschreckende Passagen”. Er bringt es fertig, Jesus Christus und Joseph Goebbels in einen Satz unterzubringen:

Das wache Bewusstsein, die Logik, wird bei Gleichnissen außer Kraft gesetzt. Das wusste Goebbels leider genauso gut wie Jesus.

Von einer derartigen Qualität ist auch der Rest des Buches. Das scheint selbst Pöhm geahnt zu haben. Bereits im Vorwort empfiehlt er, nur die Kapitel zu lesen, deren Überschriften Interesse wecken. Doch auch davon kann man nur abraten. Es handelt sich um ein Machwerk, das nicht der Lesezeit wert ist.

Angehende „Rudelführer”, die „Macht” erlangen wollen, werden sich von meinem gut gemeinten Ratschlag allerdings nicht abhalten lassen und zu diesem Buch greifen. Danach werden sie vielleicht einen der durchaus esoterisch angehauchten Seminare des Matthias Pöhm besuchen, um sich weiter indoktrinieren zu lassen.

Für nicht weniger als 1150 EUR verspricht Pöhm den esoterischen „Weg zum Glücksdurchbruch”, eine „praktische Spiritualität” für das „zweite Wesen in Ihnen”. Seit 2005 hat Pöhm nämlich eine weitere Einnahmequelle entdeckt: Mit esoterischer Propaganda lässt sich ebenfalls viel Geld verdienen.

Daher hat der fleißige Autor gleich mehrere Bücher verfasst. Im „Weg zum Glückdurchbruch” propagiert Pöhm seine Version der „Spiritualität”, die „das Eigentliche” sei. Hier geht es um Reinkarnation und Karma, Hier beantwortet er auch eine Frage, die ihn umtreibt: „War Hitler böse?” Der „Rhetorikpapst” beantwortet diese Frage in einem esoterischen Sinne:

Morden ist nicht böse, ich habe es, Gott sei Dank, bis jetzt noch nicht aus innerer Verzweiflung tun müssen. Vergewaltigen ist nicht böse, ich habe es, Gott sei Dank, bis jetzt noch nicht aus innerer Verzweiflung tun müssen.

Das sind die esoterischen Lebensweisheiten des Menschen, der in Fernsehen und Zeitschriften als Meister der Rhetorik gefeiert wird. Wer seine gruseligen und gespenstischen Seminare erleben möchte, muss nicht nur viel Geld investieren, sondern auch ein Hotel in der Schweiz besuchen. Alternativ kann man aber auch hier den Play-Knopf drücken. Wie immer gilt: Anschauen auf eigene Gefahr!

Nazis im Weltall

Manchmal kommen die Nazis mit „Reichsflugscheiben“ aus dem Erdinneren. Es ist kaum zu glauben, aber es gibt tatsächlich Menschen, die behaupten, dass sich die ehemalige Elite der Nationalsozialisten nach 1945 in der Antarktis angesiedelt hätte. Nach dieser wahnhaften Verschwörungstheorie haben sich die Nazis 1945 in der Antarktis, im sogenannten „Neuschwabenland“, niedergelassen. Sie führen von dort einen Krieg gegen die Alliierten.

Kein Wunder, dass solch eine Idee, die an schlechte Science Fiction erinnert, literarisch aufgegriffen wurde, um einer deutschen Leserschaft einen völkisch-braunen Mythos zu präsentieren. Inbesondere der schweizerische „Unitall“-Verlag, ein Ableger des deutschen „Hans-Joachim-Bernt-Verlages“, der die recht bekannte Science Fiction-Serie „Perry Rhodan“ vertreibt, macht mit solch brauner Science Fiction auf sich aufmerksam.

Ein Beispiel wäre die teilweise indizierte Romanreihe „Stahlfront“. In diesem Machwerk werden die Abenteuer des ehemaligen BND-Mannes Magnus Wittmann geschildert, der sich nach einem Erweckungserlebnis in einer Art Weltkrieg wiederfindet, den die „Arier“ aus dem Eis gegen bösartige Aliens führen. Diese bedienen sich bestimmter Menschen, Amerikaner und Jüdinnen und Juden, um durch diese eine Veränderung der Erdatmosphäre hervorzurufen. Letztendlich wollen die Aliens angenehmere Lebensbedingungen auf der Erde schaffen, um den Planeten zu kolonialisieren.

