Maulwurfsarbeit

Für die Aufsatzsammlung „Maulwurfsarbeit II” habe ich einen längeren Text über das Verschwörungsdenken in der deutschen Linken verfasst. Dort finden sich zahlreiche lesenswerte Texte, etwa von Bini Adamczak, Olaf Kistenmacher und Thorsten Mense. Die Sammlung kann auf den Seiten der Rosa Luxemburg Stiftung heruntergeladen werden.

[…] Mit der vorliegenden Aufsatzsammlung wollen wir unser Veranstaltungsprogramm dokumentieren, das wir in Kooperation mit der Rosa Luxemburg Initiative Bremen als Abendveranstaltungen, Tages– oder Wochenendseminare durchgeführt haben. Diese sehen wir als Teil praktischer Theorie gegen zerstörte Illusionen an und als unsere Form des „where everything is bad it must be good to know the worst“. Mit dieser Aufsatzsammlung schließen wir an unsere beiden vorigen an; in der Form eher an die verschiedene Aspekte beleuchtende „Maulwurfsarbeit“ als an die im monographischen Stil zusammengestellte „Staatsfragen“. Dass wir in den Veranstaltungen und in den Aufsatzsammlungen unterschiedliche Problembereiche behandeln, begründet sich dadurch, dass an allen gesellschaftlichen Phänomenen Abdrücke herrschaftsförmiger Vergesellschaftung zeigen und daher auch überall dort thematisiert werden müssen. Es geht also um den angestrebten Überblick in erdrückender gesellschaftlichen Totalität. […]

Moritz Zeiler und Oliver Barth, Gruppe «associazione delle talpe», Bremen

Untergangsmythen

Am 14. April 1912 streifte das zum damaligen Zeitpunkt größte Passagierschiff der Welt einen Eisberg und versank im Atlantik. Etwa 1500 Menschen fanden den Tod. Schnell wurde der die Titanic zum Handlungsort zahlreicher Spielfilme und Romane.

Bereits im Jahr des Untergangs entstand der Stummfilm „Saved from Titanic“, in dem Dorothy Gibson, die den Untergang überlebt hatte, die Hauptrolle übernahm. In den Jahrzehnten nach dem Untergang erschienen Spielfilme, Dokumentationen, Sachbücher und Sensationsromane.

Einiges wurde hundertjährigen Jubiläum erneut auf den Markt gebrach. Noch einmal durfte sich Jack Dawson in James Camerons Kinofilm zum „König der Welt“ machen. Noch einmal versank die Titanic in diesem romantischen Kitschspektakel in den eisigen Fluten. Wer noch nicht genug hat kann die zahlreichen Ausstellungen begutachten, Dokumentationen auf N24 anschauen, Computerspiele spielen und Bücher verschlingen, die sich mit dem Untergang des Schiffes befassen und in denen oftmals an die Herzen gehenden Geschichten verbreitet werden.

Die Katastrophe ist aber auch eine Grundlage für verschiedene Mythen, die bereits kurz nach dem Untergang verbreitet wurden und die zum hundertjährigen Jubiläum eine Renaissance erleben dürfen. Bereits kurz nach dem Unglück wollte der ehemalige Seemann Peter Pryal den Kapitän der Titanic, Edward John Smith, gleich zweimal auf den Straßen Baltimores entdeckt haben, obwohl er doch mit dem Ozeanriesen untergegangen war.

Zur Freude der Klatschpresse stellte Pryal auf diese Weise den Tod auf der Titanic in Frage. Die damaligen Revolverblätter verbreiteten dieses Märchen nur zu gerne. Sie betrieben einen Scheckbuchjournalismus und kauften die kruden Geschichten von vermeintlichen Zeugen ein, die für ihre Behauptungen gut bezahlt wurden. Wenn keine Zeugen aufzutreiben waren, wurden einfach Geschichten erfunden. So verbreiteten sich Mythen und Märchen, die bis heute bekannt sind.

Der deutsche Doktor Friedrich Carl Quitzrau, der auf dem Schiff Mount Temple nach Kanada reiste, behauptete zum Beispiel, dass dieses Schiff der Titanic nicht zu Hilfe geeilt sei und stattdessen mit abgedunkelten Lichtern das Sterben beobachtet hätte. Die zeitgenössische Presse griff diese Behauptungen auf und Quitzrau hatte seinen kurzweiligen Zeitungsruhm.

Ernest Gill, ein Seemann von der Californian, verkaufte sich wiederum an die Bostoner Presse und behauptete, man habe von diesem Schiff den Untergang der Titanic beobachtet, ohne zu Hilfe zu eilen. Für etwas mehr als eine handvoll Dollar und ein wenig Ruhm schienen diese vermeintlichen Zeugen zu jeder Behauptung bereit zu sein. Hinzu kamen Falschmeldungen über unglaubliche Reichtümer und über angebliche Geschwindigkeitsrekorde, die durch verschiedene Presseagenturen verbreitet wurden und in die damaligen Spielfilme zum Untergang einflossen, mit denen auch antisemitische, anti-amerikanische und anti-britische Propaganda betrieben wurde.

In dem nationalsozialistischen Propagandafilm „Titanic“, der im Jahr 1943 gedreht wurde, wird der Untergang auf das Wirken der „Börsenspekulanten“ zurückgeführt, die die Titanic in ein Eismeer rasen lassen. „Das Geld ist der einzige Wert, an den ich glaube“, sagt der amerikanische Industrielle John Jacob Astor dort. Der Film, der auf einen vor, während und nach dem  Nationalsozialismus populären Sensationsroman des Autoren Josef Pelz von Felinau zurückgeht, sah sich derweil als „ewige Anklage gegen Englands Gewinnsucht“.

In diesem Machwerk agierte der deutsche Held Petersen gegen die angebliche „Weltordnung“ der„Spekulanten“. Der Nazi-Film, für den die Deutschen nach Kriegsende anstanden, verbreite einige Mythen, die sich bis heute großer Beliebtheit erfreuen: So wird dort zum Beispiel die Behauptung aufgestellt, dass die Titanic die schnellstmögliche Überquerung des Atlantiks zum Ziel gehabt hätte, um das imaginäre „Blaue Band“ zu gewinnen. Dabei war das schon aus technischen Gründen nicht möglich. Die Titanic hätte niemals die Geschwindigkeit erreichen können, die dafür notwendig gewesen wäre.

Später gingen allerlei verschwörungsideologische Goldgräber mit ihren Mythen über die Titanic hausieren und bezeugten bevorzugt Geschichten, die der Vater oder der Großvater von einem mittlerweile verstorbenen Zeitzeugen erfahren haben sollte. So erlangte William Diebel seine zwei Minuten Fernsehruhm. Er munkelte im September 1987 in der Fernsehsendung „Return of the Titanic“, die von Telly „Kojak“ Savalas moderiert wurde, von einer Geschichte, die seinem Vater im ersten Weltkrieg zu Ohren gekommen war: „Er behauptete, dass die Titanic in Wirklichkeit nie einen Eisberg gerammt hat. In Wirklichkeit sank sie aufgrund einer Explosion“.

Verschwörungsideologen konstruieren mit derartigen Märchen nun den Mythos eines gigantischen Versicherungsbetrugs, der gerne auch mit gewaltigen Explosionen und einem angeblich nicht vorhandenen Eisberg angereichert wird. Für viele Verschwörungsgläubige ist die echte Titanic niemals untergegangen. Stattdessen wurde sie durch ihr Schwesterschiff, die beschädigte Olympic, ausgetauscht und versenkt. Der gigantische Versicherungsbetrug wird zumeist einer Person angelastet, der Besitzer des Firmen-Konglomerats war, das die Titanic produzierte.

