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Fahnenfest in Frankfurt

Am 1. September 2012 liefen zum „Weltfriedenstag” etwa 600 Menschen durch die Innenstadt der Stadt Frankfurt. Sie taten das nicht, um die Toten in Syrien zu betrauern oder um sich mit den marginalen emanzipatorischen Kräften zu solidarisieren, sondern um eine Partei zu bejubeln, die für das Schlachten verantwortlich ist.

Hier wurde der syrische Diktator Assad bejubelt. Die Schuld für das Morden verorteten die Organisatoren der Demonstration dafür in „ausländischen Terrorbanden”. Außerdem sorgte man sich um „antisyrische Lügenpropaganda und psychologische Kriegsführung von Massenmedien und Politikern”. Wichtig erschien auch noch eine weitere Forderung:

Keine deutschen Atom-U-Boote für Israel.

Im martialischen Aufruf wurde außerdem von der „Chance neuer Impulse, insbesondere für internationalistische, antiimperialistische Kräfte” geträumt. Das Plakat zeigte wiederum ein kreischendes und weinendes Kind.

Gemeinsam marschierte man im Fahnenmeer, bestehend aus türkischen, syrischen, russischen, kubanischen, venezuelanischen, deutschen und iranischen Nationalfahnen in allen Formen und Größen. Dieses nationalistische Fahnen-Potpourri wurde durch die Flagge der antisemitischen Hisbollah, deutsche Pace-Standarten und die Wimpel des „Deutschen Freidenker-Verbandes” angereichert.

Menschen, die sich mit Pali-Tüchern und Hisbollah-T-Shirts verunstaltet hatten, skandierten Parolen. Allgegenwärtig war das Porträt des syrischen Diktators Assad, der von den Jubelsyrern in die Lüfte gehalten und in den Himmel gelobt wurde.

Grundsätzlich hatte fast jeder Mensch seine eigene kleine Nationalfahne. Gemeinsam trug man große Nationalfahnen. Dazu wurden die passenden Transparente präsentiert, auf denen man dem Iran, Russland und China dankte. Eine „Antiimperialistische Aktion” forderte ein „grünes und sozialistisches Libyen” und schmückte ihr Transparent mit einer Ikonographie des verstorbenen Despoten Gaddafi. Außerdem beteiligten sich zwei „zwei Stadtverordnete der CDU” am Aufmarsch der Assad-Anhänger.

Aktivisten des „Deutschen Freidenker-Verbandes” schwenkten nicht nur eifrig Fahnen, sondern gehörten sogar zu den Organisatoren der Fahnen-Spiele von Frankfurt. Sie hatten den anderen Teil der Organisatoren auf einer Veranstaltung der Psycho-Sekte „Bund gegen Anpassung” kennengelernt, der mal wieder mit der kemalistischen Atatürk-Gesellschaft eine Filmveranstaltung organisierte.

Der „Bund gegen Anpassung”, um den Guru Fritz Erik Hoevels, träumte in den 80er Jahren von Zwangstätowierungen im Schambereich. Gezeichnet werden sollten die Menschen, die an der Immunschwächekrankheit AIDS erkrankt waren. In den 90er Jahren begeisterte man sich für Saddam Hussein. Nach dessen Sturz fürchtete man „die geplante Vernichtung Nordkoreas”. Heute begeistert man sich für den den syrischen Despoten, weil der Despot aus der libyschen Nachbarschaft, nicht mehr zur Verfügung steht.

Auf der Veranstaltung dieser obskuren Organisation lernten sich die Organisatoren der Demonstration kennen und gründeten bald darauf ein „Solidaritätskomitee”:

Dabei suchten und fanden Freidenker und andere den Kontakt zu jenen Migranten-Gruppen, die bereits (…) eine Demonstration für Syrien organisiert hatten.

Gemeinsam wollte man „mehrere tausend Deutsche und in Deutschland lebende Ausländer” auf die Straße bringen.

Im Vorfeld gründete man Facebook-Gruppen und gestaltete eine Internetseite. Außerdem erstellte man ein Flugblatt und ein erstes Plakat, deren Symbolik man vom „Bund gegen Anpassung” übernahm. Letztendlich entschied man sich aber für das moralisierende Plakat mit dem kleinen Kind, mit dem zur Demonstration aufgerufen wurde.

Zusätzlich gab es Werbung, die zum Beispiel auf einem verschwörungsideologischen Nazi-Weblog und in einer Tageszeitung erschien. Die nationalbolschewistische Junge Welt interviewte zwei Organisatoren, die hier mit völkischen Phrasen zur Demonstration mobilisieren durften. „Nationale Souveränität ist die Vorbedingung jedes gesellschaftlichen Fortschritts”, sagte der eine. „Echte Syrer sind Patrioten”, sagte der andere. Man wandte sich gegen „ein kleines Häuflein von Syrern, die seit langem im Ausland leben und mehr auf ihren eigenen Vorteil als auf das Wohl ihres Volkes bedacht sind”.

Die Demonstration wurde nicht nur in der nationalbolschewistischen Tageszeitung beworben, sondern in den sozialen Netzwerken. Eine Organisatorin schwafelte hier von „Herkunft, Ehre, Stolz und Liebe”. Der deutschnationale Verschwörungsideologe Jürgen Elässser, dem diese angeblichen Werte ebenfalls am Herzen liegen dürften und der ein ausgewiesener Freund der Regime im Iran und Syrien ist, rief zur Teilnahme auf.

Elsässer, der vor kurzem an einem intimen Treffen mit dem iranischen Antisemiten Ahmadinedschad beteiligt war, stellt sich auch im Falle Syriens auf die Seite des Regimes. Jetzt müsse man „Flagge zeigen”, forderte der Verschwörungsideologe, der ansonsten schon mal die deutsche Flagge auf seinen Bäckchen zeigt.

Mit Verschwörungsmythen kennt sich ein Redner aus. Klaus Hartmann ist der Bundesvorsitzende der „Freidenker”, der ansonsten auf „die Begriffe ‘Anti­se­mi­tis­mus’ und ‘anti­se­mi­tisch“ ver­zich­ten” möchte, es gehe darum diese zu „ent­sor­gen”. Er träumt stattdessen vom Untergang des „zionistischen Apartheid-Systems”.

In Frankfurt sprach der „Freidenker” von den „globalen Kriegstreibern”, die eine „neue Etappe” auf dem „Weg in den dritten Weltkrieg” eingeleitet hätten. Zwischen den Reden gab es Lieder. Ein Trommler besang den „Mörder Amerika”, die Menge bestimmt begeistert in den antiamerikanischen Hassgesang ein. Außerdem tönte der „Ya Bashar”–Song aus den Lautsprechern, der an die Oden an „Admiral General Aladeen” erinnert. Die Nationalfahnen und die Porträts des Diktators, die auf dem anarchronistischen Zug der Regime-Freunde getragen wurden, verstärkten diesen verstörenden Eindruck.

Ein anderer Teilnehmer hielt keine Rede, sang keine Lieder und und hielt auch keine Fahne. Der Verschwörungsideologe, der sich selbst als „Antisemit“ bezeichnet, schien zwischen Hisbollah– und Syrien-Fahnen eine Menge Spaß zu haben. Voller Freude beteiligte sich Elias Davidsson am Aufmarsch, mit dem das mörderische Regime gefeiert wurde.

„Wir sind Pro-Assad”, riefen die Demonstranten. Ihre Sympathie für einen ausgewiesenen Mörder und Antisemiten wurde mal wieder mehr als deutlich. Die Gegner des Regimes werden im Gegenzug zu „Ratten”, „Heuschrecken” oder „Dreck” gemacht. Diese entmenschlichende Sprache der Mörder wird auch durch ein Fazit deutlich, das auf der Facebook-Seite der Veranstalter zu lesen ist:

Ihr habt der Welt gezeigt, was Patrioten sind (…) Wäre jeder Araber so engagiert wie Ihr, wären die US-Zion-Ratten schon längst draußen.

Hinter dem Wunsch nach Frieden verschanzen sich nach wie vor nur Nationalisten, Antisemiten und Verschwörungsideologen, die gemeinsam ihren Fahnen-Fetisch frönen.

Camp der Verschwörungsfans

Zum dritten Mal mobilisieren verschiedene Verschwörungsideologen in die deutsche Provinz. Am 17. August 2012 werden sie für das Wochenende nach Völpke reisen. Es handelt sich um eine beschauliche Gemeinde in Sachsen-Anhalt, dort kommen die Verschwörungsfans seit mittlerweile drei Jahren zusammen, um an einem „völlig entspannten Gedankenaustausch” teilzunehmen.

