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Fahnenfest in Frankfurt

Am 1. September 2012 liefen zum „Weltfriedenstag” etwa 600 Menschen durch die Innenstadt der Stadt Frankfurt. Sie taten das nicht, um die Toten in Syrien zu betrauern oder um sich mit den marginalen emanzipatorischen Kräften zu solidarisieren, sondern um eine Partei zu bejubeln, die für das Schlachten verantwortlich ist.

Hier wurde der syrische Diktator Assad bejubelt. Die Schuld für das Morden verorteten die Organisatoren der Demonstration dafür in „ausländischen Terrorbanden”. Außerdem sorgte man sich um „antisyrische Lügenpropaganda und psychologische Kriegsführung von Massenmedien und Politikern”. Wichtig erschien auch noch eine weitere Forderung:

Keine deutschen Atom-U-Boote für Israel.

Im martialischen Aufruf wurde außerdem von der „Chance neuer Impulse, insbesondere für internationalistische, antiimperialistische Kräfte” geträumt. Das Plakat zeigte wiederum ein kreischendes und weinendes Kind.

Gemeinsam marschierte man im Fahnenmeer, bestehend aus türkischen, syrischen, russischen, kubanischen, venezuelanischen, deutschen und iranischen Nationalfahnen in allen Formen und Größen. Dieses nationalistische Fahnen-Potpourri wurde durch die Flagge der antisemitischen Hisbollah, deutsche Pace-Standarten und die Wimpel des „Deutschen Freidenker-Verbandes” angereichert.

Menschen, die sich mit Pali-Tüchern und Hisbollah-T-Shirts verunstaltet hatten, skandierten Parolen. Allgegenwärtig war das Porträt des syrischen Diktators Assad, der von den Jubelsyrern in die Lüfte gehalten und in den Himmel gelobt wurde.

Grundsätzlich hatte fast jeder Mensch seine eigene kleine Nationalfahne. Gemeinsam trug man große Nationalfahnen. Dazu wurden die passenden Transparente präsentiert, auf denen man dem Iran, Russland und China dankte. Eine „Antiimperialistische Aktion” forderte ein „grünes und sozialistisches Libyen” und schmückte ihr Transparent mit einer Ikonographie des verstorbenen Despoten Gaddafi. Außerdem beteiligten sich zwei „zwei Stadtverordnete der CDU” am Aufmarsch der Assad-Anhänger.

Aktivisten des „Deutschen Freidenker-Verbandes” schwenkten nicht nur eifrig Fahnen, sondern gehörten sogar zu den Organisatoren der Fahnen-Spiele von Frankfurt. Sie hatten den anderen Teil der Organisatoren auf einer Veranstaltung der Psycho-Sekte „Bund gegen Anpassung” kennengelernt, der mal wieder mit der kemalistischen Atatürk-Gesellschaft eine Filmveranstaltung organisierte.

Der „Bund gegen Anpassung”, um den Guru Fritz Erik Hoevels, träumte in den 80er Jahren von Zwangstätowierungen im Schambereich. Gezeichnet werden sollten die Menschen, die an der Immunschwächekrankheit AIDS erkrankt waren. In den 90er Jahren begeisterte man sich für Saddam Hussein. Nach dessen Sturz fürchtete man „die geplante Vernichtung Nordkoreas”. Heute begeistert man sich für den den syrischen Despoten, weil der Despot aus der libyschen Nachbarschaft, nicht mehr zur Verfügung steht.

Auf der Veranstaltung dieser obskuren Organisation lernten sich die Organisatoren der Demonstration kennen und gründeten bald darauf ein „Solidaritätskomitee”:

Dabei suchten und fanden Freidenker und andere den Kontakt zu jenen Migranten-Gruppen, die bereits (…) eine Demonstration für Syrien organisiert hatten.

Gemeinsam wollte man „mehrere tausend Deutsche und in Deutschland lebende Ausländer” auf die Straße bringen.

Im Vorfeld gründete man Facebook-Gruppen und gestaltete eine Internetseite. Außerdem erstellte man ein Flugblatt und ein erstes Plakat, deren Symbolik man vom „Bund gegen Anpassung” übernahm. Letztendlich entschied man sich aber für das moralisierende Plakat mit dem kleinen Kind, mit dem zur Demonstration aufgerufen wurde.

Zusätzlich gab es Werbung, die zum Beispiel auf einem verschwörungsideologischen Nazi-Weblog und in einer Tageszeitung erschien. Die nationalbolschewistische Junge Welt interviewte zwei Organisatoren, die hier mit völkischen Phrasen zur Demonstration mobilisieren durften. „Nationale Souveränität ist die Vorbedingung jedes gesellschaftlichen Fortschritts”, sagte der eine. „Echte Syrer sind Patrioten”, sagte der andere. Man wandte sich gegen „ein kleines Häuflein von Syrern, die seit langem im Ausland leben und mehr auf ihren eigenen Vorteil als auf das Wohl ihres Volkes bedacht sind”.

Die Demonstration wurde nicht nur in der nationalbolschewistischen Tageszeitung beworben, sondern in den sozialen Netzwerken. Eine Organisatorin schwafelte hier von „Herkunft, Ehre, Stolz und Liebe”. Der deutschnationale Verschwörungsideologe Jürgen Elässser, dem diese angeblichen Werte ebenfalls am Herzen liegen dürften und der ein ausgewiesener Freund der Regime im Iran und Syrien ist, rief zur Teilnahme auf.

Elsässer, der vor kurzem an einem intimen Treffen mit dem iranischen Antisemiten Ahmadinedschad beteiligt war, stellt sich auch im Falle Syriens auf die Seite des Regimes. Jetzt müsse man „Flagge zeigen”, forderte der Verschwörungsideologe, der ansonsten schon mal die deutsche Flagge auf seinen Bäckchen zeigt.

Mit Verschwörungsmythen kennt sich ein Redner aus. Klaus Hartmann ist der Bundesvorsitzende der „Freidenker”, der ansonsten auf „die Begriffe ‘Anti­se­mi­tis­mus’ und ‘anti­se­mi­tisch“ ver­zich­ten” möchte, es gehe darum diese zu „ent­sor­gen”. Er träumt stattdessen vom Untergang des „zionistischen Apartheid-Systems”.

In Frankfurt sprach der „Freidenker” von den „globalen Kriegstreibern”, die eine „neue Etappe” auf dem „Weg in den dritten Weltkrieg” eingeleitet hätten. Zwischen den Reden gab es Lieder. Ein Trommler besang den „Mörder Amerika”, die Menge bestimmt begeistert in den antiamerikanischen Hassgesang ein. Außerdem tönte der „Ya Bashar”–Song aus den Lautsprechern, der an die Oden an „Admiral General Aladeen” erinnert. Die Nationalfahnen und die Porträts des Diktators, die auf dem anarchronistischen Zug der Regime-Freunde getragen wurden, verstärkten diesen verstörenden Eindruck.

