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Interview zur Bandbreite

An dieser Stelle ein Interview, das ich in dieser Woche mit Radio Corax geführt habe. Dieses Mal geht es um die verschwörungsideologische Band „Die Bandbreite”. Im Interview gehe ich auf die Inhalte und die verschiedenen Auftritte der Band ein, die den Soundtrack für „Truther” und „Infokrieger” produziert. Außerdem geht es um das Lob von Nazis und andere Antisemiten und um ein Interview der Band, das diese einem antisemitischen Internetsender gab.

Camp der Verschwörungsfans

Zum dritten Mal mobilisieren verschiedene Verschwörungsideologen in die deutsche Provinz. Am 17. August 2012 werden sie für das Wochenende nach Völpke reisen. Es handelt sich um eine beschauliche Gemeinde in Sachsen-Anhalt, dort kommen die Verschwörungsfans seit mittlerweile drei Jahren zusammen, um an einem „völlig entspannten Gedankenaustausch” teilzunehmen.

Das Szenetreffen der Verschwörungsfans dient der internen Stabilisierung und Vernetzung. Die selbsternannten „Truther” und „Infokrieger” zelten, schießen mit Pfeil und Bogen und musizieren am Lagerfeuer. Außerdem konsumieren sie Verschwörungsideologie, „Spanferkel (…), Lamm, Putenschnitzel sowie Würstchen in etlichen Ausführungen”. Vegetarier dürfen sich ebenfalls an Verschwörungsmythen aber auch am Saltbuffet erfreuen, der Veranstalter verspricht, dass auch sie „auf Ihre Kosten kommen”. Das Zeltlager der Verschwörungsfans wurde auf den Namen „Truthcamp” getauft,

In den vergangenen Jahren wurde das Camp vor allem durch Jens Blecker organisiert, der auf den Spitznamen „Cheffe” hört. Er betreibt die Internetseite „IK-News”, mit der er zahlreiche Verschwörungsmythen kolportiert. Fast harmlos erscheint eine Umdeutung einer Kennedy-Rede, die in Verschwörungskreisen erstaunlich beliebt ist, obwohl es sich um eine offensichtliche Umdeutung handelt.

Auf „IK-News” wird aber auch, in einem anti-amerikanischen Jargon, vor der angeblichen „amerikanischen Hegemonialkrankheit” gewarnt. Als Urheber macht man eine „kleine Hochfinanzkaste” aus. Es seien die „beiden Familienclans Rothschild und Rockefeller”, die „noch über die Erde” verfügen würden. Diese werden als „Brut” bezeichnet, die USA sei die „Brutstätte dieser negativen Kräfte”. Mit diesen antisemitischen Konstruktionen begeistert die Internetseite „Truther” und „Infokrieger”, die ebenfalls diesem Wahn erlegen sind.

Die Causa Günter Grass erfüllte den Unmut der „Infokrieger” von „IK-News”. In der Pseudo-Kritik vieler Medien, die die Form, aber nicht den Inhalt des neuesten Pamphlet des greisen SS-Veterans kritisierten, wollten Blecker gar eine „Hetzkampagne” erkannt haben. Als einen Urheber machte „Cheffe” Henryk M. Broder und den Zentralrat der Juden aus. Der Autor würde „sein Gift (…) verspritzen”, gemeinsam würde man eine „gesellschaftlich vernichtende Keule” schwingen. Die Deutschen seien „mit der Schuld unserer Vor-Vorfahren überladen” worden.

Es sind Inhalte, die in dieser Form auch auf zahlreichen nationalsozialistischen Internetseiten zu finden sind. Der Betreiber der Internetseite „IK-News” verharmlost allerdings auch die industrielle Vernichtung der Jüdinnen und Juden. Schließlich behauptet er, dass „sich etliche schwerer Verbrechen schuldig gemacht” hätten und verweist auf die „Verfolgung der Indianer”.

Kein Wunder, dass auch die Kommentatoren dieser Internetseite zahlreiche antisemitische Äußerungen hinterlassen. Einige Zeit wurde im Forum zur Internetseite die „Protokolle der Weisen von Zion” beworben, es handelt sich um eines der schlimmsten antisemitischen Pamphlete, auf das sich NSDAP-Kader und andere Antisemiten bezogen.

Jens „Cheffe” Blecker ist nicht nur für solche Inhalte, sondern auch für das „Truth-Camp” verantwortlich. Der Einzelhandelskaufmann aus dem niedersächsischen Helmstedt hat die Internetseite zum verschwörungsideologischen Stelldichein angemeldet. Er bewirbt das Zeltlager der Verschwörungsfans auf „IK-News”.

In diesem Jahr hat sich Blecker allerdings ein wenig aus den Vorbereitungen zurückgezogen. Er plant die dauerhafte Ausreise nach Kanada und hat auch so „sehr viel um die Ohren”. Daher hat er einen Großteil der Planung in diesem Jahr einem verschwörungsideologischen Kameraden überlassen.

Es handelt sich Christian B., der die Internetseite„Lotus-Online” betreibt und im niedersächsischen Landkreis Cuxhaven lebt. Auf „Lotos-Online” finden sich ganz ähnliche Inhalte wie auf den Internetseiten des Jens„Cheffe” Blecker. Dort wird verschwörungsideologisch vor Handys und W-LAN-Netzen gewarnt, durch die Gehirntumore entstehen würden.

Ansonsten selektiert Christian B. gerne Jüdinnen und Juden. Es gibt zum Beispiel einen Artikel über „kritische Juden”, die Israel mit Verachtung begegnen. Natürlich möchte Christian B. kein Antisemit sein, schließlich konstruiert er eine „Machtelite”, „die eben nicht ausschließlich jüdisch geprägt ist”. Diese sei „eine Bedrohung für die freie Welt”.

Selbstverständlich sind es auch hier die üblichen Verdächtigen, die von deutschen Verschwörungsideologen bevorzugt herangezogen werden. Christian B. empfiehlt zum Beispiel den antisemitischen Propaganda-Film „Endgame”, der vor „Elite-Banker-Familien wie den Rothschilds” warnt.

Christian B. und Jens Blecker sind nicht nur Brüder im Geiste, sondern auch die Organisatoren des diesjährigen „Truth-Camps”. Für etwas mehr als 30 Euro dürfen die geneigten Verschwörungsfans am Szene-Treffen teilnehmen. Dort gibt es dann nicht nur Vorträge verschiedener Verschwörungsideologen zu hören, sondern auch den Soundtrack zum Verschwörungswahn: „An den Musikacts ändert sich nichts. Es sind wieder Kilez More und Die Bandbreite eingeladen”, kündigt Christian B. im Internet-Forum zur Veranstaltung an. Während „Die Bandbreite” das Milieu mit vergleichsweise seichten Reimen versorgt und zum Beispiel die Ereignisse des 11. September 2001 umdeutet,  hat „Kilez More” mehrere Lieder im Repertoire, die den Organisatoren und Verschwörungsfans ganz besonders gut gefallen dürften.

Der Wiener inszeniert sich als „Infokrieger im Informationskrieg” und warnt vor einer angeblichen „Weltregierung”. Paranoiderweise glaubt dieser Deutschrapper, dass „sie” dafür „Internet verbieten” wollen und dass „wir” tagtäglich „vergiftet” werden. Außerdem fragt sich der reimende Verschwörungsideologe, was „die Spasten” denken, die angeblich an der „Spitze der Pyramide” stehen.

Diese Frage beantwortet sich „More” mit einem Track, den er „Seitenwechsel” genannt hat. Dort schlüpft er in die Rolle eines angeblichen „Illuminaten”, der mit seine „Logenbrüdern” die Welt beherrschen würde:„Ich bin wieder mal Stolz auf den Krieg für mein Volk”, heißt es hier. Das Video zum Lied hat „More” mit einer Foto-Aneinanderreihung unterlegt. Dort wurde unter anderem ein Bild der nationalsozialistischen Organisation „Bund für echte Demokratie” (BfeD) verwendet. Andere Bilder zeigen einen hakennasigen „Illuminaten”, das Logo das israelischen Geheimdienstes Mossad oder den Teufel. Bei derartigen Inhalten sollte die Dauereinladung des Deutschrappers nicht verwundern. Er wird mit der „Bandbreite” für die musikalische Untermahlung der verschwörungsideologischen Zusammenkunft sorgen.