Stahfront - Band I
Stahfront – Band I

Der Held dieser plumpen Nazi-Propaganda kämpft mit den „Thule-Truppen“: Das sind „Super-Nazis vom Südpol“ (Spiegel). In selbstgebauten Ufos, den „Reichsflugscheiben“, bekämpfen sie sowohl die finsteren Außerirdischen als auch ihre irdischen Handlanger_innen. Diese Science Fiction Reihe stellt eine Aneinanderreihung plumper, rassistischer Vorurteile und kaum verklausulierter antisemitischer Hetze dar. Zwischendurch wird das Machwerk durch unsägliche sexistische Zuschreibungen unterbrochen. All das wie geschaffen für Nazis und für jene, die mit solchen Gedankengut sympathisieren. Aber auch andere deutsche Reaktionäre, die von einer geheimen Armee der deutschen Übermenschen träumen, dürften diesen Stoff mit großer Freude erlesen.

Was auf der einen Seite als pseudolitararische Auseinandersetzung daherkommt, ist auf der anderen Seite eine im Internet verbreitete Verschwörungstheorie, die tatsächlich davon ausgeht, dass die Nazis in der Antarktis, im „Neuschwabenland“, eine neue Heimat gefunden haben und von dort den Zweiten Weltkrieg fortsetzen.

Die Propagandisten vom „Neuschwabenland“ haben ein Gebilde geschaffen, mit dem sie tatsächlich die Behauptung aufstellen, dass die Nachfahren der Nazis und sogar Adolf Hitler höchstpersönlich im eiskalten Eis überwintern würden, um von dort den Zweiten Krieg fortzuführen, der auf diese Art und Weise noch immer nicht verloren ist.

Solche Phantasien wurden bereits kurz nach der militärischen Zerschlagung des Nationalsozialismus kolportiert. So propagierte der argentinische Journalist Ladislas Szabo am 16. Juli 1945 in der „La Critica“ erstmals die Vorstellung einer Flucht Hitlers in die Antarktis:

Die Geschichte erwies sich als so erfolgreich, dass sie von zahlreichen Zeitungen übernommen wurde, von denen die meisten sie allerdings später widerriefen. Als am 17. August 1945 ein weiteres deutsches U-Boot – U 977 – in Mar del Plata auftauchte, war Szabo endgültig von der Richtigkeit seiner Thesen überzeugt und machte sich daran, ein Buch zu verfassen, welches den Grundstein aller späteren Verschwörungstheorien um Neuschwabenland bilden sollte: ‚Hitler está vivo‘ (Hitler ist am Leben) erschien 1947 im argentinischen Tabano-Verlag und wurde über Nacht zu einem Bestseller der Verschwörungsliteratur.

Die krude Verschwörungstheorie von den Nazis in der Antarktis erfreut sich in braun-esoterischen Kreisen einer ungeheuren Beliebtheit. Nach der deutschen Niederlage 1945 versuchten sich verschiedene Ideologen des Nationalsozialismus an einer esoterischen, religiösen Deutung: Adolf Hitler und der ihn umgebende Führungszirkel wurden als mystische Macht geschildert, die den Krieg überlebt hätten. Diese würden Ufos und Geheimbasen besitzen und den zweiten Weltkrieg bis zur herbeigesehnten Wiederkehr des „Reiches“ fortführen.

Verantwortlich für derartige Theorien war unter anderem der chilenische Nationalsozialist Miguel Serrano, der einen esoterischen Science Fiction Cocktail propagierte:

Exoterisch gesehen hat das Dritte Reich den Zweiten Weltkrieg verloren, doch auf der feinstofflichen Ebene geht der Kampf bis heute weiter. Es ist nicht nur ein Kampf zwischen Menschen, sondern auch zwischen überzeitlichen Mächten. Geheime Obere benutzten und benutzen Adolf Hitler im Kampf des Lichts gegen die Finsternis, der seinen Ursprung auf anderen Planeten hat. Die Arier stammen ursprünglich nicht von der Erde. Ihre Vorfahren sind weiße Götter, die bei der Schwarzen Sonne lebten, die vielleicht sogar in einer anderen Dimension liegt (…). Adolf Hitler ist nicht tot. Er lebt und kämpft im Inneren der Erde (…), dessen Eingang in der Antarktis ist. Inzwischen ist er vielleicht sogar per UFO im Weltall verschwunden.

So propagieren verschiedene Nazis und andere Verschwörungsgläubige bis heute nicht nur die Existenz von Nazis in der Antarktis, sondern berichten auch von „Reichsflugscheiben“ und anderen geheimen Flugobjekten, mit denen sie Ufo-Sichtungen erklären.