Das Szenetreffen der Verschwörungsfans dient der internen Stabilisierung und Vernetzung. Die selbsternannten „Truther” und „Infokrieger” zelten, schießen mit Pfeil und Bogen und musizieren am Lagerfeuer. Außerdem konsumieren sie Verschwörungsideologie, „Spanferkel (…), Lamm, Putenschnitzel sowie Würstchen in etlichen Ausführungen”. Vegetarier dürfen sich ebenfalls an Verschwörungsmythen aber auch am Saltbuffet erfreuen, der Veranstalter verspricht, dass auch sie „auf Ihre Kosten kommen”. Das Zeltlager der Verschwörungsfans wurde auf den Namen „Truthcamp” getauft,

In den vergangenen Jahren wurde das Camp vor allem durch Jens Blecker organisiert, der auf den Spitznamen „Cheffe” hört. Er betreibt die Internetseite „IK-News”, mit der er zahlreiche Verschwörungsmythen kolportiert. Fast harmlos erscheint eine Umdeutung einer Kennedy-Rede, die in Verschwörungskreisen erstaunlich beliebt ist, obwohl es sich um eine offensichtliche Umdeutung handelt.

Auf „IK-News” wird aber auch, in einem anti-amerikanischen Jargon, vor der angeblichen „amerikanischen Hegemonialkrankheit” gewarnt. Als Urheber macht man eine „kleine Hochfinanzkaste” aus. Es seien die „beiden Familienclans Rothschild und Rockefeller”, die „noch über die Erde” verfügen würden. Diese werden als „Brut” bezeichnet, die USA sei die „Brutstätte dieser negativen Kräfte”. Mit diesen antisemitischen Konstruktionen begeistert die Internetseite „Truther” und „Infokrieger”, die ebenfalls diesem Wahn erlegen sind.

Die Causa Günter Grass erfüllte den Unmut der „Infokrieger” von „IK-News”. In der Pseudo-Kritik vieler Medien, die die Form, aber nicht den Inhalt des neuesten Pamphlet des greisen SS-Veterans kritisierten, wollten Blecker gar eine „Hetzkampagne” erkannt haben. Als einen Urheber machte „Cheffe” Henryk M. Broder und den Zentralrat der Juden aus. Der Autor würde „sein Gift (…) verspritzen”, gemeinsam würde man eine „gesellschaftlich vernichtende Keule” schwingen. Die Deutschen seien „mit der Schuld unserer Vor-Vorfahren überladen” worden.

Es sind Inhalte, die in dieser Form auch auf zahlreichen nationalsozialistischen Internetseiten zu finden sind. Der Betreiber der Internetseite „IK-News” verharmlost allerdings auch die industrielle Vernichtung der Jüdinnen und Juden. Schließlich behauptet er, dass „sich etliche schwerer Verbrechen schuldig gemacht” hätten und verweist auf die „Verfolgung der Indianer”.

Kein Wunder, dass auch die Kommentatoren dieser Internetseite zahlreiche antisemitische Äußerungen hinterlassen. Einige Zeit wurde im Forum zur Internetseite die „Protokolle der Weisen von Zion” beworben, es handelt sich um eines der schlimmsten antisemitischen Pamphlete, auf das sich NSDAP-Kader und andere Antisemiten bezogen.

Jens „Cheffe” Blecker ist nicht nur für solche Inhalte, sondern auch für das „Truth-Camp” verantwortlich. Der Einzelhandelskaufmann aus dem niedersächsischen Helmstedt hat die Internetseite zum verschwörungsideologischen Stelldichein angemeldet. Er bewirbt das Zeltlager der Verschwörungsfans auf „IK-News”.

In diesem Jahr hat sich Blecker allerdings ein wenig aus den Vorbereitungen zurückgezogen. Er plant die dauerhafte Ausreise nach Kanada und hat auch so „sehr viel um die Ohren”. Daher hat er einen Großteil der Planung in diesem Jahr einem verschwörungsideologischen Kameraden überlassen.

Es handelt sich Christian B., der die Internetseite„Lotus-Online” betreibt und im niedersächsischen Landkreis Cuxhaven lebt. Auf „Lotos-Online” finden sich ganz ähnliche Inhalte wie auf den Internetseiten des Jens„Cheffe” Blecker. Dort wird verschwörungsideologisch vor Handys und W-LAN-Netzen gewarnt, durch die Gehirntumore entstehen würden.

Ansonsten selektiert Christian B. gerne Jüdinnen und Juden. Es gibt zum Beispiel einen Artikel über „kritische Juden”, die Israel mit Verachtung begegnen. Natürlich möchte Christian B. kein Antisemit sein, schließlich konstruiert er eine „Machtelite”, „die eben nicht ausschließlich jüdisch geprägt ist”. Diese sei „eine Bedrohung für die freie Welt”.

Selbstverständlich sind es auch hier die üblichen Verdächtigen, die von deutschen Verschwörungsideologen bevorzugt herangezogen werden. Christian B. empfiehlt zum Beispiel den antisemitischen Propaganda-Film „Endgame”, der vor „Elite-Banker-Familien wie den Rothschilds” warnt.

Christian B. und Jens Blecker sind nicht nur Brüder im Geiste, sondern auch die Organisatoren des diesjährigen „Truth-Camps”. Für etwas mehr als 30 Euro dürfen die geneigten Verschwörungsfans am Szene-Treffen teilnehmen. Dort gibt es dann nicht nur Vorträge verschiedener Verschwörungsideologen zu hören, sondern auch den Soundtrack zum Verschwörungswahn: „An den Musikacts ändert sich nichts. Es sind wieder Kilez More und Die Bandbreite eingeladen”, kündigt Christian B. im Internet-Forum zur Veranstaltung an. Während „Die Bandbreite” das Milieu mit vergleichsweise seichten Reimen versorgt und zum Beispiel die Ereignisse des 11. September 2001 umdeutet,  hat „Kilez More” mehrere Lieder im Repertoire, die den Organisatoren und Verschwörungsfans ganz besonders gut gefallen dürften.

Der Wiener inszeniert sich als „Infokrieger im Informationskrieg” und warnt vor einer angeblichen „Weltregierung”. Paranoiderweise glaubt dieser Deutschrapper, dass „sie” dafür „Internet verbieten” wollen und dass „wir” tagtäglich „vergiftet” werden. Außerdem fragt sich der reimende Verschwörungsideologe, was „die Spasten” denken, die angeblich an der „Spitze der Pyramide” stehen.

Diese Frage beantwortet sich „More” mit einem Track, den er „Seitenwechsel” genannt hat. Dort schlüpft er in die Rolle eines angeblichen „Illuminaten”, der mit seine „Logenbrüdern” die Welt beherrschen würde:„Ich bin wieder mal Stolz auf den Krieg für mein Volk”, heißt es hier. Das Video zum Lied hat „More” mit einer Foto-Aneinanderreihung unterlegt. Dort wurde unter anderem ein Bild der nationalsozialistischen Organisation „Bund für echte Demokratie” (BfeD) verwendet. Andere Bilder zeigen einen hakennasigen „Illuminaten”, das Logo das israelischen Geheimdienstes Mossad oder den Teufel. Bei derartigen Inhalten sollte die Dauereinladung des Deutschrappers nicht verwundern. Er wird mit der „Bandbreite” für die musikalische Untermahlung der verschwörungsideologischen Zusammenkunft sorgen.

Zwischen dem 17. und dem 20. August 2012 wird ein Teil der Verschwörungsszene also in Völpke zusammenkommen, um dort für das Wochenende die Zelte aufzuschlagen. Dann wird man den Tiraden der ideologischen Vordenker lauschen. Gemeinsam wird man am Lagerfeuer musizieren und das ein oder andere Schwein vertilgen. Dort darf dann sicherlich auch über „die Rothschilds” und die angebliche„Weltregierung” debattiert werden.

Das Festival

Auf der Burg Waldeck gab es in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts die gleichnamigen Burg-Waldeck-Festivals, auf dem die damalige Crème de la Crème der deutschen Liedermacher zusammenkam, um Bänkelgesang und deutsches Liedgut zu intonieren. Es war das erste Open-Air in Deutschland. Hier traten Liedermacher wie Reinhard May, Franz Josef Degenhardt oder Hannes Wader auf. Gegen Ende der 60er Jahre sang man dann sogar die Internationale für die „Völker”, die nun endlich „die Signale” hören sollten.

Heute sind diese Liedermacher entweder verstorben oder verbittert. Das historische Waldeck-Festival gehört der Vergangenheit an. Seit einigen Jahren gibt es am gleichen Ort allerdings ein neues Festival. Dessen Organisatoren müssen andere Liedermacherund Volksmusikanten einladen.

Der „Linke Liedersommer” findet seit einigen Jahren, wie die historischen Waldeck-Festivals, in der Nähe der gleichnamigen Burg statt. Es handelt sich um eines der traurige Farce, mit dem die dunklen Abgründe sichtbar werden, denen ein Teil der deutschen Linken verfallen ist. Zwischen dem 15. und 17. Juni 2012 kamen nach Angaben einer Teilnehmerin etwa 160 Menschen zusammen.

