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Die Rede des Christoph Hörstel

An einer Demonstration der Verschwörungsfans, bei der das Märchen von der Sprengung des World Trade Centers in die Öffentlichkeit getragen wurde, nahmen am 10.09.2011 zwischen vier- und fünfhundert Menschen teil. Hier kamen Ver­schwö­rungs­fans, Chem­trail-​Ideologen und Sekten-​Mitglieder zusammen, um gegen die USA zu demonstrieren.

Doch es gab auch noch andere Inhalte. Beispielweise wurden Verschwörungstheorien der „Freunde von Rechts“ begierig aufgegriffen, Es wurde gegen eine „Zicke“ von der Süddeutschen Zeitung angeredet. Außerdem wurden die „unterdrückten Völker“ glorifiziert.

Journalisten wurden als „kleine Arschlöcher“ bezeichnet, die vom „größten Arschloch im Betrieb“ angeführt werden würden. Hier war von einer „verdammt kleinen Clique“ die Rede, der eine ungeheure Macht nachgesagt wurde. Des Weiteren wurde vor dem Impfen, Viagra und Essen aus dem Supermarkt gewarnt. Dabei wurden wurden neue „Verbrechen“ aufgedeckt, denen sich kein Mensch entziehen könne.

Diese Inhalte stammen aus der Rede Christoph Hörstels. Er ist Anführer einer Organisation namens „Neue Mitte“. In der Vergangenheit trat Hörstel  mit dem iranischen Botschafter, Ali Reza Scheikh Attar, auf einer Werbeveranstaltung des iranischen Regimes auf. Mit dem Querfrontler Jürgen Elsässer mobilisierte Hörstel zu einem Aufmarsch vor dem Reichstag, der sich gegen Israel richtete. Auf dem antisemitischen „Al-Quds-Tag“, am 27. August 2011 in Berlin, hielt Hörstel ebenfalls eine Rede.

In seiner halbstündigen Rede auf der Demonstration zum 11. September 2001 deckte Hörstel fast alle Inhalte der deutschen Verschwörungsideologie ab. Dafür gab es von den versammelten Verschwörungsfans begeisterte Zurufe und ausführlichen Beifall. Weil die Rede noch deutlicher macht, für welche Inhalte die organisierte deutsche Verschwörungsszene steht, wird sie hier in Auszügen dokumentiert. Lassen wir also Christoph Hörstel zu Wort kommen, der mit seiner Rede die versammelten Verschwörungsfans begeisterte:

YouTube Screenshot des Redevideos
YouTube Screenshot des Redevideos

Über „Freunde von Rechts“:

(…) Denn was ist so eine NATO-Regierung? Das ist eine Verbrecherbande, mit angeschlossenem Propagandaapparat [Zurufe: Richtig so! Jawohl! Terroristen!]. Natürlich, wenn man in Afghanistan beteiligt war, so wie ich, da fragt man sich, was sage ich zum zehnjährigen Jubiläum, zu diesem Massenmord, verübt durch amerikanische Dienstellen, mit willigen Leuten von außerhalb (…). Ist das etwa die die einzige Kriegslüge der Vereinigten Staaten von Amerika? Um Gottes Willen! Wir fangen 1898 an, ihr Lieben [Zuruf: Genau!]! (…) Seit 1898 wird gelogen: Da kommen unsere Freunde von Rechts, die mit den seltsamen Stiefeln und den kurzen Haaren, und weisen auf 1916 hin, auf dieses Schiff namens Lu­si­ta­nia. Ihr Lieben, recht habt ihr! Das war auch eine ge­zink­te Sauerei. (…) Da ging das weiter. Ich will jetzt nicht durch diese hundert (…) Jahre lügen gehen, weil es mich langweilt! Und weil es immer der gleiche Mist ist (…)! Da werden wenige fett und die anderen sterben und bleiben arm (…).