Zwischen dem 17. und dem 20. August 2012 wird ein Teil der Verschwörungsszene also in Völpke zusammenkommen, um dort für das Wochenende die Zelte aufzuschlagen. Dann wird man den Tiraden der ideologischen Vordenker lauschen. Gemeinsam wird man am Lagerfeuer musizieren und das ein oder andere Schwein vertilgen. Dort darf dann sicherlich auch über „die Rothschilds” und die angebliche„Weltregierung” debattiert werden.

Das Festival

Auf der Burg Waldeck gab es in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts die gleichnamigen Burg-Waldeck-Festivals, auf dem die damalige Crème de la Crème der deutschen Liedermacher zusammenkam, um Bänkelgesang und deutsches Liedgut zu intonieren. Es war das erste Open-Air in Deutschland. Hier traten Liedermacher wie Reinhard May, Franz Josef Degenhardt oder Hannes Wader auf. Gegen Ende der 60er Jahre sang man dann sogar die Internationale für die „Völker”, die nun endlich „die Signale” hören sollten.

Heute sind diese Liedermacher entweder verstorben oder verbittert. Das historische Waldeck-Festival gehört der Vergangenheit an. Seit einigen Jahren gibt es am gleichen Ort allerdings ein neues Festival. Dessen Organisatoren müssen andere Liedermacherund Volksmusikanten einladen.

Der „Linke Liedersommer” findet seit einigen Jahren, wie die historischen Waldeck-Festivals, in der Nähe der gleichnamigen Burg statt. Es handelt sich um eines der traurige Farce, mit dem die dunklen Abgründe sichtbar werden, denen ein Teil der deutschen Linken verfallen ist. Zwischen dem 15. und 17. Juni 2012 kamen nach Angaben einer Teilnehmerin etwa 160 Menschen zusammen.

Organisiert wird der „Linke Liedersommer” durch den „Deutschen Freidenker Verband” und die „Jenny Marx Gesellschaft” aus Rheinland Pfalz. Die „Freidenker” möchten mit ihrem „Musiktreffen” an „die Tradition der legendären Waldeck-Festivals zu APO-Zeiten” anknüpfen. Der Verbandsvorsitzende, ein Verschwörungsideologe namens Klaus Hartmann, knüpft allerdings auch an ganz andere Traditionen an. Er möchte auf „die Begriffe ‘Antisemitismus’ und ‘antisemitisch“ verzichten”, es gehe darum diese zu„entsorgen”. Neben der Entsorgung findet Hartmann aber auch eine andere Vorgehensweise sympathisch, auch wenn er am Erfolg zweifelt:

‘Je mehr der ‚Begriff Antisemit inzwischen für Verfechter der Menschenrechte und radikale Demokraten verwendet wird, erkläre ich mich selbst zu radikalen Antisemiten’.

Diese Theorien finden sich in einer Ausgabe des „Freidenkers”, dem Verbandsmagazin der Organisation, die nun mal wieder zum „Liedersommer” auf die Burg Waldeck einlud. Auf ihrem „Liedersommer” der linken Volksmusik darf die heutige Crème de la Crème der linken Volksmusik auftreten. Da wäre zum Beispiel der Linkspartei-Politiker Diether Dehm, der als „Lerryn” berühmt-berüchtigt ist, seit er in den dunklen 70er Jahren als „der Sänger mit den besseren Liedern” um Aufmerksamkeit heischte:

Bravo, bravo, hurra,
der Sänger mit den besseren Liedern ist da.

Seine Volksmusik, die er unter anderem in einer der Sendung „Disco” zum Besten gab, prädestinierte den heutigen Bundestagsabgeordneten geradezu für einen Auftritt auf dem „Liedersommer”. Im Jahr 2010 informierte Dehm dort über „Linke Kulturarbeit”. Ein Jahr darauf beteiligte er sich an einer Podiumsdiskussion, dort bezeichnete sich das Bundestagsmitglied voller stolz als „glühenden Verschwörungstheoretiker”.

Da wäre aber auch Jane Zahn, die als Kabarettistin ansonsten vor allem auf den Festivals der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) auftritt. Ihre „Stimme rockt und lockt, dröhnt und stöhnt, krächzt und ächzt, dass kein Trommelfell steif bleibt”, hieß es im Zentralorgan dieser Partei.  Zahn hat ein „Neues deutsches Volksliedgut” geschaffen, in dem sie populäre deutsche Schlager umdichtet: Sie krächzt im Sinne der „Occupy-Bewegung” für die „99 Prozent”, stöhnt über den angeblichen „Verrat”, der zum Untergang der Sowjetunion führte und ächzt über einen gewissen „Mr. Bush”:

Wir liegen vor Madagaskar
und kämpfen am Hindukusch.
Für die Freiheit vom Großen Zaster
und die Firma von Mr. Bush.

Mit dieser regressiven und anti-amerikanischen Stimmungsmusik erfreut Zahn DKP-Kader und Ostermarschierer, die der klampfenden Kabarettistin nur zu gerne ein Podium bieten. Dort darf sie dann nicht nur „Mr. Busch” und dessen „Firma” für alles Übel dieser Welt verantwortlich machen, sondern auch sich nicht reimende Verschwörungsmythen über den damaligen amerikanischen Präsidenten und dessen Verbindung zum Massenmörder Osama bin Laden intonieren:

„Wir sind dorthin gegangen, Bin Laden einzufangen,
doch der steckt bestimmt hinter einem Bush.
(Bush Vater oder Sohn, das ist egal).”

Auf dem „Linken Liedersommer” ist Jahn Zahn seit Jahren ein musikalischer Dauergast. Die Sängerin, von der noch eine schnulzige Hymne an ihre Partei überliefert ist, durfte dort über „das politische Kabarett”informieren. Selbstverständlich hat sie auch in diesem Jahr gesungen.

Diese musikalische Zumutung wird durch eine weitere Band übetroffen, die ebenfalls regelmäßig auf dem„Linken Liedersommer” auftritt. Es handelt sich um die Band „Die Bandbreite”, die mit verschwörungsideologischen Inhalten vor allem das Milieu der „Truther” und „Infokrieger” begeistert.

Mit ihren musikalischen Verschwörungsmythen tritt die Band regelmäßig auf den Festivals und Veranstaltungen dieser Szene auf. Sei es der ein oder andere Aufmarsch oder die ein oder andere Veranstaltung: „Die Bandbreite” ist nicht wählerisch. So trat die Band am 10. Juni 2011 auf einer Veranstaltung gegen die„Bilderberg-Konferenz” auf. Während sie für die musikalischen Inhalte zuständig war, hielten Politiker der rechtspopulistischen Schweizer Volkspartei (SVP) die Brandreden. Am 10. September 2011 kam es zu einem Auftritt in Karlsruhe, bei dem der Verschwörungsideologe Christoph R. Hörstel an die Verschwörungymthen der „Freunde von ganz Rechts” erinnerte, die „Recht” haben würden:

Da kom­men un­se­re Freun­de von Rechts, die mit den selt­sa­men Stie­feln und den kur­zen Haa­ren und wei­sen auf 1916 hin, auf die­ses Schiff na­mens Lu­si­ta­nia. Ihr Lie­ben, Recht habt ihr! Das war auch eine ge­zink­te Saue­rei!

In der jüngeren Vergangenheit beschallte die Band einen zinskritischen Kongress, bei dem Verschwörungsideologen, strukturell antisemitische Zinskritiker und andere Gestalten auftraten.

Durch die Veranstaltung führte Andreas Popp, der immer wieder, im Jargon der „Reichsbürger”, von der„BRD-GmbH” spricht und außerdem als Tierrechtler in Erscheinung tritt. In die­sem Zusam­men­hang rela­ti­viert Popp den Holo­caust: Er spricht vom „Tier­ho­lo­caust” und bezeich­net Vieh­trans­porte als „Depor­ta­tio­nen”.