Organisiert wird der „Linke Liedersommer” durch den „Deutschen Freidenker Verband” und die „Jenny Marx Gesellschaft” aus Rheinland Pfalz. Die „Freidenker” möchten mit ihrem „Musiktreffen” an „die Tradition der legendären Waldeck-Festivals zu APO-Zeiten” anknüpfen. Der Verbandsvorsitzende, ein Verschwörungsideologe namens Klaus Hartmann, knüpft allerdings auch an ganz andere Traditionen an. Er möchte auf „die Begriffe ‘Antisemitismus’ und ‘antisemitisch“ verzichten”, es gehe darum diese zu„entsorgen”. Neben der Entsorgung findet Hartmann aber auch eine andere Vorgehensweise sympathisch, auch wenn er am Erfolg zweifelt:

‘Je mehr der ‚Begriff Antisemit inzwischen für Verfechter der Menschenrechte und radikale Demokraten verwendet wird, erkläre ich mich selbst zu radikalen Antisemiten’.

Diese Theorien finden sich in einer Ausgabe des „Freidenkers”, dem Verbandsmagazin der Organisation, die nun mal wieder zum „Liedersommer” auf die Burg Waldeck einlud. Auf ihrem „Liedersommer” der linken Volksmusik darf die heutige Crème de la Crème der linken Volksmusik auftreten. Da wäre zum Beispiel der Linkspartei-Politiker Diether Dehm, der als „Lerryn” berühmt-berüchtigt ist, seit er in den dunklen 70er Jahren als „der Sänger mit den besseren Liedern” um Aufmerksamkeit heischte:

Bravo, bravo, hurra,
der Sänger mit den besseren Liedern ist da.

Seine Volksmusik, die er unter anderem in einer der Sendung „Disco” zum Besten gab, prädestinierte den heutigen Bundestagsabgeordneten geradezu für einen Auftritt auf dem „Liedersommer”. Im Jahr 2010 informierte Dehm dort über „Linke Kulturarbeit”. Ein Jahr darauf beteiligte er sich an einer Podiumsdiskussion, dort bezeichnete sich das Bundestagsmitglied voller stolz als „glühenden Verschwörungstheoretiker”.

Da wäre aber auch Jane Zahn, die als Kabarettistin ansonsten vor allem auf den Festivals der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) auftritt. Ihre „Stimme rockt und lockt, dröhnt und stöhnt, krächzt und ächzt, dass kein Trommelfell steif bleibt”, hieß es im Zentralorgan dieser Partei.  Zahn hat ein „Neues deutsches Volksliedgut” geschaffen, in dem sie populäre deutsche Schlager umdichtet: Sie krächzt im Sinne der „Occupy-Bewegung” für die „99 Prozent”, stöhnt über den angeblichen „Verrat”, der zum Untergang der Sowjetunion führte und ächzt über einen gewissen „Mr. Bush”:

Wir liegen vor Madagaskar
und kämpfen am Hindukusch.
Für die Freiheit vom Großen Zaster
und die Firma von Mr. Bush.

Mit dieser regressiven und anti-amerikanischen Stimmungsmusik erfreut Zahn DKP-Kader und Ostermarschierer, die der klampfenden Kabarettistin nur zu gerne ein Podium bieten. Dort darf sie dann nicht nur „Mr. Busch” und dessen „Firma” für alles Übel dieser Welt verantwortlich machen, sondern auch sich nicht reimende Verschwörungsmythen über den damaligen amerikanischen Präsidenten und dessen Verbindung zum Massenmörder Osama bin Laden intonieren:

„Wir sind dorthin gegangen, Bin Laden einzufangen,
doch der steckt bestimmt hinter einem Bush.
(Bush Vater oder Sohn, das ist egal).”

Auf dem „Linken Liedersommer” ist Jahn Zahn seit Jahren ein musikalischer Dauergast. Die Sängerin, von der noch eine schnulzige Hymne an ihre Partei überliefert ist, durfte dort über „das politische Kabarett”informieren. Selbstverständlich hat sie auch in diesem Jahr gesungen.

Diese musikalische Zumutung wird durch eine weitere Band übetroffen, die ebenfalls regelmäßig auf dem„Linken Liedersommer” auftritt. Es handelt sich um die Band „Die Bandbreite”, die mit verschwörungsideologischen Inhalten vor allem das Milieu der „Truther” und „Infokrieger” begeistert.

Mit ihren musikalischen Verschwörungsmythen tritt die Band regelmäßig auf den Festivals und Veranstaltungen dieser Szene auf. Sei es der ein oder andere Aufmarsch oder die ein oder andere Veranstaltung: „Die Bandbreite” ist nicht wählerisch. So trat die Band am 10. Juni 2011 auf einer Veranstaltung gegen die„Bilderberg-Konferenz” auf. Während sie für die musikalischen Inhalte zuständig war, hielten Politiker der rechtspopulistischen Schweizer Volkspartei (SVP) die Brandreden. Am 10. September 2011 kam es zu einem Auftritt in Karlsruhe, bei dem der Verschwörungsideologe Christoph R. Hörstel an die Verschwörungymthen der „Freunde von ganz Rechts” erinnerte, die „Recht” haben würden:

Da kom­men un­se­re Freun­de von Rechts, die mit den selt­sa­men Stie­feln und den kur­zen Haa­ren und wei­sen auf 1916 hin, auf die­ses Schiff na­mens Lu­si­ta­nia. Ihr Lie­ben, Recht habt ihr! Das war auch eine ge­zink­te Saue­rei!

In der jüngeren Vergangenheit beschallte die Band einen zinskritischen Kongress, bei dem Verschwörungsideologen, strukturell antisemitische Zinskritiker und andere Gestalten auftraten.

Durch die Veranstaltung führte Andreas Popp, der immer wieder, im Jargon der „Reichsbürger”, von der„BRD-GmbH” spricht und außerdem als Tierrechtler in Erscheinung tritt. In die­sem Zusam­men­hang rela­ti­viert Popp den Holo­caust: Er spricht vom „Tier­ho­lo­caust” und bezeich­net Vieh­trans­porte als „Depor­ta­tio­nen”.

Auf den Auftritt auf dem Zinskongress folgte der Auftritt auf dem „Linken Liedersommer”. Dort produzierte „Die Bandbreite” auch ein unfreiweilig-komischess Video mit einem jungen Groupie. Gemeinsam schwärmte man vom „supergeilen” Ereignis und setzte sich, auf gewohnt niedrigem Niveau, mit „den Antideutschen” auseinander.

Wir sind grad hier auf ‘nem supergeilen friedlichen Fest, namens ‘Linker Liedersommer’. (…) Wir hatten gerade ein supergeiles Konzert, die Leute waren supergeil dabei und zu den Antideutschen sagen wir einfach nur: Pfui! Fickt euch! Ihr könnt uns mal!

Die Tageszeitung Junge Welt berichtete am 26. Juni 2012 über den „Linken Liedersommer”. Dort erfreut sich der Autor am musikalischen „Volksgut” und den „rot schwelenden und züngelnden Holzscheiten”, die „die schöne alte Pfadfinder– und Wandervogel-Romantik” erweckt hätten. Ansonsten wird der „Linke Liedersommer”, dieses linke Treffen der linksdeutschen Volksmusikant_innen, kaum wahrgenommen. Lediglich die DKP-Zeitung „Unsere Zeit” berichtet. Dort schreibt Jane Zahn über ihren eigenen Auftritt und lobt ansonsten das Festival in den höchsten Tönen:

Als endlich der Regen aufhörte und ein wunderschöner Regenbogen den Wolkenhimmel überspannte, war dann auch noch das Lagerfeuer möglich, einer der größten Anziehungspunkte dieses Festivals. Unglaublich, wie sich dort das Liedgut mischte vom Volkslied über spaßiges Selbstgedichtetes.

Das war der „Linke Liedersommer”, diese traurige Farce der gar nicht lustigen, linksdeutschen Volksmusikanten. Auch in diesem Jahr sammelten sie sich, ähnlich wie ihre Ahnen, am Lagerfeuer.

Im nächsten Jahr werden sie wieder zusammenkommen, um neue und alte „Volkslieder” zu singen und sich im flackernden Schein des Lagerfeuers zu wärmen, das sie danach romantisch verklären. Die linksdeutsche Farce dürfte also wiederholt werden und für anschließende Jubelberichte in den einschlägigen Zeitschriften sorgen.

Update: 11.07.2012: Das erwähnte Video, das auf dem „Liedersommer” entstand, wurde vom Nutzer entfernt.

Massaker der Verschwörungsszene

Das Massaker in der syrischen Stadt Al-Hula, bei dem mindestens 100 Menschen ermordet wurden, beschäftigt auch in Deutschland Verschwörungsideologen, Nationalsozialisten und Anti-Imperialisten.

Zuvor hatte die syrische Despotie eine Untersuchungskomission eingesetzt, die die mörderischen Ereignisse in ihrem Sinne deutete. Es seien „800 aufständische Kämpfer” gewesen, die für das Massaker verantwortlich seien, behauptete der Leiter der für die Aufklärung des Massakers zuständigen Untersuchungskommission, Kassem Dschamal Suleiman, bei einer Pressekonferenz. Ziel des Massakers sei es gewesen, die Unruhe zwischen verschiedenen Religionsgruppen zu schüren. Diese Darstellung fand ihren Weg in die Blogs und Internetseiten der deutschen Verschwörungsszene, nachdem ein russischer Aktivist einen eigenen Bericht geschrieben hatte.