 Über die „Zicke“ und die „westliche Wertegemeinschaft“:

Es ist einfach peinlich, wenn eine Redakteurin der Süddeutschen Zeitung ein Buch über Terror schreibt, jetzt habe ich den Namen der Zicke vergessen [Beifall], ist auch egal (…). Was steht da drin? Da gibt es so böse Hassprediger überall (…). So ein Zeug hat der Stürmer geschrieben, da wurde auf Rassenmerkmale hingewiesen (…). Das eine Thema muss ja sein, die USA lügen seit über 110 Jahren. Das müssen wir uns merken und 9/11 ist einfach nur eine jüngere Lüge. Es hat seit dem auch ein paar andere gegeben: Es musste dringend der Irak abgeräumt werden (Zuruf: Libyen!). Genau! Vielen Dank fürs Stichwort. Ich wollte eben drauf kommen. (…) Wenn behauptet wird, wir seien ja eine westliche Wertegemeinschaft, Nein! Das ist eine westliche Verbrecherbande, die sich unter verschiedenem Namen zusammengetan hat und dieser Wertegemeinschaft werde ich nie angehören [Beifall].

Über „Völker“ & Westerwelle:

(…) Aber worum ich weine, das ist die Unabhängigkeit dieser Völker (…). Das ist die Verarmung ganzer Völker, weltweit. (…) Hier hast du liebes Washington, wir schenken euch, druckt noch mehr von euren beschissenen Dollars, zwingt sie den anderen Völkern zur Verwendung auf. Denn das wäre der nächste Schritt gewesen von Gaddafi, wie durch den Iran, dass er einfach so, ich will mal sagen, Währungsmäßig etwas umsattelt. (…) Weg vom Dollar (…). Das kann man gleich von hier aus verkünden: Staats- und Regierungschefs, die sowas vorhaben, die leben nicht lange! Wie lange hat denn Herr Westerwelle (…) im Amt als Parteichef der FDP überlebt, nachdem er gewagt hat, sich der Stimme zu enthalten im Sicherheitsrat (…), als sich die NATO einen Freibrief zum Massenmord geholt hat? Sieben Tage! Sieben Tage hat er noch im Amt gelebt [Beifall]!

Über Journalisten:

Da rufen wir unsere kleinen Arschlöcher an, bei der Süddeutschen Zeitung, bei der FAZ, bei der ARD (….). Stichwort Chefredakteur. Man sollte mal eigentlich mal diese Sprache, Chefredakteur, das würde ich eigentlich gerne ins Deutsche übersetzen: Das größte Arschloch im Betrieb! Das mieseste Schwein, das wir hier sehen [Beifall, Jubel, Zuruf: Ja! ]. Denn das ist deren Job: Bescheiße die Bevölkerung [Zuruf: Täuschung der Bevölkerung]. Täuschung der Bevölkerung, völlig korrekt [Zuruf: Arglistig!]. Und zwar nicht nur so vereinzelt oder mal aus Versehen, sondern als Prinzip, das ist das Arbeitsprinzip. Immer daran erinnern: Verbrecherbande mit angeschlossenem Propagandaapparat. (…)

Über eine „kleine Clique“, „Hochverrat“ und Selbstentzündung:

Es wird der Tag kommen, weil ich da gerade so einen netten Polizisten mit orangener Weste sehe (…), es wird der Tag kommen, da sind wir so viele, dass die Regierung sich bedroht fühlt und dann wird sie ihnen befehlen, auf uns zu schießen, obwohl wir keine Waffen haben [Beifall, Jubel]. (…) Einfach nur durch (…) friedliches, freundliches, wohlmeinendes Dasein [Zuruf: Durch die Wahrheit!]. Genau! Denn davor fürchten sie sich! Gutes Stichwort! Vor der Wahrheit! Zu solchen Reden muss man sich eigentlich gar nicht vorbereiten, ich kriegt die Stichwörter zugerufen [Gelächter]. Es geht ja sowieso von selbst, weil einen dieser Ärger auffrisst. Was kann man denn noch tun? Soll man sich anzünden vor diesem Scheiß-Reichstag, in dem sowieso nur abgestimmt wird, was Washington genehmigt [Beifall, Zurufe: Genau!].

