Kategorie: Musik

Mutation

Der deutsche Rapper „Derbst One” machte in der Vergangenheit durch die Huldigung eines Selbstmordattentäters und durch ein Lob des Josef Stalin auf sich aufmerksam. Im Lied „Zaid” schilderte der Nachwuchsreimer die Geschichte des „Zaid”, der „voller Stolz den Tod Turban wie Aladin” trägt und„Falestine” schreiend den Tod sucht. In anderen Liedern ging es um „Antideutsche” und„Sozialdemokraten”, die der reimende Schreibtischtäter am liebsten „ins Grab schicken” wollte.

Dabei mixte „Derbst One” krude Arbeiterromantik mit noch kruderem Anti-Imperialismus. Hinzu kam ein Faible für militärische Reime: „Wir treten jetzt an, Arbeitersöhne stehen jetzt stramm”, hieß es in einem Lied. Diese politische Positionierung prädestinierte den Nachwuchsrapper für einige Auftritte auf den Festivals der Organisation, die ebenfalls einer deartigen Arbeitertümelei verfallen ist. „Derbst One” durfte auf dem ein oder anderen Festival der „Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend” (SDAJ) auftreten. Außerdem ermöglichten einige andere linksdeutsche Gruppe „Derbst One” ebenfalls einen Auftritt. Hier durfte der Rapper seine Lieder zum Besten geben, in denen er gegen „halblinkes Verrätertum” ansang, das er in „Antideutschen” und „Sozialdemokraten” personifiziert sah.

Diese Zeiten scheinen nun vorbei zu sein, auch wenn sich die Inhalte des deutschen Rappers kaum geändert haben. Doch für die angestrebte Karriere scheint der Nachwuchsrapper auf allzu offene Lenin und Stalin Huldigungen und auf Auftritte bei Stalin-Freaks und Lenin-Jüngern verzichten zu müssen. Seit etwas mehr als einem Monat inszeniert sich „Derbst One” nicht mehr als Sozialist. Schließlich hat er nun einen Vertrag beim Label „Ruhrpott Illegal” unterzeichnet und bereits zwei Videos veröffentlicht. In einer ersten Ansage possiert der Rapper nun vor einem Mercedes-Benz, was bei alten Fans für Unmut sorgte, die außerdem die alten Lieder vermissen, die der Rapper eiligst entfernte.

Außer dem allzu offenen Verzicht auf stalinistische Platitüden hat sich allerdings nicht viel geändert. In einer ersten Ansage wird der Nachwuchsreimer als „kampfbereiter Assassine” inszeniert, der „dem Dreck jetzt ein Ende” bereiten möchte. Die militaristisch angehauchten Reime erinnern ebenfalls an den früheren „Derbst One”: Während er vormals „Arbeitersöhne” aufmarschieren lassen wollte, sind es nun seine Label-Kameraden, die als Armee dienen sollen:

Geht aus dem Weg, die Armee rückt an. Ruhrpott Illegal, wir übernehmen das Land. Tretet an, steht stramm, salutiert, 4,5, wir sind bereit in den Kampf zu marschieren.

So heißt es in einem ersten Lied, in dem auch allerlei Missbrauchsphantasien zu hören sind. In einem weiteren Lied ist ganz verschwörungsidelogisch von einer kleinen Gruppe die Rede, die die Menschen als Zahlen missbraucht.

Derartige Thesen sind nicht nur in Hip-Hop-Deutschland durchaus mehrheitsfähig. Ebenso mehrheitsfähig dürfte die Liebe für allerlei regressive Bewegungen und Regime sein, mit denen sich „Derbst One” nach wie vor solidarisiert. In einem Interview mit „Backspin.TV” bezieht sich „Derbst One” daher auf die „Occupy-Bewegung” und warnt vor einem Krieg gegen den Iran. Allzu viel hat sich also nicht geändert. Allerdings dürfte „Derbst One” nun ein breiteres Publikum erreichen. Während er vorher auf den Festivals kleiner linker Jugendverbände zu hören war, dürften nun auch Auftritte in einem größeren Rahmen möglich sein.

Interview zur Bandbreite

An dieser Stelle ein Interview, das ich in dieser Woche mit Radio Corax geführt habe. Dieses Mal geht es um die verschwörungsideologische Band „Die Bandbreite”. Im Interview gehe ich auf die Inhalte und die verschiedenen Auftritte der Band ein, die den Soundtrack für „Truther” und „Infokrieger” produziert. Außerdem geht es um das Lob von Nazis und andere Antisemiten und um ein Interview der Band, das diese einem antisemitischen Internetsender gab.

Reichsbandbreite

Am Donnerstag, den 26.07.2012 zeigte der Spartensender ZDF Neo einen weiteren Teil seiner Reihe „Wild Germany”. Diesmal ging es nicht um Metal, Crystal-Meth oder Satanismus, sondern um das Milieu der selbsternannten „Reichsbürger”. Diese glauben tatsächlich, dass das „Deutsche Reich” bis heute existiert. Sie haben zahlreiche Pseudo-Institutionen geschaffen.

Es gibt verschiedene „Reichskanzler” und„Reichsregierungen”, die miteinander konkurrieren. Sie versorgen ihre Anhänger_innen mit Ausweisen, Nummernschildern und anderen Devotionalien. Diese Pseudo-Dokumente können zum Beispiel über eine „Reichsmeldestelle” beantragt werden. Ein „Reichspersonenausweis” kostet 50 Euro, ebensoviel wird für einen „Reichsführerschein” verlangt.

Die Ideologie der Fans des „Deutschen Reiches” wirkt auch auf weite Teile der Verschwörungsszene. Hier gibt es eine wechselseitige ideologische Übereinstimmung. Inbesondere die Behauptung, dass es sich bei der Bundesrepublik Deutschland in Wirklichkeit nur um eine Firma der Alliierten handeln würde, erfreut auch „Truther” und „Infokrieger”, die sich ansonsten mit der Umdeutung des 11. September, der angeblichen Macht der Rothschild-Familie oder mysteriösen Erdbebenwaffen befassen.

Dort ist die Phrase von der „BRD-GmbH” außerordentlich weit verbreitet. So reimt der Verschwörungsrapper „Guantana Mohr” in seinem Lied „Besatzungsmächte Raus“ über die „BRD-GmbH”. Auf zahlreichen Internetseiten der „Infokrieger” wird der Mythos von der „BRD-GmbH” ebenfalls beworben.

Der Reporter Manuel Möglich besuchte nun für den Spartensender des ZDF verschiedene „Reichsbürger” und ließ sie in seiner Dokumentation ausführlich zu Wort kommen. Er interviewte „Reichskanzler” Norbert Schittke und zukünftige „Reichsbürger”. Außerdem besuchte er einige Veranstaltungen, auf denen die „Reichsbürger” ihre krude, deutsche Ideologie vorstellten.