Die Rede ist von Marat Musin, der seit Monaten für das syrische Regime aktiv ist. In den deutschen Blogs der Verschwörungsszene wird Musin als unabhängiger Journalist dargestellt, der lediglich aus der Region berichten würde. Interviews mit dem Fernsehsender Russia Today und sein Weblog „ANNA-News”, der sich der „Wahrheit” verschrieben hat, verstärken diesen Eindruck. Doch Marat Musin ist kein unabhängiger Journalist, sondern stellvertretender Vorsitzender eines Solidaritäts-Komitees, in dem auch Holocaustleugner und Islamisten aktiv sind.

Für das russische „Komitee für Solidarität mit den Völkern Libyens und Syriens” tritt Marat Musin als einer der stellvertretenden Vorsitzenden auf. In Vorstand des Komitees finden sich einige antisemitische Gestalten, so zum Beispiel Israel Shamir. Es handelt sich um einen antisemitischen Holocaustleugner, der sich mit der Frage beschäftigt „wie die Verschwörung der Weisen von Zion zerschlagen werden kann”.

In einem seiner Artikel spricht Shamir von einer Elite, die er — so die antisemitische Chiffre — im „Osten Manhattans” verortet. Shamir hat sich  einem mörderischen Antisemitismus verschrieben. Er ruft beispielsweise dazu auf „die Bastarde an den Straßenlaternen” aufzuhängen. Mit diesem antisemitischen Holocaustleugner arbeitet der angeblich unabhängige Journalist Musin im Solidaritätskomitee zusammen, sie eint das Eintreten für die Diktatur in Syrien. Der Vorsitzende des Solidaritätskomitees ist Sergej Baburin, ein Wortführer der antisemitischen Nationalisten in Russland.

In ihrem Solidaritätskomitee sind aber auch Islamisten, wie Jamal Hyder vom „Islamischen Zentrum Russlands” (IZR), aktiv. Außerdem unterstützt der Aktivist Maxim Shevchenko das Komitee. Er will eine „zionistische Bedrohung” ausgemacht haben, die „hunderte Politiker, Journalisten, Geheimdienstler, Geschäftsleute” und einen „finanziellen Kreis” umfassen würde. Shevchenko glaubt im paranoiden Wahn, der so typisch für Antisemiten ist, dass er von Mitgliedern des „Jüdische Kongress Russlands” (REK) durch Mordankündigungen bedroht werden würde.

Antisemiten, Islamisten und Holocaustleugner: Das sind die Kompagnons des angeblich unabhängigen Journalisten Marat Musin, den deutsche Verschwörungsideologen, Nationalsozialisten und Anti-Imperialisten als Kronzeugen entdeckt haben.

Nachdem das Regime am 27.05 behauptet hatte, dass das Massaker in Hula auf „aufständische Kämpfer” zurückzuführen sei, veröffentlichte Marat Musin am 30.05 nämlich mehrere Artikel und Interviews, mit denen er die Theorien des syrischen Regimes bestätigen wollte.

Er schrieb von einer „Säuberungsaktion”, für die er „Terroristen”, „Banditen” und die „Freie Syrische Armee” verantwortlich machte. Diese hätten„mehrere Familien des Al-Saed-Clans mit insgesamt 20 Kindern sowie Familien des Clans Abdur Razak ausgelöscht”.

In einem seiner Berichte präsentierte der stellvertrende Vorsitzende des russischen Solidaritätskomitees die Aussagen einiger Soldaten, dort bezeichnete er die Berichte von UNO-Beobachtern als „dummen Scherz für den UN-Sicherheitsrat”.

Die Augenzeugenberichte von Überlebenden des Masssakers wurden von ihm verschwiegen. Stattdessen lieferte Musin ein verschwörungsideologisches Motiv:

Das Ziel der Provokation war es, den Zorn und die Entrüstung der Weltöffentlichkeit hervorzurufen, (…) welche den Weg für eine militärische Intervention durch die NATO geebnet hätte.

Diese Propaganda des stellvertretenden Vorsitzenden Musin fand über dessen Internetseite „ANNA-News” den Weg nach Deutschland. Die englischsprachigen Versionen seiner Artikel wurden schnell ins Deutsche übersetzt und auf verschiedenen Internetseiten der deutschen Verschwörungsszene, in nationalsozialistischen Weblogs und auf den Seiten deutscher Anti-Imperialisten veröffentlicht.

Ein Artikel wurde beispielsweise von Jens Blecker publik gemacht, der die verschwörungsideologische Internetseite „Infokrieger-News” betreibt. Blecker begründete die Veröffentlichung in einer Weise, die keine Fragen offen lässt: „Natürlich passt er auch in mein Weltbild und bestätigt meine Vorurteile”, schrieb der deutsche Verschwörungsideologe. Der ebenso deutsche Anti-Imperialist Harald Pflueger verwies in seinem Weblog ebenfalls auf die Artikel, die Nationalsozialisten von der „Sache des Volkes” schrieben von der „Al-Hula-Lüge”. In allen Fällen wurden die Machwerke des Marat Musin als Quelle angeführt.

Mit seiner Propaganda für das syrische Regime erreicht der stellvertretende Vorsitzende des russischen Solidaritätskomitees zwar keine große Öffentlichkeit, dafür aber die deutsche Verschwörungsszene und andere Gestalten, die seine Deutung des Massakers nur zu gerne glauben wollen.

Marat Musin dürfte dies auch in Zukunft gelingen. Sein Netzwerk aus antisemitischen Hetzern, die mit ihrem Solidaritätskomitee Propaganda für das syrische Regime verbreiten, liefert nämlich genau die Pseudo-Informationen, die nicht nur in den Kreisen der deutschen Verschwörungsszene so ungeheuer beliebt sind.

Wahlschlappe

Ganze ‎6.348 Wähler_innen wählten am 13.05.2012 in Nordrhein-Westfalen die „Partei der Vernunft” (PdV). Mit diesem Ergebnis unterbot die verschwörungsideologische Partei sogar das Satire-Projekt „Die Partei”, das immerhin von 23.032 Wähler_innen favorisiert wurde.

Die „Partei der Vernunft” leistet sich nicht nur einen Verschwörungsideologen als Parteivorsitzenden, sondern auch einen Reichsbürger und Holocaustleugner als Werbefigur.

Der Parteivorsitzende Oliver Janich leugnet den islamistischen Terror des 11. September 2001. Er mobilisiert zu Aufmärschen der selbsternannten „Truther” und „Infokrieger” und wirbt auf den Veranstaltungen dieses Milieus für seine Partei. Als Autor schreibt er unter anderem für den rechts-esoterischen Kopp-Verlag, indem Eva Herman und andere Gestalten eine Heimat gefunden haben.

Die Werbefigur Marco Wüst wird in einem offiziellen Video als einfaches Parteimitglied vorgestellt, dabei hat er die Kleinpartei mittlerweile wieder verlassen und organisiert nun Veranstaltungen für rechte „Reichsbürger”. Bis heute hat sich die„Partei der Vernunft” nicht von ihrer Werbefigur distanziert, das Video ist nach wie vor über den offiziellen Partei-Account des niedersächsischen Landesverbandes zu finden.

Während des Wahlkampfes versuchte die „Partei der Vernunft” ganz populistisch die FDP zu beerben und machte gegen den Euro mobil. „Als schnelle Zwischenlösung” dachte der Parteivorsitzende Janich über die Wiedereinführung der Deutschen Mark nach. Zwischendurch verteilte man Kuchen in den Innenstädten des Ruhrgebiets und produzierte ein Wahlvideo, indem mit kleinen Kindern an das Gewissen der wählenden Eltern appelliert wurde.

Der Spitzenkandidat Die­ter Audehm ließ sich von der verschwörungsideologischen Internetplattform „Infokrieg.tv” interviewen, in den Sendungen dieser Seite werden ansonsten die Morde des Anders Behring Breivik und die des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) umgedeutet. Unterstützung gab es aber auch durch die rechts-konservative Internetseite „Eigentümlich Frei”. Dort wurde die „Partei der Vernunft” als „Wahlalternative” beworben, während darüber gejammert wurde, dass die verhassten „Mittelstrommedien” nicht über die Partei, dafür aber „über Viertligaspiele im Frauenfußball” (!) informieren würden.

Genutzt hat es wenig. Mit den ‎6.348 Stimmen (0,1 %) reichte es nur für das schlechteste Ergebnis aller antretenden Parteien. Die verschwörungsideologische Truppe rangiert abgeschlagen hinter der christlich-fundamentalistischen AUF und den Freien Wählern.

Die Wahlschlappe wird allerdings nicht eingestanden, dafür blühen Verschwörungsmythen und Durchhalteparolen. Die Partei habe sich „einer gigantischen Herausforderung gestellt und dabei viel gewonnen”, behauptet der Partei-Kader Martin Moczarski ganz „erschöpft” auf der offiziellen Facebook-Seite des Landesverbandes. Um ein drohendes Auseinanderfallen der Parteistrukturen zu verhindern, wählt er einen kriegerischen Tonfall. Es müsse eine„Schlacht geschlagen” geschlagen werden:

Nicht im Internet, nicht auf Facebook wird die Schlacht geschlagen, sondern da draussen: Vor den Haustüren, auf den Bürgersteigen, in den Fussgängerzonen. Jeder einzelne von Euch wird dafür gebraucht.