(…) Der alte Professor Hamer (…), der spricht eben tatsächlich von Hochverrat. Was ist Hochverrat? (…) Nun ja, wenn man so ein Land völlig pleite macht und raubt seine Bevölkerung aus, dann muss man an dieses Wort denken. Und der Hamer, der hat nicht wie der Hörstel gesagt, das grenzt an Hochverrat. Der hat gesagt, das ist Hochverrat. Gut, der ist ein paar Jahre älter, den wird man nicht so schnell in den Knast setzen, bei mir versucht man das mit anderen Methoden (…).

Das nicht so lustige am Hochverrat ist, nach geltendem Gesetz (…) ist auch die Vorbereitung strafbar. Man könnte also auf der Grundlage des jetzt geltendes Gesetzes diese Truppe da oben drankriegen. Aber wer macht das? Wer wagt das? Keiner in diesem Land hat die Courage in diesem System, in dem sie alle stecken und verdienen gut [Zuruf: Polizei!]. Polizei? (…) Ansonsten droht nur das, was ich vorher beschrieben habe. Wenn wir zu viele werden, wenn diese Herrschaft droht zu stürzen, dann wird geschossen werden (…) [Zuruf: Lissabon-Vertrag].

(…) Europa ist was schickes! Europa ist eine Unterdrückungsmaschine für die Leute und in deren Interesse, die daran verdienen [Beifall]. Der Skandal ist nicht mehr 9/11! Der Skandal ist die allgemeine, weltweite Rechtsbeugung durch eine ganz verdammt kleine Clique [Beifall, Zuruf: Freimaurer!] (…).

Über Impfen und Homöopathie:

Vogelgrippe, Schweinegrippe (…)! Sagenhaft, wie das schon, ich würde sagen, mit einer konzentrierten Aktion, hochgespült wird in den Medien! (…) Vor allen Dingen unsere vorsichtigen, vorausschauenden, wohlmeinenden Regierungen, die dann im hundert Millionen Euro Stil die Impfdosen einkaufen, die dann von einer etwas weiser gewordenen Bevölkerung immer weniger konsumiert werden, so dass sie heute vergammeln, weil kein Mensch sie wieder zurückkauft [Panischer Zuruf: Wir haben die bezahlt, wir haben die bezahlt]. Und sie sind bezahlt, völlig korrekt! Übrigens, von welchem Geld [Zuruf: Von unserem!]. Ja! Von eurem! (…) Wollen wir doch mal fragen ob die Herren in den Streifenwagen sich haben impfen lassen. Ich hoffe nicht [Gelächter].

Wir sollten doch mal gucken, wie das demnächst wird, nicht dass wir hier fröhlich vom Platze schreiten und sind dann überrascht, dass der Hörstel uns davor nicht gewarnt hat. Ich hab vier kleine Kinder. Sechs Jahre und drunter, herzlich eingeladen mich daranzukriegen dafür. (…) Es wird der Tag kommen, da dürfen meine Kinder nicht mehr in den Kindergarten, weil wir sie mit diesem Scheiß nicht voll impfen lassen [Beifall, Zurufe: Ja! Genau!] (…). Und weil wir auch diese zehnfach Präparate (…) nicht anwenden [Zuruf: Verbrecher!] (…). Und dann ist es auch gesundheitsverträglich und führt nicht zu Dauerschäden bei kleinen Kindern. Denn unser Gesundheitssystem ist natürlich auch so eine Wortperversion. Das einzige was da gesund ist, ist die Kasse, aber nicht eure (…) [Beifall]. Wir waren mal in Deutschland führend in der Homöopathie, weltweit. Wir waren unheimlich gut in einer echten, menschenfreundlichen, weil gesundheitsaufbauenden Medizin. Das ist verloren. Wir sind einfach nur noch ein Mitschwimmer im Verbrechersystem der Pharma-Konzerne [Zurufe: Genau, Ja]. (…)

Über Viagra und Lebensmittel:

Viagra ist nicht für jeden gut. Ich kann nur sagen: So ein Mist! Muss mann doch nicht nehmen, wir sind wir denn (…). Dann werde‘ ich halt älter, dann bin ich nicht mehr so toll im Bett. Gott, wenn das der Grund ist, warum meine Frau bei mir bleibt, ist es vielleicht der falsche. Lass uns doch ehrlich bleiben: Wir sind so gemacht, so sind wir gut gemacht. Da muss niemand an den ausfallenden Haaren rum schrauben, irgendwelche komischen Wellness-Drogen verabreichen und mich mit Chemie gepufferten Lebensmitteln vollpumpen [Beifall]. Dieser Müll, den man bei Aldi kaufen kann oder bei Lidl oder wie die alle heißen [Zurufe: Gift! Gift]. In großen Teilen Gift! (…)!

Über Fasern als Verbrechen:

Mir geht der Stoff nicht aus. Was sind denn diese komischen kleinen Fäserchen [Zurufe: Fieberfaser, Polymer]. Nein. Wie heißt denn dieses Material? Wir lassen das Thema jetzt fallen [Zuruf: Asbest]. Das war mal, jetzt gibt es eben was neues und das ist Nanotechnologie! Nanotechnologie? Was sagen die Bundesämter dazu? Sie warnen, die Folgen seien noch nicht erforscht. Das ist sozusagen die Formulierung von Hosenscheißern dafür, dass die deutsche Übersetzung heißt: Um Gottes Willen! Doch keine Nano-beschichtete Schokolade [Zurufe: Bäh!] und keine Nano-beschichteten Socken. Dieses Zeug geht nämlich ab von den Stoffen, geht nämlich ab von den Stoffen mit denen es irgendwie verklebt ist, geht durch das Abwasser unserer Waschmaschine in die Flüsse und wird von Leuten aufgenommen wie ihr, die wissen dass das Mist ist, aber die können gar nichts anderes machen, weil es das einzige Wasser ist, dass sie kriegen von den Stadtwerken. So funktioniert das. Ein neuerliches Verbrechen [Beifall!]. (…)

Über den 11. September, Amerika und den Iran:

 Was ist jetzt 9/11? (…) Das Lostreten eines weltweiten Krieges. Das – ich will mal sagen – planmäßige, systematische Diskriminieren einer ganzen Religion [Zuruf: Yes We Can]. Genau: Yes We Can, sagen die Amerikaner. Und wir sagen: No! You can‘t! You will never! Wir werden mehr! Wir werden uns das nicht gefallen lassen! Wir lassen uns nicht belügen [Beifall]. (…) Wer glaubt Verbrechern? Nur Dumme oder Verbrecher! Die nächste Hasskampagne machen wir nicht mehr mit, egal wen sie betrifft. Und wir sind gerecht. Assad ist ein Diktator, ja, sein System ist unerfreulich. Es wäre schon wenn er das ändert. (…) Und ein anderer Grund, warum ich Angst habe, dass ein amerikahöriges Regime demnächst in Damaskus sagt was Sache ist, das ist der Iran. Denn wenn Syrien fällt, ist der Iran dran. Und eines kann ich euch versichern: Dieses Land wird sich wehren [Beifall Zuruf: Genau!]. Da muss man schon eine Menge Schwarzbrot essen als Westler, um dieses Land anzugreifen [Gelächter].

Und ich weiß heute gar nicht, ob ich mit iranischen Freunden übereinstimmen soll und sagen: Lass sie doch mal probieren, je eher stürzen sie [Gelächter]. Oder ob ich sagen soll: Jaja, das ist sehr sexy so ein Spruch und ein paar lachen auch, aber ich denke an die Uranbomben, die da fallen [Beifall, Zuruf: Ganz Genau]. Und verdammt nochmal, seit vierzig Jahren werden die angewendet und keine Sau sagt etwas! Weder die Kirche, noch die Regierung, noch die Gewerkschaft [Lauter Beifall]. (…)

Wenn ich von heute etwas sagen will, dann sag ich: Ich freu mich, dass ich hier bei euch sein konnte. Von Herzen gehen meine besten Wünsche an die Völker die wir unterdrücken, bombardieren, foltern, bevormunden, ausrauben und so weiter. Heute am Jahrestag, der Morgen stattfinden wird, von 9/11 [Langanhaltender lautstarker Beifall]. Weitermachen! Nie aufhören! Egal was es ist! (…) Danke [Zuschauer_innen: Wir sind das Volk, wir sind das Volk!].