Einer dieser Besuche führte Möglich in eine Werbeveranstaltung der „Exilregierung Deutsches Reich”. Dort informierte Alexander Schlowak, der als„Innenminister der Exil Regierung des Deutschen Reiches” in Erscheinung tritt, über seine Kleinst-Organisation. Der „Reichsbürger”, der in Berlin „auf dem Gebiet der Finanzdienstleistung und dem Versicherungswesen” tätig ist , eröffnete seinen Vortrag mit einem Lied, das zur Hymne zahlreicher Verschwörungsfans geworden ist.

„Was ist los in diesem Land” stammt von der verschwörungsideologischen Band „Die Bandbreite”. Das Lied zeichnet sich nicht nur durch einen positiven Bezug auf Deutschland aus, das von „Banken und Bonzen”kaputtgemacht werden würde, sondern stilisiert dieses wahnsinnig gefährliche Land auch noch zum„Vasallen der USA”. Im Video zum Lied ist eine Dose Zyklon B zu sehen: Währenddessen reimt die Band über einen „Völkermord” in Afghanistan. Auf diese Weise wird die industrielle Vernichtung der Jüdinnen und Juden verharmlost und die Singularität der Shoa in Frage gestellt. Politiker werden als „verhurte Volksvertreter” bezeichnet, während im weinerlichen, moralisierenden Tonfall von „Mama” gejammert wird:

Ich seh’ mich um in meinem Land, Mama weiß nicht mehr wie es weitergeht.

Kein Wunder, dass sich auch Nazis für das Lied der Band begeistern. Es sind nicht nur die „Reichsbürger” der „Exilregierung Deutsches Reich”, sondern auch die Nazis der NPD, die die Band in den höchsten Tönen loben.

Sie würde beim „mu­si­zie­ren in­ter­es­san­te und auf­schluß­rei­che welt­an­schau­li­che Ele­men­te“ auf­grei­fen, heißt es in einem Werbeartikel der NPD-Hamburg. Die sächsische Landtagsabgeordnete Gitte Schüssler veröffentlichte ebenfalls Werbung. Ge­ne­rell würde die Band „sehr viele in­ter­es­san­te In­for­ma­tio­nen ver­packt (…) in ein­gän­gi­gen Me­lo­di­en“ bieten, hieß es dort. Die antisemitische Nazi-Seite„Altermedia” bewarb wiederum einige Videos der Band. Die rechte Wochenzeitung Junge Freiheitveröffentlichte ebenfalls einen Jubelartikel.

Während sich alte und neue Nazis für die Band begeistern, scheint dieser das Lob von ganz, ganz Rechts eher peinlich zu sein. Die Huldigungen aus der Nazi-Szene wurden bisher dezent verschwiegen. Nach der ZDF-Sendung bequemten sich die Verschwörungsbarden allerdings zu einer halbherzigen Distanzierung:„Mit dieser Gruppe haben wir nichts zu tun, gesschweige denn wissen wir überhaupt, was sie tun und wer sie sind”, schreibt die Band auf ihrer Facebook-Seite.

Die Frage, warum sich Nazis für die Lieder der Band begeistern, wurde dort selbstverständlich nicht beantwortet. Schließlich ignoriert die Band die ideologischen Übereinstimmungen, die dazu führen, dass auch ein „Reichsbürger” die Lieder der Band zur Werbung für das „Deutsche Reich” benutzen kann. Prompt meldeten sich auch die Fans der Band zu Wort, die ebenfalls dem Wahn von der „BRD-GmbH” verfallen sind. Ein Groupie schreibt zum Beispiel auf der Facebook-Pinnwand der Band:

fakt ist aber das deutschland besetzt und nicht souverän so wie kein friedensvertrag hat (…). ausserdem ist der BRD wirglich nur eine GmbH.

Die Band sollte sich über ihre Fans nicht wundern. Schließlich produziert sie Musik, die nicht nur Verschwörungsgläubige, sondern auch Nazis begeistern kann. Sie haben mit ihren Inhalten die rechten Geister gerufen, die sie nun nicht mehr loswerden. Diese Band hat nach wie vor genau die Fans, die sie verdient.

Camp der Verschwörungsfans

Zum dritten Mal mobilisieren verschiedene Verschwörungsideologen in die deutsche Provinz. Am 17. August 2012 werden sie für das Wochenende nach Völpke reisen. Es handelt sich um eine beschauliche Gemeinde in Sachsen-Anhalt, dort kommen die Verschwörungsfans seit mittlerweile drei Jahren zusammen, um an einem „völlig entspannten Gedankenaustausch” teilzunehmen.

Das Szenetreffen der Verschwörungsfans dient der internen Stabilisierung und Vernetzung. Die selbsternannten „Truther” und „Infokrieger” zelten, schießen mit Pfeil und Bogen und musizieren am Lagerfeuer. Außerdem konsumieren sie Verschwörungsideologie, „Spanferkel (…), Lamm, Putenschnitzel sowie Würstchen in etlichen Ausführungen”. Vegetarier dürfen sich ebenfalls an Verschwörungsmythen aber auch am Saltbuffet erfreuen, der Veranstalter verspricht, dass auch sie „auf Ihre Kosten kommen”. Das Zeltlager der Verschwörungsfans wurde auf den Namen „Truthcamp” getauft,

In den vergangenen Jahren wurde das Camp vor allem durch Jens Blecker organisiert, der auf den Spitznamen „Cheffe” hört. Er betreibt die Internetseite „IK-News”, mit der er zahlreiche Verschwörungsmythen kolportiert. Fast harmlos erscheint eine Umdeutung einer Kennedy-Rede, die in Verschwörungskreisen erstaunlich beliebt ist, obwohl es sich um eine offensichtliche Umdeutung handelt.

Auf „IK-News” wird aber auch, in einem anti-amerikanischen Jargon, vor der angeblichen „amerikanischen Hegemonialkrankheit” gewarnt. Als Urheber macht man eine „kleine Hochfinanzkaste” aus. Es seien die „beiden Familienclans Rothschild und Rockefeller”, die „noch über die Erde” verfügen würden. Diese werden als „Brut” bezeichnet, die USA sei die „Brutstätte dieser negativen Kräfte”. Mit diesen antisemitischen Konstruktionen begeistert die Internetseite „Truther” und „Infokrieger”, die ebenfalls diesem Wahn erlegen sind.

Die Causa Günter Grass erfüllte den Unmut der „Infokrieger” von „IK-News”. In der Pseudo-Kritik vieler Medien, die die Form, aber nicht den Inhalt des neuesten Pamphlet des greisen SS-Veterans kritisierten, wollten Blecker gar eine „Hetzkampagne” erkannt haben. Als einen Urheber machte „Cheffe” Henryk M. Broder und den Zentralrat der Juden aus. Der Autor würde „sein Gift (…) verspritzen”, gemeinsam würde man eine „gesellschaftlich vernichtende Keule” schwingen. Die Deutschen seien „mit der Schuld unserer Vor-Vorfahren überladen” worden.