Es handelt sich um den amerikanischen Bankier J.P. Morgan, der in seiner Zeit nicht nur hohe Profite realisierte, sondern auch zum bevorzugten Hassobjekt verschiedener Anti-Amerikaner avancierte, die sich über dessen Knollennase belustigten und ihm eine Allmacht nachsagten, die dieser in der Realität nie besaß. Eigentlich wollte Morgan mit der Titanic reisen, hatte diese Reise jedoch abgesagt und vergnügte sich lieber im französischen Aix-les-Bains mit seiner Geliebten. Für Verschwörungsgläubige ist dieses belanglose Ereignis ein Hinweis darauf, dass Morgan aus guten Gründen auf die Reise verzichtet hätte. Schließlich sei er an der angeblichen „Verschwörung“ beteiligt gewesen, der die Titanic zum Opfer fiel.

Derartige Mythen wurden durch Robin Gardiner und Dan van der Vat popularisiert, die mit ihren Büchern die „Geschichte eines gigantischen Versicherungsbetrugs“. erzählen wollten. Das Buch über die angebliche „Titanic-Verschwörung“ erschien 1996 im renommierten Goldmann-Verlag. Hier verbreiteten Gardiner und Van der Vat ihre „Verschwörungstheorie“, in dem sie allerlei Mythen mit technischen Details, Gesellschaftstratsch und historischen Fakten vermischten. Hinzu kamen die typischen Suggestivfragen, mit denen – wie so oft – die Existenz einer Verschwörung nahe gelegt wird. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass die Titanic in Wirklichkeit die beschädigte Olympic gewesen sein könnte. Die Eigner der Schiffe hätten einen „Austausch“ vorgenommen und die falsche Titanic  – mehr oder weniger bewusst – untergehen lassen.

Mit dieser Idee konnte auch ein anti-amerikanisches Ressentiment bedient werden. In den Büchern dieser Verschwörungsideologen wird der amerikanische Bankier Morgan als übermächtiger,„ausländischer Raubritter“ und „Hai“ gezeichnet, der seine angeblich „unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten“ eingesetzt hätte, um „Macht und Profit zu erlangen“. So bleiben die Fakten auf der Strecke. Zwar schildern Gardiner und van der Vat recht akkurat den Untergang und die daran anschließenden Untersuchungen, müssen aber verständlicherweise jeden Beweis für den vermeintlichen Versicherungsbetrug schuldig bleiben und sich auf Gerüchte über J.P. Morgan beschränken. Es bleibt bei Suggestivfragen und Mutmaßungen, mit denen die beiden Autoren jedoch ihren Teil dazu beigetragen haben, dass dieser Verschwörungsmythos über die Titanic bekannt wurde.

Verschiedene Verschwörungsideologen haben sich nach dieser Lektüre ausführlicher mit der Katastrophe befasst und die Werke ihrer Vorgänger benutzt, um ähnliche oder sogar noch waghalsigere Verschwörungsmythen zu propagieren. In diesem Jahr veröffentlichte beispielsweise Gerhard Wisnewski sein Buch über die angebliche Verschwörung, der er ein „Attentat“ auf die Titanic nachsagt. So gebührt ihm der zweifelhafte Verdienst, die Verschwörungsmythen seiner Vorgänger radikalisiert zu haben.

In seinem Buch beruft sich Wisnewski immer wieder auf seine geistigen Vorgänger, die in seinem Buch zu „Titanic-Experten“ mutieren. Der deutsche Verschwörungsideologe, der in diesem Jahr zur Privataudienz mit dem iranischen Holocaustleugner und Antisemiten Ahmadinedschad reiste, bietet gleich mehrere Erklärungsansätze, mit denen er den Untergang des Dampfers verklärt.

Doch zunächst beschäftigt Wisnewski sich mit seinem „liebsten Propagadafilm“. Gemeint ist die berühmte Titanic Verfilmung des John Cameron, der ihn und andere zum „Opfer einer ausgeklügelten Propagandaaktion“ gemacht hätte. Rose, deren fiktive Geschichte im Spielfilm zum Leben erweckt wird, sei „mit dem Nimbus einer Holocaustüberlebenden ausgestattet“, behauptet Wisnewski. Nun versucht Wisnewski den Beweis zu erbringen, dass dieser Spielkitschfilm nicht unbedingt auf historischen Fakten beruht. So möchte Wisnewski den Zweifel am Untergangshergang wecken. Auf eine ähnliche Weise nutzt er die Aquarelle des Künstlers Ken Marschall, auf denen er Beweise für seine wahnwitzigen Verschwörungsideen gefunden haben möchte.

Schnell ist eine erste Erklärung ausgebreitet, die noch schneller durch eine weitere Erklärung ersetzt wird. In Wirklichkeit sei die Titanic im Rahmen eines „verdeckten Krieges“ zwischen England und den USA versenkt worden. Letztendlich geht es aber um einen noch perfideren Plan, bei dem mittels „Bombe im Bauch“eine „Explosion“ verübt wird, um die Titanic, die eigentlich die Olympic ist, „planmäßig absaufen“ zu lassen.

Dafür wurde die falsche Titanic durch einen „irren Kapitän“ in ein „Mienenfeld“ aus Eis gesteuert,  um die passende „Kulisse“ für das „’Massaker’ unter Amerikas reichsten Männern“ zu erzeugen. Währenddessen werden „die Passagiere bei einem fröhlichen Besäufnis abgefüllt“. Danach habe eine „schaurige Selektion” stattgefunden. Natürlich hat die „bewaffnete Bande“, mit Kapitän Smith als Anführer, in Wirklichkeit überlebt. Das ist die Kurzfassung des Märchens, das einem von Gerhard Wisnewski, auf mehr als 400 qualvoll zu lesenden Seiten, aufgetischt wird.

Dabei identifiziert Wisnewski auch Verantwortliche. Er präsentiert den üblichen Bösewicht, der jedoch nur einen Oberbösewicht repräsentiert. Wie so oft in der einschlägigen Verschwörungsliteratur, wird der Industrielle Morgan als „grausamer, angriffslustiger Finanzmann“ gezeichnet, der „Geld aus dem Nichts schaffen“ konnte, für die damaligen kapitalistischen Krisen verantwortlich gemacht wird und „jeden Knochen bis auf die Knochenhaut“ abnagt.

Mit seiner Version des Morgan-Mythos überschreitet Wisnewski, der mit seinen Machwerken bereits possierliche Mythen über den Unfalltod von Jörg Haider, die islamofaschistischen Angriffe des 11. September 2001 und die Mondlandung verbreitete, allerdings noch eine weitere Grenze. Schließlich möchte Wisnewski einen Hintermann ausgemacht haben, den er verantwortlich macht. Wisnewski kolportiert die Behauptung, dass Morgan nur der „US-Statthalter der Rothschilds gewesen“ sei und beruft sich in diesem Kontext auf den fanatischen Antisemiten Eustace Mullins, der Jüdinnen und Juden in schlimmster NS-Tradition als „Parasiten“ bezeichnete.