Auf den Auftritt auf dem Zinskongress folgte der Auftritt auf dem „Linken Liedersommer”. Dort produzierte „Die Bandbreite” auch ein unfreiweilig-komischess Video mit einem jungen Groupie. Gemeinsam schwärmte man vom „supergeilen” Ereignis und setzte sich, auf gewohnt niedrigem Niveau, mit „den Antideutschen” auseinander.

Wir sind grad hier auf ‘nem supergeilen friedlichen Fest, namens ‘Linker Liedersommer’. (…) Wir hatten gerade ein supergeiles Konzert, die Leute waren supergeil dabei und zu den Antideutschen sagen wir einfach nur: Pfui! Fickt euch! Ihr könnt uns mal!

Die Tageszeitung Junge Welt berichtete am 26. Juni 2012 über den „Linken Liedersommer”. Dort erfreut sich der Autor am musikalischen „Volksgut” und den „rot schwelenden und züngelnden Holzscheiten”, die „die schöne alte Pfadfinder– und Wandervogel-Romantik” erweckt hätten. Ansonsten wird der „Linke Liedersommer”, dieses linke Treffen der linksdeutschen Volksmusikant_innen, kaum wahrgenommen. Lediglich die DKP-Zeitung „Unsere Zeit” berichtet. Dort schreibt Jane Zahn über ihren eigenen Auftritt und lobt ansonsten das Festival in den höchsten Tönen:

Als endlich der Regen aufhörte und ein wunderschöner Regenbogen den Wolkenhimmel überspannte, war dann auch noch das Lagerfeuer möglich, einer der größten Anziehungspunkte dieses Festivals. Unglaublich, wie sich dort das Liedgut mischte vom Volkslied über spaßiges Selbstgedichtetes.

Das war der „Linke Liedersommer”, diese traurige Farce der gar nicht lustigen, linksdeutschen Volksmusikanten. Auch in diesem Jahr sammelten sie sich, ähnlich wie ihre Ahnen, am Lagerfeuer.

Im nächsten Jahr werden sie wieder zusammenkommen, um neue und alte „Volkslieder” zu singen und sich im flackernden Schein des Lagerfeuers zu wärmen, das sie danach romantisch verklären. Die linksdeutsche Farce dürfte also wiederholt werden und für anschließende Jubelberichte in den einschlägigen Zeitschriften sorgen.

Update: 11.07.2012: Das erwähnte Video, das auf dem „Liedersommer” entstand, wurde vom Nutzer entfernt.

Bye Bye Occupy!

Occupy? Was war das noch? Erinnert sich noch jemand? Am 15.10.2011 gingen Zehntausende in Deutschland auf die Straße. „Wir sind die 99 Prozent“, lautete eine mehr als selbstbewusste Parole der Demonstrant_innen. „Wir sind das Volk“ war eine andere Parole, die deutlich machte, dass die Demonstrant_innen an einen mehr als fragwürdigen Volksbegriff anknüpften. Nach den Demonstrationen entstanden in verschiedenen Städten kleinere Zeltlager, in denen die protestierenden Kleinbürgerinnen und Kleinbürger zusammenkamen, um als neue Wandervögel auf sich aufmerksam zu machen.

Zumindest dies ist ihnen zeitweilig gelungen: Es gab begeisterte Presseberichte über die Camps und Aktionen der selbsternannten „Bewegung“: „Hundetausende gegen das Kapital“, jubelte die TAZ, die Bild-Zeitung schrieb vom nackten Protest gegen die Banken. In verschiedenen Fernsehtalkshows durften sich die Sprecher der „Occupy-Bewegung“ darstellen und wurden als freundliche, friedliche und faszinierende Deutsche inszeniert, die eine berechtigte Kritik formulieren würden. „Das ist eine richtige Volksbewegung geworden“, jubelte Maybritt Ilner im ZDF. Doch die genaueren Inhalte, die viele Aktivist_innen vertreten wurden nicht näher thematisiert.

Viele Occupy-Aktivist_innen stammten aus dem verschwörungsidelogischen Milieu der „Truther“ und „Infokrieger“. Einige bezogen sich auf die antisemitische und geschichtsrevisionistische Zeitgeist-Film-Reihe. In diesen Verschwörungsfilmen wird eine geheime Elite konstruiert, die die Welt beherrschen würde. Eine derartige Denkweise war auch Grundlage der „Occupy-Bewegung“; die von den 1 Prozent sprach, die sie für alles Unrecht der kapitalistischen Vergesellschaftung verantwortlich machte. Als „Elite“ wurde auf den Aktionen der „Occupy-Bewegung“ wahlweise „Bankster“, „Politgangster“ oder gar das Bilderberger-Treffen ausgemacht. Verschwörungsideologen propagieren tatsächlich, dass auf diesem Treffen über die nächsten Schritte der angeblichen „Elite“ entschieden wird. Etwa wer der nächste Bundeskanzler sein wird. Aktuell wird dies dem Sozialdemokraten Peer Steinbrück nachgesagt.

Die „Occupy-Bewegung“, in der derartige Theorien Gang und Gäbe waren, war vor allem eine Sammlungsbewegung aus wütenden Kleinbürger_innen und ebenso wütenden Verschwörungsfans. Sie war aber auch eine Bewegung, die nach ganz Rechtsaußen offen war: Rechtspopulisten verschiedenster Kleinst-Parteien in Frankfurt, Querfrontler wie Jürgen Elsässer in Berlin oder Holocaustleugner in Düsseldorf wurden von der „Occupy-Bewegung“ mindestens geduldet. Auf ihren Demonstrationen, die sie selbst Märsche nannten, konnte man ohne Mühen antisemitische Hetze, nationalsozialistische Phrasen und wütende Vernichtungsphantasien entdecken: Henry Ford, der nicht nur Autos produzierte, sondern auch antisemitische Hetze wie das Buch „Der internationale Jude’“ veröffentlichte, war eine oft zitierte Person innerhalb der „Occupy-Bewegung“. Im NS-Jargon war dort von „Zinsknechtschaft“ die Rede, auf der großen Occupy–Demonstration in Berlin waren Galgen auf Schildern zu sehen, die einige Aktivisten gebastelt hatten. „Eine Welt ohne 1 Prozent ist nötig“, hieß es auf einem anderen Schild.

Den Soundtrack zur Bewegung lieferte die verschwörungsideologische Band „Die Bandbreite“, die einige Märsche beschallte. In ihren Liedern geht es ganz verschwörungsideologisch zur Sache: Die USA werden nicht nur für die Anschläge des 11. September 2001, sondern auch für den Angriff auf Pearl Harbour verantwortlich gemacht. In ihrem aktuellen Album ist die anti-feministische Ikone Eva Herman zu hören, dort ist ganz verschwörungstheoretisch von der „Aids-Lüge“ die Rede. Das Lied „Was ist los in diesem Land“, in dem gegen „Schmarotzer“ und „Bonzen“ angesungen wird, schallte aus den Lautsprecherboxen in Berlin und in Frankfurt. „Mama weiß nichts mehr wie es weitergeht“, jammerte die Band dort. Dieser werfen Antifaschist_innen seit langem „sexistische, antisemitische und NS-relativierende Songtexte” vor, sie durfte trotz alledem auf den Demonstrationen und Aktionen der „Occupy-Bewegung“ auftreten.

Mit dem Winter schwand auch das Interesse an der „Bewegung“, die so hoffnungsvoll begonnen hatte. Am 15.01.2012 wollte man erneut auf die Straßen der Bundesrepublik gehen. Doch aus zehntausenden wurden tausend, wie zum Beispiel in Berlin. Aus tausend wurden ein paar hundert, wie zum Beispiel in Dresden. Es folgte kein Katzenjammer, denn die Aktivist_innen der Bewegung sind davon überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die 99 Prozent aktiv werden. So planen sie die nächsten Aktionen und werden wohl weiterhin aktiv sein.