Es sind Inhalte, die in dieser Form auch auf zahlreichen nationalsozialistischen Internetseiten zu finden sind. Der Betreiber der Internetseite „IK-News” verharmlost allerdings auch die industrielle Vernichtung der Jüdinnen und Juden. Schließlich behauptet er, dass „sich etliche schwerer Verbrechen schuldig gemacht” hätten und verweist auf die „Verfolgung der Indianer”.

Kein Wunder, dass auch die Kommentatoren dieser Internetseite zahlreiche antisemitische Äußerungen hinterlassen. Einige Zeit wurde im Forum zur Internetseite die „Protokolle der Weisen von Zion” beworben, es handelt sich um eines der schlimmsten antisemitischen Pamphlete, auf das sich NSDAP-Kader und andere Antisemiten bezogen.

Jens „Cheffe” Blecker ist nicht nur für solche Inhalte, sondern auch für das „Truth-Camp” verantwortlich. Der Einzelhandelskaufmann aus dem niedersächsischen Helmstedt hat die Internetseite zum verschwörungsideologischen Stelldichein angemeldet. Er bewirbt das Zeltlager der Verschwörungsfans auf „IK-News”.

In diesem Jahr hat sich Blecker allerdings ein wenig aus den Vorbereitungen zurückgezogen. Er plant die dauerhafte Ausreise nach Kanada und hat auch so „sehr viel um die Ohren”. Daher hat er einen Großteil der Planung in diesem Jahr einem verschwörungsideologischen Kameraden überlassen.

Es handelt sich Christian B., der die Internetseite„Lotus-Online” betreibt und im niedersächsischen Landkreis Cuxhaven lebt. Auf „Lotos-Online” finden sich ganz ähnliche Inhalte wie auf den Internetseiten des Jens„Cheffe” Blecker. Dort wird verschwörungsideologisch vor Handys und W-LAN-Netzen gewarnt, durch die Gehirntumore entstehen würden.

Ansonsten selektiert Christian B. gerne Jüdinnen und Juden. Es gibt zum Beispiel einen Artikel über „kritische Juden”, die Israel mit Verachtung begegnen. Natürlich möchte Christian B. kein Antisemit sein, schließlich konstruiert er eine „Machtelite”, „die eben nicht ausschließlich jüdisch geprägt ist”. Diese sei „eine Bedrohung für die freie Welt”.

Selbstverständlich sind es auch hier die üblichen Verdächtigen, die von deutschen Verschwörungsideologen bevorzugt herangezogen werden. Christian B. empfiehlt zum Beispiel den antisemitischen Propaganda-Film „Endgame”, der vor „Elite-Banker-Familien wie den Rothschilds” warnt.

Christian B. und Jens Blecker sind nicht nur Brüder im Geiste, sondern auch die Organisatoren des diesjährigen „Truth-Camps”. Für etwas mehr als 30 Euro dürfen die geneigten Verschwörungsfans am Szene-Treffen teilnehmen. Dort gibt es dann nicht nur Vorträge verschiedener Verschwörungsideologen zu hören, sondern auch den Soundtrack zum Verschwörungswahn: „An den Musikacts ändert sich nichts. Es sind wieder Kilez More und Die Bandbreite eingeladen”, kündigt Christian B. im Internet-Forum zur Veranstaltung an. Während „Die Bandbreite” das Milieu mit vergleichsweise seichten Reimen versorgt und zum Beispiel die Ereignisse des 11. September 2001 umdeutet,  hat „Kilez More” mehrere Lieder im Repertoire, die den Organisatoren und Verschwörungsfans ganz besonders gut gefallen dürften.

Der Wiener inszeniert sich als „Infokrieger im Informationskrieg” und warnt vor einer angeblichen „Weltregierung”. Paranoiderweise glaubt dieser Deutschrapper, dass „sie” dafür „Internet verbieten” wollen und dass „wir” tagtäglich „vergiftet” werden. Außerdem fragt sich der reimende Verschwörungsideologe, was „die Spasten” denken, die angeblich an der „Spitze der Pyramide” stehen.

Diese Frage beantwortet sich „More” mit einem Track, den er „Seitenwechsel” genannt hat. Dort schlüpft er in die Rolle eines angeblichen „Illuminaten”, der mit seine „Logenbrüdern” die Welt beherrschen würde:„Ich bin wieder mal Stolz auf den Krieg für mein Volk”, heißt es hier. Das Video zum Lied hat „More” mit einer Foto-Aneinanderreihung unterlegt. Dort wurde unter anderem ein Bild der nationalsozialistischen Organisation „Bund für echte Demokratie” (BfeD) verwendet. Andere Bilder zeigen einen hakennasigen „Illuminaten”, das Logo das israelischen Geheimdienstes Mossad oder den Teufel. Bei derartigen Inhalten sollte die Dauereinladung des Deutschrappers nicht verwundern. Er wird mit der „Bandbreite” für die musikalische Untermahlung der verschwörungsideologischen Zusammenkunft sorgen.

Zwischen dem 17. und dem 20. August 2012 wird ein Teil der Verschwörungsszene also in Völpke zusammenkommen, um dort für das Wochenende die Zelte aufzuschlagen. Dann wird man den Tiraden der ideologischen Vordenker lauschen. Gemeinsam wird man am Lagerfeuer musizieren und das ein oder andere Schwein vertilgen. Dort darf dann sicherlich auch über „die Rothschilds” und die angebliche„Weltregierung” debattiert werden.

Der reimende Redakteur

Jungredakteur Amin Bettal ist beim Bezahlsender Sky Deutschland  angestellt, in seiner Freizeit produziert der Reporter als „Amin Tsunami” allerdings deutschen Verschwörungsrap der übleren Sorte:

Die Bundesrepublik Deutshland ist ‘ne GmbH. Was steht auf deinem Pass? Wir sind das Personal.

So reimt der Reporter in seinem Lied „Setz die Erde in Brand”. Mit derartigen Zeilen über den angeblichen Zustand der Bundesrepublik, die im Verschwörungsmilieu und insbesondere in der Szene der rechten „Reichsbürger” als Firma der Alliierten dargestellt wird, sorgt der Reporter für Begeisterung bei den Fans des „Deutschen Reichs”.

Seinen Künstlernamen – „Amin Tsunami” — hat der Bettal mit Bedacht und einer gewissen Menschenfeindlichkeit ausgewählt.

„Der Natur tut ein Tsunami aber gar nicht weh. Da hat er sogar eher etwas Reinigendes.