Aufmarsch gegen die USA

Am 10. September 2011 versammelten sich mehrere hundert Menschen in Karlsruhe, um für „die Opfer und die Wahrheit“ auf die Straße zu gehen. Es handelte sich um eine Aktion von organisierten „Truthern“ und „Infokriegern“, die die historischen Ereignisse des 11. Septembers 2001 umdeuten.

Die terroristischen Anschläge seien nicht durch fanatische Mitglieder al-Qaidas ausgeführt worden, sondern in Wirklichkeit das Werk einer Verschwörung gewesen. Diese Verschwörung wird wahlweise der amerikanischen Regierung oder gar dem israelische Geheimdienst Mossad angelastet, die für den „Inside Job“ verantwortlich gemacht werden.

Am 10. September 2011 war die Verschwörungsszene in Karlsruhe unterwegs und stellten ihre wachsende Handlungsfähigkeit unter Beweis. Zwischen vier- und fünfhundert Menschen beteiligten sich an dem Aufmarsch. Für diese Manifestation des deutschen Irrationalismus hatte die Verschwörungsszene seit Monaten mobilisiert. Es gab verschiedene Videos, mit denen Organisatoren und Teilnehmer – wie die „Die Bandbreite“ – für den Aufmarsch warben. Mobilisiert wurde über den esoterischen und verschwörungstheoretischen Kopp-Verlag. Eva Herman bewarb den Aufmarsch in den Kopp-Nachrichten.

Die Demonstration war bereits am Montag, den 24. Februar 2011 angemeldet worden. Organisiert wurde sie von einem „Stammtisch“ aus Karlsruhe, der sich an den Internetseiten „The Real Stories“ und „Alles Schall und Rauch“ orientiert. In diesem „Stammtisch“ sind deutsche Kleinbürger organisiert, die eine organisatorische Vernetzung des verschwörungstheoretischen Milieus betreiben. Auf der Demonstration in Karlsruhe kam die Verschwörungsszene zusammen, um ihre krude Version der „Wahrheit“ zu bewerben.

Auf Plakaten war von einer „kontrollierten Sprengung“ die Rede. Die Verschwörungsfans behaupten, dass die World-Trade-Center durch eine Sprengung zerstört wurden, was den „Inside Job“ darstellt, von dem die Anhänger dieser Verschwörungstheorie halluzinieren. „9/11 was an Inside Job“, hieß es auf einem Transparent. Auf Plakaten wurden 49 tote Bundeswehrsoldaten erwähnt, die „für die Lüge von den 19 Teppichmesser-Terroristen“ gestorben seien. „US-Terror weltweit“, hieß es auf einem anderen Plakat, das den Lautsprecherwagen zierte.

Hier wurde nicht den dreitausend Menschen gedacht, die am 11. September 2001 aufgrund der Angriffe durch al-Quida starben. Die Zahl der Opfer wurde dreist nach unten korrigiert. Außerdem wurden sie zu Opfern eines „US-Terrors“ gemacht, der auch die Toten in Afghanistan und dem Irak umfassen würde. Der Anchorman sagte:

Wir gedenken den 2000 Opfern in New York und den Millionen Opfern der illegalen Angriffskriege in Afghanistan und Irak.

Der Redner appellierte auch an die Gefühle der Deutschen: „Es kann nicht sein, dass gerade wir als Deutsche an zwei illegalen Angriffskriegen beteiligt“ sind, jammerte der Anchorman: „Unsere deutschen Soldaten sterben für diese Lüge“, brüllte er.