Um das Märchen vom „Attentat“ glaubwürdig erscheinen zu lassen, macht Wisnewski die Überlebenden unglaubwürdig, die von diesem angeblichen „Attentat“ nichts mitbekommen haben. Der eine Überlebende hätte an „selektiver Demenz“ gelitten, der andere sei betrunken gewesen, wieder andere hätten eventuell „Anweisungen“ bekommen. Sie hätten gelogen, sich „wie ertappte Verbrecher“ verhalten oder heißen Rosenbaum. Viele Erinnerungen von Überlebenden könne man „getrost ins Reich der Phantasie verweisen“, behauptet Wisnewski, der die Überlebenden unglaubwürdig machen muss, weil ihre Erinnerungen oftmals seinem Verschwörungskonstrukt vom „Attentat“ widersprechen.

Dafür werden die Märchen und die Geschichten, mit dem der ein oder andere Zeitgenosse nach dem Untergang der Titanic ein kleines bisschen Bekanntheit erlangen wollte, in aller Ausführlichkeit präsentiert. Außerdem dürfen die Märchenerzähler noch einmal eine Wiederauferstehung erleben. Ihre Geschichten, die sie vom Vater oder Großvater erfahren haben wollten, wurden bereits in Gardiners Buch und in den anderen Machwerken der Verschwörungsindustrie recycelt. Nun bedient sich Wisnewski, um den Mythos vom „Attentat” zu spinnen. Zusätzlich pickt Wisnewski ganz selektiv einige wenige Fakten heraus, die seinen Verklärungsansatz dienlich sind. Doch grundsätzlich werden diese Verschwörungsmythen zum Untergang der „Titanic“ durch die seriöse Forschung widerlegt.

Es ist der irrationale Glaube an die angebliche Weltverschwörung, der die Verschwörungsfans, die sich auf den Spuren ihrer Vorfahren bewegen, auch im Falle der Titanic begeistert. Der Untergang der Titanic ist, wie die Angriffe des 11. September 2001, nur ein Anlass, mit dem der Glaube an die Weltverschwörung belegt werden soll. Die Verschwörungsbücher zum Untergang können ein Baustein für die Verschwörungskonstrukte sein.

Daher werden weitere Filme und Bücher über den angeblichen Versicherungsbetrug oder das vermeintliche Attentat auf die Titanic produziert werden. In diesen Machwerken wird sich jedoch nur der Wahn offenbaren, der die alten Mythen aufs Neue reproduziert, um die vermeintlichen Verantwortlichen ins Fadenkreuz zu nehmen.

König von Deutschland

Zur Geisterstunde war es soweit. In Wittenberg gründete Peter Fitzek kurz nach Mitternacht sein eigenes kleines Königreich und ließ sich vor mehreren hundert Anhängern eine Krone aufsetzen. Diese hatten sich am Wochenende des 15. und 16. September versammelt, um die Gründung des „Königreich Deutschland“zu erleben, das die Bundesrepublik in kurzer Zeit ersetzen soll.

Peter Fitzek und seine Anhänger sind dem Milieu der „Reichsbürger“ zuzuordnen. Diese behaupten, dass die Bundesrepublik Deutschland lediglich eine Firma der Alliierten sei. Im Szenejargon ist hier von der „BRD-GmbH“ die Rede. Daher haben die zersplitterten „Reichsbürger“ verschiedene „Reichsregierungen“geschaffen, die sich in der Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches sehen. Die Finanzierung erfolgt über den Verkauf von Fantasie-Ausweisen, vermeintlichen Führerscheinen und angeblichen Nummernschildern. Die Träumer vom Reich werden unterdessen immer mal wieder auf den juristischen Boden der Tatsachen zurückgeholt. Autofahrer, die sich mit einem Führerschein des „Deutschen Reiches“ auswiesen, um einem Bußgeld zu entgehen, wurden wegen Urkundenfälschung und Fahrens ohne Fahrerlaubnis angezeigt und durften ganz reale Bußgelder bezahlen.

Bevor sich Peter Fitzek zum Herrscher seines Königreiches krönen ließ, hatte der umtriebige Agitator verschiedene Organisationen und Geschäfte gegründet. So entstand eine Parallelwelt in Wittenberg: Im Laden „Engelswelten“ wird allerhand esoterisches Klimbim verkauft. Nicht nur dort kann mit einer eigenen Währung, dem so genannten „Engelgeld“ gezahlt werden. Außerdem wurden eine Art Kranken– und Rentenkasse, sowie allerlei andere Institutionen geschaffen. In diesem Paralleluniversum gilt Peter Fitzek als ein von Gott gesandter Messias…

… den ganzen Artikel gibt es im Publikative-Blog.

Mutation

Der deutsche Rapper „Derbst One” machte in der Vergangenheit durch die Huldigung eines Selbstmordattentäters und durch ein Lob des Josef Stalin auf sich aufmerksam. Im Lied „Zaid” schilderte der Nachwuchsreimer die Geschichte des „Zaid”, der „voller Stolz den Tod Turban wie Aladin” trägt und„Falestine” schreiend den Tod sucht. In anderen Liedern ging es um „Antideutsche” und„Sozialdemokraten”, die der reimende Schreibtischtäter am liebsten „ins Grab schicken” wollte.

Dabei mixte „Derbst One” krude Arbeiterromantik mit noch kruderem Anti-Imperialismus. Hinzu kam ein Faible für militärische Reime: „Wir treten jetzt an, Arbeitersöhne stehen jetzt stramm”, hieß es in einem Lied. Diese politische Positionierung prädestinierte den Nachwuchsrapper für einige Auftritte auf den Festivals der Organisation, die ebenfalls einer deartigen Arbeitertümelei verfallen ist. „Derbst One” durfte auf dem ein oder anderen Festival der „Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend” (SDAJ) auftreten. Außerdem ermöglichten einige andere linksdeutsche Gruppe „Derbst One” ebenfalls einen Auftritt. Hier durfte der Rapper seine Lieder zum Besten geben, in denen er gegen „halblinkes Verrätertum” ansang, das er in „Antideutschen” und „Sozialdemokraten” personifiziert sah.

Diese Zeiten scheinen nun vorbei zu sein, auch wenn sich die Inhalte des deutschen Rappers kaum geändert haben. Doch für die angestrebte Karriere scheint der Nachwuchsrapper auf allzu offene Lenin und Stalin Huldigungen und auf Auftritte bei Stalin-Freaks und Lenin-Jüngern verzichten zu müssen. Seit etwas mehr als einem Monat inszeniert sich „Derbst One” nicht mehr als Sozialist. Schließlich hat er nun einen Vertrag beim Label „Ruhrpott Illegal” unterzeichnet und bereits zwei Videos veröffentlicht. In einer ersten Ansage possiert der Rapper nun vor einem Mercedes-Benz, was bei alten Fans für Unmut sorgte, die außerdem die alten Lieder vermissen, die der Rapper eiligst entfernte.

Außer dem allzu offenen Verzicht auf stalinistische Platitüden hat sich allerdings nicht viel geändert. In einer ersten Ansage wird der Nachwuchsreimer als „kampfbereiter Assassine” inszeniert, der „dem Dreck jetzt ein Ende” bereiten möchte. Die militaristisch angehauchten Reime erinnern ebenfalls an den früheren „Derbst One”: Während er vormals „Arbeitersöhne” aufmarschieren lassen wollte, sind es nun seine Label-Kameraden, die als Armee dienen sollen:

Geht aus dem Weg, die Armee rückt an. Ruhrpott Illegal, wir übernehmen das Land. Tretet an, steht stramm, salutiert, 4,5, wir sind bereit in den Kampf zu marschieren.

So heißt es in einem ersten Lied, in dem auch allerlei Missbrauchsphantasien zu hören sind. In einem weiteren Lied ist ganz verschwörungsidelogisch von einer kleinen Gruppe die Rede, die die Menschen als Zahlen missbraucht.