So zitiert ihn der Kölner Stadt Anzeiger, der den „sympathischen Rapper” in einem Jubelartikel feiert.

Der Sportjournalist Bettal, der den antisemitischen Autoproduzenten Henry Ford als Vorbild nennt, hat es als Rapper „Amin Tsunami” im Milieu der „Truther” und „Infokrieger” zu einem gewissen Bekanntheitsgrad gebracht und mehrere Alben für die Szene produziert.

Hier mischen sich verschwörungsideologische Texte mit Endzeitphantasien: „Setz die Erde in Brand und übergieße sie mit Benzin”, heißt es in seinem bekanntesten Lied. In dem offiziellen YouTube–Video sind zahlreiche schwarz-rot-goldene Fahnen und das Deutsche Reich in den Grenzen von 1939 zu sehen. In seinen Liedern offenbart der „Jungredakteur” seine innige Liebe zur deutschen Nation:

Ich liebe die Menschen in diesem Land, ich liebe dieses Land.

In seinen Liedern finden sich zahlreiche verschwörungsideologische Konstruktionen und völkische Propaganda, die auch bei Nazis auf Gegenliebe stoßen: „Ihr nimmt uns unsere Kultur, nennt das dann Integration”, reimt der Rapper in dem Lied „Setz die Erde in Brand”, das auf zahlreichen Internetseiten der Verschwörungsszene zu finden ist und im Nazi-Lexikon „Metapedia” beworben wird. Es wurde wohl auch daher, zur Freude des Rappers, „schon knapp 1.000.000 Mal angeschaut”.

In diesem Lied wird kein verschwörungsideologisches Klischee ausgelassen. Als „wahrhaftige Herrscher” werden der amerikanische Geheimdienst CIA und einige Think-Tanks ausgemacht. „Wacht auf”, fordert der Verschwörungsrapper:

Unser Staat ist nicht souverän! (…) Chemtrails verpesten unsere Luft! (…) Die BRD ist eine GmbH!.

Es handelt sich um ein irrationale Konstrukte, für die die Verschwörungsszene der „Truther” und „Infokrieger” bekannt ist. Mit seinen Liedern, die bei YouTube zu finden sind, bewirbt der „Jungredakteur” seine Alben, die man für wenige Euros erwerben kann.

In den Videos zu den Songs wird im Palituch Propaganda betrieben. „Wir sind das Volk”, heißt es hier. Ansonsten produziert der „Jungredakteur” allerdings auch noch Lieder, die an den deutschen Rap-Diskurs anknüpfen: „Der Sommer ist da, der Himmel ist blau und es wimmelt nur so von spärlich bekleideten Frauen”, reimt „Amin Tsunami” in seinem Lied „Heute”, in dem zwar keine verschwörungsideologischen, dafür aber sexistische Zeilen zu hören sind.

Zu hören ist der Jungredakteur auch in einem Hörspiel, das sich an heranwachsende Fans des 1. FC Nürnbergs richtet. Hier durfte der Verschwörungsrapper, mit seinem zeitweiligen Arbeitskollegen Ulli Potofski, die Abenteuer des „Löwenclubs” vertonen. Den Verschwörungsrapper und den bekannten Sportjournalisten Potofski verbindet immerhin eine „Freundschaft”, die auf die gemeinsame Arbeit für ein Fußball-Bundesliga-Portal zurückgeht.

Mit seinen verschwörungsideologischen Zeilen empfiehlt sich der Jungredakteur allerdings eher für ganz andere Kollaborationen. Er ist auf dem „Wissen ist Macht”–Sampler zu hören, der vom Verschwörungsrapper „JFK” beworben und angekündigt wird.

Neben seiner Arbeit als Jungredakteur für den Pay-TV-Sender Sky Deutschland ist Amin Bettal also mehr als beschäftigt. Mit seinen verschwörungsideologischen Reimen dürfte er auch in Zukunft „Reichsbürger”, „Truther”und „Infokrieger” begeistern.

Nachfolger des Makss Damage

Makss Damage lautet der Name eines deutschen Rappers, der mit kruden Texten für Begeisterung sorgte:„Ich leite Giftgas in Siedlungen, die jüdisch sind”, hatte Makss Damage zur Freude seiner Anhänger_innen gegrölt.

„Tötet diese antideutschen Hurensöhne”, lautete der Titel eines Liedes, mit dem unverhohlene Vernichtungsphantasien geäußert wurden. Der deutsche Rapper durfte trotzdem auf Veranstaltungen der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ), dem Wurmfortsatz der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), auftreten. Bereits damals war offensichtlich, dass es von seinen damaligen Positionen nur ein ganz kurzer Schritt zum Nazi wäre. Daran schienen sich seine Genoss_innen allerdings nicht zu stören.

Nachdem der anti-imperialistische Deutschrapper Makss Damage dann tatsächlich nach ganz, ganz Rechts wechselte, tauchten verschiedene anti-imperialistische Deutschrapper auf, die sich reichlich Mühe gaben, in die Fußstapfen des Antisemiten zu treten.

Da wäre beispielsweise „Derbst One”, der „„derbe pa­läs­ti­naso­li­da­ri­sche Kamp­fes­mu­sik“ veröffentlicht. Er be­ruft sich auf Marx, En­gels, Lenin, Sta­lin und ver­schie­de­ne Rap­per, wie zum Bei­spiel den se­xis­ti­schen Vor­zei­ge­proll Kool Savas. Mit seinem Lied „Zaid” glorifiziert er einen palästinensischen Selbstmordattentäter: „Diese Schwei­ne sind noch immer in sei­nem Land stationiert“, rappt er dort.

Mit dem Song wird die Ge­schich­te eines pa­läs­ti­nen­si­schen Selbst­mord­at­ten­tä­ters ge­schil­dert, der sich ge­zwun­gen sieht „end­lich in den Kampf zu zie­hen“. Vor­her trägt er „vol­ler Stolz den Tur­ban wie Ala­din“; dann macht er sich auf den Weg, um für „Pa­les­ti­ne“ mög­lichst viele Jü­din­nen und Juden zu er­mor­den: „Ma­ga­zin voll, Kopf rot, Pali an­ge­legt“, hul­digt „Derbst One“ dem Selbst­mord­at­ten­tä­ter. „Heute ist ein be­son­de­rer Tag, er wird aus die­ser Welt schei­den, doch er wird für immer ein Held blei­ben“, lau­tet das Fazit des Rappers, der sich auch an den Antisemiten der Hamas erfreut. Diese seien „einfach gute Kämpfer, die behilflich sein können uns näher ans Ziel zu bringen”.