Auf der Internetseite „Infokrieg.tv” findet sich außerdem eine offizielle Erklärung:

Die Partei der Vernunft wird den eingeschlagenen Weg konsequent fortsetzen, im Interesse unseres Landes und unserer aller Freiheit.

Unter dieser Erklärung, die zuerst auf dieser verschwörungsideologischen Plattform veröffentlicht wurde, finden sich außerdem zahlreiche Kommentare der Leser_innen, die sich dort mit der Wahlschlappe der Partei beschäftigen.

Dort schreibt zum Beispiel der Verschwörungsideologe Hans Kolpak, der in der Vergangenheit als „Pressesprecher” der „Partei der Vernunft” auftrat und im Parteivorstand saß. Auf seiner eigenen Internetseite wird die deutsche Kriegsschuld am zweiten Weltkrieg als „Lüge um Deutschland” bezeichnet. „Was soll die Holocaustreligion verbergen”, fragt dieser antisemitische Verschwörungsideologe und macht die „Zionisten” und die „Machenschaften ihrer Neocon-Agenten” für die angebliche Religion verantwortlich. Auf der Internetseite „Infokrieg.tv” liefert Kolpak wiederrum eine Erklärung für die Wahlschlappe der„Partei der Vernunft” (PdV): Es sei die Dummheit der Wähler_innen, sie hätten die „zumeist korrekten Inhalte nicht erfassen” können.

Andere Parteikader greifen auf Verschwörungsmythen zurück, um die Wahlschlapppe zu verklären. Da wäre zum Beispiel Igor Ryvkin, der als offizielles Mitglied des „Presseteams” Wahlkampf betrieb. Er deutet die Niederlage zum gigantischen Wahlbetrug um. Es sei „seltsam”, wo die Stimmen der Partei-Wählerinnen„abgeblieben sind”, schreibt Ryvkin. Der zweite Vorsitzende der „Sektion Ruhrgebiet” möchte „das Ergebnis der NRW Wahl noch untersuchen”.

Mit martialischen Durchhalteparolen und dem Verschwörungsmythos vom Wahlbetrug dürften die Partei-Kader zusammengehalten werden. Die Partei des Verschwörungsideologen Oliver Janich wird den Wähler_innen also erhalten bleiben. Bei den nächsten Landtagswahlen dürften wieder einige tausend Stimmen und damit 0,1 % möglich sein. Die Stimmen von „Truthern” und „Infokriegern” ermöglicht noch lange keinen Wahlerfolg. Daher ist eines ziemlich sicher: Die nächste Wahlschlappe kommt bestimmt.

Das Interview

In der gestrigen Ausgabe der Tageszeitung Junge Welt wurde der Verschwörungspropagandist Christoph R. Hörstel befragt, der eine wichtige Figur im Milieu der „Truther” und „Infokrieger” darstellt.

Im Interview mit der Tageszeitung ging es um einige Personen, die vor ein paar Tagen verhaftet wurden, weil sie im Verdacht stehen, an der Überwachung syrischer Oppositioneller in Deutschland beteiligt gewesen zu sein. Christoph R. Hörstel hat sein Urteil bereits gefällt: „

Ich denke nicht, daß auch nur einer der Festgenommenen sich am Ende als einer der Beteiligten herausstellt bei dem rechtswidrigen und gewaltsamen Übergriff gegen den syrischen NATO-Komplizen in Berlin.

In der Jungen Welt wurde Hörstel als „Publizist und Experte für Zentral– und Südasien, Nah– und Mittelost” vorgestellt, seine wichtigsten politischen Positionen kamen dafür nicht zur Sprache, dabei würden sie gut zu dieser Tageszeitung passen.

Der ehemalige ARD-Journalist und Siemens-Mitarbeiter Christoph R. Hörstel betätigt sich seit Jahren als Person, die die Ereignisse des 11. Septembers 2001 umdeutet. Er spricht, im Interview mit dem antisemitischen Internetportal „Muslim Markt”, von einem „angeblichen Attentat” am 11. September 2001. Hörstel ist sich sicher, dass die Anschläge durch „die CIA unter ihrem ehemaligen Chef George Tenet maßgeblich mitorganisiert” wurden. Mit derartigen Theorien sorgt Hörstel für Begeisterung im Milieu der „Truther”, „Infokrieger” und „Wahrheitsbewegten”, die die Anschläge des 11. Septembers 2001 auf ähnliche Weise umdeuten.

Hörstel ist einer der Ihren: Daher durfte er auch am 10. September 2011, auf einem Aufmarsch der Verschwörungsszene in Karlsruhe, eine Brandrede halten, die von den begeisterten Verschwörungsfans mit „Wir sind das Volk”–Rufen quittiert wurde.

Dort propagierte Hörstel verschiedene Mythen und entwarf ein Jahrhundert der Verschwörungen, für das er eine „ganz kleine Clique” verantwortlich machte. Er erinnerte auch an Verschwörungsmythen um den Untergang der Lusitania, der immer wieder als Beispiel für eine frühe „False-Flag”–Aktion angeführt wird.

Im Falle der Lusitania, die am 7. Mai 1915 von einem deutschen U-Boot angegriffen und versenkt wurde, wird die Behauptung aufgestellt, dass die USA für den Untergang des Passagierschiffes verantwortlich gewesen seien, um in den ersten Weltkrieg eingreifen zu können. Dies was allerdings erst zwei Jahre später, am 6. April 1917, der Fall. Mit dem Lusitana-Verschwörungsmythos werden die deutschen Angreifer entlastet. Kein Wunder, dass diese Theorie auch in der rechten Szene beliebt ist. Hörstel sprach in seiner Brandrede wohl auch daher von rechten Freunden:

Da kom­men un­se­re Freun­de von Rechts, die mit den selt­sa­men Stie­feln und den kur­zen Haa­ren und wei­sen auf 1916 hin, auf die­ses Schiff na­mens Lu­si­ta­nia. Ihr Lie­ben, Recht habt ihr! Das war auch eine ge­zink­te Saue­rei.

Die Rede findet sich bis heute im Internet und ist mit „Deutschlands Helden der Wahrheit” betitelt.

Im Interview mit der Tageszeitung Junge Welt sprach Hörstel zwar nicht von seinen rechten Freunden, dafür deutete er aber seine anti-israelischen Positionen an:

Antisemitismus ist auch so ein Vorwurf, der ja auch im Bundestag beliebt geworden ist, wenn es jemand wagen sollte, die abenteuerliche Politik Israels zu kritisieren

Diese Position ist vergleichsweise harmlos, wenn man sich andere Interviews und Offene Briefe anschaut, für die der umtriebige anti-israelische Apologet verantwortlich ist. In einem Offenen Brief an den israelischen Botschafter droht er:

Sollte auch nur eine einzige israelische Bombe auf den Iran fallen, erkläre ich hiermit, dass ich mich danach stets, überall, engagiert und unter allen Umständen für die ‘Ein-Staaten-Lösung’ in Nahost einsetzen werde.

In einem Interview mit dem Verschwörungsfilmer Frank Höfer, der mit seiner NuoViso–Filmproduktion Filme zum 11. September und über Kornkreise produziert, spricht Hörstel ebenfalls Klartext.

Man säubert glaubensmäßig dieses Gebiet von Muslimen. Das ist die zionistische Denkweise.

Dort wird auch eine weitere Position des Christoph R. Hörstel deutlich, die in der Jungen Welt verständlicherweise nicht zur Sprache kam. Hörstel relativiert im Interview mit NuoViso ganz offen die Shoa, indem er die Todeszahlen des Menschheitsverbrechens in Frage stellt:

Wenn es dabei bleibt (…), dass wir (…) die hunderttausenden, vielleicht Millionen Toten eines schrecklichen Verbrechens, verrechnen und sagen, deshalb darf Israel neue Verbrechen begehen und wir Deutschen dürften dagegen nichts sagen, das ist eine Rechnung die historisch (…) nicht aufgeht.

Trotz oder wegen seiner Positionen, die Hörstel bereits im Jahr 2009 formulierte, wurde er nun von der Tageszeitung Junge Welt interviewt. Das nationalbolschewistische Blättchen scheint mit der anti-israelischen und  verschwörungsideologischen Propaganda, für die Christoph R. Hörstel berühmt und berüchtigt ist, gar kein Problem zu haben.

Es ist allerdings nicht nur die Junge Welt, die Interviews mit Christoph Hörstel führt. Ein weiteres Interview wurde bereits am 13. Juni 2011 von der Internetseite„Infokrieger-News” ins Internet gestellt. Dieses Interview wurde am 14. Dezember 2011 von „Radio Zusa” aus Lüneburg erneut gesendet, allerdings ohne Verweis auf dessen Herkunft, einer Internetseite der Verschwörungsszene. Kurz darauf wurde dieses Interview von „Radio Lora” aus München übernommen.