Ein anderer Teilnehmer hielt keine Rede, sang keine Lieder und und hielt auch keine Fahne. Der Verschwörungsideologe, der sich selbst als „Antisemit“ bezeichnet, schien zwischen Hisbollah– und Syrien-Fahnen eine Menge Spaß zu haben. Voller Freude beteiligte sich Elias Davidsson am Aufmarsch, mit dem das mörderische Regime gefeiert wurde.

„Wir sind Pro-Assad”, riefen die Demonstranten. Ihre Sympathie für einen ausgewiesenen Mörder und Antisemiten wurde mal wieder mehr als deutlich. Die Gegner des Regimes werden im Gegenzug zu „Ratten”, „Heuschrecken” oder „Dreck” gemacht. Diese entmenschlichende Sprache der Mörder wird auch durch ein Fazit deutlich, das auf der Facebook-Seite der Veranstalter zu lesen ist:

Ihr habt der Welt gezeigt, was Patrioten sind (…) Wäre jeder Araber so engagiert wie Ihr, wären die US-Zion-Ratten schon längst draußen.

Hinter dem Wunsch nach Frieden verschanzen sich nach wie vor nur Nationalisten, Antisemiten und Verschwörungsideologen, die gemeinsam ihren Fahnen-Fetisch frönen.

Der Auftritt

Die Abgründe der deutschen Occupy-Bewegung sind nicht zu übersehen: Da wären zum Beispiel die Holocaust-Leugner im Occupy-Camp in Düsseldorf, der Querfront-Auftritt eines Occupy-Aktivisten in Berlin und die NS-Apologie in Frankfurt. Dort empfiehlt ein Occupy-Camper den Besucher_innen die ersten Jahre des Nationalsozialismus als Orientierungsmodell.

Der Occupy-Aktivist erklärt, dass der „frühe Nationalsozialismus schon solche Ansätze hatte, die auch interessant waren“, wenn man das einmal„geschichtlich betrachtet“. Doch in Frankfurt sind nicht nur NS-Apologeten, sondern auch Aktivist_innen aktiv, die sich auf die Verschwörungsfilme der Zeitgeist-Reihe beziehen.

Einer dieser Zeitgeist-Fans ist der Occupy-Aktivist Wolfram Siener, der vom Spiegel als „charismatische Führungsfigur“ bezeichnet wurde und nach den Märschen vom 15.10.2011 zu einem kleinen Medienstar der Bewegung avancierte. Ein weiterer Wortführer ist Frank Steg­mai­er, der bereits bei den rechtspopulistischen „Freien Wählern“ aktiv war.

Bei derartigen Aktivist_innen verwundert es überhaupt nicht, dass die Verschwörungsband „Die Bandbreite“ ein Podium geboten bekam. Die Band, um den Musikpädagogen Marcel Wojnarowicz, verpackt verschwörungsideologische Inhalte in sich nicht immer reimende Reime.

Sie besingt unter anderem die Aids-„Lüge“, den 11. September 2001 und zahlreichen anderen Verschwörungstheorien. Auf dem neuesten Album ist die Anti-Feministin Eva Herman im Intro zu hören. „Nenne mich ruhig einen Revisionist“, heißt es in einem anderen Lied. „Hahaha – antideutsche Antifa“, lacht Wojnarowicz in einem weiteren Song.

Das„Dortmunder Antifa-Bündnis“ hat einige Texte der Band untersucht. Es seien „se­xis­ti­sche, an­ti­se­mi­ti­sche und NS-​re­la­ti­vie­ren­de Song­tex­te“, urteilen die Antifaschist_innen.

Am 10.12.2011 durfte die Band trotz alledem auf einer Demonstration der Occupy-Bewegung in Frankfurt auftreten. Dort bot sie ein buntes Potpourri aus ihrem musikalischen Programm an. Der Frontmann der Band stand auf dem Lautsprecherwagen und beschallte die Demonstrant_innen, die sich als die 99 Prozent bezeichnen. Unterstützt wurde er durch den Verschwörungsrapper „Kilez More“.

Nach dem Auftritt kam es am Occupy-Camp, das von Grünen, SPD und Linkspartei subventioniert wird, zu einem freundlichen Gespräch zwischen Marcel Wojnarowizc und einigen Occupy-Aktivist_innen, darunter auch Wolfram Siener.

Der Auftritt der Verschwörungsband war, vielleicht aufgrund der schlechten Erfahrungen, die die Band in Frankfurt gemacht hat, nicht im Internet angekündigt worden. Am 09.​10.​2009 hatten etwa 100 Menschen gegen einen Auftritt der „Bandbreite“protestiert. Zu Protesten ist es diesmal nicht gekommen. Bei diesem Auftritt der Verschwörungscombo gab es stattdessen Beifall durch die Occupy-Aktivist_innen.

Gemeinschaft gegen die „1 Prozent“

Die „Occupy-Bewegung“ ist in aller Munde. Am 15.10.2011 demonstrierten mehrere zehntausend Menschen in vielen Städten der Bundesrepublik. 8000 waren es in Frankfurt, 7000 in Berlin, 3000 in Hamburg und immerhin noch 350 in Bremen. „Echte Demokratie Jetzt“, lautete eine Forderung, die oftmals von den Medien erwähnt wurde. Andere Forderungen gingen bei soviel Demokratie-Idealismus allerdings unter.

In Berlin wurden Schilder in die Höhe gereckt, die einen Galgen zeigten, darunter war die Parole „Alternativlos“ zu lesen. In Frankfurt wurden Demonstrant_innen, die sich mit einer amerikanischen Fahne und einem Schild, auf dem unter anderem „Lest Marx“ zu lesen war, unter die Occupy-Demonstrant_innen gemischt hatten, angegriffen. In verschiedenen Reden wurde in einem eindeutigen antisemitischen Jargon gegen die angebliche Macht „der Rothschilds“ angeschrien. In Köln warnte eine Verschwörungsideologin vor einem angeblich drohenden dritten Weltkrieg, der durch „den Ami“ und „den Israeli“ geplant werden würde.

Die bundesdeutsche Presse berichtete dennoch durchaus positiv über die Demonstrationen. So schrieb die „Bild-Zeitung“ von der „nackten Wut gegen die Banken“ und zeigte nackte Demonstrantinnen vor dem Reichstag. Maybrit Illner freute sich im ZDF: „Das ist eine richtige Volksbewegung geworden“. In der TAZ wurde unterdessen darüber gejubelt, dass „hunderttausende gegen den Kapitalismus“ auf die Straße gegangen seien. Viele Medien berichteten freundlich über die Rituale der neuen „Bewegung“.