An dem Aufmarsch beteiligten sich Mitglieder der sogenannten „Anti Genozid Bewegung“, einer Vorfeldorganisation der Sekte „Organische Christus-Generation“ des Ivo Sasek. Diese sieht in der Anwendung von RFID-Transpondern die Anzeichen eines bevorstehenden Massenmordes an Christen.

Andere Teilnehmer_innen des Aufmarsches gaben einen Einblick in ihr anti-amerikanisches Weltbild:

Das war inszeniert, Amerika hat schon immer seine Krieg erlogen. (…) Die haben das Ziel die ganze Welt zu terrorisieren.

So sprach ein Teilnehmer in eine Kamera. Es geht eben nicht nur um den 11. September 2001, sondern um ein Weltbild, das in den USA alles Böse verortet und diese für alle Kriege und den weltweiten Terrorismus verantwortlich macht.

Der Aufmarsch dieser Verschwörungsfans, deren Triebkraft ein unbändiger Hass auf die Vereinigten Staaten von Amerika darstellt, wurde nicht nur vom Südwestrundfunk (SWR) gefilmt, die einen mehr als unkritischen Bericht fabrizierten. Berichte gibt es von einer „Chemtrail-Petition“-Seite, auf der die Behauptung aufgestellt wird, dass es angebliche „Chemtrails“ gäbe, die aus Flugzeugen versprüht werden, um die Menschen zu vergiften.

Auch über Karlsruhe seien „ChemTrails in kleiner Dosierung und das über den ganzen Tag hinweg versprüht“ worden, behaupten die „Chemtrail“-Ideologen. Außerdem gibt es einen Video-Bericht von „Infokrieger-News“. Der Verantwortliche dieser Internetseite, der „Infokrieger“ Jens Blecker hielt auf einer Zwischenkundgebung eine Rede. Im Nachhinein erfreut sich Blecker an dem Umstand, dass der Aufmarsch „sauber und ruhig“ ablief.

Als weiterer Redner war Christoph Hörstel eingeladen worden, der mit seiner Kleinst-Organisation „Neue Mitte“ in der Vergangenheit unter anderem Aufmärsche gegen Israel veranstaltete. In der Gründung dieses Staates sieht Hörstel einen „blutigen Akt kolonial Ungerechtigkeit“. Israel sei ein „rassistischer unterdrückerischer Staat“, gegen den die palästinensischen Organisationen ein „Recht auf Gegenwehr“ ausüben würden.

Die FAZ bezeichnet Hörstel als „umtriebigen Lobbyisten“ der Taliban in Deutschland. Außerdem betätigt sich Hörstel als Propagandist des iranischen Regimes. Der deutsche Jubelperser trat beispielsweise auf einer Veranstaltung mit dem iranischen Botschafter, dem Schlächter Ali Reza Scheikh Attar, in Hamburg auf.

Christoph Hörstels Rede in Karlsruhe richtete sich gegen die „NATO-Regierung“, einer „Verbrecherbande mit angeschlossenen Propagandaapparat“, die einen „Massenmord“ verübt hätte. Er zog eine historische Linie, bei der er allerhand historische Ereignisse benutzte, um das Bild einer riesigen US-Verschwörung zu propagieren. Dabei berief sich Hörstel auch auf „unsere Freunde von Rechts“, denen er zustimmte:

Seit 1898 wird gelogen. Da kommen unsere Freunde von Rechts, die mit den seltsamen Stiefeln und den kurzen Haaren und weisen auf 1916 hin, auf dieses Schiff namens Lusitania. Ihr Lieben! Recht habt ihr! Das war auch eine gezinkte Sauerei!

Nach dieser Werbung für die Lusitania-Verschwörungstheorie übersprang Hörstel allerdings einige Jahrzehnte, er wolle nicht „auf die ganzen Lügen“ eingehen.

Doch aus so wurde deutlich, dass Hörstel ein Jahrhundert der Verschwörungen entwirft, für das er die USA verantwortlich macht. In der Konsequenz fordert Hörstel ein Neubewertung dieses Jahrhunderts ein und betreibt damit einen Geschichtsrevisionismus, der darauf hinausläuft, sämtliche Ereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts verschwörungstheoretisch zu verklären.