Interviews mit dem Verschwörungsideologen Christoph R. Hörstel finden sich also nicht nur in der nationalbolschewistischen Tageszeitung Junge Welt, sondern auch im Programm einiger linksalternativer Radiosender. Die verschwörungsideologische Verklärung der Realität ist eben nicht nur die Sache von„Truthern” und „Infokriegern”.

Marsch nach Jerusalem

Ein „Internationales Komitee” ruft dazu auf, am 30. März 2012 in die israelische Hauptstadt zu marschieren, um sich gegen die angebliche „Judaisierung Jerusalems” zur Wehr zu setzen. In einem ersten Aufruf zum „Tag des Bodens” heißt es ganz martialisch, dass „Jerusalem und ganz Palästina” durch „alle Menschen der Welt (…) befreit” werden müsse. Was das bedeutet verdeutlicht ein Blick auf diejenigen, die diesen ersten Aufruf zuallererst im deutschsprachigen Raum veröffentlichten.

Es handelt sich um die „Antiimperialistische Koordination”, die auch ansonsten gegen den israelischen Staat mobil macht: „Die Zerstörung des Zionismus und eines so genannten Staates Israel ist der einzige Weg zur Gerechtigkeit”, forderte ein Kader der antisemitischen Gruppierung im Jahr 2003. In der Zeitschrift der Gruppe, die den bezeichnenden Namen „Intifada” trägt, wurde Ali Nasser Wafa’ Idris, die erste weibliche Selbstmordattentäterin, als Heldin, „die für ihr Volk lebte und starb”, gefeiert. Das Regime im Iran wird in dieser Zeitschrift ebenso verteidigt wie die antisemitische Hamas und das nicht mehr existente Baath-Regime im Irak.

Nun mobilisert nicht nur diese antisemitische Gruppierung nach Jerusalem. Es existiert ein weiterer internationaler Aufruf. In diesem Pamphlet heißt es:

Die Verteidigung und Befreiung Jerusalems sind Pflicht aller freien Menschen weltweit und wir rufen daher alle Institutionen, Organisationen und Individuen dazu auf dieser Pflicht nachzukommen.

Es sollte klar sein, was hier von wem befreit werden soll, zumal in dem Aufruf eine angebliche „Politik der Judaisierung” beklagt wird. In diesem Jargon ist auch der Rest der Aufrufes gehalten. Hier ist von dem „Recht der Palästinenser ihr Land zu befreien” die Rede. Dieser Aufruf zum „Tag des Bodens” dürfte sowohl die antisemitische Hamas als auch die Antisemiten aller Länder erfreuen, die schon immer gen Jerusalem marschieren wollten.

Ein weiterer Aufruf richtet sich an die europäischen Mitstreiter des Vorhabens. Hier wurde vorsichtiger formuliert. So ist, als würde das etwas ändern, die beklagte „‘Judaisierung’” in Anführungszeichen gesetzt worden. Es sind derartige kosmetische Korrekturen, die diesen Aufruf des deutschen Vorbereitungskomitees auszeichnen.

Von einer „Verteidigung und Befreiung Jerusalems” ist hier nichts zu lesen. Stattdessen finden sich wohlmeinende Worte von „Demokratie” und „Selbstbestimmung”, die doch nur gewählt wurden, um das offensichtliche Endziel, das in den anderen Aufrufen formuliert wird, zu verschleiern. Außerdem findet sich die übliche anti-israelische Hetze. Hier wurden die Text-Bausteine aneinandergereiht, die in jedem Aufruf und in jedem Flugblatt der Israel-Hasser zu lesen sind:„Siedlerkolonie” und „Apartheidsystem” sind nur zwei dieser sehr üblichen Bausteine, mit denen der israelische Staat verunglimpft wird.

Trotz oder gerade wegen der martialischen Aufrufe, in denen zur „Befreiung” aufgerufen und vor angeblicher „Judaisierung” gewarnt wird, haben sich einige Aktivist_innen zusammengefunden, die den Marsch auf Jerusalem tatsächlich unterstützen. Die deutsche Internetseite der „internationalen Bewegung” zeigt einige Unterstützer_innen, die mit ihrem Foto und einem kurzen Text zum Marsch mobilisieren.

Da wäre Greta Duisenberg, die Witwe des Eurobankers Wim Duisenberg. Sie „gilt als die bekannteste Antisemitin der Niederlande” und hält eine derartige Bezeichnung für einen „Ehrentitel”. Am 04. Mai 2011 störte sie zwei Schweigeminuten, die in den Niederlanden überall zu Ehren der Opfer des zweiten Weltkriegs abgehalten werden. Duisenberg saß im Restaurant „L’Entrecôte et les Dames”. Anstatt zu schweigen, telefonierte sie während der Schweigeminuten. Schließlich wurde die Polizei gerufen, um sie aus dem Restaurant zu entfernen, berichtete die niederländische Presse über diesen Skandal der Duisenberg.

Im Januar 2009 beteiligte sich die umtriebige Aktivistin an einer Demonstration in Amsterdam, dort wurde unter anderem die Parole „Hamas! Hamas, gebt den Juden das Gas” gerufen. In einem Interview mit „Islam Online” klagte Duisenberg über eine angebliche „jüdische Lobby in Holland”, die „sehr stark und mächtig” sei: Diese „spielt immer noch mit unseren Schuldgefühlen, obwohl der Holocaust 63 Jahre hinter uns liegt”, behauptete Duisenbert dort. Sie wirbt nun auf der offiziellen Seite des Marsches:

Zeigen wir unsere Solidarität und unser Engagement in dem wir gemeinsam nach Jerusalem marschieren.

Weitere Untersützung erfährt der Marsch durch eine Politikerin der Partei „Die Linke”. Es handelt sich um Annette Groth, die sich bereits an der „Free-Gaza”–Flotille beteiligte und dort die links-jihadistische Querfront traurige Realität werden ließ. Groth scheint mit der geforderten „Befreiung Jerusalems” kein Problem zu haben. Sie beklagt in ihrem Statement zwar keine „Judaisierung”, dafür bedient sie sich der Sprache, die von deutschen Israel-Hasser_innen gepflegt wird. Groth benennt die angeblichen„systematischen Menschenrechtsverletzungen an der palästinensischen Bevölkerung” und unterstützt daher „den Global March nach Jerusalem”.

Außerdem finden sich die üblichen Verdächtigen auf der Liste der Unterstützer_innen. Diese sind immer dann zur Stelle, wenn es darum geht, den israelischen Staat zu dämonisieren. Neben den „Palästina-Komitees”, die an verschiedenen Orten der Bundesrepublik ihr Unwesen treiben, findet sich dort die bereits erwähnte „Antiimperialistischen Koordination” (AIK). In Deutschland ist diese Querfront-Truppe eng mit dem Verein „Initiativ e. V.” aus Duisburg verbandelt, der ebenfalls als Unterstützung aufgeführt wird. Gemeinsam sammelte man in der Vergangenheit Gelder für Terroranschläge im Irak. Das in Duisburg gesammelte Geld wurde an die „Irakische Patriotische Allianz” (IPA) übergeben, einer Gruppe, die nach der Befreiung vom Regime an terroristischen Anschlägen gegen die amerikanischen Truppen beteiligt war. Von ähnlicher Qualität sind auch die weiteren Unterstützer des Marsches nach Jerusalem.

Am 30. März 2012 will dieser Zusammenschluss „einzelne Marschsäulen” formieren, um nach Jerusalem zu ziehen. Bis dahin werden sich sicherlich noch viele weitere Israel-Hasser und Antisemiten finden, die den Marsch unterstützen. Gesucht werden sie unter anderem über eine offizielle Facebook-Seite. Dort finden sich mehr als üble antisemitische Grafiken und Fotomontagen. So ist beispielsweise ein mit Davidstern versehener Totenschädel zu sehen, der mit seinen blutigen Händen ein palästinensisches Kind gefangen hält. Außerdem finden sich antisemitische Gleichsetzungen: Dort werden Fotos der Shoa mit Fotos aus Palästina montiert, um den Eindruck entstehen zu lassen, es handele sich um ähnliche Ereignisse.

Diese ekelhaften Grafiken und die ebenso ekelhaften Aufrufe zeigen deutlich auf, dass es hier nicht um den Frieden oder um die Menschen geht, die in der Region leben. Es geht um die „Verteidigung und Befreiung Jerusalems”. Der Aufmarsch zum „Tag des Bodens”, am 30. März 2012, soll ein weiter Baustein sein, um dieses Ziel aller Antisemiten bittere Realität werden zu lassen.

Propaganda à la KenFM: ein Nachruf

Mit einem Paukenschlag und einem Shitstorm endet die Karriere einer verschwörungsideologischen Legende. In der KenFM-Sendung des Radiomoderators Ken Jebsen, der über das Jugendradio Fritz des öffentlich-rechtlichen Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) zu hören war, wurde Verschwörungsideologie, Israel-Hass und Antiamerikanismus verbreitet. Nun ist der Propagandist reaktionärer Verschwörungstheorien vorerst nicht mehr über das Radio zu hören.