In einem weiteren Lied, das kei­nen Titel be­sitzt, reimt „Derbst One“ in einer Art, die eben­falls an Makss Da­ma­ge er­in­nert: „Derbst One und Mojo, die bei­den ma­chen dich ka­putt. Kuck wie ich dir dum­men Bas­tard in die Fres­se spuck“. Ein an­de­rer Rap­per wird in die­sem mar­tia­li­schen Song als „Stri­cher“ und „lä­cher­li­cher klei­ner Homo“ be­zeich­net. Neben der an­ti­se­mi­ti­schen Glo­ri­fi­zie­rung des Selbst­mord­at­ten­tä­ters fin­den sich also auch ho­mo­pho­be Zei­len.

Dazu passt der unverhohlene Hass auf „Antideutsche”, für die „Makss Damage” ebenfalls berüchtigt war. Diese Menschen werden als „bourgeoise Hundesöhne”bezeichnet, die man „mit gutem Gewissen ins Grab schicken” könne. O-Ton „Derbst One”:

Wir machen keine Kompromisse mehr mit halblinkem Verrätertum, von den Antideutschen haben wir ja eh genug.

Mit derartigen Inhalten qualifizierte sich der Deutsch-Rapper für verschiedene Auftritte auf den Festivals der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend. „Derbst One” durfte im vergangenen Jahr auf einem „Pfingstcamp” und auf dem „UZ-Pressefest” auftreten. Nun kündigt die deutsche Arbeiterjugend seinen Auftritt auf dem „Festival der Jugend” in Köln an.

Seine homophoben und sexistischen Zeilen werden verständlicherweise verschwiegen: „Derbst One schafft es, Battle Rap mit sozialistischem Inhalt zu produzieren. Das ist nicht nur technisch gut, sondern fällt auch durch fehlende Menschen verachtung auf”, heißt es holprig auf der Internetseite des Jugendverbandes. Dort wird die Glorifizierung eines Selbstmordattentäters, der sich in die Luft sprengt, um möglichst viele Jüdinnen und Juden zu ermorden, als „Geschichte eines palästinensischen Mannes, der zum Märtyrer wird” gelobt.

Doch nicht nur „Derbst One” gibt sich reichlich Mühe, um sich als Nachfolger des Makss Damage zu qualifizieren. Da wäre beispielsweise das Rap-Projekt „EightFiveZero”, das ebenfalls auf den Spuren des Makss Damage wandelt. Die Lieder dieses Youtube-Projektes erfreuen sich bei linken Israel-Hasser_innen großer Beliebtheit. Schließlich heißt es dort:

BAK Shalom? Fuck Shalom, jeder einzelne für mich ein Hurensohn.

Mit homophoben Zeilen erfreut der Rapper seine Zielgruppe: „Antideutsche stehen Schlange und wollen es von hinten”, heißt es hier. „Erst in den Wandschrank, dann einen Kopfschuss”, fordert „EightFiveZero” in einem eindeutigen Jargon und appelliert an „Sozialisten, Stalinisten und Kommunisten”doch mal die Fäuste zu heben.

Mit derartigen Zeilen dürfte sich auch dieses deutsche Rap-Projekt, so wie es Makss Damage und „Derbst One” vorgemacht haben, für Auftritte auf den Veranstaltungen der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend qualifzieren.

Michael-Mythos

Michael Jackson lebt in Wanne-Eickel! Sollte er nicht mehr leben, wurde er ermordet! So funktionieren verschiedene Verschwörungsmythen, die nach dem Tod des „King of Pop” entstanden sind. Sie erinnern an die Mythen um den Tod des Elvis Pressley.

Wie Presley hätte Jackson seinen Tod nur vorgetäuscht oder sei durch Mafia, Illuminaten oder FBI ermordet worden. Michael Jackson würde nun irgendwo auf der Welt in seinem super-geheimen Domizil residieren. Seinen Tod hätte er in Wirklichkeit vorgespiegelt, der „King of Pop” sei auf diese Weise einer ruchlosen Industrie entkommen, die ihn zwingen wollte bis zum Tode zu musizieren, lautet die eine Variante des Verschwörungsmythos.

Verschiedene Jackson-Fans glauben tatsächlich, dass sie ihr Idol im örtlichen Supermarkt oder in der Tankstelle gesehen haben. Im Netz finden sich derartige Berichte, die auch mit gutem Willen wenig glaubhaft sind. Zahlreiche Internetseiten widmen sich diesem Thema.

Dort finden sich die Erlebnisberichte derer, die den „King of Pop” gesehen haben wollen. Außerdem gibt es verwackelte Handy-Fotos und schummrige Videos zu sehen, mit denen der Beweis für die wirkliche Wahrheit erbracht werden soll. Diese Verschwörungsfans sind sich sicher, Michael Jackson lebt und wurde an zahlreichen Orten auf dem ganzen Erdball gesichtet.

Eine Straße in Paris, ein Strand in der Südsee, ein Wohnzimmer in Dänemark, ein einsames Schloss in Schottland, eine Wohnung in Wanne-Eickel oder der Flughafen von Miami, Michael ist überall: Der King lebt.

Um diese abstruse Idee mit angeblichen Beweisen zu unterfüttern betreiben die Jackson-Fans, die dem Verschwörungswahn erlegen sind, noch abstrusere Zahlenspiele: Das Testament des Popstars wurde „am 07. Juli 2002 unterschrieben, exakt 7 Jahre vor der Trauerfeier”, heißt es auf der Internetseite „Michael Jackson Death Hoax Investigators”, die sich mit dem angeblich vorgetäuschten Tod beschäftigt. Mit derartigen Zahlen-Übereinstimmungen wird die Verschwörungstheorie gebastelt: „Mit Hilfe der Numerologie können die Zufälle sogar entlarvt werden”, erläutert ein Text auf auf der Internetseite. Dort wird mit Hilfe der Zahlenspielchen der Tod des Michael Jackson geleugnet.

Dies ist die eine Form des Verschwörungswahns, dem wohl nur diejenigen erliegen werden, die den Tod des Superstars nicht verkraftet haben. In der anderen Version, die eher von antisemitischen und antiamerikanischen Verschwörungsfans propagiert wird, ist Michael Jackson zwar verstorben, wurde aber durch eine Verschwörung ermordet.

Bereits kurz nach dem Tod des Popidols, am 25. Juni 2009, wurden die üblichen und üblen Verschwörungsmythen propagiert: FBI, CIA und Mossad oder Satanisten, Reptiloide und Illuminaten wurden für den Tod des Musikanten verantwortlich gemacht. „So war es bei Mölleman, so war es bei Haider, so war es bei Michael Jackson”, jammerte ein deutscher Antisemit in einem Internetforum und vermutete eine Aktion des israelischen Geheimdienstes Mossad.