Musikalisch wurde der Aufmarsch von der Band „Die Bandbreite“ und von dem Rapper „Kilez More“ begleitet. Diese traten nicht nur auf der Demonstration auf, sondern ihre Lieder erschallten in Rotation aus dem Lautsprecherwagen. Hier wurde „Was ist los in diesem Land“ gespielt. In diesem Lied der Band „Die Bandbreite“ wird gegen „verhurte Politiker“, „Dekadenz“ und „Bonzen“ angesungen. Das Video zum Lied zeigt eine Fla­sche Zy­klon B , wäh­rend der Sän­ger von einem „Völ­ker­mord“ in Af­gha­nis­tan singt. Auf diese Art und Weise wird die Ver­nich­tung der Jü­din­nen und Juden re­la­ti­viert und mit dem Vor­ge­hen der NATO auf eine Stufe ge­setzt.

Außerdem gab die Band das Lied „Selbst Gemacht“ zum Besten. Mit dem Lied zieht die Band eine verschwörungsideologische Kontinuität vom Angriff auf Pearl Harbour, bei dem die USA angeblich „eigene Leute geopfert“ hätten, bis zu den Anschlägen auf das World Trade Center. Dieser Anschlag sei ebenfalls „Selbst Gemacht“ gewesen. Die angeblichen Täter hätten „dabei an das Geld gedacht“.

Die Demonstration endete mit diesen musikalischen Beiträgen. Im Anschluss an den Aufmarsch war eine After-Show-Party im Restaurant „Walhalla“ angekündigt, in dem der organisierende „Stammtisch“ auch ansonsten zusammenkommt.

Der Aufmarsch stellte einen geistigen Abgrund dar, dem sich die deutsche Verschwörungsszene ergeben hat. Hier kamen Verschwörungsfans, Chemtrail-Ideologen und Sekten-Mitglieder zusammen, um gegen die USA zu hetzen. Hier wurde an deutsche Gefühle appelliert, hier wurden die USA zu den eigentlichen Terroristen gemacht. Hier wurde ein Jahrhundert der Verschwörungen propagiert, mit dem auch Kriege wie der zweite Weltkrieg umgedeutet werden können.

Es ist eine revisionistische und deutsche Anklage gegen die USA, die von den Verschwörungsfans formuliert wird. Der Aufmarsch dieser deutschen Verschwörungsfans soll im nächsten Jahr erneut stattfinden. Dann dürften wiederum hunderte Verschwörungsfans zusammenkommen, um gemeinsam gegen die USA zu marschieren.

Aufmarsch der Verschwörungsfans

Am 11. September 2011 jährt sich der zehnte Jahrestag der mörderischen Anschläge auf das World Trade Center in New York, dem mehr als 2000 Menschen zum Opfer fielen. Jahr für Jahr nutzt die Bewegung der „Truther“, „Infokrieger“ und „Wahrheitsbewegten“ dieses Datum, um ihre Theorien in der Öffentlichkeit zu verbreiten.

„Truther“ und „Infokrieger“ glauben tatsächlich, dass der Anschlag nicht durch fanatische antiamerikanische und antisemitische Islamisten begangen wurde. Sie machen vor allem die amerikanische Regierung und deren Institutionen, aber auch den Mossad und andere Geheimdienste, für den Anschlag verantwortlich. Zum Jahrestag des Anschlags mobilisiert dieser verblendete Klüngel nach Karlsruhe. Dort will man, am 10. September 2011, einen Aufmarsch durchführen.

Organisiert wird dieser Aufmarsch von einem „Stammtisch“ der Verschwörungsfans aus Karlsruhe. Verschiedene Blogs und Internetseiten, die die Szene der „Truther“ organisieren wollen, haben derartige „Stammtische“ geschaffen. Dort kommt der harte Kern der Verschwörungsfans zusammen. Auf diese Art und Weise ist ein reges Netzwerk um verschiedene Internetseiten entstanden, die der Szene als Informationsquellen dienen.