So zum Beispiel über die Praxis des „menschlichen Mikrophons“, bei dem die Sätze der Sprecher_innen lautstark durch die Menge wiederholt werden. In sozialen Netzwerken wie Twitter wurde allerdings an an die Satire „Das Leben des Brian“ erinnert. In einer Szene ruft Brian dort verzweifelt in die Menge: „Ihr seid alle Individuen“, diese wiederholt diesen Satz lautstark als kollektive Masse: „Wir sind alle Individuen“. Ähnliches geschah tatsächlich in London. Dort trat der Wikileaks-Gründer Julian Assange auf einer Occupy-Veranstaltung auf und rief: „We are all Individuals“. Die Menge antwortete ihm im Chor.

Nach diesen Demonstrationen entstanden in verschiedenen Städten winzige Zeltstädte, die in der Form an die „Occupy-Bewegung“ in den USA erinnern. Schließlich wird nicht nur in Frankfurt und Berlin gecampt. Seit dem 17.09.2011 war der Zucotti-Park in New York besetzt. Eine Besetzung, die sicherlich auch auf die deutsche „Bewegung“ gewirkt hat, auch wenn es signifikante Unterschiede zwischen den Aktionen in New York und den Aktionen in Frankfurt oder Berlin gibt.

In den USA ist die Beteiligung sozialer Aktivist_innen nicht zu übersehen, die der dortigen „Bewegung“ einen Stempel aufgedrückt haben. So gab es dort Aufrufe, den Hafen von Oakland zu besetzen. Dies wurde mit einem Aufruf zum Generalstreik verbunden, hier wurde also viel eher um soziale Teilhabe gekämpft und Produktionsmittel besetzt. Eine derartige Politik mag immer noch verkürzt sein, allerdings unterscheidet sie sich deutlich von der „Occupy-Bewegung“ in Deutschland. Hier sind es ganz andere Theorien und eine daraus resultierende politische Praxis, die zum Dreh- und Angelpunkt der „Bewegung“geworden sind.

Allerdings beteiligten sich auch in den USA Verschwörungsaktivist_innen, Zinskritiker_innen und Rechtspopulist_innen an den Demonstrationen und Aktionen der „Occupy-Bewegung“. Die Theorien der„Occupy-Bewegung“, die mit der Phrase von der verkürzten Kapitalismuskritik noch freundlich umschrieben ist, bieten ihnen zahlreiche Anknüpfungspunkte.

Teilweise wurden auch antisemitische Theorien propagiert. In Los Angeles hetzte beispielsweise eine Patricia McAllister, die im dortigen öffentlichen Schulwesen arbeitet, in einem Interview:„Ich glaube, dass die zionistischen Juden, die hinter den großen Banken und der Federal Reserve (der amerikanischen Zentralbank) stecken, aus diesem Land vertrieben werden sollten“. Das Interview ging um die Welt.

Oftmals wird behauptet, dass es sich um keine keine homogene Bewegung, sondern um die Ansammlung von Individuen handeln würde. Diese bilden den „Schwarm“, heißt es in den Selbstdarstellungen der Aktivist_innen. Dabei wird unterschlagen, dass es sehr wohl gemeinsam Nenner gibt, die die Aktivist_innen auf die Straßen und in die Camps gebracht haben.

Die Occupy-Aktivst_innen begreifen sich nicht nur als Teil einer großen Bewegung. Sie behaupten, dass sie stellvertretend für die 99 Prozent der Gesellschaft stehen, die einer angeblichen „Elite“, den 1 Prozent, ausgeliefert sind. Dies ist ein gemeinsamer Nenner, der zu merkwürdigen Verbindungen führt. In Frankfurt wurde die FDP-Politikerin Katja Hessel zum Beispiel begeistert im Camp empfangen: „Plötzlich wirken sie alle wie Brüder und Schwestern im Geiste. In welcher Partei war Hessel nochmal? FDP, sagt sie. Wir sind offen für alle Parteien, sagen die anderen, sie gehöre ja schließlich auch zu den Neunundneunzig Prozent. Die übrigen ein Prozent, das seien ja nur die ganz Kranken, sagt eine, ein paar hundert höchstens, die kontrollierten die ganze Wirtschaft“, berichtet die Frankfurter Rundschau.

Vielen Aktivist_innen geht es auch um die Formierung einer großen deutschen Gemeinschaft, die derartige Verbindungen hervorbringt. Diese große Gemeinschaft ist auch in den Manifesten der „Bewegung“ zu finden. So zum Beispiel in einem Manifest aus Bremen. Die Aktivist_innen beschreiben sich dort als„normale Menschen“: „Einige von uns bezeichnen sich als aufklärerisch, andere als konservativ“, heißt es im Manifest, mit dem die breite Volksbewegung angestrebt wird.

Die Theorie von den 1 Prozent, die die Gesellschaft angeblich beherrschen, erinnert an Zentralsteuerungstheorien, die einen wichtigen Bestandteil vieler verschwörungsideologischer Konstrukte darstellt. Oftmals werden hier auch antisemitische Theorien, zum Beispiel gegen die angebliche „Elite“ der „Rothschilds“, propagiert.

Verschiedene Verschwörungsideologen gehen davon aus, dass die Menschen durch eine ganz kleine, mehr oder weniger geheime „Elite“ gesteuert und kontrolliert werden, die Politiker_innen und Journalist_innen wie Marionetten steuern würden.

Daher ist es kein Wunder, dass viele Verschwörungsideologen die „Bewegung“ begeistert begrüßten. So sind an den Camps auch Aktivist_innen beteiligt, die sich ansonsten mit dem 11. September 2001 oder den sagenhaften „Chemtrails“ beschäftigen. Der 11. September 2001 gilt ihnen als „Inside Job“, verübt durch amerikanische Institutionen, hinter der die heimliche „Elite“ ausgemacht wird, die durch die Anschläge profitiert hätte.

Die „Chemtrails“ sollen geheime Kondensstreifen von Flugzeugen sein, die der Wettermanipulation, Bevölkerungskontrolle oder gar der Bevölkerungsreduktion dienen sollen. Derartige Theorien waren auch auf den Demonstrationen der „Occupy-Bewegung“ zu hören.