Die Verschwörungswebsite „Zeitenschrift” machte ebenfalls geheimnisvolle Geheimdienste verantwortlich: „Michael Jackson habe in einer außergerichtlichen Vereinbarung dem Sohn des Königs von Bahrain, Scheich Abdullah bin Hamad al-Khalifa garantiert, seine ausverkauften fünfzig Londoner Konzerte als eine Plattform zu benutzen, um die Welt vor einem bald stattfindenden Massen-Genozid zu warnen”, heißt es hier in der Begründung.

Befeuert wurden derartige Mythen durch verschiedene Interviews, die die Mitglieder des Jackson-Clans gegeben hatten. Vater Joe Jackson sagte beispielsweise: „Ich glaube, es war Mord”. Die Schwester Latoya war sich ebenfalls sicher: „Ich weiß, wer es getan hat! Und ich gebe keine Ruhe, bis ich sie fest genagelt habe“.

Derartige Zitate wurden und werden genutzt, um die Verschwörungsmythen zu untermauern. Zwar meinte die Familie wohl eher den Leibarzt des Musikanten, Doktor Conrad Murray, der am 8. Februar 2010 wegen fahrlässiger Tötung angeklagt und am 7. November 2011 von der Jury schuldig gesprochen wurde, doch solche Details interessieren die Verschwörungsfans bestenfalls am Rande. Sie ignorieren die zahlreichen Stellungnahme der Jackson-Familie. So veröffentlichte La Toya Jackson nach dem Urteil einen „Victory”–Tweet, Joe Jackson sprach davon, dass „der Gerechtigkeit endlich Genüge getan” wurde.

Doch derartige Fakten werden ignoriert. Dafür schwafeln die Fans der angeblichen Verschwörung um Michael Jackson lieber von einem geheimen Plan, den sie durchschaut haben wollen. „Viele Künstler wie Tupac, Bob Marley, Michael Jackson und so viele andere sind einfach nur Marionetten, um die Leute mit Illuminati Gedankengut gehirnzuwaschen. Die Künstler, die das nicht mehr mitmachen wollen und aus dieser Maschinerie ausbrechen wollen, werden beseitigt”, behauptet eine Verschwörungswebsite der „Infokrieger”.

Ganz ähnliche Verschwörungsmythen propagiert auch ein Autor, der das Pseudonym „Ares Einstein” gewählt hat. Er hat bisher vier Bücher zum Thema verfasst, die in einem rumänischen Kleinstverlag erschienen sind. „Einstein” vertreibt seine Machwerke über einen Online-Shop und Amazon. Er scheint mit dem Tod des „King of Pop” gute Geschäfte zu machen.

In seinem Buch „Der Michael Jackson Code”, das tatsächlich in der Schrift „Comic Sans MS” layoutet wurde, behauptet „Einstein”, dass der Tod des Popidols „kein versehen oder die Tat eines einzelnen” war, „sondern ein gezielt geplanter Mordkomplott”. Für „Ares Einstein” sind angebliche Illuminaten, die die Welt beherrschen würden, für den Tod des Popidols verantwortlich.

Diese hätten Jackson absichtlich mit den Hautkrankheiten Lupus und Vitiligo angesteckt. Letztendlich hätten sie ihn bestialisch ermordet. Quellen und Belege bleibt „Einstein” verständlicherweise schuldig, dafür bedient er sich fast wortwörtlich aus den Texten zahlreicher Internetseiten und Foren, in denen ähnliche Behauptungen zu finden sind.

In seinem Buch „Geheimes Leben, Geheimer Mord – der Mord an Michael Jackson“ macht er „sowohl Geheimdienste als auch einflussreiche Personen des öffentlichen Lebens” für den „Jackson-Mordkomplott” verantwortlich. Der Verkauf dieser Machwerke wird durch gezielt gestreute Mythen befeuert. So sei ein Buch durch einen „Generalstaatsanwalt Marius Hinze” zensiert worden, heißt es in einem Jammer-Bericht. Trotz der angeblichen „Zensur” wird das Buch allerdings weiterhin über verschiedene Versandhandel und Webshops vertrieben.

Wahrscheinlich handelt sich um eine Zensur-Legende, die ins Leben gerufen wurde, um den Verkauf anzukurbeln. Den geheimnisvollen „Generalstaatsanwalt Marius Hinze” scheint es ebenso wenig zu geben wie das angebliche Gerichtsurteil. Doch es geht noch dreister: „Ich habe eindeutige Morddrohungen des Mafia-Clans Casalesi erhalten”, behauptet „Einstein”. Die angeblichen Hintermänner des „Mordes an Michael Jackson” wollen „den Autor der beiden Geheimreporte mit einem Todesbefehl für immer zum Schweigen bringen”, heißt es auf einer Internetseite, über die die Bücher des Autoren vertrieben werden, die zwischen zwanzig und dreißig Euro kosten.

Vom Tod des Michael Jackson profitiert also auch die Verschwörungsindustrie, diesmal in Person des „Ares Einstein”. Daneben existieren zahlreiche Verschwörungsmythen, mit denen der CIA oder gar der Mossad verantwortlich gemacht wird. Außerdem dürfen diejenigen, die den Tod des Popidols nicht verwunden haben, weiterhin durch krude Erlebnisberichte auf sich aufmerksam machen, die von der regen Gemeinde der Jackson-Truther aufgegriffen werden. Der frühe Tod des Michael Jackson ist der Stoff für moderne Verschwörungsmythen. In diesem Sinne lebt Michael Jackson tatsächlich. Zwar nicht in Wanne-Eickel, dafür aber in den Verschwörungsmythen im Internet und in den merkwürdigen Machwerken eines Verschwörungsautoren.

Aufruf des Verschwörungsrappers

Die verschwörungsideologische Band „Die Bandbreite” machte in der vergangenen Woche durch einen kuriosen Videoaufruf auf sich aufmerksam, indem sie dazu aufrief, zwei unliebsame Dozenten der FH Düsseldorf aus dem Amt zu mobben.

In dem zwölf Minuten langen Video redet sich der Sänger der Band, der Duisburger Marcel „Wojna” Wojnarowicz, in Rage. „Sie bestrafen Dissidenten”, jammert der Sänger. In seinem ausgiebigen Monolog kritisiert er den Umgang mit seiner Band und stilisiert sich und seine Anhänger_innen zu Opfern fieser Machenschaften.

„Ich könnte es euch nicht verübeln, wenn ihr den Rücktritt der beiden Dozenten fordert”, drängt der Sänger der Band seine Fans. Im Video wird eine E-Mail-Adresse der FH Düsseldorf gleich mehrmals eingeblendet.

Zuvor waren in einem Hochschul-Seminar namens „Musik des Widerstandes” die Inhalte und Aussagen der Band durch zwei Studentinnen thematisiert worden. Diese hatten sich mit der verschwörungsideologischen „Wahrheitsbewegung” befasst, die verschiedene historische Ereignisse umdeutet. Die Band „Die Bandbreite” liefert den Soundtrack zu den populären Verschwörungsmythen dieser selbsternannten „Bewegung”.