Derartige Thesen sind nicht nur in Hip-Hop-Deutschland durchaus mehrheitsfähig. Ebenso mehrheitsfähig dürfte die Liebe für allerlei regressive Bewegungen und Regime sein, mit denen sich „Derbst One” nach wie vor solidarisiert. In einem Interview mit „Backspin.TV” bezieht sich „Derbst One” daher auf die „Occupy-Bewegung” und warnt vor einem Krieg gegen den Iran. Allzu viel hat sich also nicht geändert. Allerdings dürfte „Derbst One” nun ein breiteres Publikum erreichen. Während er vorher auf den Festivals kleiner linker Jugendverbände zu hören war, dürften nun auch Auftritte in einem größeren Rahmen möglich sein.

Musikalische Ritualmordlegenden

In diesen herbstlichen Tagen brachten der deutsche Sänger Xavier Naidoo und der ebenso deutsche Rapper Kool Savas ein Album heraus. Die beiden bekannten Künstler firmieren dafür als XAVAS, um ihre Musik „in die Wohnzimmer der Deutschen zu bringen”.

Auf dem Album „Gespaltene Persönlichkeit” findet sich schnulzige Liebeslieder: „Der Glanz deiner Augen bringt Sterne zum staunen”, heißt es in einem Lied, der die beiden Sänger geradezu für einen Auftritt bei einem fröhlichen Fest der deutschen Volksmusikanten prädestiniert. Die erste Single, „Schau nicht mehr zurück”, ist derweil bei MTV und VIVA zu sehen. Es handelt sich um einen schmalzigen Track: „Man sollte sich vor gar nichts fürchten”, singt Xavier Naidoo, während sein Kompagnon Savas, der mit stumpfesten Sexismus bekannt wurde, ein paar Reime dazusteuert.

In einem anderen Track wird es christlich: „Satan weiche”, fordert Xavier Naidoo, während Savas vor der „Sünde” und vor „Luzifer” warnt. Die restlichen Tracks der beiden Sänger sind ebenso belanglos und lassen einen Gedanken traurige Realität werden: Wenn Heino und Christian Anders als Deutsch-Rapper in Erscheinung treten würden, muss sich das so anhören wie die Gesänge von Savas und Naidoo.

Eigentlich gibt es keinen weiteren Grund über diesen musikalischen Abgrund zu schreiben, wäre da nicht ein weiterer Titel, der auf dem Album versteckt ist. Es handelt sich um einen Verschwörungstrack, mit dem uralte Ritualmordlegenden ihre Wiederauferstehung feiern dürfen. Hier ist von satanischen Verschwörern die Rede, die „okkulte Rituale” betreiben und dabei kleine Kinder töten. So werden Verschwörungsmythen über einen satanischen Zusammenschluss propagiert, der auf vielen Internetseiten der Verschwörungsszene zu finden ist:

Okkulte Rituale besiegeln den Pakt mit der Macht, Teil einer Loge getarnt unter Anzug und Robe. Sie schreiben ihre eigenen Gebote.

So laute nur einige Zeilen des Liedes, das in den letzten Tagen sogar in der Tageszeitung Die Welt besprochen wurde. In dem Lied wird ansonsten von „Führern” und „Kämpfern” geträumt. Zusätzlich werden Gewaltphantasien geäußert:

Ich schneide euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, und dann ficke ich euch in den Arsch, so wie ihr es mit den Kleinen macht.

Es ist nicht das erste Mal, dass Xavier Naidoo Verschwörungsmythen besingt. In seinem Album „Alles kann besser werden”, das im Jahr 2009 erschienen ist, verpackte Naidoo verschiedene Verschwörungsmythen in ein Lied, das er auf den Namen „Goldwaagen” taufte. Hier re­pro­du­zierte Nai­doo be­kann­te Ver­schwö­rungs­mythen, vom 11. Sep­tem­ber 2001 bis zu den An­schlä­gen von Lon­don und Mad­rid:

9/11, Lon­don und Mad­rid, jeder weiß dass Al Qaida nur die CIA ist.

Das be­haup­tet Nai­doo in die­sem Song. „World Trade Cen­ter Nr. 7, warum ist von dem Ge­bäu­de nichts mehr übrig ge­blie­ben“, fragt er wei­ter. Hinzu kamen antiamerikanische und deutschnationale Texte, mit denen sich Xavier Naidoo ganz eindeutig positionierte.

Ebenso eindeutig war ein Interview im Morgenmagazin der ARD. Dort bezeichnete er die Bundesrepublik al s„be­setz­tes Land”, was von verschiedenen deutschnationalen Verschwörungsfans mit Begeisterung zur Kenntnis genommen wurde:

Deutsch­land hat noch kei­nen Frie­dens­ver­trag und ist dem­ent­spre­chend auch kein ech­tes Land und nicht frei.

Es ist außerdem nicht das erste Mal, das Naidoo von verschwundenen, missbrauchten und ermordeten Kindern singt. Im Jahr 2010 war er in einem Lied zu hören, das auf dem Album „Kopfdisco Olli” des Deutsch-Rappers Olli Banjo zu finden ist. Hier geht es ebenfalls um die Kinder. Naidoo möchte hier die angeblichen Verschwörer belauscht haben und dabei in „Erfahrung gebracht” haben, „was ihr so gerne macht. Hm, ihr fickt gern schwer verletzte Kinder”.

In dem Lied „Mein Weltbild” inszeniert sich Naidoo als„Freiheitskämpfer”. Dort werden die vermeintlichen Verschwörer ganz eindeutig benannt. Am Ende des Liedes brüllt Naidoo:

Bilderberger, wir kommen euch zu holen!

Es sind die typischen Verschwörungsmythen über das Bilderberger-Treffen, dem Verschwörungsgläubige eine unglaubliche Macht unterstellen. Verschwörungsmythen über dieses Treffen mixt Naidoo mit uralten Ritualmordlegenden, deren Aktualisierung er übernimmt. Schließlich wurden derartige Mythen bereits in den 70er und 80er Jahren durch den bekannten Verschwörungsideologen Ted Gunderson propagiert, der eine satanische Verschwörung der „Elite” konstruierte, denen er einen rituellen Kindesmissbrauch unterstellte. Vorher wurden derartige Ritualmordlegenden vor allem in antisemitischen Zusammenhängen propagiert.

Von diesen Ritalmordlegenden, die in eine eindeutigen Traditionslinie stehen, scheint Naidoo überzeugt zu seien. Dies wird auch durch ein Interview deutlich, das er im Jahr 2010 der verschwörungsideologischen Internetplattform „Nexworld” gab. Dort kann sich der geneigte Verschwörungsgläubige, nach Bezahlung von Gebühren, über Ufos, die „Klimalüge” und die Ereignisse des 11. September 2001 belehren lassen.

Naidoo sprach dort aber über die Themen, die ihm am Herzen liegen. „Meine großen Themen sind Dutroux –also der Fall Dutroux– und die vielen Sachen die in Deutschland im Gang sind”. Schließlich habe er eine„persönliche Beziehung” zu dem Fall, weil er „durch diese Ortschaft gefahren” ist, in der Dutroux lebte. In diesem Zusammenhang raunt Naidoo von „Spuren die bis hin ins belgische Königshaus führen” und von der STASI, die in den Fall involviert gewesen wäre. Es sei „egal wie viele tausende Jahre alt diese Rituale alt sein mögen”, geifert Naidoo dort:

Ich finde, sie müssen jetzt aufhören.