Doch eines scheint nun sicher: Die „Occupy-Bewegung“ wird als kleine Polit-Sekte enden, die weiterhin gegen die 1 Prozent mobil macht. Die Aktivist_innen der selbsternannten „Bewegung“ werden allerdings weiterhin, auch in neuen Zusammenhängen und Strukturen, an der verschwörungideologischen Verklärung der Realität arbeiten. Sie werden weiterhin den Mythos von der angeblichen Elite propagieren, die für den Kapitalismus verantwortlich gemacht wird. Das Occupy-Label wird dann nicht mehr benutzt werden, sehr wohl aber die dahinterstehende regressive Ideologie.

Diese Kolumne war in der Antifa-Rubrik des Radio-Corax zu hören. Sie kann hier heruntergeladen und angehört werden.

Aufruf des Verschwörungsrappers

Die verschwörungsideologische Band „Die Bandbreite” machte in der vergangenen Woche durch einen kuriosen Videoaufruf auf sich aufmerksam, indem sie dazu aufrief, zwei unliebsame Dozenten der FH Düsseldorf aus dem Amt zu mobben.

In dem zwölf Minuten langen Video redet sich der Sänger der Band, der Duisburger Marcel „Wojna” Wojnarowicz, in Rage. „Sie bestrafen Dissidenten”, jammert der Sänger. In seinem ausgiebigen Monolog kritisiert er den Umgang mit seiner Band und stilisiert sich und seine Anhänger_innen zu Opfern fieser Machenschaften.

„Ich könnte es euch nicht verübeln, wenn ihr den Rücktritt der beiden Dozenten fordert”, drängt der Sänger der Band seine Fans. Im Video wird eine E-Mail-Adresse der FH Düsseldorf gleich mehrmals eingeblendet.

Zuvor waren in einem Hochschul-Seminar namens „Musik des Widerstandes” die Inhalte und Aussagen der Band durch zwei Studentinnen thematisiert worden. Diese hatten sich mit der verschwörungsideologischen „Wahrheitsbewegung” befasst, die verschiedene historische Ereignisse umdeutet. Die Band „Die Bandbreite” liefert den Soundtrack zu den populären Verschwörungsmythen dieser selbsternannten „Bewegung”.

Das Referat, das letztendlich schriftlich ausgearbeitet wurde, beschäftigt sich mit der „Musik der Wahrheitsbewegung”, kolportiert aber allem Verschwörungsideologie. Es handelt sich um ein Werbepapier für die Band und ihre Inhalte. Diese würde „melodischen HipHop, Pop und Rock” produzieren und inhaltlich „eine Fülle von Informationen” liefern, heißt es in der Ausarbeitung.

Der 11. September sei „Selbst Gemacht” gewesen lautet eine These der Band, in einem anderen Lied wird die Behauptung aufgestellt, dass der israelische Geheimdienst Mossad über die Anschläge in London informiert gewesen wäre und diese Informationen nicht weitergetragen hätte. Für weitere Ereignisse, wie den japanischen Angriff auf Pearl Harbour, macht die Band amerikanische Institutionen verantwortlich.

Im Intro der neuesten CD, „Reflexion”, ist die anti-feministische Ikone Eva Herman zu hören, die — in den mittlerweile eingestellten verschwörungsideologischen Kopp-Nachrichten – einen Aufmarsch des Verschwörungsmilieus bewarb, an dem auch die Band beteiligt war. In einem Lied auf dieser CD wird die Behauptung aufgestellt, dass die Immunschwächekrankheit AIDS in einem Labor entstanden sei, um die„Ausrottung der Afrikaner” zu betreiben. Es handele sich um „sexistische, antisemitische und NS-relativierende Songtexte”, kritisieren antifaschistische Gruppen.

Die Band verpackt derartige Verschwörungsmythen in sich nicht immer reimende Reime, um sie dort vorzutragen, wo derartige Thesen gerne gehört werden. So zum Beispiel im vergangenen Jahr auf einer Veranstaltung gegen die Bilderberger-Konferenz, der Verschwörungsideologen eine unglaubliche Macht nachsagen. Dort hielten Politiker der rechtspopulistischen Schweizer Volkspartei die inhaltlicheren Reden.

Gegen Ende des Jahres 2011 stellte der Sänger der Band, Marcel Wojnarowicz, seine Lieder in dem Online-Radio „Wake News” vor. Der Betreiber behauptet auf der Internetseite des Online-Senders unter anderem, dass die Mitglieder der englischen Königsfamilie und Kate Middleton Juden seien. „Gibt es hier wie­der so eine Art In­zucht-​Hoch­zeit bluts­ver­wand­ter See­len“, heißt es in einem unverhohlenen antisemitischen Jargon auf der Internetseite des Online-Radios, dem der Sänger der Band „Die Bandbreite” zum Interview zur Verfügung stand.

Dort findet sich die Behauptung, dass die Bundesrepublik lediglich eine „GmbH” der Alliierten darstellen würde. „Deut­sches Volk in Knecht­schaft und Er­zwin­gungs­haft“, heißt es hier. Es handelt sich um einen beliebten Mythos der Verschwörungsszene. Das Spektrum der rechten  „Reichsbürger” versucht auf diese Weise die Staatlichkeit der Bundesrepublik in Frage zu stellen, um die Fortexistenz des „Deutschen Reiches” zu beweisen. Außer dem Sänger der Band „Die Bandbreite” finden sich zahlreiche Propagandist_innen dieser Theorie, die dem Online-Sender gerne ein Interview geben.

Doch von derartigen Tatsachen war in dem Seminar nichts zu hören. Stattdessen hatten die beiden Studentinnen ein vollkommen unkritisches Interview mit dem Sänger der Band, Marcel „Wojna” Wojnaorwicz geführt und wollten ganze elf Songs und Songausschnitte der Band präsentieren. Bei dieser Werbeveranstaltung für die Band „Die Bandbreite” kam es daher zu durchaus verständlicher Kritik durch andere Kommiliton_innen. Die vortragenden Studentinnen wurden aufgefordert, ihr Referat in schriftlicher Form einzureichen.

Es handele sich um eine „brilliante Hausarbeit”, behauptet der Sänger in seinem Anklage-Video. Dieses ist entstanden, weil die schriftliche Ausarbeitung negativ bewertet wurde. „Ein absoluter Witz”, ruft der Sänger wütend in die Kamera. Die Ausarbeitung wurde zeitgleich auf der Internetseite der Band veröffentlicht.

Diese Arbeit stellt eine unverhohlene Werbung für die Ideologie der Verschwörungsszene dar. Hier werden die Internetseiten der „Wahrheitsbewegung”, zur Werbung für die „Wahrheitsbewegung”, herangezogen. Als Quelle dient unter anderem die strukturell antisemitische Internetseite „Alles Schall und Rauch”, die nationalistische Verschwörungsplattform „Infokrieg.tv” und die Theorien der Gruppe „Arbeiterfotografie”, die anlässlich des Erdbebens von Japan von einer geheimen Erdbebenwaffe träumte.

Eine weitere Quelle sind die Thesen des Elias Davidsson, der in der Vergangenheit auf einer Veranstaltung der rechten Burschenschaft „Nor­man­nia-​Nie­be­lun­gen” auftrat. „Ich bin radikaler Antisemit und stolz darauf”, schreibt Davidsson in einem aktuellen Bekenntnis. Außerdem wird sich auf den Verschwörungsideologen Alex Jones berufen, der sich als „frei­heits­lie­ben­der pa­trio­ti­scher Ver­fech­ter der kon­sti­tu­tio­nel­len Re­pu­blik der Ver­ei­nig­ten Staa­ten” versteht. Jones möchte gegen die „kommunistischen Banken” vorgehen und ruft zur Vereinigung von Occupy– und Tea Party-Bewegung auf.

In der Arbeit finden sich zahlreiche formelle Fehler und methodische Mängel. So werden die Namen verschiedener Verschwörungsideologen und Institutionen falsch geschrieben. In einem Fall verweist die Quellenangabe lediglich auf eine Antwort-E-Mail eines Verschwörungsideologen. „Angegeben wurden dabei nur die Betreffzeile und die Uhrzeit der Versendung. Allein dieses Quellenverzeichnis wäre bei den meisten DozentInnen wohl ein Grund für eine schlechte Benotung”, heißt es in einem Artikel der „Bochumer Stadt– und Studierendenzeitung”.