Die Sendung wurde, nachdem eine E-Mail des Radiomoderatoren veröffentlicht wurde, erst einmal abgesetzt. Fast zehn Jahre hatte KenFM die Theorien der verschwörungsideologischen Szene propagiert und war deswegen von den Fans der verschwörungsideologischen Deutung der Realität gefeiert worden. Seine Radiobeiträge wurden vor allem auf den Internetseiten der verschwörungsideologischen Szene beworben. Ken Jebsen stellte sie über YouTube, für ihn das „Fernsehen des kleinen Mannes“, zur Verfügung. Dort wurden sie hunderttausendfach angeklickt.

In seinen Beiträgen machte der Radiomann beispielsweise „den Ami“ für die „Terrorlüge“ des 11. September 2001 und für fast alle Übel dieser Welt verantwortlich. Der Hass auf die USA ging mit einer absoluten Verharmlosung der Bundesrepublik einher, die er als deren „Vasall“ bezeichnete.

Außerdem hetzte der Radiomann, zu dessen Markenzeichen sein ratternder, schneller Sprachstil zählte, gegen Israel. Dafür huldigte der Radiomann „Palästina“: Es sei ein „von Besatzern kontrolliertes Kriegsgebiet, eine handvoll blutgetränkter Erde“, behauptete Jebsen in einem seiner Beiträge.

Dort relativierte er den Antisemitismus der palästinensischen Organisationen und rechtfertigte deren mörderisches Vorgehen mit dem angeblich gerechtfertigten „Hass“ der „Palästinenser“, die „wie Vieh vegetieren“ würden. Er träumte von einem „Staatengebilde IsraelPalästina“ und schwang sich bevorzugt zu einer Art deutschem Nachhilfelehrer auf, der mit seiner Sendung den jahrzehntelangen Konflikt lösen wollte.

Dies sollte unter anderem durch ein durch Israel geschaffenes Yad Vashem in „Palästina“geschehen, das „all der palästinensischen Opfer gedenkt, die durch israelische Besatzung umgekommen sind“. Ein „zukünftiger israelischer Präsident“ solle dort niederknien „wie einst Willy Brandt“ in Warschau. Mit diesem Geschichtsrevisionismus ging eine Leugnung des Antisemitismus einher. Diesen Antisemitismus blendete Jebsen aus. Dafür „forderte er alle Hilfe für Palästina“. Schließlich würden die Deutschen wissen, „was Teilung und Fremdbestimmung bedeutet“, ratterte er in seiner Sendung.

In einer anderen Sendung verharmloste er das iranische Atomprogramm. Das Land sei „Übernahmekandidat Nummer Eins“, lautete ein Titel seiner Sendung, in der er sich gleich zu Beginn auf Henry Ford berief, der neben seiner Tin Lizzy auch antisemitische Bücher wie die „Protokolle der Weisen von Zion“ oder „Der internationale Jude – Ein Weltproblem“ herausbrachte.

Ken Jebsen bezog, zur Freude seiner Groupies, ganz eindeutige Positionen. Dazu gehörte auch die Einordnung des II. Weltkriegs, den er im geschichtsrevisionistischen Jargon als „Ölkrieg“ verharmloste, von dem die Rockefellers als alleinige Monopolisten profitiert hätten. Er zeigte damit deutlich auf, wie mehrheits- und gesellschaftsfähig die verschwörungsideologische Deutung der Realität ist.

Viele seiner Äußerungen hätten – in ähnlicher Form – auch von Nationalsozialisten stammen können, die die Bun­des­re­pu­blik ebenfalls als „Va­sall“ der USA imaginieren. Jebsen ging es eben niemals um Aufklärung; ihm ging es darum, den Hass auf die USA und auf Israel zu ar­ti­ku­lie­ren. Dieser Hass ging mit der Angst vor der Moderne, die durch Verschwörungstheorien in einer irrationalen Weise rationalisiert wurde, einher.

Ob nun der 11. September 2001, das Atomwaffenporgramm des Iran, der Hunger in Afrika oder die Geschichte von Wikileaks: Jebsen hatte zu allen Themen eine wenig fundierte Verschwörungstheorie parat, die er dafür umso schneller herunterratterte. KenFM wurde auf diese Art und Weise zu einem verschwörungsideologischen Sprachrohr, der an die Ressentiments der deutschen Bevölkerung anknüpfen konnte und diese zugleich reproduzierte.

Anhand der nun veröffentlichte E-Mail, die aus einem privaten Schriftverkehr mit einem Kritiker stammt, lässt sich die politische Positionierung des Ken Jebsen noch deutlicher erkennen. Hier äußerte sich der Radiomann unverblümt:

sie brauchen mir keine holocaus informatinen zukommen lassen. ich habe mehr als sie. ich weis wer den holocaust als PR erfunden hat. der neffe freuds. bernays.

Goebbels hätte dessen Anweisungen lediglich „umgesetzt“. Selbst für die Shoah macht der Antisemit also einen Juden verantwortlich. Diese Hetze garnierte Ken Jebsen mit den beliebten Entlastungsgeschichten, die amerikanische Firmen für den Nationalsozialismus verantwortlichen machen:

ich weis wer die rassendatten im NS reich möglich gemacht hat. IBM mit hollerithmachinen. ich weis wer wärend des gesamten krieges deutschland mit bombersprit versorgt hat.standartoil also rockefeller.

Diese entspricht über weite Teile den Inhalten, die er lange Jahre in seiner Sendung verbreitete. Schließlich deutete er auch dort an:

Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, der wird am Ende blind werden.

Die E-Mail, deren Echtheit von Jebsen in einer aktuellen Stellungnahme bestätigt wird, ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Seine Radiosendungen waren durchaus dazu geeignet, den Hass zu schüren und die deutsche Kriegsschuld am Vernichtungskrieg zu relativieren. Auch aus dieser Sichtweise ist die Absetzung der Sendung durchaus erfreulich.

Nicht erfreut sind dagegen die Fans des Ken Jebsen. Sie äußern sich beispielsweise auf der Facebook-Seite von KenFM und eifern ihrem Idol in Sachen Rechtschreibung und Inhalten nach. „Jetzt versucht man also sogar das letzte bisschen ehrlichen Journalismus zu töten“, jammert ein Fan.

Dort wird Henryk M. Broder, der für die Veröffentlichung der E-Mail verantwortlich war, als „Kommissar“, „Volksdemagoge“, „Brandstifter“ und „Hetz- und Schmierenschreiber“ bezeichnet, der für einen „unliebsamen ruf für juden“ sorgen würde.

An den Beleidigungen beteiligt sich übrigens auch ein Occupy-Aktivist aus Berlin, der gerade in der Klosterstraße vor einer Kirche campiert. Dieser schreibt außerdem:

RBB wollte am Dienstag kommen und das Camp filmen. Es wurde bereits besprochen aus Solidarität zu Jebsen den Dreh nicht zu unterstützen, bis der Fall geklärt ist! wie wäre es stattdessen mit einer KenFM-Sondersendung von dort?.

Falls Jebsen in Zukunft wirklich nicht mehr über Radio Fritz zu hören sein sollte, könnte er als Sprecher des Occupy-Camps durchaus an seine bisherige Karriere anknüpfen.

Deutscher Wahn

Das Video zeigt den Auftritt einer Verschwörungsaktivistin auf der „Occupy“-Aktion am 15.10.2011 in Köln. Dort durfte sie eine Rede über Chemtrails, die „Neue Weltordnung“ und Wetterwaffen halten, die eifrig beklatscht wurde. Am Rande der Demonstration versuchte sie, mit einem langen Monolog, auf einen angeblichen Dritten Weltkrieg, ausgeführt durch die USA und Israel, hinzuweisen.

Die Internetseiten der „Empörten“

Die „Empörten“, die nach ihren Märschen am 15.10.2011 Zelte aufgebaut haben und in vielen Städten der Bundesrepublik campieren, nutzen auch das Internet, um Forderungen zu entwerfen und gemeinsame Aktionen zu besprechen. Hier ist eine unübersichtliche Struktur entstanden. Es gibt hunderte Facebook-Seiten, bei denen oftmals nicht ersichtlich ist, ob sie von vereinsamten Einzelpersonen oder von organisierten Aktivisten der „Bewegung“ betrieben werden.

Im Zweifel können sich diese von den Inhalten distanzieren, die ihnen nicht genehm sind. Es gibt aber auch offizielle Seiten, auf denen die kommenden Aktionen geplant werden. Auf meiner Reise durch das Internet stoße ich auf die Inhalte, die vielen Occupy-Aktivisten am Herzen liegen.

So hat Occupy-Frankfurt eine offizielle Internetseite. Alle dürfen dort mitschreiben, von der bewegten Attac-Aktivistin bis zum antisemitischen Verschwörungsfan. Daher widersprechen sich viele Forderungen. So soll ein demokratisches Miteinander entstehen. Man sei eine „Gemeinschaft mit vielen verschiedenen Ideen und Zielen“, die „der Macht Grenzen setzen wollen“, heißt es in einer allgemeinen Einleitung. Einzelne distanzieren sich einerseits von Rassismus, Antisemitismus und Sexismus, auf der anderen Seite finden sich antisemitische Texte.