Daher sollte neueste Lied, mit dem Naidoo an die uralten Ritualmordlegenden anknüpft, nicht überraschen. Sicherlich wird er auch für diesen Song von vielen Verschwörungsgläubigen gefeiert werden. Vollkommen zurecht sehen „Truther” und andere Verschwörungsfans, die dem Glauben an die angebliche Weltverschwörung verfallen sind, in Naidoo einen Verbündeten, der ihre Mythen aufgreift und einem größeren Publikum zugänglich macht:

„Jeder ‘Verschwörungsthoeretiker’ sollte diese CD im Schrank haben”, schrieb daher ein Nutzer des verschwörungsideologischen Weblogs „Alles Schall und Rauch”. So bewirbt Naidoo also den ein oder anderen Verschwörungsmythos. Der ein oder andere Hörer wird sich sicherlich auf den einschlägigen Internetseiten über die angeblichen Hintergründe informieren, die von Naidoo besungen werden.

Mohammed-Verschwörung

Es war abzusehen, dass der Mohammed-Film nicht nur den mörderischen Hass von Islamisten, sondern auch die Phantasie verschiedener Verschwörungideologen erwecken würde.

Auf der verschwörungsideologischen Internetseite „Alles Schall und Rauch” kann sich der geneigte Verschwörungsgläubige daher nun nicht mehr nur über die angebliche Macht der Rothschilds, sondern auch über den Film und seine vermeintlichen Urheber informieren. Hier wird „eine grossangelegte Täuschung auf allen Seiten, welche die wirklichen Drahtzieher und Geldgeber tarnt” vermutet. Auf anderen, oftmals islamistischen Internetseiten, wurden deartige Verschwörungsmythen präzisiert. Mit dem Film solle „die durch das zionistische Regime ohnehin angespannte Situation zwischen Muslimen und Juden offensichtlich künstlich geschürt und verschärft werden”, hieß es auf einer entsprechenden Internetseite. Dort wurde die Lüge, von den einhundert Juden, die den Film finanziert hätten, verbreitet. Es handelt sich um eine Lüge, die auch durch größere Medien kolportiert wurde.

Bei derartigen Ereignissen inszenieren sich Verschwörungsgideologen als Kriminalisten. Sie spielen Sherlock Holmes und stellen die Frage, wem das jeweilige Verbrechen genützt hätte, um damit Rückschlüsse auf die vermeintlichen Täter zu ziehen.

Nach den antisemitischen Angriffen des 11. September 2001 konnte ein Heer aus Verschwörungsideologen auf diese Weise das Opfer zum Täter machen. Weil das Verbrechen angeblich den USA genutzt hätte, können nur eine inneramerikanische Verschwörung für die Taten verantwortlich sein, lautete der ideologische Trugschluss, der in Deutschland etwa durch Mathias Bröckers verbreitet wurde. Nach verschiedenen Erdbeben wurde ebenfalls jene kriminalistisch anmutende Frage gestellt, um der angeblichen amerikanischen oder gar israelischen Verschwörung nachzusagen, sie hätte — mittels mysteriöser Erdbebenwaffe — die Naturkatastrophe ausgelöst, um etwa einen ökonomischen Konkurrenten auszuschalten.

Nach dem Mohammed-Film spielen verschiedene Verschwörungsideologen und ihre Fans mal wieder Detektiv und stellten sich die Frage, wem denn der Mohammed-Film genützt hätte. Wie im Falle des 11. September 2001 munkeln sie nun von der großen Verschwörung, die für den Film und die Folgen verantwortlich sei: „Die Leute, die dort irgendwas machen, können von überall auf der Welt kommen und werden einfach von der CIA für ihren ‘Job’ bezahlt”, raunte ein Verschwörungsgläubiger in einem einschlägigen Forum, indem die Frage gestellt wurde, die Verschwörungsgläubige benutzten, um die vermeintlichen Täter zu benennen.

Während der ordinäre Verschwörungsideologe nur vorgibt, dass er auf der Suche nach vermeintlichen Hintermännern sei, steht der Täter doch von vornherein fest. So muss es nicht verwundern, dass Verschwörungsgläubige jedweder Couleur nun auch von Jüdinnen und Juden faseln, die sie für den Film verantwortlich machen wollen.

Doch die Frage, wem der Film genützt hätte, findet sich nicht nur auf den einschlägigen Internetseiten und in den Foren der „Truther” und „Infokrieger”, sondern auch auf der Seite eines großen deutschen Nachrichtenmagazins. Für den „Spiegel” spielte Jakob Augstein den Detektiv und stellte die Frage, mit der sich auch andere Verschwörungsideologen seit dem Erscheinen des Films befassen: „Wie bei allen Verbrechen muss man auch hier fragen: Wer profitiert davon”, behauptete Augstein, um im nächsten Satz diejenigen zu präsentieren, denen der Film genützt hätte. Für Augstein sind es „US-Republikaner und Israelis”.

Mit dieser Behauptung begab sich Augstein in die Reihe derer, die an der verschwörungsideologischen Umdeutung der Ereignisse arbeiten. Dabei stellte er außerdem die Frage, ob der Produzent des Filmes „in einem anderen Auftrag” gehandelt habe. Letztendlich beantwortet Augstein seine Fragen nicht. Diese Drecksarbeit überlässt er seinen Lesern und den einschlägigen Internetseiten der Verschwörungsindustrie.

Augstein bleibt beim „Gerücht über die Juden” (Adorno) und munkelt vom israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu, dem „die Bilder der wütenden Muslime mehr als gelegen” gekommen wären. So präsentiert er, wenn auch in Frageform, einen vermeintlichen Täter, während der Mob zum Opfer gemacht wird:

Die zornigen jungen Männer, die amerikanische (…) Flaggen verbrennen, sind ebenso Opfer wie die Toten von Bengasi und Sanaa.

Mit seinen Behauptungen wird Augstein die  antisemitischen Phantasien der Verschwörungsideologen befeuern, die auch in den kommenden Tagen daran arbeiten werden, das Bild einer Verschwörung zu entwerfen, die man für den Film und Folgen verantwortlich machen kann. Hier dürfte die gleiche Frage gestellt und eine ähnliche Antwort geliefert werden. Dabei wird sicherlich auch der Name Netanjahu fallen.

Vielleicht wird sich der ein oder andere Verschwörungsideologe dabei auf den Hobby-Detektiv Augstein berufen. Dessen Text zeigt allerdings deutlich auf, wie mehrheitsfähig derartige Verschwörungsmythen sind, zumindest wenn man Israelis oder Amerikaner verantwortlich machen kann.

Aufmarsch mit Grabkerzen

Am 15.09.2012 marschierten sie durch Berlin, um am Brandenburger Tor die Nacht mit Grabkerzen zu erhellen.  Im Vorfeld war die Demonstration unter anderem durch die verschwörungsideologische Band „Die Bandbreite”, durch die Linkspartei Abgeordnete Inge Höger und durch die esoterische Ikone  Nina Hagen beworben worden.

Auf dem Plakat, mit dem zum Aufmarsch mobilisiert wurde, prangte das Logo der nationalbolschewistischen Tageszeitung Junge Welt. Unterstützung gab es ebenfalls durch den Weblog „Heinrichsplatz.tv”, der auch die Ideen der rechten Reichsbürger bewirbt. Kritik war nicht erwünscht: Die Veranstalter jammerten, dass sie mit „Dreck beworfen” werden würden.