Noch viel öfter wird allerdings gegen die angebliche „Elite“ vorgegangen. Für derartige Theorien begeistern sich auch die Führungspersonen dieses ideologischen Milieus. Vielleicht beteiligte sich der ehemalige Wrestler und Gouverneur Jesse Ventura auch deswegen an den Aktionen von Occupy-Wallstreet. Es gehe darum, den „Krebs auszumerzen“: „Ich liebe die Wallstreet, wirklich. Ich mag nur nicht die Gauner und Verschwörer, die sie betreiben“, sagte der Autor mehrerer Bücher, in denen es um die verschwörungstheoretische Deutung des 11. Septembers geht, in eine Fernsehkamera. Jesse Ventura ist nicht die einzige Person aus diesem Milieu, die sich an den Occupy-Aktionen beteiligt.

An der Bewegung sind beispielsweise zahlreiche Aktivist_innen beteiligt, die sich positiv auf die Filmreihe „Zeitgeist“ beziehen. Diese geht auf den Filmemacher Peter Joseph und die Vision des Futuristen Jacque Fresco zurück. Die Zeitgeist-Reihe betreibt eine verschwörungsideologische Deutung der Realität. Hier wird ebenfalls eine geheime „Elite“ konstruiert, die für alles Unrecht verantwortlich gemacht wird. Der erste Teil dieser Reihe ist allerdings vor allem ein antisemitisches und geschichtsrevisionistisches Machwerk. Hier werden die USA unter anderem für den ersten und zweiten Weltkrieg verantwortlich gemacht. Hinter den USA würde eine geheime „Elite“ der „Rothschilds und Rockefellers“ stehen. Der Zeitgeist-Macher Peter Joseph trat unter anderem am 15.10.2011 im Occupy-Wallstreet-Camp auf und hielt dort eine umjubelte Rede.

Auch in Deutschland gibt es bekannte Occupy-Aktivisten, die sich auf die Zeitgeist-Filme beziehen. So zum Beispiel der Frankfurter Occupy-Aktivst Wolfram Siener. Der „Spiegel“ porträtierte ihn als„charismatische Führungsfigur“ der „Occupy-Bewegung“. Auf die Frage, durch welche Bücher und Filme er geprägt worden sei, verwies Siener auf die Zeitgeist-Reihe.

Diese Reihe war auf der Internetseite von „Occupy-Frankfurt“ nicht zu entdecken, allerdings wurde dort eine Zeit lang der antisemitische Hetzfilm „Fabian – oder gib mir die Welt plus fünf Prozent“ beworben. Dieser Film wurde unter anderem vom rechtspopulistischen und verschwörungsideologischen Kopp-Verlag produziert.

In den USA begeisterte sich wiederum Alex Jones für die „Occupy-Bewegung“. Dieser ist ein amerikanischer Radio- und Filmemacher, der verschiedene Verschwörungstheorien propagiert. Der 11. September 2001 oder die Morde des Anders Behring Breivik sind für ihn Taten, für die er amerikanische oder gar israelische Institutionen verantwortlich macht. Für ihn gibt es eine heimliche „Elite“, die er die Verantwortung für sämtliche Anschläge der vergangenen Jahrzehnte zuschreibt. Der „Elite“ ginge es darum Angst zu verbreiten, um eine „Neue Weltordnung“ zu errichten, behauptet Jones.

Mit seiner Internetseite „Infowars“ erreicht er viele Menschen, die sich für Verschwörungstheorien begeistern, um die komplexe Realität mit einfachsten Erklärungsansätzen zu begreifen. Mit der Internet-seite „Infokrieg“ verfügt „Infowars“ auch über einen deutschen Ableger, der die Theorien des Alex Jones aufgreift und an die deutschen Verhältnisse anpasst.

Jones mischte sich beispielsweise am 11.10.2011 unter die ihm zujubelnden „Occupy-Houston“ Demonstrant_innen. Dort warb er für einen Zusammenschluss zwischen Tea-Party und „Occupy-Bewegung“, was von vielen Demonstrant_innen begeistert beklatscht wurde. In beiden Bewegungen sieht er den Beginn einer zweiten amerikanischen Revolution, die sich gegen „Bankster“ und„ Globalisten“, die eine „Schattenregierung“ gebildet hätten, richten würde.

In Deutschland arbeiten Verschwörungsideologen ebenfalls an einer derartigen Querfront. Am 03.11.2011 veranstaltete der „Linksnationalist“ Jürgen Elsässer eine Podiumsdiskussion über die „Occupy-Bewegung“. Der ehemalige Junge Welt Autor fordert heute einen Zusammenschluss zwischen „Linken“, „Rechten“ und „Religiösen“, die die „Globalisten“ schlagen sollen.

An der Podiumsdiskussion beteiligte sich unter anderem Oliver Janich, der Parteivorsitzende der anti-europäischen Partei der Vernunft, in deren Parteiprogramm auch verschwörungsideologische Forderungen, wie die nach einer Neu-Untersuchung des 11. Septembers 2001, zu finden sind. Außer Janich und Elsässer saß allerdings auch Bernd Menningen auf dem Podium. Dieser ist ein Aktivist von Occupy-Berlin und fühlt sich der Gruppe „Alex11“ zugehörig, an der weitere Verschwörungsaktivisten beteiligt sind.

Diese Gruppe ist aus einem Campversuch am Alexanderplatz hervorgegangen. Vor einigen Monaten versuchten sich einige Aktivist_innen, die heute größtenteils in der Occupy-Bewegung aktiv sind, an einem Camp auf dem Alexanderplatz. Sie scheiterten allerdings an mangelnder Teilnahme und an dem Ärger mit den Behörden. Auf diesem Camp sprachen auch verschiedene Verschwörungsideologen zu den anwesenden „Empörten“.

So zum Beispiel Georg Berres, der auf den Spitznamen „Bauchi“ hört. „Bauchi“ behauptet, dass die Bundesrepublik Deutschland in Wirklichkeit lediglich eine „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“, eine GmbH, sei. Diese Verschwörungstheorie ist in weiten Teilen dieser Szene durchaus anerkannt. Außerdem warb der Verschwörungspropagandist für die Zusammenarbeit mit der rechten Szene. Man dürfe niemanden ausschließen, sagte Berres. Auch in diesem Camp wurde die verschwörungsideologische Filmreihe „Zeitgeist“ beworben.

Das hat sich bis heute nicht geändert. Zwar campieren die Demonstrant_innen nicht mehr auf dem Alexanderplatz, sondern an dem Bundespressestrand, aber die verschwörungsideologische Deutung der Realität zieht sich wie ein roter Faden durch die Aufrufe und Aktionen der Occupy-Bewegung in Berlin.