Doch mit derartigen Fakten möchte sich die Band nicht befassen. Sie inszeniert sich und ihre Anhänger_innen als Opfer fieser Machenschaften und ruft zur Kampagne auf. Es sollen „E-Mails und Beschwerden„verschickt werden: „Es besteht eine Vergleichbarkeit zur Situation im Dritten Reich”, wütet ein „Arbeitskreis Spiritualität & Therapie” prompt in einem Brandbrief. Nun droht droht sogar ein kleiner Aufmarsch der „Bandbreite”–Groupies. „Spätestens, wenn wir die erste Demo vor der FH starten, wird man uns anhören”, schreibt die Band auf ihrer Facebook-Seite. Vielleicht wird also ein wütender „Wojna” Wojnarowicz mit einigen Fans vor der FH Düsseldorf protestieren.

Marsch der 0,00005 Prozent

Die Occupy-Demonstration in Berlin ging fast reibungslos über die Bühne. Etwa eintausend Menschen marschierten durch die Bundeshauptstadt. Damit waren es deutlich weniger Demonstrant_innen als im Jahr 2011, als noch mehrere tausend Menschen demonstrierten. Der Marsch im neuen Jahr wurde durch die üblichen Verdächtigen geprägt. Ein bunt-braunes Spektrum, von Hippies über Verschwörungsfans bis zu antisemitischen Aktivist_innen, beteiligte sich am Marsch der Occupy-Bewegung, für den diese mehrere Monate mobilisiert hatte.

Innerhalb der Demonstration wurden Flugblätter des „Zeitgeist-Movements” verteilt, das auf die strukturell antisemitischen Verschwörungsfilmchen zurückgeht. Einige Aktivisten der Gruppe „Berlin gegen den Krieg” bewarben die Verschwörungsdokumentation des Frieder Wagner, der in der Vergangenheit beispielsweise mit dem Querfrontler Jürgen Elsässer auf einer Veranstaltung aufgetreten ist. Der Anthroposoph Holger Niederhausen verteilte Flyer, in denen seine neuesten esoterischen Machwerke beworben wurden: „Ist die Schwelle des Todes überwindbar”, hieß es hier. Außerdem gab es verschiedene Transparente zu bestaunen, auf denen die Parole „Liebe” abgebildet war.

Des Weiteren waren die üblichen Forderungen auf Pappschildern zu lesen: Die deutschen Wutbürger protestierten gegen „Banken”, „Zinsen”, „Finanz-Mafia-Böcke” und „Dekadenz”, forderten eine Neuuntersuchung der Ereignisse des 11. Septembers 2001 und die Freiheit für den mutmaßlichen Vergewaltiger Julian Assange. Außerdem gab es buntere Schilder, auf denen anti-amerikanische Grafiken zu sehen waren.

Ein Schild zeigte beispielsweise einen Fantastilliadär à la Dagobert Duck. Dieser war in eine amerikanische Flagge gehüllt und sprang in seinen Geldspeicher.  Mit einem anderen Schild klagte eine Demonstrantin: „Wir sind die Verwaisten des amerikanischen Traumes”. Am Ende des Demonstrationszuges posierten die Aktivist_innen der antisemitischen „Bürgerrechtsbewegung Solidarität” (BÜSO) mit einem riesigen Transparent, um vor dem angeblich beginnenden Dritten Weltkrieg zu warnen.

Die Occupy-Aktivst_innen hatten im Vorfeld des Marsches über eine Einladung der verschwörungsideologischen Band „Die Bandbreite” debattiert. Nach internen Debatten, bei denen eine absolute Minderheit gegen den drohenden Auftritt protestiert hatte, hatte ein Aktivist – der selber üblen verschwörungsideologischen Deutschrap produziert — behauptet, dass er der Band „leider keine Zusage von Occupy Berlin für einen Auftritt am 15. Januar” geben könne. Wahrscheinlich wurde diese Erklärung, die der Aktivist über die Occupy-Internetseite „Alex11” veröffentlichte, allerdings nur verfasst, um die erhitzten Gemüter zu beruhigen.

Kurz nachdem die Wutbürger ihren Marsch durch Berlin begonnen hatten, erklangen schließlich die ersten Töne des Liedes „Was ist los in diesem Land”, das von der Band „Die Bandbreite” stammt. Im Video zu diesem Song singt der Frontmann Marcel Wojnarowicz über einen„Völkermord” in Afghanistan, währenddessen ist eine Flasche Zyklon B zu sehen, das die Nazis nutzten, um die industrielle Vernichtung der Jüdinnen und Juden durchzuführen. Mit derartigen Gleichsetzungen betreibt „Die Bandbreite” eine ungeheure Verharmlosung der Shoa.

Auf dem neuesten Album, das „Reflexion” heißt, geht es auch um die verschwörungsideologische Verklärung der Krankheit AIDS. Im Intro zum Album ist die reaktionäre Anti-Feministin Eva Herman zu hören, die eine Demonstration bewirbt, an der die Band beteiligt war. Antifaschistische Kritiker_innen wie das „Dortmunder Antifa Bündnis” (DAB) warfen der Band in der Vergangenheit „sexistische, antisemitische und NS-relativierende Songtexte” vor. Doch auf dem Marsch der „Occupy-Bewegung” aus Berlin wurde die Band begeistert gefeiert.

So wagte sich der Sänger nach dem ersten Lied auch aus dem Lautsprecherwagen, um Gesicht zu zeigen und sich von den Demonstrant_innen bejubeln zu lassen, die zu den gruseligen Beats der Band tanzten.

Als drei vereinzelte Occupy-Anhänger_innen verbalen Protest artikulierten ließ Frontmann Wojnarowicz abstimmen. Seine Fans grölten begeistert, als er die Frage stellte, ob er noch ein weiteres Lied performen sollte. Es handelte sich um das Lied „Selbst Gemacht”, mit dem die Band die Frage stellt, ob verschiedene Ereignisse in Wirklichkeit durch amerikanische Institutionen begangen wurden. Die vereinzelten Kritiker_innen wurden übergangen, vom viel gerühmten Konsens-Prinzip, dem sich die Occupy-Bewegung angeblich verschrieben hat, war hier nichts zu bemerken.

Im Lied „Selbst Gemacht” wird die rhetorische Frage gestellt, ob die amerikanischen Institutionen „eigene Leute” während des japanischen Angriff auf Pearl Harbour „geopfert” hätten. Außerdem geht es um die Ereignisse des 11. Septembers, die ebenfalls verschwörungsideologisch verklärt werden. Der Song wurde begeistert beklatscht.

Vielleicht zeigt der Auftritt der Band, die bereits eine Demonstration in Frankfurt beschallt hatte, die politischen Positionierung der Occupy-Bewegung auf. Statt Gesellschaftskritik zu betreiben, werden hier verschiedene Verschwörungsmythen propagiert. Die Teilnehmer_innen imaginierten sich als die 99 Prozent, denen die 1 Prozent gegenübergestellt werden, die angeblich die Welt beherrschen. Kein Wunder, dass die verschwörungsideologischen Deutschrapper der Band „Die Bandbreite” auf derartigen Aktionen begeistert gefeiert werden. Es bleibt abzuwarten, an welcher Occupy-Aktion sich die Verschwörungsband das nächste Mal beteiligen wird.

Der verschwörungsideologische Jahresrückblick

Es war ein gutes Jahr für das Milieu der „Trut­her“ und „In­fo­krie­ger“, die die Ver­fasst­heit der Welt ver­schwö­rungs­ideo­lo­gisch um­deu­ten. Schließ­lich gab es die ein oder an­de­re Ka­ta­stro­phe, den ein oder an­de­ren Ter­ror­an­schlag und die große ka­pi­ta­lis­ti­sche Krise, die die Ver­schwö­rungs­sze­ne in ihrem Sinne deu­te­ten konn­te. Zeit für einen Rück­blick über die wahn­haf­tes­ten und wirrs­ten Ver­schwö­rungs­kon­struk­te des ver­gan­ge­nen Jah­res.