Letztendlich versammelten sich etwa 200 Esoteriker, Verschwörungsgläubige, Antisemiten und andere Gestalten, um für das, was sie als „Frieden” bezeichnen, auf die Straße zu gehen. Hier durften die Überreste der Occupy-Bewegung ihre Transparente und ihre Aktionsformen präsentieren: Gemeinsam wiederholte man die Sätze des Redners. Die Organisatoren, um den Verschwörungsideologen Heinrich Bücker, präsentierten derweil ihr Transparent, mit dem eine erneute Untersuchung des 11. September 2001 gefordert wird. Auf anderen Plakaten wurde man konkreter: „Ami go home”. Diese Manifestation des Antiamerikanismus wurde durch palästinensische Nationalfahnen ergänzt. Hinzu kamen völkische und verschwörungsideologische Phrasen.

Die Redner machten die USA sowohl für verschiedene Kriege als auch für verschiedene Terroranschläge verantwortlich. Heinrich Bücker bezeichnete die historischen Tatsachen des 11. September 2001 als „Lüge” und entlastete auf diese Weise die antisemitischen Täter. Hier berief er sich auf den „großen Teil der Bevölkerung in Deutschland”. Diese Entlastung der Täter des 11. September 2001 fand sich auch auf den Pappschildern. An einem Lautsprecherwagen war die Forderung nach einer „internationalen Untersuchung” zu lesen.

Vor dem Aufmarsch hatten die Organisatoren eine Dame namens Ellsa Rassbach als Rednerin angedroht, die in diesem Jahr den Marsch auf Jerusalem unterstützte, mit der verschiedene Antisemiten gegen eine „Judaisierung” der israelischen Hauptstadt vorgehen wollten. Kein Wunder, dass Rassbach aus ihre Gedanken kein Geheimnis macht: Sie bemüht dabei die Mythen vom Wasser, das den Palästinensern vorenthalten werden würde und bezeichnet die israelische Demokratie als „Apartheidstaat”. Daher fordert sie den Boykott des israelischen Staates und von Firmen, die mit israelischen Produkten Profite realisieren oder die in Israel produzieren. Daher kann man sich vorstellen, was für Inhalte von der anti-israelischen Aktivistin auf dem Marsch in Berlin vertreten wurden.

Eine weitere Rede wurde durch Elke Zwinge-Makamizile gehalten, die im vergangenen Jahr an der anti-israelischen „Flytilla” beteiligt war. Dieses Jahr reichte es immerhin für eine Reise auf die Burg Waldeck: Dort fotografierte die Aktivistin ein Festival deutscher Sozialisten. Die Fotos sind heute auf den Seiten der verschwörungsideologischen Gruppe „Arbeiterfotografie” zu finden, deren Aktivisten wiederum vor einiger Zeit den Holocaust-Leugner Mahmud Ahmadinedschad besuchten.

In ihrer Rede sprach Zwinge-Makamizile nicht von Ahmadinedschad, sondern wandte sich „gegen die unipolare Hegemonialmacht USA”, hinter der sie die „1 Prozent” verortete, die sie und ihresgleichen für alle vermeintlichen oder tatsächlichen Übel dieser Welt verantwortlich machen. Außerdem rief sie zur Solidarität mit dem Wikileaks-Guru Julian Assange auf. Am Ende ihrer Rede frohlockte die Aktivistin: „Widerstand ist der Völker-Recht”.

Es waren allerdings nicht nur die Redner, sondern auch die Musikanten, die für Stimmung sorgten, indem sie die verschwörungsideologische Umdeutung der kapitalistischen Totalität in Musik verpackten. Die Reimemonster der Band „Qult” inszenierten sich auch auf dem Aufmarsch als aufrechte Wutbürger, die „mit der Stimme eines Volkes” sprechen würden: „Ein Volk, eine Stimme” hieß es in einem Stück, das sicherlich zu den gruseligsten Produkten der deutschen Reim-Kultur zählt. Damit scheinen die Musikanten aus Freiburg den Versuch unternommen zu haben, das Wort „Volk” möglichst oft in ihren Reime zu benutzen, auf das sie sich immer wieder beziehen und als deren Sprecher sie auftreten. Die selbsternannten „Männer des Volkes”, die ansonsten auch mal ihre Mama besingen, beklagten in Berlin einen Werteverfall und begeisterten mit ihren Gesängen die Demonstranten, die „für den Frieden” auf die Straße gingen.

Mit verschwörungsideologischen Transparenten und Parolen zogen die „Männer des Volkes” durch Berlin-Mitte. Als es dunkel wurde hatte man das Brandenburger Tor erreicht. Dort entzündete man Grabkerzen und formte ein Friedenszeichen. Auf die Verschwörungsmythen folgte also Runen– und Lichtsymbolik im Herzen Berlins.

 

Behördenmythen

TATSACHE: Im Münchner Kreisverwaltungsreferat sitzen zwei Beamte, die nichts anders tun, als kriminellen Ausländern mit besonderer Schnelligkeit deutsche Pässe zu beschaffen. So bauen wir in Deutschland mannigfaltige kriminelle Szenen auf, die von der Regierung wahlweise benutzt werden können, notfalls auch gegen die eigene Bevölkerung.

Der Erfinder dieses Verschwörungsmythos ist kein NPD-Kader, auch wenn seine Verschwörungsmythen an deren Verschwörungsmythen zur Migration erinnern. Es handelt sich vielmehr um einen Vordenker der „Truther” und „Infokrieger”.

Der Verschwörungsideologe Christoph R. Hörstel, deutet nicht nur die Ereignisse des 11. September 2001 um, sondern ist auch eine der aktivsten Werbefiguren für das syrische Regime in Deutschland. Ob in der Tageszeitung Junge Welt, in den Sendungen des iranische Propaganda-Senders IRIB oder in den Videos der Occupy-Bewegung aus Berlin: Interviews mit dem Verschwörungsideologen sind überall dort zu sehen und zu lesen, wo die verschwörungsideologische Deutung verschiedener bewaffneter Konflikte gefragt ist.

Regelmäßig wird er vom ehemaligen Radiomoderatoren Ken Jebsen befragt, zwischendurch hält er Vorträge, zum Beispiel für die „Deutsch Syrische Gesellschaft” und für Stammtische der Verschwörungsszene.

Außerdem ist Hörstel ein gefragter Redner: In diesem Jahr sprach er zum Beispiel auf dem antisemitischen Al Quds-Marsch und auf einer Demonstration der Freunde des syrische Regimes, auf der Hörstel ein „Germany for the Germans” forderte.

Nun erfreut er seine Anhänger_innen mit dem Verschwörungsmythos über die Mitarbeiter einer Behörde in München. Von den rassistischen Zuständen, denen Menschen ohne deutschen Pass in derartigen Behörden ausgesetzt sind, schweigt der Demagoge.

Dafür meint Christoph R. Hörstel die Verschwörer zu kennen, die die beiden Beamten beauftragt haben, um möglichst viele „kriminelle Ausländer” nach Deutschland zu holen. Er raunt er über die ominösen ein Prozent, die „hier in Deutschland Krach zwischen den Menschen (…) inszenieren”. So einfach ist die Welt, zumindest für einen deutschnationalen Verschwörungsideologen.

Fahnenfest in Frankfurt

Am 1. September 2012 liefen zum „Weltfriedenstag” etwa 600 Menschen durch die Innenstadt der Stadt Frankfurt. Sie taten das nicht, um die Toten in Syrien zu betrauern oder um sich mit den marginalen emanzipatorischen Kräften zu solidarisieren, sondern um eine Partei zu bejubeln, die für das Schlachten verantwortlich ist.