Am 11.11.2011 riefen die Aktivist_innen beispielsweise zu einem „Karneval der Empörten“ auf. „Noch sind wir die Narren“, hieß es im Aufruf. Während dieser Aktion waren „Marionettenspieler und Marionetten“ zu sehen, vielleicht wird auch dadurch deutlich, von welch einem ideologischen Weltbild die Demonstrant_innen getrieben werden.

Die Aktionen und die Theorien der „Occupy-Bewegung“ machen deutlich, dass es sich hier in keiner Weise um ein emanzipatorisches Projekt handelt. Antisemitische Theorien, Verschwörungsideologien und verkürzte Kapitalismuskritik ergeben eine äußert unschöne Melange. Dabei verfallen die Aktivist_innen einem Weltbild, das der Emanzipation des Menschen im Wege steht. Diejenigen, die damit aus guten Gründe ein Problem haben, sollten mit ihren beschränkten Mitteln intervenieren, bevor es dafür zu spät ist. Schließlich ist von der großen Gemeinschaft gegen die „1 Prozent“ keine Emanzipation, dafür aber Barbarei zu erwarten.

Für den 15.01.2011 mobilisieren die „Occupy“-Aktivist_innen zu ihren nächsten Märschen. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob noch einmal Zehntausende auf die Straße gehen werden oder ob dieses Datum das endgültige Ende dieser „Bewegung“ markieren wird.

Der Artikel erschien erstmals in der Zeitung des ASTAS der Universität Frankfurt.

Die Internetseiten der „Empörten“

Die „Empörten“, die nach ihren Märschen am 15.10.2011 Zelte aufgebaut haben und in vielen Städten der Bundesrepublik campieren, nutzen auch das Internet, um Forderungen zu entwerfen und gemeinsame Aktionen zu besprechen. Hier ist eine unübersichtliche Struktur entstanden. Es gibt hunderte Facebook-Seiten, bei denen oftmals nicht ersichtlich ist, ob sie von vereinsamten Einzelpersonen oder von organisierten Aktivisten der „Bewegung“ betrieben werden.

Im Zweifel können sich diese von den Inhalten distanzieren, die ihnen nicht genehm sind. Es gibt aber auch offizielle Seiten, auf denen die kommenden Aktionen geplant werden. Auf meiner Reise durch das Internet stoße ich auf die Inhalte, die vielen Occupy-Aktivisten am Herzen liegen.

So hat Occupy-Frankfurt eine offizielle Internetseite. Alle dürfen dort mitschreiben, von der bewegten Attac-Aktivistin bis zum antisemitischen Verschwörungsfan. Daher widersprechen sich viele Forderungen. So soll ein demokratisches Miteinander entstehen. Man sei eine „Gemeinschaft mit vielen verschiedenen Ideen und Zielen“, die „der Macht Grenzen setzen wollen“, heißt es in einer allgemeinen Einleitung. Einzelne distanzieren sich einerseits von Rassismus, Antisemitismus und Sexismus, auf der anderen Seite finden sich antisemitische Texte.

Mit einem strukturellen Antisemitismus, bei dem gegen eine die „Profitgier einer Minderheit von Superreichen“ angeschrieben wird, scheinen die Seiten-Nutzer und die Teilnehmer des Protestcamps kein Problem zu haben. Als Redner trat dort beispielsweise Bernd Senf auf, der sich an der strukturell antisemitischen „Zinskritik“ des Silvio Gesell orientiert.

Auf dem Camp finden sich daher Schilder mit der Aufschrift „Freigeld“, das in der Szene der „Zinskritiker“ als Lösung beworben wird. Auf Flyern finden sich ebenso problematische Forderungen: „Dieses Land gehört uns, nicht den Plutokraten!“ Hier nutzt man also einen nationalsozialistischen Kampfbegriff, der insbesondere durch das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unter Joseph Goebbels verwendet wurde.

Werbung für Occupy (Frankfurt)
Werbung für Occupy (Frankfurt)

Derartige Forderungen gefallen auch Nazis. So schreibt ein Autor – der zum Umfeld der Seite „Deutschland Echo“ gehört – darüber, dass das Camp eine „eine einmalige Gelegenheit“ sei, um „antiglobalistisch und antiplutokratisch zu agieren“. Nazis sollen sich anschließen und dabei mithelfen „das Goldene Kalb zu schlachten“.

Vielleicht liegt das an den offen antisemitischen Inhalten, die auf der zum Camp gehörenden Internetseite zu finden sind. Bisher sind sie nicht gelöscht worden. Kein Wunder: „Diskussionen sind gewünscht“, zum Beispiel über über angebliche Chemtrails. Daher findet sich bis heute antisemitische Hetze auf der offiziellen Internetseite der Frankfurter Camper:

Eine kleine mafiaartig organisierte Gruppe deren Mitglieder sich wohl schon über Generationen hinaus gegenseitig die Posten zuschieben mißbrauchen die jüdische Glaubensgemeinschaft für ihre Ziele.

Dort werden die „Progrome des Mittelalters“ gerechtfertigt, schließlich hätten sie den „einflussreichen Geldverleihern“ gegolten.

Und da muß man an dieser Stelle auch mal erwähnt werden, was eigentlich die Juden als Grundannahme haben sollten: in der Thora (alten Testament) steht: Nehmt keine Zinsen (…). Solange der Zins eine wichtige Rolle in einem Währungssystem hält, ist dieses auf kurz oder lang dem Scheitern verurteilt.

Auf der Internetseite wurden verschiedene Texte veröffentlicht. So zum Beispiel die antiamerikanische Hetze des Querfrontlers Jürgen Elsässer. In der Linksektion der Internetseite finden sich Videos: Hier wird auf ein Video des „Zinskritikers“ Bernd Senf verwiesen.

Es handelt sich um ein Interview mit der verschwörungsideologischen Internetseite „Alpenparlament“. Geführt wurde es vom „Medienwissenschaftler“ Michael Vogt , der im Jahr 2004 – gemeinsam mit dem Mitarbeiter der sächsischen NPD-Landtagsfraktion Olaf Rose – einen revisionistischen Film über Rudolf Heß produzierte.

Auf der Internetseite von Occupy-Frankfurt wird das Video „Fabian, der Goldschmied: Gib mir die Welt plus 5 Prozent“ beworben. Der Produzent des Films ist der Scientologe Michael Hinz (Alias: M. Kent). Das Zeichentrick-Video findet sich auf zahlreichen Internetseiten der rechten Szene. An derartigen Inhalten scheint sich in Frankfurt fast niemand zu stören. Sie finden sich bis heute auf der offiziellen Internetseite, obwohl die Aktivisten auf diesen Umstand hingewiesen wurden.

