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Klebebandstrafe

Die Waldorfschulen geben sich gerne weltoffen. Offensiv wird mit einer Erziehung zur Freiheit, ganz ohne Noten, geworben. Die Schulen berufen sich auf die Lehren Rudolf Steiners, der eine reaktionäre Ideologie entwickelte, die alle Bereiche des menschlichen Lebens umfasst: Zum Beispiel eine besondere Form Landwirtschaft, bei der die Bauern des Nachts mit Scheiße gefüllte Kuhhörner verbuddeln, aber auch besondere Form der Pädagogik, die an Waldorfschulen praktiziert wird.

Nach Rudolf Steiner, der den Unterricht als „religiöse Tat“, als eine „Art Gottesdienst“ aufgebaut haben wollte, bei der der Lehrer als Führerfigur agiert, sind andere Menschen in seine theoretischen Fußstapfen getreten. Da wäre zum Beispiel der Waldorf-Theoretiker Erich Gra­bert, dessen Buch von der „Stra­fe in der Selbst­er­zie­hung und in der Er­zie­hung des Kin­des“, bei Waldorflehrer_innen durchaus verbreitet ist und 1998 in einer überarbeiteten Version auf den Markt gebracht wurde. Im Original werden körperliche Strafen wie Backpfeifen als „wort­lo­se, di­rek­te Ak­ti­on“ verkauft, die gegenüber einer „Predigt“ ihre „ent­schei­den­den Vor­zü­ge“ hätten: „Es kann also durch­aus Not­wen­dig­kei­ten geben für kör­per­li­che Stra­fen“, lautet ein Fazit Graberts. Auch in der überarbeiteten Version von 1998 werden körperliche Strafen nicht generell ausgeschlossen, allerdings wird dazu geraten, auf subtilere Formen der Bestrafung zurückzugreifen, denn der „Schmerz, wie beim Schlag, bei der Ohrfeige, kommt wohl in den seltensten Fällen wirklich in Betracht“.

Wie solch subtilere Formen der Bestrafung von unliebsamen Schüler_innen aussehen kann, zeigte wiederum der Waldorflehrer Helmut Meisenburg im Jahr 2006 an der Waldorfschule in Berlin Kreuzberg. Um „Ruhe und Disziplin in die Truppe“ zu bringen, griff er zu einem anderen Mittel, um seine Schüler_innen zu disziplinieren. Er griff zum Klebeband und klebte den zu bestrafenden Schüler_innen den Mund zu. Meisenburg „holte (…) eine Rolle Kreppband hervor und einige der lautesten ‚Schätzer‘ holten sich gleich freiwillig ein Mundpflaster ab“. Vielleicht ist das eine der subtileren Formen der Strafe, die zustande kommen kann, weil Waldorflehrer_innen seit 1998 geraten wird, nur in den „seltensten Fällen“ mit einem „Schlag, einer Ohrfeige“ zu strafen.