Hier wurde der syrische Diktator Assad bejubelt. Die Schuld für das Morden verorteten die Organisatoren der Demonstration dafür in „ausländischen Terrorbanden”. Außerdem sorgte man sich um „antisyrische Lügenpropaganda und psychologische Kriegsführung von Massenmedien und Politikern”. Wichtig erschien auch noch eine weitere Forderung:

Keine deutschen Atom-U-Boote für Israel.

Im martialischen Aufruf wurde außerdem von der „Chance neuer Impulse, insbesondere für internationalistische, antiimperialistische Kräfte” geträumt. Das Plakat zeigte wiederum ein kreischendes und weinendes Kind.

Gemeinsam marschierte man im Fahnenmeer, bestehend aus türkischen, syrischen, russischen, kubanischen, venezuelanischen, deutschen und iranischen Nationalfahnen in allen Formen und Größen. Dieses nationalistische Fahnen-Potpourri wurde durch die Flagge der antisemitischen Hisbollah, deutsche Pace-Standarten und die Wimpel des „Deutschen Freidenker-Verbandes” angereichert.

Menschen, die sich mit Pali-Tüchern und Hisbollah-T-Shirts verunstaltet hatten, skandierten Parolen. Allgegenwärtig war das Porträt des syrischen Diktators Assad, der von den Jubelsyrern in die Lüfte gehalten und in den Himmel gelobt wurde.

Grundsätzlich hatte fast jeder Mensch seine eigene kleine Nationalfahne. Gemeinsam trug man große Nationalfahnen. Dazu wurden die passenden Transparente präsentiert, auf denen man dem Iran, Russland und China dankte. Eine „Antiimperialistische Aktion” forderte ein „grünes und sozialistisches Libyen” und schmückte ihr Transparent mit einer Ikonographie des verstorbenen Despoten Gaddafi. Außerdem beteiligten sich zwei „zwei Stadtverordnete der CDU” am Aufmarsch der Assad-Anhänger.

Aktivisten des „Deutschen Freidenker-Verbandes” schwenkten nicht nur eifrig Fahnen, sondern gehörten sogar zu den Organisatoren der Fahnen-Spiele von Frankfurt. Sie hatten den anderen Teil der Organisatoren auf einer Veranstaltung der Psycho-Sekte „Bund gegen Anpassung” kennengelernt, der mal wieder mit der kemalistischen Atatürk-Gesellschaft eine Filmveranstaltung organisierte.

Der „Bund gegen Anpassung”, um den Guru Fritz Erik Hoevels, träumte in den 80er Jahren von Zwangstätowierungen im Schambereich. Gezeichnet werden sollten die Menschen, die an der Immunschwächekrankheit AIDS erkrankt waren. In den 90er Jahren begeisterte man sich für Saddam Hussein. Nach dessen Sturz fürchtete man „die geplante Vernichtung Nordkoreas”. Heute begeistert man sich für den den syrischen Despoten, weil der Despot aus der libyschen Nachbarschaft, nicht mehr zur Verfügung steht.

Auf der Veranstaltung dieser obskuren Organisation lernten sich die Organisatoren der Demonstration kennen und gründeten bald darauf ein „Solidaritätskomitee”:

Dabei suchten und fanden Freidenker und andere den Kontakt zu jenen Migranten-Gruppen, die bereits (…) eine Demonstration für Syrien organisiert hatten.

Gemeinsam wollte man „mehrere tausend Deutsche und in Deutschland lebende Ausländer” auf die Straße bringen.

Im Vorfeld gründete man Facebook-Gruppen und gestaltete eine Internetseite. Außerdem erstellte man ein Flugblatt und ein erstes Plakat, deren Symbolik man vom „Bund gegen Anpassung” übernahm. Letztendlich entschied man sich aber für das moralisierende Plakat mit dem kleinen Kind, mit dem zur Demonstration aufgerufen wurde.

Zusätzlich gab es Werbung, die zum Beispiel auf einem verschwörungsideologischen Nazi-Weblog und in einer Tageszeitung erschien. Die nationalbolschewistische Junge Welt interviewte zwei Organisatoren, die hier mit völkischen Phrasen zur Demonstration mobilisieren durften. „Nationale Souveränität ist die Vorbedingung jedes gesellschaftlichen Fortschritts”, sagte der eine. „Echte Syrer sind Patrioten”, sagte der andere. Man wandte sich gegen „ein kleines Häuflein von Syrern, die seit langem im Ausland leben und mehr auf ihren eigenen Vorteil als auf das Wohl ihres Volkes bedacht sind”.

Die Demonstration wurde nicht nur in der nationalbolschewistischen Tageszeitung beworben, sondern in den sozialen Netzwerken. Eine Organisatorin schwafelte hier von „Herkunft, Ehre, Stolz und Liebe”. Der deutschnationale Verschwörungsideologe Jürgen Elässser, dem diese angeblichen Werte ebenfalls am Herzen liegen dürften und der ein ausgewiesener Freund der Regime im Iran und Syrien ist, rief zur Teilnahme auf.

Elsässer, der vor kurzem an einem intimen Treffen mit dem iranischen Antisemiten Ahmadinedschad beteiligt war, stellt sich auch im Falle Syriens auf die Seite des Regimes. Jetzt müsse man „Flagge zeigen”, forderte der Verschwörungsideologe, der ansonsten schon mal die deutsche Flagge auf seinen Bäckchen zeigt.

Mit Verschwörungsmythen kennt sich ein Redner aus. Klaus Hartmann ist der Bundesvorsitzende der „Freidenker”, der ansonsten auf „die Begriffe ‘Anti­se­mi­tis­mus’ und ‘anti­se­mi­tisch“ ver­zich­ten” möchte, es gehe darum diese zu „ent­sor­gen”. Er träumt stattdessen vom Untergang des „zionistischen Apartheid-Systems”.

In Frankfurt sprach der „Freidenker” von den „globalen Kriegstreibern”, die eine „neue Etappe” auf dem „Weg in den dritten Weltkrieg” eingeleitet hätten. Zwischen den Reden gab es Lieder. Ein Trommler besang den „Mörder Amerika”, die Menge bestimmt begeistert in den antiamerikanischen Hassgesang ein. Außerdem tönte der „Ya Bashar”–Song aus den Lautsprechern, der an die Oden an „Admiral General Aladeen” erinnert. Die Nationalfahnen und die Porträts des Diktators, die auf dem anarchronistischen Zug der Regime-Freunde getragen wurden, verstärkten diesen verstörenden Eindruck.

Ein anderer Teilnehmer hielt keine Rede, sang keine Lieder und und hielt auch keine Fahne. Der Verschwörungsideologe, der sich selbst als „Antisemit“ bezeichnet, schien zwischen Hisbollah– und Syrien-Fahnen eine Menge Spaß zu haben. Voller Freude beteiligte sich Elias Davidsson am Aufmarsch, mit dem das mörderische Regime gefeiert wurde.

„Wir sind Pro-Assad”, riefen die Demonstranten. Ihre Sympathie für einen ausgewiesenen Mörder und Antisemiten wurde mal wieder mehr als deutlich. Die Gegner des Regimes werden im Gegenzug zu „Ratten”, „Heuschrecken” oder „Dreck” gemacht. Diese entmenschlichende Sprache der Mörder wird auch durch ein Fazit deutlich, das auf der Facebook-Seite der Veranstalter zu lesen ist:

Ihr habt der Welt gezeigt, was Patrioten sind (…) Wäre jeder Araber so engagiert wie Ihr, wären die US-Zion-Ratten schon längst draußen.

Hinter dem Wunsch nach Frieden verschanzen sich nach wie vor nur Nationalisten, Antisemiten und Verschwörungsideologen, die gemeinsam ihren Fahnen-Fetisch frönen.