Im Rahmen der „Hohle Erde“-Theorie wird behauptet, dass sich unter der Antarktis riesige unterirdische Höhlen befinden würden, die von den Nachfahren der historischen Nationalsozialisten bewohnbar gemacht worden wären. Verschiedene Verschwörungsideologen, wie zum Beispiel der antisemitische Autor „Jan van Helsing“ (eigentlich: Udo Holey) behaupten sogar, dass die Nordpol-Nazis Kontakte zu außerirdischen „Ariern“ pflegen würden.

In seinem 1997 erschienen Machwerk „Unternehmen Aldebaran“ halluzinierte Holey von einem geheimen Kontakt zwischen der nationalsozialistischer SS und Außerirdischen vom Planeten Aldebaran. Außerdem reicherte er sein Werk durch umfangreichere Bezüge auf NS-Ufos und auf geheime Basen in der Antarktis an.

Derartige Theorien finden sich in verschiedenen Formen auf zahlreichen Internetseiten. Die erwähnte Roman-Reihe „Stahlfront“ stellt nur eine entsprechende Fortführung dieser wahnhaften Verschwörungstheorien dar. In beiden Fällen kommen die Nazis auch aus dem Weltall; in geheimen„Reichsflugscheiben“ und mit besten Kontakten zu außerirdischen Nazi-Wesen vom Planeten Aldebaran.

Zwerg im Kopf (II)

Die angebliche Existenz von „Zwergen“ und andere Fantasiegestalten ist ein Inhalt zahlreicher Artikel und Bücher der organisierten Anthroposophie, die über Waldorfschulen und Biohöfe gesellschaftlichen Einfluss erlangt. So schreibt der anthroposophische Autor Tho­mas Meyer in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Erziehungskunst“ über seine angeblichen Erfahrungen mit „Zwergen“ und anderen Fabelwesen:

In einer Ecke des Ess­zim­mers saß ein Zwerg. Die­ser war sehr fest ge­formt, etwa einen hal­ben Meter hoch, dar­über wurde es sehr licht, weit und weise. Schnell be­griff ich, die­ser Zwerg ist viel schlau­er als ich, er be­sitzt Wel­ten­weis­heit.

Solche Berichte sind keine Ausnahme. In einer etwas älteren Ausgabe der anthroposophischen Zeitschrift „Das Goetheanum“ (13/07) berichtet die anthroposophische Autorin Tallis Halliwell beispielsweise in einem Interview über ihre angeblichen Erfahrungen mit „Zwergen“ und „Gnomen“. Sie beruft sich auf den Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, dem sie geheimnisvolle Treffen mit „Elementarwesen“ andichtet.

Als Mensch war nur Rudolf Steiner da; und mit ihm die Elementarwesen von vielen Kulturen und Traditionen aus aller Welt. Naturgeister von allen Völkern, von den Indianern, Eskimos.

Der Guru der Waldorfschulen, Rudolf Steiner, propagierte die Existenz von sogenannten „Elementarwesen“, zu denen er „Gnome“ und „Zwerge“ zählte:

Gnomen heißen diese Wesenheiten, und zahlreiche Arten von ihnen beherbergt die Erde, und sie sind da zu Hause, wo sich der Stein mit dem Metall berührt. Recht sehr gedient haben sie früher den Menschen beim alten Bergbau, nicht beim Kohlenbergwerk, aber im Metallbergbau.

So fabuliert der Gründer der ersten Waldorfschule in einem seiner Vorträge. In Steiners Fußstapfen tritt Halliwell, indem sie Bücher verfasst, in denen sie ihre Erfahrungen mit kleinwüchsigen Wesen, die nichtmenschlicher Herkunft sind, niedergeschrieben hat. Die Zeitschrift „Das Goetheanum“ beklagt sich im Interview mit der „Naturgeister“-Expertin, dass „die Zeiten“ vorbei seien, „in denen viele Menschen noch eine reale Beziehung zu Zwergen, Gnomen und anderen elementarischen Wesen hatten, wie sie uns heute noch in Märchen und Geschichten begegnen“.

Derartige Artikel können einen Einstieg in eine Welt bedeuten, deren wahnhafter Charakter offensichtlich ist. Da existieren „Zwerge“, „Gnome“ und andere Gestalten, die vom Menschen gesehen werden können, wenn diese sich nur darauf einlassen, den „anthroposophischen meditativen Schulungsweg“ zu gehen. Zu diesem Zweck hat der bereits erwähnte Autor Thomas Meyer mehrere Bücher verfasst, die in einschlägigen esoterischen Kleinst-Verlagen erschienen sind.