Das Referat, das letztendlich schriftlich ausgearbeitet wurde, beschäftigt sich mit der „Musik der Wahrheitsbewegung”, kolportiert aber allem Verschwörungsideologie. Es handelt sich um ein Werbepapier für die Band und ihre Inhalte. Diese würde „melodischen HipHop, Pop und Rock” produzieren und inhaltlich „eine Fülle von Informationen” liefern, heißt es in der Ausarbeitung.

Der 11. September sei „Selbst Gemacht” gewesen lautet eine These der Band, in einem anderen Lied wird die Behauptung aufgestellt, dass der israelische Geheimdienst Mossad über die Anschläge in London informiert gewesen wäre und diese Informationen nicht weitergetragen hätte. Für weitere Ereignisse, wie den japanischen Angriff auf Pearl Harbour, macht die Band amerikanische Institutionen verantwortlich.

Im Intro der neuesten CD, „Reflexion”, ist die anti-feministische Ikone Eva Herman zu hören, die — in den mittlerweile eingestellten verschwörungsideologischen Kopp-Nachrichten – einen Aufmarsch des Verschwörungsmilieus bewarb, an dem auch die Band beteiligt war. In einem Lied auf dieser CD wird die Behauptung aufgestellt, dass die Immunschwächekrankheit AIDS in einem Labor entstanden sei, um die„Ausrottung der Afrikaner” zu betreiben. Es handele sich um „sexistische, antisemitische und NS-relativierende Songtexte”, kritisieren antifaschistische Gruppen.

Die Band verpackt derartige Verschwörungsmythen in sich nicht immer reimende Reime, um sie dort vorzutragen, wo derartige Thesen gerne gehört werden. So zum Beispiel im vergangenen Jahr auf einer Veranstaltung gegen die Bilderberger-Konferenz, der Verschwörungsideologen eine unglaubliche Macht nachsagen. Dort hielten Politiker der rechtspopulistischen Schweizer Volkspartei die inhaltlicheren Reden.

Gegen Ende des Jahres 2011 stellte der Sänger der Band, Marcel Wojnarowicz, seine Lieder in dem Online-Radio „Wake News” vor. Der Betreiber behauptet auf der Internetseite des Online-Senders unter anderem, dass die Mitglieder der englischen Königsfamilie und Kate Middleton Juden seien. „Gibt es hier wie­der so eine Art In­zucht-​Hoch­zeit bluts­ver­wand­ter See­len“, heißt es in einem unverhohlenen antisemitischen Jargon auf der Internetseite des Online-Radios, dem der Sänger der Band „Die Bandbreite” zum Interview zur Verfügung stand.

Dort findet sich die Behauptung, dass die Bundesrepublik lediglich eine „GmbH” der Alliierten darstellen würde. „Deut­sches Volk in Knecht­schaft und Er­zwin­gungs­haft“, heißt es hier. Es handelt sich um einen beliebten Mythos der Verschwörungsszene. Das Spektrum der rechten  „Reichsbürger” versucht auf diese Weise die Staatlichkeit der Bundesrepublik in Frage zu stellen, um die Fortexistenz des „Deutschen Reiches” zu beweisen. Außer dem Sänger der Band „Die Bandbreite” finden sich zahlreiche Propagandist_innen dieser Theorie, die dem Online-Sender gerne ein Interview geben.

Doch von derartigen Tatsachen war in dem Seminar nichts zu hören. Stattdessen hatten die beiden Studentinnen ein vollkommen unkritisches Interview mit dem Sänger der Band, Marcel „Wojna” Wojnaorwicz geführt und wollten ganze elf Songs und Songausschnitte der Band präsentieren. Bei dieser Werbeveranstaltung für die Band „Die Bandbreite” kam es daher zu durchaus verständlicher Kritik durch andere Kommiliton_innen. Die vortragenden Studentinnen wurden aufgefordert, ihr Referat in schriftlicher Form einzureichen.

Es handele sich um eine „brilliante Hausarbeit”, behauptet der Sänger in seinem Anklage-Video. Dieses ist entstanden, weil die schriftliche Ausarbeitung negativ bewertet wurde. „Ein absoluter Witz”, ruft der Sänger wütend in die Kamera. Die Ausarbeitung wurde zeitgleich auf der Internetseite der Band veröffentlicht.

Diese Arbeit stellt eine unverhohlene Werbung für die Ideologie der Verschwörungsszene dar. Hier werden die Internetseiten der „Wahrheitsbewegung”, zur Werbung für die „Wahrheitsbewegung”, herangezogen. Als Quelle dient unter anderem die strukturell antisemitische Internetseite „Alles Schall und Rauch”, die nationalistische Verschwörungsplattform „Infokrieg.tv” und die Theorien der Gruppe „Arbeiterfotografie”, die anlässlich des Erdbebens von Japan von einer geheimen Erdbebenwaffe träumte.

Eine weitere Quelle sind die Thesen des Elias Davidsson, der in der Vergangenheit auf einer Veranstaltung der rechten Burschenschaft „Nor­man­nia-​Nie­be­lun­gen” auftrat. „Ich bin radikaler Antisemit und stolz darauf”, schreibt Davidsson in einem aktuellen Bekenntnis. Außerdem wird sich auf den Verschwörungsideologen Alex Jones berufen, der sich als „frei­heits­lie­ben­der pa­trio­ti­scher Ver­fech­ter der kon­sti­tu­tio­nel­len Re­pu­blik der Ver­ei­nig­ten Staa­ten” versteht. Jones möchte gegen die „kommunistischen Banken” vorgehen und ruft zur Vereinigung von Occupy– und Tea Party-Bewegung auf.

In der Arbeit finden sich zahlreiche formelle Fehler und methodische Mängel. So werden die Namen verschiedener Verschwörungsideologen und Institutionen falsch geschrieben. In einem Fall verweist die Quellenangabe lediglich auf eine Antwort-E-Mail eines Verschwörungsideologen. „Angegeben wurden dabei nur die Betreffzeile und die Uhrzeit der Versendung. Allein dieses Quellenverzeichnis wäre bei den meisten DozentInnen wohl ein Grund für eine schlechte Benotung”, heißt es in einem Artikel der „Bochumer Stadt– und Studierendenzeitung”.

Doch mit derartigen Fakten möchte sich die Band nicht befassen. Sie inszeniert sich und ihre Anhänger_innen als Opfer fieser Machenschaften und ruft zur Kampagne auf. Es sollen „E-Mails und Beschwerden„verschickt werden: „Es besteht eine Vergleichbarkeit zur Situation im Dritten Reich”, wütet ein „Arbeitskreis Spiritualität & Therapie” prompt in einem Brandbrief. Nun droht droht sogar ein kleiner Aufmarsch der „Bandbreite”–Groupies. „Spätestens, wenn wir die erste Demo vor der FH starten, wird man uns anhören”, schreibt die Band auf ihrer Facebook-Seite. Vielleicht wird also ein wütender „Wojna” Wojnarowicz mit einigen Fans vor der FH Düsseldorf protestieren.