Neben dieser offiziellen Internetseite gibt es weitere Seiten, auf denen zu Protesten in Frankfurt aufgerufen wird. So zum Beispiel die Seite „YesWeCamp2011″, die zu den Protesten aufruft und diesen mit zahlreichen Fotos und Videos dokumentiert. Diese wird von Frank Stegmaier betrieben, der in Frankfurt für die rechtspopulistischen Freien Wähler im Ortsbeirat 1 sitzt. Auf meiner Reise zur„demokratischen Bewegung“ lande ich nicht nur auf dessen Seite, sondern auch auf der Internetseite einer bundesweiten Organisation, deren Name die Proteste geprägt hat. „Echte Demokratie Jetzt“ ist in aller Munde. Auch an dieser Gruppierung ist Stegmaier beteiligt.

So ist er sich für den Twitteraccount und für die Internetseite des Frankfurter Ablegers von „Echte Demokratie Jetzt“ verantwortlich. Auf dieser Internetseite finden sich die Videos, in denen Stegmaier im Protestcamp vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt posiert. Außerdem verbreitet er über seine YouTube-Kanäle die Videos, die die regressiven Proteste der Camper zeigen.

Hier wirbt der Ortsbeirat der rechtspopulistischen „Freien Wähler“ natürlich auch für eine „Anti-Euro-Partei“. Er war auch der erste, der am 15.10.2011 sein Zelt vor der Europäischen Zentralbank aufschlug, was er bereits am 09.10.2011 ankündigte:

Besetzung der Europäischen Zentralbank in Frankfurt a.M. mit Zelten und allem was dazu gehört! Wer dabei ist, meldet sich.

Der Spiegel porträtierte ihn vollkommen unkritisch als „Hardcore-Aktivist, der den Euro abschaffen will und seit April immer mal wieder vor der EZB aus Protest campiert“.

Über die Internetseiten des „Hardcore-Aktivsten“ landet man schnell beim bundesweiten Ableger von „Echte Demokratie Jetzt“. Im dortigen Internetforum werden verschiedene Projekte beworben, die es den Aktivisten angetan haben. Hier wird nicht nur die Piratenpartei empfohlen, sondern auch Strukturen der rechten Reichsbürger. So zum Beispiel das „Projekt Neudeutschland“, das nur solange an „der Oder-Neiße Linie“ festhalten möchte, „bis alle anderen Nationen diese Grenze zu ändern wünschten“. Erst dann wollen diese Reichsbürger, die „Errungenschaften von NeuDeutschland über die derzeit bestehenden Grenzen der Bundesrepublik hinaus auf relativ unproblematische Art zu verbreiten“.

In dem Internetforum von „Echte Demokratie Jetzt“ bewirbt ein Adminstrator außerdem „kleine Parteien die man interessant finden kann“. Er bewirbt konkret die „Partei der Vernunft“, die anti-europäische Partei des Verschwörungsideologen Oliver Janich, die sich an der Demonstration in Berlin beteiligte.

Die Occupy-Bewegung in Berlin bewirbt ihre diffusen Ziele ebenfalls auf verschiedenen Internetseiten. Hier wird zu den den Camping-Aktionen aufgerufen. Neben der Seite „Alex11″, die auf den ersten Campversuch am Alexanderplatz zurückgeht, an dem verschiedene Verschwörungsaktivisten beteiligt waren, gibt es noch mehrere Internetseiten und eine Mailingliste zum Thema. Letztere ist durchaus amüsant. Eine Einzelperson verschickt beispielsweise ein Protokoll über ein Plenum in ihrer Wohnung, an dem kein anderer Mensch teilgenommen hat.

Auf meiner Reise durch das Internet entdecke ich auch den Blog „OccupyBerlin“, auf dem über aktuelle Entwicklungen rund um das Camp informiert wird. Hier wird darüber berichtet, dass sich eine „9/11 Arbeitsgruppe“ gebildet hätte, in der über den „amerikanische Imperialismus und seinen Krieg zum Terror“ gesprochen wird.

Auf der Internetseite wird darauf hingewiesen, dass die Versammlungen des Camps von „MitHerzTV“ gefilmt werden. Ein Blick in deren YouTube-Account verrät einiges: Hier findet sich das bereits erwähnte antisemitische „Fabian der Goldschmidt“-Video, Videos über die angebliche „BRD-GmbH“ und andere verschwörungsideologische Propaganda aus dem Milieu der Reichsbürger.

Kein Wunder, dass die esoterische Musikerin Nina Hagen, deren neues Album „Volksbeat“ heißen wird, „Grüße und Unterstützung“ an die Gruppe „Alex11″ richtet. Sie droht:

Wir sind 99%! Wir sorgen für Gerechtigkeit und werden gerechte Volksurteile fällen.

Es ließen sich viele Inhalte finden, die aufzeigen, dass die Occupy-Gruppen ein ganz reales Problem mit antisemitischen, esoterischen und nationalistischen Inhalten haben. Diese finden auf den offiziellen Seiten dieses Milieus, die ich auf meiner Reise durch das Internet entdeckt habe.

Dort kündigen die Occupy-Gruppen für Samstag, den 22.10.2011, neue Märsche und Aktionen an. Unter anderem soll in Frankfurt, Köln, Hamburg und Berlin demonstriert werden. Wahrscheinlich werden die Forderungen, die es auf den Internetseiten der Szene zu entdecken gibt, auch auf den Demonstrationen präsentiert werden. Alles andere wäre eine wirkliche Überraschung.

Märsche der „Demokraten“

Mehrere tausend Menschen haben am Samstag, den 15.10.2011, in Berlin, Hamburg, Frankfurt und vielen anderen Städten – im Rahmen einer „Occupy“ Aktion – gegen die „Macht der Banken und Konzerne“ protestiert. Als neugieriger Blogger habe ich die Demonstration in Berlin besucht: Hier sind an diesem Tag tausende deutsche Antikapitalisten, Heimatschützer, Verschwörungsfans und antisemitische Zinskritiker zusammengekommen, die sich als die 99 Prozent bezeichnen.

Bereits am Vormittag haben sich einige Menschen am Brandenburger Tor versammelt. Dort hat ein vereinzelter Aktivist zu einer Aktion aufgerufen. Transparente sollen gemalt und ein Demonstrationszug in Empfang genommen werden. Etwa dreißig Menschen bilden einen Sitzkreis und meditieren für den „Weltfrieden“. Direkt daneben wehen palästinensische Fahnen im blauen Himmel. „Solidarität mit den palästinensischen Gefangenen“, ist auf einem Transparent, das gerade gemalt wird, zu lesen. Auf anderen Schildern sind andere Forderungen zu sehen: „Zivilisiert den Kapitalismus“, lautet eine Forderung, die deutlich aufzeigt, dass viele Demonstranten nicht an die Überwindung des Kapitalismus denken. Man will ihn auf deutsche Weise zivilisieren. Dazu passen auch viele Schilder, die sich gegen die „Bankster“richten. „Gegen die Geldgeier“, heißt es hier beispielsweise.