Wir leben alle im Reich der Elementarwesen. Immer und überall durchdringen sie unsere Seele (…) Das flüssig geschriebene, authentische Buch berichtet von konkreten Begegnungen mit Zwergen, Riesen, Nixen, Feen, Elementarwesenkönigen, Körperelementarwesen, persönlichen Helferwesen und Karmawesen.

So bewirbt der Autor sein Machwerk. Bei organisierten Anthroposoph_innen, die oftmals auch als Pädagog_innen an Waldorfschulen und anderen pädagogischen Einrichtungen tätig sind, existert der Zwerg tatsächlich im Kopf: Vermittelt durch die esoterische Waldorf-Ideologie, deren Inhalte in anthroposophischen Zeitschriften und Büchern propagiert werden.

Waldorfschüler_innen werden ebenfalls mit „Zwergen“ und anderen Wesen konfrontiert. Davon zeugen bereits die zahlreichen Mythen, Märchen und Sagen, die den Schüler_innen an Waldorfschulen und den Kindern an Waldorfkindergärten vermittelt werden: In einer Reihe für Waldorfpädagog_innen, das als „Arbeitsmaterial aus den Waldorfkindergärten“ beworben wird, heißt es beispielsweise:

Aus Märchen und altem Wissen sind uns die Namen elementarer Naturwesen überliefert (…). Die Menschen lebten mit ihnen, überall waren kleine Wesen dabei (…). Noch eine Menschengruppe geht bis auf den heutigen Tag mit den Naturgeistern, den Spukgestalten, Kobolden und Damonen, Trollen und Gespenstern um. Das sind die Sensiblen.

Das Buch wirbt damit, „die Liebe der Kinder zu Zwergen und Elfen“ zu behüten. Als pädagogische Praxisbeispiele dienen einige handgefertigte Zwerge, die die Kinder anfertigen müssen, sowie einige Märchen und Sagen, die den Kindern erzählt werden sollen. Das pädagogische Buch aus dem Waldorfverlag „Freies Geistesleben“ bietet ansonsten einige Strickmuster für „Wurzel“–, „Kletter-“,„Wald“– „Haus“–, „Blaubär-“ und „Möhrenzwerge“, zu deren Anfertigung die Schülerinnen und Schüler genötigt werden.

Arbeitsmaterial aus den Waldorfkindergärten
Arbeitsmaterial aus den Waldorfkindergärten

In den Arbeitsmaterialien und den Waldorf-Zeitschriften finden sich Beispiele für einen pädagogischen Umgang, der die Existenz von „Zwergen“ und anderen Fantasiegestalten vermitteln soll. Hier werden die ideologischen Grundlagen, immer mit dem Verweis auf den Waldorf-Guru Rudolf Steiner, vermittelt. Die Fabelwesen aus der Waldorfwelt finden sich nicht nur in den anthroposophischen Propaganda-Erzeugnissen, sondern auch im täglichen Unterricht an den Waldorfschulen. Die Waldorfpädagogik und die Anthroposophie, die als Grundlage dient, ist nichts anderes als die wahnhafte, esoterische Verklärung der Realität, was die „Zwerge“ und „Gnome“ veranschaulichen.

Erinnerungen des Erzoberlenkers

Seine Erinnerungen an eine „Lebensbegegnung“ findet sich in vielen Bücherregalen von Anthroposophinnen und Anthroposophen. Aktuell werden sie unter anderem in der Waldorf-Zeitschrift „Erziehungskunst“(02/11) beworben. Die Erinnerungen Friedrich Rittelmeyers – ein evangelischer Pfarrer, der sich zum Anhänger Steiners mauserte und zum ersten „Erzoberlenker“ der anthroposophischen, neugnostisch-esoterischen „Christengemeinschaft“ wurde – werden seit Jahrzehnten vertrieben. Der Verlag „Urachhaus“sieht in dem Buch eine Möglichkeit, sich „ein besonders authentisches Bild“ über Rudolf Steiner zu verschaffen.

Steiner ist bis heute die bestimmende theoretische Größe, der die Pädagogik an Waldorfschulen und die Praxis auf Bio-„Demeter“-Höfen bestimmt. Das Buch sei eine „Fundgrube für alle, die sich um ein lebensnahes Bild Steiners bemühen“, heißt es in der Verlagswerbung. So warf ich einen Blick in das Buch, um mir ein „ganz authentisches Bild“ zu machen.