Am 11. März 2011 kam es zum ver­hee­ren­den Erd­be­ben in Japan, ge­folgt vom Strah­len­un­fall von Fu­kus­hi­ma. Beide Er­eig­nis­se wur­den zum Ren­ner in der ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­schen Szene. Hier ging es nicht um Empathie mit den Op­fern der Ka­ta­stro­phen, son­dern darum, diese Er­eig­nis­se in das ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­sche Welt­bild ein­zu­ord­nen. Her­aus kam die ganz be­son­ders per­fi­de Theo­rie von der an­geb­li­chen Erd­be­ben­waf­fe, die gegen Japan ein­ge­setzt wor­den wäre.

Die „Grup­pe Ar­bei­ter­fo­to­gra­fie“, die an­sons­ten Pro­pa­gan­da für das ira­ni­sche Re­gime be­treibt, stell­te bei­spiels­wei­se die Frage, wer das Erd­be­ben an­ge­ord­net und aus­ge­führt hätte. Sie fol­ger­te, dass eine su­per-​ge­hei­me Erd­be­ben­waf­fe in Ein­satz ge­we­sen wäre. Auf an­de­ren In­ter­net­sei­ten wur­den gar die Er­eig­nis­se an sich in Frage ge­stellt. Hier war von einem „an­geb­li­chen Erd­be­ben“ die Rede, das in den Stu­di­os von BBC-​Lon­don ent­stan­den wäre. habe. Die Ka­ta­stro­phe wurde dort als „eine reine Er­fin­dung von Be­hör­den, Me­di­en und Po­li­ti­kern“ be­zeich­net.

Doch die Um­deu­tung der Er­eig­nis­se von Japan war endgültig vom Tisch, als am 26. Juli 2011 der ras­sis­ti­sche Mas­sen­mör­der An­ders Beh­ring Brei­vik seine blu­ti­gen Taten voll­brach­te. Be­reits am Tag der An­schlä­ge von Oslo und Utoya ent­stan­den die ers­ten Ver­schwö­rungs­theo­ri­en.

Zum klei­nen Ren­ner avan­cier­te ein an­geb­li­ches Ufo, das ei­ni­ge „Trut­her“ und „In­fo­krie­ger“ in einem YouTube-​Vi­deo der Ge­scheh­nis­se ent­deckt haben woll­ten. Dabei han­del­te es sich le­dig­lich um eine ty­pi­sche Stra­ßen­la­ter­ne, die die Haupt­stadt Nor­we­gens be­leuch­tet.

Neben die­ser eher amü­san­ten Theo­rie wur­den auch offen an­ti­se­mi­ti­sche Ver­schwö­rungs­theo­ri­en pro­pa­giert. Hier wurde der Mas­sen­mör­der An­ders Beh­ring Brei­vik, der in sei­nem ab­sur­den Ma­ni­fest davon ge­spro­chen hatte, dass die USA ein „be­trächt­li­ches Ju­den­pro­blem“ hät­ten, gar zu einem Agen­ten des is­rae­li­schen Ge­heim­diens­tes Mossad ge­macht.

Als Be­weis führ­ten die Ver­schwö­rungs­fans eine blau-​wei­ße Kra­wat­te an, die der Täter ge­tra­gen hatte. In an­de­ren Theo­ri­en wurde der Täter zum Opfer eines an­geb­li­chen Ge­hirn­wä­sche-​Pro­gramms na­mens „Mind Con­troll“. Er wurde in eine Reihe mit ver­schie­de­nen an­de­ren At­ten­tä­tern ge­stellt, die die­sem Pro­gramm an­geb­lich eben­falls zum Opfer ge­fal­len wären. Hier wurde an den Ken­ne­dy-​At­ten­tä­ter Lee Har­vey Os­wald oder den Len­non-​Mör­der Mark David Ch­ap­man er­in­nert. An­ders Beh­ring Bre­vik wurde auf diese Weise als das ei­gent­li­che Opfer dar­ge­stellt, der ras­sis­ti­sche Mör­der und seine Ideo­lo­gie ent­las­tet.

Ein wei­te­res hei­ßes Thema in der Ver­schwö­rungs­sze­ne war die ka­pi­ta­lis­ti­sche Krise und ihre Fol­gen. Ver­schie­de­ne Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker schau­ten in ihre Glas­ku­geln und pro­phe­zei­ten die bal­di­ge Wie­der­ein­füh­rung der Deut­schen Mark.

Sehr be­liebt war die große Forst­wa­gen­ver­schwö­rung, die von der an­ti-​fe­mi­nis­ti­schen Ikone Eva Her­man be­wor­ben wurde. Die be­haup­te­te, in den mitt­ler­wei­le ein­ge­stell­ten Kopp–Nach­rich­ten, dass die neue Deut­sche Mark, der feuch­te Traum aller An­ti-​Eu­ro­pä­er, insgeheim in der Schweiz ge­druckt und durch unauffällige Forst­wa­gen durch die Bun­des­re­pu­blik kutschiert wer­den würde.

Die Wie­der­ein­füh­rung der Deut­schen Mark wurde am 16. Au­gust 2011 an­ge­kün­digt. Al­ler­dings läßt diese Ein­füh­rung bis heute auf sich war­ten. Viel­leicht zeigt auch die­ses Er­eig­nis auf, dass Ver­schwö­rungs­theo­ri­en nur wenig mit dem ganz rea­len ka­pi­ta­lis­ti­schen Ge­scheh­nis­sen zu tun haben, dafür aber viel mit mo­der­nen Mär­chen, denen die leicht­gläu­bi­gen Men­schen, die nach einer ein­fa­chen Er­klä­rung su­chen, zum Opfer fal­len.

Der Jah­res­tag der mör­de­ri­schen An­schlä­ge vom 11. Sep­tem­ber 2001 wurde von der Ver­schwö­rungs­sze­ne ge­nutzt, um auf die Stra­ße zu gehen. Zwi­schen vier– und fünf­hun­dert Men­schen be­tei­lig­ten sich am 10. Sep­tem­ber 2011 an einem Auf­marsch in Karls­ru­he. Die­ser wurde von der Ver­schwö­rungs­band „Die Band­brei­te“ mu­si­ka­lisch be­glei­tet und vorab in den Kopp–Nach­rich­ten be­wor­ben.

Der Auf­marsch stell­te den sicht­ba­ren geis­ti­gen Ab­grund dar, dem sich die Ver­schwö­rungs­sze­ne auch in Deutsch­land er­ge­ben hat. Hier kamen Ver­schwö­rungs­fans, Chem­trail-​Ideo­lo­gen und Sek­ten-​Mit­glie­der zu­sam­men, um gegen die USA zu het­zen. Hier wurde an deut­sche Ge­füh­le ap­pel­liert, hier wur­den die USA zu den ei­gent­li­chen Ter­ro­ris­ten ge­macht. Hier wurde ein Jahr­hun­dert der Ver­schwö­run­gen pro­pa­giert, mit dem auch Krie­ge wie der zwei­te Welt­krieg um­ge­deu­tet wer­den kön­nen. Auf dem Auf­marsch sprach schließ­lich Chris­toph Hörs­tel. Er hielt dort eine böse Brand­re­de, in der er unter an­de­rem den „Freun­den von Rechts“ Recht gab und gegen die „west­li­che Ver­bre­cher­ban­de“ hetz­te.

Zum Ende des Jah­res wur­den die Na­zi-​Mör­der des „Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Un­ter­grunds“ ent­las­tet. Eva Her­man sprach bei­spiels­wei­se von einer an­geb­li­chen Ver­schwö­rung des ame­ri­ka­ni­schen Ge­heim­diens­tes CIA. Am 14. No­vem­ber 2011 ver­las sie die Nach­richt über einen an­geb­li­chen CIA–„Ge­heim­bund“, der „rech­te Grup­pen“ un­ter­wan­dern würde.