Mit einem strukturellen Antisemitismus, bei dem gegen eine die „Profitgier einer Minderheit von Superreichen“ angeschrieben wird, scheinen die Seiten-Nutzer und die Teilnehmer des Protestcamps kein Problem zu haben. Als Redner trat dort beispielsweise Bernd Senf auf, der sich an der strukturell antisemitischen „Zinskritik“ des Silvio Gesell orientiert.

Auf dem Camp finden sich daher Schilder mit der Aufschrift „Freigeld“, das in der Szene der „Zinskritiker“ als Lösung beworben wird. Auf Flyern finden sich ebenso problematische Forderungen: „Dieses Land gehört uns, nicht den Plutokraten!“ Hier nutzt man also einen nationalsozialistischen Kampfbegriff, der insbesondere durch das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unter Joseph Goebbels verwendet wurde.

Werbung für Occupy (Frankfurt)
Werbung für Occupy (Frankfurt)

Derartige Forderungen gefallen auch Nazis. So schreibt ein Autor – der zum Umfeld der Seite „Deutschland Echo“ gehört – darüber, dass das Camp eine „eine einmalige Gelegenheit“ sei, um „antiglobalistisch und antiplutokratisch zu agieren“. Nazis sollen sich anschließen und dabei mithelfen „das Goldene Kalb zu schlachten“.

Vielleicht liegt das an den offen antisemitischen Inhalten, die auf der zum Camp gehörenden Internetseite zu finden sind. Bisher sind sie nicht gelöscht worden. Kein Wunder: „Diskussionen sind gewünscht“, zum Beispiel über über angebliche Chemtrails. Daher findet sich bis heute antisemitische Hetze auf der offiziellen Internetseite der Frankfurter Camper:

Eine kleine mafiaartig organisierte Gruppe deren Mitglieder sich wohl schon über Generationen hinaus gegenseitig die Posten zuschieben mißbrauchen die jüdische Glaubensgemeinschaft für ihre Ziele.

Dort werden die „Progrome des Mittelalters“ gerechtfertigt, schließlich hätten sie den „einflussreichen Geldverleihern“ gegolten.

Und da muß man an dieser Stelle auch mal erwähnt werden, was eigentlich die Juden als Grundannahme haben sollten: in der Thora (alten Testament) steht: Nehmt keine Zinsen (…). Solange der Zins eine wichtige Rolle in einem Währungssystem hält, ist dieses auf kurz oder lang dem Scheitern verurteilt.

Auf der Internetseite wurden verschiedene Texte veröffentlicht. So zum Beispiel die antiamerikanische Hetze des Querfrontlers Jürgen Elsässer. In der Linksektion der Internetseite finden sich Videos: Hier wird auf ein Video des „Zinskritikers“ Bernd Senf verwiesen.

Es handelt sich um ein Interview mit der verschwörungsideologischen Internetseite „Alpenparlament“. Geführt wurde es vom „Medienwissenschaftler“ Michael Vogt , der im Jahr 2004 – gemeinsam mit dem Mitarbeiter der sächsischen NPD-Landtagsfraktion Olaf Rose – einen revisionistischen Film über Rudolf Heß produzierte.

Auf der Internetseite von Occupy-Frankfurt wird das Video „Fabian, der Goldschmied: Gib mir die Welt plus 5 Prozent“ beworben. Der Produzent des Films ist der Scientologe Michael Hinz (Alias: M. Kent). Das Zeichentrick-Video findet sich auf zahlreichen Internetseiten der rechten Szene. An derartigen Inhalten scheint sich in Frankfurt fast niemand zu stören. Sie finden sich bis heute auf der offiziellen Internetseite, obwohl die Aktivisten auf diesen Umstand hingewiesen wurden.

Neben dieser offiziellen Internetseite gibt es weitere Seiten, auf denen zu Protesten in Frankfurt aufgerufen wird. So zum Beispiel die Seite „YesWeCamp2011″, die zu den Protesten aufruft und diesen mit zahlreichen Fotos und Videos dokumentiert. Diese wird von Frank Stegmaier betrieben, der in Frankfurt für die rechtspopulistischen Freien Wähler im Ortsbeirat 1 sitzt. Auf meiner Reise zur„demokratischen Bewegung“ lande ich nicht nur auf dessen Seite, sondern auch auf der Internetseite einer bundesweiten Organisation, deren Name die Proteste geprägt hat. „Echte Demokratie Jetzt“ ist in aller Munde. Auch an dieser Gruppierung ist Stegmaier beteiligt.

So ist er sich für den Twitteraccount und für die Internetseite des Frankfurter Ablegers von „Echte Demokratie Jetzt“ verantwortlich. Auf dieser Internetseite finden sich die Videos, in denen Stegmaier im Protestcamp vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt posiert. Außerdem verbreitet er über seine YouTube-Kanäle die Videos, die die regressiven Proteste der Camper zeigen.

Hier wirbt der Ortsbeirat der rechtspopulistischen „Freien Wähler“ natürlich auch für eine „Anti-Euro-Partei“. Er war auch der erste, der am 15.10.2011 sein Zelt vor der Europäischen Zentralbank aufschlug, was er bereits am 09.10.2011 ankündigte:

Besetzung der Europäischen Zentralbank in Frankfurt a.M. mit Zelten und allem was dazu gehört! Wer dabei ist, meldet sich.

Der Spiegel porträtierte ihn vollkommen unkritisch als „Hardcore-Aktivist, der den Euro abschaffen will und seit April immer mal wieder vor der EZB aus Protest campiert“.

Über die Internetseiten des „Hardcore-Aktivsten“ landet man schnell beim bundesweiten Ableger von „Echte Demokratie Jetzt“. Im dortigen Internetforum werden verschiedene Projekte beworben, die es den Aktivisten angetan haben. Hier wird nicht nur die Piratenpartei empfohlen, sondern auch Strukturen der rechten Reichsbürger. So zum Beispiel das „Projekt Neudeutschland“, das nur solange an „der Oder-Neiße Linie“ festhalten möchte, „bis alle anderen Nationen diese Grenze zu ändern wünschten“. Erst dann wollen diese Reichsbürger, die „Errungenschaften von NeuDeutschland über die derzeit bestehenden Grenzen der Bundesrepublik hinaus auf relativ unproblematische Art zu verbreiten“.

In dem Internetforum von „Echte Demokratie Jetzt“ bewirbt ein Adminstrator außerdem „kleine Parteien die man interessant finden kann“. Er bewirbt konkret die „Partei der Vernunft“, die anti-europäische Partei des Verschwörungsideologen Oliver Janich, die sich an der Demonstration in Berlin beteiligte.

Die Occupy-Bewegung in Berlin bewirbt ihre diffusen Ziele ebenfalls auf verschiedenen Internetseiten. Hier wird zu den den Camping-Aktionen aufgerufen. Neben der Seite „Alex11″, die auf den ersten Campversuch am Alexanderplatz zurückgeht, an dem verschiedene Verschwörungsaktivisten beteiligt waren, gibt es noch mehrere Internetseiten und eine Mailingliste zum Thema. Letztere ist durchaus amüsant. Eine Einzelperson verschickt beispielsweise ein Protokoll über ein Plenum in ihrer Wohnung, an dem kein anderer Mensch teilgenommen hat.

Auf meiner Reise durch das Internet entdecke ich auch den Blog „OccupyBerlin“, auf dem über aktuelle Entwicklungen rund um das Camp informiert wird. Hier wird darüber berichtet, dass sich eine „9/11 Arbeitsgruppe“ gebildet hätte, in der über den „amerikanische Imperialismus und seinen Krieg zum Terror“ gesprochen wird.

Auf der Internetseite wird darauf hingewiesen, dass die Versammlungen des Camps von „MitHerzTV“ gefilmt werden. Ein Blick in deren YouTube-Account verrät einiges: Hier findet sich das bereits erwähnte antisemitische „Fabian der Goldschmidt“-Video, Videos über die angebliche „BRD-GmbH“ und andere verschwörungsideologische Propaganda aus dem Milieu der Reichsbürger.

Kein Wunder, dass die esoterische Musikerin Nina Hagen, deren neues Album „Volksbeat“ heißen wird, „Grüße und Unterstützung“ an die Gruppe „Alex11″ richtet. Sie droht:

Wir sind 99%! Wir sorgen für Gerechtigkeit und werden gerechte Volksurteile fällen.

Es ließen sich viele Inhalte finden, die aufzeigen, dass die Occupy-Gruppen ein ganz reales Problem mit antisemitischen, esoterischen und nationalistischen Inhalten haben. Diese finden auf den offiziellen Seiten dieses Milieus, die ich auf meiner Reise durch das Internet entdeckt habe.

Dort kündigen die Occupy-Gruppen für Samstag, den 22.10.2011, neue Märsche und Aktionen an. Unter anderem soll in Frankfurt, Köln, Hamburg und Berlin demonstriert werden. Wahrscheinlich werden die Forderungen, die es auf den Internetseiten der Szene zu entdecken gibt, auch auf den Demonstrationen präsentiert werden. Alles andere wäre eine wirkliche Überraschung.