Das Zitat

Würden die Menschen verstehen, wie unser Geldsystem funktioniert, hätten wir eine Revolution – und zwar schon morgen früh.

Mit diesem Zitat wird Politik gemacht. Es findet sich in den Büchern deutscher Verschwörungsideologen, auf den Plakaten von Occupy-Aktivisten und auf den Internetseiten der Nationaldemokratischen Partei Deutschland (NPD). Es wird ab– und umgewandelt und hat verschiedene Formen angenommen, die sich doch alle ähneln.

Der Verschwörungsideologe Oliver Janich benutzt eine leicht abgewandelte Form des Zitats, um seine eigenen Artikel zu bewerben. Der NPD-Kreisverband Rhein-Neckar benutzt es ebenfalls in einem Artikel, mit dem die Nazi-Aktivitäten gegen Europa und für die Deutsche Mark bejubelt werden. Aktivist_innen aus der „Occupy-Bewegung” trugen es auf ihren Aufmärschen, um ihre Ressentiments mit einem griffigen Zitat zu untermauern. Als Urheber für das ab– und umgewandelte Zitat wird Henry Ford benannt.

Dies ist die Geschichte eines Zitats, das vor mehr als 60 Jahren von einem Antisemiten in die Welt gesetzt wurde und das bis in die Gegenwart benutzt wird.

Henry Ford war nicht nur Autoproduzent, der mit seiner „Tin Lizzy”, die am Fließband produziert wurde, seinen Teil zur Modernisierung der kapitalistischen Produktion beitrug, sondern auch der Herausgeber verschiedener antisemitischer Machwerke.

Für sämtliche Kriege und vor allem den ersten Weltkrieg machte der Autobauer „internationale Finanziers” verantwortlich. Es handele sich um „internationale Juden”, die eine „Bedrohung” darstellen würden. Ford war Herausgeber des „Dearborn Independent”, in dem von 1920 bis 1927 verschiedene antisemitische Pamphlete erschienen, die sich auf die „Protokolle der Weisen von Zion” bezogen. Es handelt sich um jenes antisemitische Pamphlet, das die Grundlage zahlreicher verschwörungsideologischer Konstrukte darstellt und die Programmatik und Praxis des weltweiten Antisemitismus bis heute bestimmt.

Henry Ford und seine Mitarbeitern veröffentlichten dieses Dokument des Hasses in der eigenen Zeitung. Dort wurde der Mythos von der jüdischen Weltverschwörung propagiert. Hier wurden jene verschwörungsideologische Konstrukte reproduziert, mit denen Jüdinnen und Juden eine ungeheuere Macht nachsagt wird. Diese antisemitische Hetze erschien auch in Buchform. Die Artikel wurden zwischen 1920 und 1922 als Buchreihe herausgegeben, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde.

In Deutschland begeisterten sich daher die dortigen Antisemiten für den Autoproduzenten. Adolf Hitler lobte „Heinrich” Ford in den höchsten Tönen. Er sei ein „großer Mann”, schrieb Hitler. Ford wurde zu seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag der „Verdienstorden vom Deutschen Adler” verliehen. In dem Land, das die industrielle Vernichtung praktizieren sollte, erschien die Hetze des Henry Ford weiterhin in Buchform:

In Amerika den Anstoß zur Aufrollung der Judenfrage gegeben zu haben, dafür gebührt Henry Ford Dank. Er hat, aufs Ganze gesehen, eine große Tat vollbracht.

So lobten die deutschen Nationalsozialisten ihren Kameraden aus den USA, der mit seiner antisemitischer Hetze, an die er sich später nicht mehr erinnern wollte, Generationen von Antisemiten begeistern sollte.

Heute wird die Ideologie des Henry Ford eher verschwiegen. Dafür kursiert das angebliche Zitat in jenen Zusammenhängen, die ebenfalls dem Glauben an eine mächtige Weltverschwörung, die Medien, Politik und die Ökonomie kontrolliert, verfallen sind. Sie berufen sich auf einen Antisemiten, um ihren eigenen verschwörungsideologischen Wahn zu belegen.

Für Ford waren es die Rothschilds und Warburgs, die zum Ziel seiner antisemitischen Kampagnen wurden und denen eine unglaubliche Macht nachgesagt wurde. Sie würden die amerikanische Zentralbank (FED) kontrollieren und gleichzeitig den Bolschewismus finanzieren: So lautete die Anklage der damaligen Antisemiten. Ähnlich klingen die Anklagen vieler heutiger Verschwörungsideologen.

Henry Fords Warnung vor dem „Geldsystem” wurde tatsächlich durch einen anderen Politiker bekannt gemacht, der ebenfalls dem antisemitischen Wahn verfallen war. Charles Gustav Binderup war von 1935 bis 1939 Mitglied des Kongresses. Er berief sich in einigen Reden auf den Autoproduzenten und gab das Zitat wieder, das bis heute in den einschlägigen Kreisen benutzt wird, um die angebliche Weltverschwörung zu belegen.

Seine Reden wurden in der Zeitschrift „Social Justice” abgedruckt, die vom antisemitischen Pfaffen Charles Coughlin herausgeben wurde. „Father Coughlin” wurde durch seine antisemitische Hetze bekannt. In seiner Zeitschrift erschienen zum Beispiel die „Protokolle der Weisen von Zion”. In der „Social Justice” wurden aber auch die Tiraden des Kongressabgeordneten Binderup abgedruckt, der sich vor allem an der amerikanischen Zentralbank FED und an jenen Bankiers abarbeitete, denen er eine unglaubliche Macht nachsagte. Er sprach von „internationalen Bankiers” und meinte die Rothschilds, Warburgs und Morgans, die er für den ersten und den herannahenden zweiten Weltkrieg verantwortlich machte. Seine Hetze wurde durch die Antisemiten um „Father Coughlin” entsprechend gewürdigt, den Binderup wiederum als „die größte Kraft für das Gute in unserer Nation” huldigte.

In der antisemitischen Zeitschrift des Pfaffen erschienen zahlreiche Artikel, die den Kongress-Abgeordneten und seine Gesetzes-Initativen in den höchsten Tönen lobten. Dort veröffentlichte Binderup einen Brief, den er von einem Farmer erhalten haben wollte und mit dem die nationalsozialistische Eroberungspolitik verteidigt wurde. In Leserbriefen meldeten sich seine Anhänger_innen zu Wort, die zum Beispiel darüber berichteten, dass sie die Reden des Charles Binderup auf handlichen Flugblättern verbreiten würden. Monate später berichteten sie, dass sie die Hetze in achtzehn verschiedene Bundesstaaten und nach Kanada verschickt hätten.

Die Hetze des antisemitischen Kongress-Abgeordneten Binderup, der sich auf Henry Ford berief, erreichte so einen gewissen Bekanntheitsgrad. Heute erinnert sich kaum jemand an diesen Vordenker der Verschwörungsideologen, doch das Zitat, das er in die Welt setzte, ist durchaus bekannt. So warnen Verschwörungsgläubige mit Henry Ford vor dem „Geldsystem”, das in deren Phantasie durch die üblichen Verdächtigen kontrolliert wird.

Es stammt entweder tatsächlich von dem bekannten Antisemiten Henry Ford oder es wurde von seinem antisemitischen Fan in die Welt gebracht, der heute fast vergessen ist. So oder so wird es bis heute benutzt, um an den Wahn von der Weltverschwörung, die angeblich die Ökonomie kontrolliert, anzuknüpfen.