Außerdem scheint der für den „Weltfrieden“ meditierende Kreis fest daran zu glauben, zu den 99 Prozent zu gehören, denen die restlichen 1 Prozent gegenübergestellt werden, die für alles Unrecht der Welt verantwortlich seien. Von dieser vollkommen falschen Darstellung, die an Verschwörungsideologie über eine kleine Elite erinnert, die die Welt beherrschen würde, scheinen nicht nur diese Demonstranten überzeugt zu sein. „Es geht um die allermeisten, die den Reichtum und die Macht einer winzigen Minderheit tagtäglich vermehren“, behaupten Aktivisten auf einer Internetseite, auf der zur Demonstration mobilisiert wird.

Später läuft der Demonstrationszug durch die Hauptstadt. Vom Neptunbrunnen ziehen die Demonstranten zum Reichstag. Es sind mehrere tausend Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben. Das ist sicherlich nicht die großspurig angekündigte „Weltrevolution“, aber eine beachtliche Menge. Es wäre schön, wenn sie sich kritisch mit Nation und Kapital auseinandersetzen würden. Doch davon kann nicht die Rede sein. Schließlich wird hier deutsche Geschichte geschrieben.

Viele Demonstranten halten selbstgemalte Pappschilder in die Luft. Hier imaginieren sie sich als die 99 Prozent, die von den 1 Prozent beherrscht und unterdrückt werden. Vorneweg marschieren schwarz-gekleidete Autonome: „A-Anti-Anticapitalista“,erschallt es wütend. Direkt dahinter ein Schild, auf dem im Reichsbürger-Jargon von der „BRD-GmbH“ die Rede ist: „BRD-GmbH – Spalter, Hetzer & Verbrecher“. Mit der Rede von der „BRD-GmbH“ versuchen Nazis und „Reichsbürger“ die andauernde Existenz des „Deutschen Reiches“ zu beweisen. Die Bundesrepublik Deutschland sei nur eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Doch derartige Propaganda scheint hier niemanden zu stören.

Allgegenwärtig sind außerdem die Schilder einer Gruppe, die sich „Alex11″ nennt. Deren Aktivisten haben vor einigen Monaten, in Anlehnung an die Proteste in Ägypten, Spanien und Israel, den Versuch unternommen, auf dem Alexanderplatz zu campieren. Auf ihrem Camp durften Verschwörungsideologen, wie Georg Berres, Propaganda verbreiten. Einige Campteilnehmer faselten mit Vorliebe von angeblichen „Illuminaten“ und der „BRD-GmbH“.

Diese verschwörungsideologische Deutung der Realität scheint ein Konsens innerhalb dieser Gruppierung zu sein. Außerdem verweigert man sich einer politischen Einordnung, was ebenfalls typisch für das Verschwörungsmilieu ist: „Wir sind weder rechts noch links, noch öko oder liberal“, behauptet die Gruppe. Sie ist mit einem eigenem Lautsprecherwagen vor Ort.

Doch Verschwörungsfans findet man überall in der Demonstration: Viele sind an Schildern zu erkennen, auf denen die Schlagworte der Szene zu lesen sind. Hier ist von einer angeblichen „Neuen Weltordnung“ die Rede. Hier wird gefordert, dass die Menschen „aufwachen“ sollen. Man glaubt an eine geheime Elite, von der man beherrscht und unterdrückt wird: „Königin Angela und Kaiser Barack von der Mächte gnaden“, heißt es auf einem anderen Schild. Auf einem Transparent ist die Forderung nach einer Neu-Untersuchung der historischen Ereignisse des 11. Septembers 2001 zu entdecken.

Auf einem anderen Plakat ist eine durchgestrichene Pyramide zu sehen, die Verschwörungsideologen für ein Symbol der „Illuminaten“ halten. Darunter ist eine Faust zu erkennen, die gegen ein Reptil gerichtet ist, das eine Weltkugel in ihren Händen hält. Selbst diese Verschwörungsfans, die an eine mega-geheime Reptilien-Verschwörung glauben, haben es also auf die Straßen der Hauptstadt geschafft.

Sie sind nicht alleine: Unter den tausenden Demonstranten befinden sich auch Aktivisten der antisemitischen „Bürgerrechtsbewegung Solidarität“, die mit Schildern und Zeitungen ihre Propaganda betreiben. Das sei „sehr, sehr gut angekommen“, behauptet die Gruppierung später im Internet.

„Keine EU-Diktatur“, lautet derweil eine andere Forderung, die auf einem Schild zu lesen ist. Mit derartigen Konstruktionen von einer angeblichen Diktatur, die durch die Europäische Union entstehen würde, machen diese Demonstranten deutlich, dass sie an die wahnhafte Idee von der „EU-Diktatur“ glauben, die im rechtspopulistischen Milieu und auch in der verschwörungsideologischen Szene außerordentlich beliebt ist.

Es ist die Sorge um den deutschen Nationalstaat, die diese Demonstranten umtreibt. Diese Sorge treibt sie letztendlich, mit lautstarken „Wir sind das Volk“-Rufen, vor den Reichstag. Die Aktivisten der rechtspopulistischen und strikt anti-europäischen Partei der Vernunft, um ihren verschwörungsideologischen Vorsitzenden Oliver Janich, dürfte sich wohl gefühlt haben. Auch diese rechte kleine Partei beteiligt sich an den Protesten.

Die Mehrheit der Demonstranten generiert sich als wütende Masse. „Wir sind Systemrelevant – Das Volk“, heißt es auf einem Pappschild, das ein Mensch vor sich herträgt. „Wir sind das Volk“, wird immer wieder gerufen. Einem Teil der Demonstranten scheint es wichtig zu sein, sich durch nationalistische Sprechchöre zu ihrem „Volk“ zu bekennen.

Außerdem werden antisemitische Pappschilder präsentiert. „Keine Schuldknechtschaft“, heißt es beispielsweise auf einem Schild. Die Pappe wird vor dem Reichstag in die Höhe gehalten. Hunderte können es sehen, niemand unternimmt etwas gegen derartige nationalsozialistische Phrasen, die ursprünglich von der NSDAP verwendet wurden. Bereits die sprach davon, dass das „deutsche Volk immer tiefer in die Schuldknechtschaft der kreditgebenden internationalen Hochfinanz geführt“ werden würde.