Hier er­in­ner­te sie an die Morde des An­ders Beh­ring Brei­vik und be­rief sich auf omi­nö­se „Be­ob­ach­ter“, die davon aus­ge­hen wür­den, dass auch die „soge­nann­ten Dö­ner­mor­de“ von der „Ge­heim­or­ga­ni­sa­ti­on ko­or­di­niert wer­den“ wür­den. Offen ras­sis­tisch ar­gu­men­tier­te der ehe­ma­li­ge Junge Welt Autor Jür­gen El­säs­ser, der von „neun Döner Tür­ken“ schrieb und die Na­zi-​Mör­der ent­las­te­te, diese hät­ten mit den Taten nichts zu tun, be­haup­te­te die­ser Stich­wort­ge­ber der Ver­schwö­rungs­sze­ne zeit­wei­lig. Ver­schie­de­ne Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gen of­fen­bar­ten die an­geb­li­chen Hin­ter­grün­de und mach­ten CIA oder Mossad ver­ant­wort­lich.

Für die Ver­schwö­rungs­sze­ne en­de­te das Jahr also, wie es be­gon­nen hatte. Die his­to­ri­schen Er­eig­nis­se wur­den in ihrem Sinne um­ge­deu­tet und die an­geb­li­che Ver­schwö­rung pro­pa­giert. Dies wird auch im nächs­ten Jahr nicht an­ders aus­se­hen, wenn die Ver­schwö­rungs­sze­ne ihre Er­klä­run­gen zu den nächs­ten Er­eig­nis­sen prä­sen­tie­ren wird. Denn auch im neuen Jahr dürf­ten die kom­men­den Er­eig­nis­se auf diese Weise ver­klärt wer­den.

Wenn im Jahr 2012 Nazis und Ras­sis­ten mor­den, wer­den sie is­rae­li­sche oder ame­ri­ka­ni­sche Ge­heim­diens­te ver­ant­wort­lich ma­chen, wenn die Erde bebt wer­den sie von an­geb­li­chen Erd­be­ben­waf­fen träu­men und wahr­schein­lich wer­den sie mal wie­der die bal­di­ge Wie­der­ein­füh­rung der Deut­schen Mark ver­spre­chen. Es sind gol­de­ne Zei­ten für Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gen und die An­hän­ger_in­nen von Ver­schwö­rungs­theo­ri­en, dies hat auch das Jahr 2011 ge­zeigt.

Leicht über­ar­bei­te­te und er­gänz­te Ver­si­on einer Ra­dio­ko­lum­ne, die in den ver­gan­ge­nen Tagen im Radio Corax zu hören war. Die Ko­lum­ne kann hier her­un­ter­ge­la­den und an­ge­hört wer­den.

Der Auftritt

Die Abgründe der deutschen Occupy-Bewegung sind nicht zu übersehen: Da wären zum Beispiel die Holocaust-Leugner im Occupy-Camp in Düsseldorf, der Querfront-Auftritt eines Occupy-Aktivisten in Berlin und die NS-Apologie in Frankfurt. Dort empfiehlt ein Occupy-Camper den Besucher_innen die ersten Jahre des Nationalsozialismus als Orientierungsmodell.

Der Occupy-Aktivist erklärt, dass der „frühe Nationalsozialismus schon solche Ansätze hatte, die auch interessant waren“, wenn man das einmal„geschichtlich betrachtet“. Doch in Frankfurt sind nicht nur NS-Apologeten, sondern auch Aktivist_innen aktiv, die sich auf die Verschwörungsfilme der Zeitgeist-Reihe beziehen.

Einer dieser Zeitgeist-Fans ist der Occupy-Aktivist Wolfram Siener, der vom Spiegel als „charismatische Führungsfigur“ bezeichnet wurde und nach den Märschen vom 15.10.2011 zu einem kleinen Medienstar der Bewegung avancierte. Ein weiterer Wortführer ist Frank Steg­mai­er, der bereits bei den rechtspopulistischen „Freien Wählern“ aktiv war.

Bei derartigen Aktivist_innen verwundert es überhaupt nicht, dass die Verschwörungsband „Die Bandbreite“ ein Podium geboten bekam. Die Band, um den Musikpädagogen Marcel Wojnarowicz, verpackt verschwörungsideologische Inhalte in sich nicht immer reimende Reime.

Sie besingt unter anderem die Aids-„Lüge“, den 11. September 2001 und zahlreichen anderen Verschwörungstheorien. Auf dem neuesten Album ist die Anti-Feministin Eva Herman im Intro zu hören. „Nenne mich ruhig einen Revisionist“, heißt es in einem anderen Lied. „Hahaha – antideutsche Antifa“, lacht Wojnarowicz in einem weiteren Song.

Das„Dortmunder Antifa-Bündnis“ hat einige Texte der Band untersucht. Es seien „se­xis­ti­sche, an­ti­se­mi­ti­sche und NS-​re­la­ti­vie­ren­de Song­tex­te“, urteilen die Antifaschist_innen.

Am 10.12.2011 durfte die Band trotz alledem auf einer Demonstration der Occupy-Bewegung in Frankfurt auftreten. Dort bot sie ein buntes Potpourri aus ihrem musikalischen Programm an. Der Frontmann der Band stand auf dem Lautsprecherwagen und beschallte die Demonstrant_innen, die sich als die 99 Prozent bezeichnen. Unterstützt wurde er durch den Verschwörungsrapper „Kilez More“.

Nach dem Auftritt kam es am Occupy-Camp, das von Grünen, SPD und Linkspartei subventioniert wird, zu einem freundlichen Gespräch zwischen Marcel Wojnarowizc und einigen Occupy-Aktivist_innen, darunter auch Wolfram Siener.

Der Auftritt der Verschwörungsband war, vielleicht aufgrund der schlechten Erfahrungen, die die Band in Frankfurt gemacht hat, nicht im Internet angekündigt worden. Am 09.​10.​2009 hatten etwa 100 Menschen gegen einen Auftritt der „Bandbreite“protestiert. Zu Protesten ist es diesmal nicht gekommen. Bei diesem Auftritt der Verschwörungscombo gab es stattdessen Beifall durch die Occupy-Aktivist_innen.

Aufmarsch gegen die USA

Am 10. September 2011 versammelten sich mehrere hundert Menschen in Karlsruhe, um für „die Opfer und die Wahrheit“ auf die Straße zu gehen. Es handelte sich um eine Aktion von organisierten „Truthern“ und „Infokriegern“, die die historischen Ereignisse des 11. Septembers 2001 umdeuten.

Die terroristischen Anschläge seien nicht durch fanatische Mitglieder al-Qaidas ausgeführt worden, sondern in Wirklichkeit das Werk einer Verschwörung gewesen. Diese Verschwörung wird wahlweise der amerikanischen Regierung oder gar dem israelische Geheimdienst Mossad angelastet, die für den „Inside Job“ verantwortlich gemacht werden.

Am 10. September 2011 war die Verschwörungsszene in Karlsruhe unterwegs und stellten ihre wachsende Handlungsfähigkeit unter Beweis. Zwischen vier- und fünfhundert Menschen beteiligten sich an dem Aufmarsch. Für diese Manifestation des deutschen Irrationalismus hatte die Verschwörungsszene seit Monaten mobilisiert. Es gab verschiedene Videos, mit denen Organisatoren und Teilnehmer – wie die „Die Bandbreite“ – für den Aufmarsch warben. Mobilisiert wurde über den esoterischen und verschwörungstheoretischen Kopp-Verlag. Eva Herman bewarb den Aufmarsch in den Kopp-Nachrichten.

Die Demonstration war bereits am Montag, den 24. Februar 2011 angemeldet worden. Organisiert wurde sie von einem „Stammtisch“ aus Karlsruhe, der sich an den Internetseiten „The Real Stories“ und „Alles Schall und Rauch“ orientiert. In diesem „Stammtisch“ sind deutsche Kleinbürger organisiert, die eine organisatorische Vernetzung des verschwörungstheoretischen Milieus betreiben. Auf der Demonstration in Karlsruhe kam die Verschwörungsszene zusammen, um ihre krude Version der „Wahrheit“ zu bewerben.