Friedrich Rittelmeyer, der Autor des biographischen Buches, veröffentlichte im Übrigen bis in die 40er Jahre des letzten Jahrhunderts anthroposophische Titel, die so launige Namen wie „Deutschtum“ (1934), „Der Deutsche in seiner Weltaufgabe zwischen Rußland und Amerika“ (1932) oder „Rudolf Steiner als Führer zu neuem Christentum“ (1933) tragen. In der „Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner“(1928) findet sich ebenfalls die Begeisterung für das „Deutschtum“ und die „deutsche Weltaufgabe“. Den völkischen Jargon kann man auch in Rittelmeyers Erinnerungen entdecken.

In seinem Buch schildert der „Erzoberlenker“ Friedrich Rittelmeyer die Vorträge, die Steiner während des Ersten Weltkriegs hielt. Für ihn war Steiner ein Mensch, der eine „Liebe“ zur „deutschen Weltaufgabe“ vermittelte

„Nie habe ich ihn durch die Kriegsjahre hindurch einen intimen Vortrag halten hören, ohne das er die Gedanken aller Zuhörer auf die draußen Kämpfenden und auf die Gefallenen gerichtet worden wäre. (…) Seine Liebe gehörte der deutschen Weltaufgabe, aber es war eine Liebe der Hoffnung und der Sorge (…)“.

So erinnerte sich Rittelmeyer. Er begeisterte sich in seinem Buch für den Nationalismus Rudolf Steiners, den er für einen „Menschheitsführer“ hält. „Wenn ich nach den Wirkungen“ seiner Vorträge „urteilen soll, die sie auf mich selbst gehabt haben“:

In ihnen war alles da, was das junge deutsche Herz mit aller Begeisterung erfüllen konnte (…), was ihnen sittlichen Dauerhalt geben konnte (…), aus der allein die deutsche Kraft geboren wird (…). Das unruhige Geflacker des Nationalismus wurde zur heiligen Flamme, in der das Licht aber auch das der Opfer glühte.“

„Seine Liebe zum Deutschtum, ganz unverblendet und geistgeboren, blieb sich völlig gleich“.

Steiners „Liebe zum Deutschtum“ und zur „deutschen Weltaufgabe“, die sein Jünger Friedrich Rittelmeyer mit Begeisterung beschreibt, verdeutlichen den völkischen Wahn, dem die Vordenker der Anthroposophie verfallen waren. Vielleicht erklärt dieser Wahn andere Ideen Steiners, die von Friedrich Rittelmeyer geschildert werden.

Irgendwann nach dem Ersten Weltkrieg, wenige Jahre vor dem Tod Steiners, kam es zu einem Treffen im „Goetheanum“, dem anthroposophischen Wallfahrtsort in Dornach (Schweiz). Dort arbeitete Rudolf Steiner gerade an einer Holzplastik, die einen anthroposophischen Christus darstellen sollte. Die beiden anthroposophischen Vordenker debattierten an dieser Stelle über die „semitischen“ Hintergründe, über die Rudolf Steiner seinen Jünger aufklärte: Lediglich „die Partie um Mund und Kinn“ sei „semitisch“, „das Obere“ sei „arisch“.

Ansonsten liest sich das Buch wie eine plumpe Heldengeschichte um Rudolf Steiner, den Rittelmeyer zum anthroposophischen Superman stilisiert. Steiner ist für Rittelmeyer ein „Menschheitsführer“ und allen anderen Menschen überlegen. Der namenlose konkurierende „Arbeiterführer“ wird beispielsweise „so umgelegt, daß er den Saal verließ und draußen weinte“.

So zumindest Friedrich Rittelmeyer in seinen Lebenserinnerungen an Rudolf Steiner, die – wenn man dem anthroposophischen Verlag glauben will – ja eine „Fundgrube für alle“ sind, „die sich um ein lebensnahes Bild Steiners bemühen“. Diese „Fundgrube“ zeigt das völkische Denken Steiners deutlich auf.

Solche Ideen scheinen die heutigen Anthroposophinnen und Anthroposophen allerdings nicht zu stören. Wie sonst sollte man erklären, dass die Erinnerungen immer wieder neu aufgelegt und in der aktuellen Ausgabe der „Erziehungskunst“ beworben werden, damit möglichst viele Waldorfpädagoginnen und Pädagogen sowie irgendwelche anderen Fans der Anthroposophie, sich ein „lebensnahes Bild“ über den Gründer der Waldorfschulen verschaffen können.