Marsch der 0,00005 Prozent

Die Occupy-Demonstration in Berlin ging fast reibungslos über die Bühne. Etwa eintausend Menschen marschierten durch die Bundeshauptstadt. Damit waren es deutlich weniger Demonstrant_innen als im Jahr 2011, als noch mehrere tausend Menschen demonstrierten. Der Marsch im neuen Jahr wurde durch die üblichen Verdächtigen geprägt. Ein bunt-braunes Spektrum, von Hippies über Verschwörungsfans bis zu antisemitischen Aktivist_innen, beteiligte sich am Marsch der Occupy-Bewegung, für den diese mehrere Monate mobilisiert hatte.

Innerhalb der Demonstration wurden Flugblätter des „Zeitgeist-Movements” verteilt, das auf die strukturell antisemitischen Verschwörungsfilmchen zurückgeht. Einige Aktivisten der Gruppe „Berlin gegen den Krieg” bewarben die Verschwörungsdokumentation des Frieder Wagner, der in der Vergangenheit beispielsweise mit dem Querfrontler Jürgen Elsässer auf einer Veranstaltung aufgetreten ist. Der Anthroposoph Holger Niederhausen verteilte Flyer, in denen seine neuesten esoterischen Machwerke beworben wurden: „Ist die Schwelle des Todes überwindbar”, hieß es hier. Außerdem gab es verschiedene Transparente zu bestaunen, auf denen die Parole „Liebe” abgebildet war.

Des Weiteren waren die üblichen Forderungen auf Pappschildern zu lesen: Die deutschen Wutbürger protestierten gegen „Banken”, „Zinsen”, „Finanz-Mafia-Böcke” und „Dekadenz”, forderten eine Neuuntersuchung der Ereignisse des 11. Septembers 2001 und die Freiheit für den mutmaßlichen Vergewaltiger Julian Assange. Außerdem gab es buntere Schilder, auf denen anti-amerikanische Grafiken zu sehen waren.

Ein Schild zeigte beispielsweise einen Fantastilliadär à la Dagobert Duck. Dieser war in eine amerikanische Flagge gehüllt und sprang in seinen Geldspeicher.  Mit einem anderen Schild klagte eine Demonstrantin: „Wir sind die Verwaisten des amerikanischen Traumes”. Am Ende des Demonstrationszuges posierten die Aktivist_innen der antisemitischen „Bürgerrechtsbewegung Solidarität” (BÜSO) mit einem riesigen Transparent, um vor dem angeblich beginnenden Dritten Weltkrieg zu warnen.

Die Occupy-Aktivst_innen hatten im Vorfeld des Marsches über eine Einladung der verschwörungsideologischen Band „Die Bandbreite” debattiert. Nach internen Debatten, bei denen eine absolute Minderheit gegen den drohenden Auftritt protestiert hatte, hatte ein Aktivist – der selber üblen verschwörungsideologischen Deutschrap produziert — behauptet, dass er der Band „leider keine Zusage von Occupy Berlin für einen Auftritt am 15. Januar” geben könne. Wahrscheinlich wurde diese Erklärung, die der Aktivist über die Occupy-Internetseite „Alex11” veröffentlichte, allerdings nur verfasst, um die erhitzten Gemüter zu beruhigen.

Kurz nachdem die Wutbürger ihren Marsch durch Berlin begonnen hatten, erklangen schließlich die ersten Töne des Liedes „Was ist los in diesem Land”, das von der Band „Die Bandbreite” stammt. Im Video zu diesem Song singt der Frontmann Marcel Wojnarowicz über einen„Völkermord” in Afghanistan, währenddessen ist eine Flasche Zyklon B zu sehen, das die Nazis nutzten, um die industrielle Vernichtung der Jüdinnen und Juden durchzuführen. Mit derartigen Gleichsetzungen betreibt „Die Bandbreite” eine ungeheure Verharmlosung der Shoa.

Auf dem neuesten Album, das „Reflexion” heißt, geht es auch um die verschwörungsideologische Verklärung der Krankheit AIDS. Im Intro zum Album ist die reaktionäre Anti-Feministin Eva Herman zu hören, die eine Demonstration bewirbt, an der die Band beteiligt war. Antifaschistische Kritiker_innen wie das „Dortmunder Antifa Bündnis” (DAB) warfen der Band in der Vergangenheit „sexistische, antisemitische und NS-relativierende Songtexte” vor. Doch auf dem Marsch der „Occupy-Bewegung” aus Berlin wurde die Band begeistert gefeiert.

So wagte sich der Sänger nach dem ersten Lied auch aus dem Lautsprecherwagen, um Gesicht zu zeigen und sich von den Demonstrant_innen bejubeln zu lassen, die zu den gruseligen Beats der Band tanzten.

Als drei vereinzelte Occupy-Anhänger_innen verbalen Protest artikulierten ließ Frontmann Wojnarowicz abstimmen. Seine Fans grölten begeistert, als er die Frage stellte, ob er noch ein weiteres Lied performen sollte. Es handelte sich um das Lied „Selbst Gemacht”, mit dem die Band die Frage stellt, ob verschiedene Ereignisse in Wirklichkeit durch amerikanische Institutionen begangen wurden. Die vereinzelten Kritiker_innen wurden übergangen, vom viel gerühmten Konsens-Prinzip, dem sich die Occupy-Bewegung angeblich verschrieben hat, war hier nichts zu bemerken.

Im Lied „Selbst Gemacht” wird die rhetorische Frage gestellt, ob die amerikanischen Institutionen „eigene Leute” während des japanischen Angriff auf Pearl Harbour „geopfert” hätten. Außerdem geht es um die Ereignisse des 11. Septembers, die ebenfalls verschwörungsideologisch verklärt werden. Der Song wurde begeistert beklatscht.

Vielleicht zeigt der Auftritt der Band, die bereits eine Demonstration in Frankfurt beschallt hatte, die politischen Positionierung der Occupy-Bewegung auf. Statt Gesellschaftskritik zu betreiben, werden hier verschiedene Verschwörungsmythen propagiert. Die Teilnehmer_innen imaginierten sich als die 99 Prozent, denen die 1 Prozent gegenübergestellt werden, die angeblich die Welt beherrschen. Kein Wunder, dass die verschwörungsideologischen Deutschrapper der Band „Die Bandbreite” auf derartigen Aktionen begeistert gefeiert werden. Es bleibt abzuwarten, an welcher Occupy-Aktion sich die Verschwörungsband das nächste Mal beteiligen wird.