Auf Plakaten war von einer „kontrollierten Sprengung“ die Rede. Die Verschwörungsfans behaupten, dass die World-Trade-Center durch eine Sprengung zerstört wurden, was den „Inside Job“ darstellt, von dem die Anhänger dieser Verschwörungstheorie halluzinieren. „9/11 was an Inside Job“, hieß es auf einem Transparent. Auf Plakaten wurden 49 tote Bundeswehrsoldaten erwähnt, die „für die Lüge von den 19 Teppichmesser-Terroristen“ gestorben seien. „US-Terror weltweit“, hieß es auf einem anderen Plakat, das den Lautsprecherwagen zierte.

Hier wurde nicht den dreitausend Menschen gedacht, die am 11. September 2001 aufgrund der Angriffe durch al-Quida starben. Die Zahl der Opfer wurde dreist nach unten korrigiert. Außerdem wurden sie zu Opfern eines „US-Terrors“ gemacht, der auch die Toten in Afghanistan und dem Irak umfassen würde. Der Anchorman sagte:

Wir gedenken den 2000 Opfern in New York und den Millionen Opfern der illegalen Angriffskriege in Afghanistan und Irak.

Der Redner appellierte auch an die Gefühle der Deutschen: „Es kann nicht sein, dass gerade wir als Deutsche an zwei illegalen Angriffskriegen beteiligt“ sind, jammerte der Anchorman: „Unsere deutschen Soldaten sterben für diese Lüge“, brüllte er.

An dem Aufmarsch beteiligten sich Mitglieder der sogenannten „Anti Genozid Bewegung“, einer Vorfeldorganisation der Sekte „Organische Christus-Generation“ des Ivo Sasek. Diese sieht in der Anwendung von RFID-Transpondern die Anzeichen eines bevorstehenden Massenmordes an Christen.

Andere Teilnehmer_innen des Aufmarsches gaben einen Einblick in ihr anti-amerikanisches Weltbild:

Das war inszeniert, Amerika hat schon immer seine Krieg erlogen. (…) Die haben das Ziel die ganze Welt zu terrorisieren.

So sprach ein Teilnehmer in eine Kamera. Es geht eben nicht nur um den 11. September 2001, sondern um ein Weltbild, das in den USA alles Böse verortet und diese für alle Kriege und den weltweiten Terrorismus verantwortlich macht.

Der Aufmarsch dieser Verschwörungsfans, deren Triebkraft ein unbändiger Hass auf die Vereinigten Staaten von Amerika darstellt, wurde nicht nur vom Südwestrundfunk (SWR) gefilmt, die einen mehr als unkritischen Bericht fabrizierten. Berichte gibt es von einer „Chemtrail-Petition“-Seite, auf der die Behauptung aufgestellt wird, dass es angebliche „Chemtrails“ gäbe, die aus Flugzeugen versprüht werden, um die Menschen zu vergiften.

Auch über Karlsruhe seien „ChemTrails in kleiner Dosierung und das über den ganzen Tag hinweg versprüht“ worden, behaupten die „Chemtrail“-Ideologen. Außerdem gibt es einen Video-Bericht von „Infokrieger-News“. Der Verantwortliche dieser Internetseite, der „Infokrieger“ Jens Blecker hielt auf einer Zwischenkundgebung eine Rede. Im Nachhinein erfreut sich Blecker an dem Umstand, dass der Aufmarsch „sauber und ruhig“ ablief.

Als weiterer Redner war Christoph Hörstel eingeladen worden, der mit seiner Kleinst-Organisation „Neue Mitte“ in der Vergangenheit unter anderem Aufmärsche gegen Israel veranstaltete. In der Gründung dieses Staates sieht Hörstel einen „blutigen Akt kolonial Ungerechtigkeit“. Israel sei ein „rassistischer unterdrückerischer Staat“, gegen den die palästinensischen Organisationen ein „Recht auf Gegenwehr“ ausüben würden.

Die FAZ bezeichnet Hörstel als „umtriebigen Lobbyisten“ der Taliban in Deutschland. Außerdem betätigt sich Hörstel als Propagandist des iranischen Regimes. Der deutsche Jubelperser trat beispielsweise auf einer Veranstaltung mit dem iranischen Botschafter, dem Schlächter Ali Reza Scheikh Attar, in Hamburg auf.

Christoph Hörstels Rede in Karlsruhe richtete sich gegen die „NATO-Regierung“, einer „Verbrecherbande mit angeschlossenen Propagandaapparat“, die einen „Massenmord“ verübt hätte. Er zog eine historische Linie, bei der er allerhand historische Ereignisse benutzte, um das Bild einer riesigen US-Verschwörung zu propagieren. Dabei berief sich Hörstel auch auf „unsere Freunde von Rechts“, denen er zustimmte:

Seit 1898 wird gelogen. Da kommen unsere Freunde von Rechts, die mit den seltsamen Stiefeln und den kurzen Haaren und weisen auf 1916 hin, auf dieses Schiff namens Lusitania. Ihr Lieben! Recht habt ihr! Das war auch eine gezinkte Sauerei!

Nach dieser Werbung für die Lusitania-Verschwörungstheorie übersprang Hörstel allerdings einige Jahrzehnte, er wolle nicht „auf die ganzen Lügen“ eingehen.

Doch aus so wurde deutlich, dass Hörstel ein Jahrhundert der Verschwörungen entwirft, für das er die USA verantwortlich macht. In der Konsequenz fordert Hörstel ein Neubewertung dieses Jahrhunderts ein und betreibt damit einen Geschichtsrevisionismus, der darauf hinausläuft, sämtliche Ereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts verschwörungstheoretisch zu verklären.

Musikalisch wurde der Aufmarsch von der Band „Die Bandbreite“ und von dem Rapper „Kilez More“ begleitet. Diese traten nicht nur auf der Demonstration auf, sondern ihre Lieder erschallten in Rotation aus dem Lautsprecherwagen. Hier wurde „Was ist los in diesem Land“ gespielt. In diesem Lied der Band „Die Bandbreite“ wird gegen „verhurte Politiker“, „Dekadenz“ und „Bonzen“ angesungen. Das Video zum Lied zeigt eine Fla­sche Zy­klon B , wäh­rend der Sän­ger von einem „Völ­ker­mord“ in Af­gha­nis­tan singt. Auf diese Art und Weise wird die Ver­nich­tung der Jü­din­nen und Juden re­la­ti­viert und mit dem Vor­ge­hen der NATO auf eine Stufe ge­setzt.

Außerdem gab die Band das Lied „Selbst Gemacht“ zum Besten. Mit dem Lied zieht die Band eine verschwörungsideologische Kontinuität vom Angriff auf Pearl Harbour, bei dem die USA angeblich „eigene Leute geopfert“ hätten, bis zu den Anschlägen auf das World Trade Center. Dieser Anschlag sei ebenfalls „Selbst Gemacht“ gewesen. Die angeblichen Täter hätten „dabei an das Geld gedacht“.

Die Demonstration endete mit diesen musikalischen Beiträgen. Im Anschluss an den Aufmarsch war eine After-Show-Party im Restaurant „Walhalla“ angekündigt, in dem der organisierende „Stammtisch“ auch ansonsten zusammenkommt.

Der Aufmarsch stellte einen geistigen Abgrund dar, dem sich die deutsche Verschwörungsszene ergeben hat. Hier kamen Verschwörungsfans, Chemtrail-Ideologen und Sekten-Mitglieder zusammen, um gegen die USA zu hetzen. Hier wurde an deutsche Gefühle appelliert, hier wurden die USA zu den eigentlichen Terroristen gemacht. Hier wurde ein Jahrhundert der Verschwörungen propagiert, mit dem auch Kriege wie der zweite Weltkrieg umgedeutet werden können.

Es ist eine revisionistische und deutsche Anklage gegen die USA, die von den Verschwörungsfans formuliert wird. Der Aufmarsch dieser deutschen Verschwörungsfans soll im nächsten Jahr erneut stattfinden. Dann dürften wiederum hunderte Verschwörungsfans zusammenkommen, um gemeinsam gegen die USA zu marschieren.