Eine Kritik an dem völkischen Wahn wird man weder im Buch, noch in der „Erziehungskunst“ entdecken, die das Machwerk des Friedrich Rittelmeyer bewirbt. Bis heute scheint die überwiegende Mehrheit der Anthroposophinnen und Anthroposophen kein Problem mit Steiners „Liebe zum Deutschtum“ oder den Theorien Friedrich Rittelmeyers zu haben. Wie sollen sie auch den Wahn erkennen, den sie selbst noch teilen.

Quelle für alle Rittelmeyer-Zitate: „Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner“. Urachhaus Verlag. Stuttgart. 1970. Seite 52 ff.

Die Potter Verschwörung

Wer glaubte, dass es sich bei den Romanen und Filmen der Harry Potter-Reihe um harmlose Produkte handelt, wird durch den iranischen Sender „Irinn TV“ eines besseren belehrt. Dort bekommen die Zuschauer_innen eine ganz andere, antisemitische Deutung der erfolgreichen Filme zu sehen. Harry Potter sei Teil des „zionistischen Plans“, sagt der iranische Filmkritiker Sa‘id Mostaghasi in der Sendung. Die antisemitische Deutung der harmlosen Zaubereien in Hogwards, macht aus den Filmen und Büchern „zionistische Propaganda“Memri-TV veröffentlichte einen Auschnitt dieser antisemitischen Hetze, die es an dieser Stelle zu sehen gibt.

Klebebandstrafe

Die Waldorfschulen geben sich gerne weltoffen. Offensiv wird mit einer Erziehung zur Freiheit, ganz ohne Noten, geworben. Die Schulen berufen sich auf die Lehren Rudolf Steiners, der eine reaktionäre Ideologie entwickelte, die alle Bereiche des menschlichen Lebens umfasst: Zum Beispiel eine besondere Form Landwirtschaft, bei der die Bauern des Nachts mit Scheiße gefüllte Kuhhörner verbuddeln, aber auch besondere Form der Pädagogik, die an Waldorfschulen praktiziert wird.

Nach Rudolf Steiner, der den Unterricht als „religiöse Tat“, als eine „Art Gottesdienst“ aufgebaut haben wollte, bei der der Lehrer als Führerfigur agiert, sind andere Menschen in seine theoretischen Fußstapfen getreten. Da wäre zum Beispiel der Waldorf-Theoretiker Erich Gra­bert, dessen Buch von der „Stra­fe in der Selbst­er­zie­hung und in der Er­zie­hung des Kin­des“, bei Waldorflehrer_innen durchaus verbreitet ist und 1998 in einer überarbeiteten Version auf den Markt gebracht wurde. Im Original werden körperliche Strafen wie Backpfeifen als „wort­lo­se, di­rek­te Ak­ti­on“ verkauft, die gegenüber einer „Predigt“ ihre „ent­schei­den­den Vor­zü­ge“ hätten: „Es kann also durch­aus Not­wen­dig­kei­ten geben für kör­per­li­che Stra­fen“, lautet ein Fazit Graberts. Auch in der überarbeiteten Version von 1998 werden körperliche Strafen nicht generell ausgeschlossen, allerdings wird dazu geraten, auf subtilere Formen der Bestrafung zurückzugreifen, denn der „Schmerz, wie beim Schlag, bei der Ohrfeige, kommt wohl in den seltensten Fällen wirklich in Betracht“.

Wie solch subtilere Formen der Bestrafung von unliebsamen Schüler_innen aussehen kann, zeigte wiederum der Waldorflehrer Helmut Meisenburg im Jahr 2006 an der Waldorfschule in Berlin Kreuzberg. Um „Ruhe und Disziplin in die Truppe“ zu bringen, griff er zu einem anderen Mittel, um seine Schüler_innen zu disziplinieren. Er griff zum Klebeband und klebte den zu bestrafenden Schüler_innen den Mund zu. Meisenburg „holte (…) eine Rolle Kreppband hervor und einige der lautesten ‚Schätzer‘ holten sich gleich freiwillig ein Mundpflaster ab“. Vielleicht ist das eine der subtileren Formen der Strafe, die zustande kommen kann, weil Waldorflehrer_innen seit 1998 geraten wird, nur in den „seltensten Fällen“ mit einem „Schlag, einer Ohrfeige“ zu strafen.