Doch die meisten Forderungen der Demonstranten richten sich gegen die angebliche Macht des Geldes und der „Bankster“. Der Kapitalismus in seiner Totalität wird nicht benannt, von einer Kritik an Staat, Nation und Kapital sind die Demonstranten Lichtjahre entfernt. „Die Geldmacht presst uns in die Dose“„Finanzmafia und Politiker ab in den Knast“ oder „Stürzt die Dikatur der Banken“ kann man stattdessen lesen.

Diese Forderungen gehen zumindest teilweise mit offenen Vernichtungsphantasien einher: „Eine Welt ohne 1% ist nötig“, heißt es auf einem Pappschild, das an der Spitze der Demonstration präsentiert wird. Auf einem anderen Schild sind erhängte Menschen zu sehen. Offene Lynchphantasien sind zu entdecken. Unter einem Strick ist die Parole „Alternativlos“ abgebildet. Mit einer emanzipatorischen Überwindung des Kapitalismus haben diese Demonstranten nichts zu tun. Stattdessen wird hier wird das Ressentiment gegen die angebliche Elite auf die Straße getragen. Hier haben sich nationale Verschwörungsfans und deutsche Heimatschützer versammelt. „Teilen statt spalten“, heißt es auf einem Plakat. „Wir sind das Volk“, auf vielen Pappschilder

Am Ende der Demonstration stehen sie vor dem Reichstag und halten eine Versammlung ab, mit der sie den 1 Prozent den Kampf ansagen und an ihre Volksvertreter appellieren wollen. Es handelt sich um eine Art Messe. Ein Sprecher spricht, die Menge spricht die Sätze in einem monotonen Singsang nach. Zelte werden aufgebaut, die später von der Polizei zerstört werden. Die sitzenden Demonstranten werden durch die Cops weggetragen. „Schlussendlich entfernte man uns Menschen wie Vieh“, jammert die Verschwörungstruppe „Alex11″ später. Was nach spontanen Protest aussieht, ist von langer Hand geplant. Eine Verschwörungsaktivistin aus Berlin kündigt bereits vor der Demonstration an:

800 Leute werden heute Nacht vor dem Reichstag schlafen! Bringt Zelte und Decken mit.

Nicht nur in Berlin wird demonstriert. In vielen deutschen Städten kommt es an diesem denkwürdigen Samstag zu Protesten der deutschen Wutbürger. 5ooo Menscen treffen sich in Hamburg unter einer amerikanische Fahne, die mit Blutflecken übersät ist. Deutlicher lässt sich das antiamerikanische Ressentiment, das viele Demonstranten auf die Straßen treibt, nicht formulieren.

Die Schilder, die hier in die Höhe gehalten werden, unterschieden sich kaum von denjenigen, die es in Berlin zu sehen gibt. Die Bilder gleichen sich: „Bring your Banker to your Henker“, steht dort auf einem Plakat. „Wir sind die Volkslobby“, auf einem anderen. „Völker Europas, Bürger von Hamburg! Ich fordere die Zerschlagung der Finanzaristokratie“, schreit ein Rentner dort durch das offene Mikrofon.

In Köln beteiligen sich antisemitische Verschwörungsfans ebenfalls an der dortigen „Occupy“ Demonstration. Dort nutzen sie die Aufmerksamkeit, die ihren abstrusen Theorien entgegengebracht wird. In einem Interview mit einem lokalen Fernsehprogramm thematisieren sie das „private Zinsgeldsystem“, hinter dem bestimmte „Leute“ stehen, deren „Namen geheim“ gehalten werden.

In Frankfurt kommt es ebenfalls zu einem Marsch. Dort werden einige Gegendemonstranten, die sich – mit einer amerikanischen Fahne und einem Schild, auf dem „Lest Marx“ steht – unter die Demonstranten gemischt haben, vom demonstrierenden deutschen Mob attackiert.

Auf diesem Marsch spricht unter anderem Bernd Senf, Anhänger der strukturell antisemitischen Zinstheorien des Silvio Gesell. In seiner Rede spricht sich Senf gegen das „Zinseszins-System“ aus, das er als „Krebsgeschwür“ bezeichnet. Dieses angebliche System hätte „ganze Länder in die Schuldenfalle“getrieben, nun würden „internationale Gläubiger“ profitieren.

Hier wird aber auch ein Schild in die Höhe gereckt, das ein Zitat Henry Fords zeigt, der zu seinen Lebzeiten unter anderem für die Verbreitung der antisemitischen Hetzschrift „Die Protokolle der Weisen von Zion“ verantwortlich war. Durch ein offenes Mikrofon gibt es dann die dazu passende Hetze, die von der nationalistischen und verschwörungsideologischen Internetseite „Widerstand in Aktion“ als „Lichtblick“ bezeichnet wird:

Es entwickelte sich ein richtiger Wettstreit der Meinungen und der verschiedenen Lösungsansätze. Zwischen z.B. Silvio Gesells Freigeldanhängern und Leuten, die das ganze gleich wieder verworfen haben, zwischen Leuten die Tacheles bzgl. Rotschild, Rockefeller (…) geredet haben.

Die Demonstrationen begeistern die deutsche Presse, die diese Erweckungsbewegung mit überschäumender Begeisterung begrüsst: „Hunderttausende gegen das Kapital“, frohlockt die TAZ. Die national-bolschewistische Junge Welt jubelt, dass sich „die Volksmassen“ erhoben hätten. Die BILD-Zeitung hat nackige Menschen vor dem Reichstag fotografiert: „Die nackte Wut auf die Banken“, titelt sie nun. Maybrit Illner freut sich im ZDF:

Das ist eine richtige Volksbewegung geworden.

Der Occupy-Aktivist Wolfram Siener wird nicht nur von Spiegel Online als „charismatische Führungsfigur“ gefeiert. Die Interviews, die er ansonsten für nationalistische Verschwörungswebsites wie „Infokrieg.tv“ gibt, spielen dort keine Rolle: „Wir als Volk sind relativ weit gelenkt, also wir sind relativ weit zersplittert, jeder hat eigene Meinungen und sowas. Darum geht es. Es geht darum, dass zu beheben. (…) Wir haben nur als Einheit eine Chance“, sagt die „charismatische Führungsfigur“ im Interview.

Es ist ein merkwürdiger Drang nach einer deutschen Gemeinschaft, der von den Demonstranten praktiziert wird. Deutsche Medien reagieren mit Begeisterung; auch auf die Führerfigur. Verschwörungsideologische Konstruktionen, antisemitischen Forderungen und völkischen Parolen ergeben eine gefährliche Melange. Eins ist sicher: Es handelt sich um eine regressive deutsche Erweckungsbewegung, die mit ihren Vernichtungsphantasien begründete Ängste hervorruft.