Der „Stammtisch“ aus Karlsruhe ist um die Internetseite „The Real Stories“ organisiert, empfiehlt allerdings auch die Verschwörungskonkurrenz von der strukturell antisemitischen und nationalistischen Internetseite „Alles Schall und Rauch“. Einmal im Monat kommen die Mitglieder des Stammtischs im „Restaurant Walhalla“ in Karlsruhe zusammen, um sich „über aktuelle Themen auszutauschen und um Leute aus der Bewegung persönlich kennen zu lernen“.

Auf der Internetseite von „The Real Stories“ finden sich die üblichen Verschwörungstheorien: So zum Beispiel Interviews des nationalistischen Verschwörungsideologen Alex Jones, der die Behauptung aufstellt, dass die deutschen Nationalsozialisten durch den englischen Geheimdienst gesteuert werden würden. Außerdem finden sich Texte und Videos des „Chemtrail“-Theoretikers Werner Altnickel, der in seinem antisemitischen Wahn unter anderem von geheimen israelischen Strahlen- und Erdbebenwaffen halluziniert. Des Weiteren werden die Videos der „Anti-Zensur-Koalition“ des Sektengurus Ivo Sasek empfohlen. „Wer mir jetzt nicht gehorcht, gehorcht dem Herrn nicht“, warnt Sasek seine Anhänger_innen.

„The Real Stories“ propagiert aber auch die Theorien des Verschwörungsideologen Oliver Janich, der eine „Partei der Vernunft“ (PdV) geschaffen hat. Diese neo-liberale Organisation – um den ehemaligen „Focus Money“-Autoren Janich, der immer wieder mit dem „Linksnationalisten“ Jürgen Elsässer klüngelt – ist eines der obskursten Projekte innerhalb der Verschwörungs-Szene: Auf der einen Seite mit streng neo-liberalen Programm, auf der anderen Seite mit streng verschwörungstheoretischen Ideen ausgestattet, ist der Parteivorsitzender Oliver Janich angetreten, die Parteienlandschaft aufzurollen. Der Erfolg bleibt gering, doch über die verschwörungstheoretischen Inhalte gelingt es Janich, innerhalb der Szene der „Truther“ und „Infokrieger“, einen gewissen inhaltlichen Einfluss zu erlangen.

Oliver Janich wird wohl auch daher als Redner für den Aufmarsch der Verschwörungsfans in Karlsruhe angekündigt. Für die musikalische Untermahlung dieses Verschwörungstreffens sind die üblichen Verdächtigen zuständig. Die Band „Die Bandbreite“, die zuletzt unter anderem auf dem UZ-Pressefest der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) auftrat, sowie der Verschwörungsrapper „Kilez More“, der unter anderem während eines Vortrags des antisemitischen Echsen-Ideologen David Icke für die musikalische Untermalung sorgte, werden zum Stelldichein der Verschwörungsfans angekündigt. „Die Bandbreite“ hat sogar einen eigenen Trailer erstellt:

Wenn ihr euch selber nicht erklären könnt, wie drei Stahlhochhäuser in Fallgeschwindigkeit kollabieren können. (…) Wenn ihr genau diese Fragen habt, kommt auf die Demo.

Deren anti-amerikanische Ausrichtung ist offensichtlich. Schließlich soll mit Plakaten und Transparenten Stimmung gemacht werden. Das beinhaltet auch im Jahr 2011 Losungen wie „George Bush ist der größte Terrorist“ (!), „US-Terror weltweit“ oder „3.000 Opfer für Öl, oder was“.

Diese Manifestation der Verschwörungsfans wird vom esoterischen Kopp Verlag beworben. Der Aufruf zum Aufmarsch findet sich auf der Internetseite des Verlags. Doch damit nicht genug. In den fürs Internet produzierten „Kopp-Nachrichten“ vom 11.07.2011 berichtet die ehemalige Tagesschau Sprecherin Eva Herman mit einiger Begeisterung von der Demonstration, für die sie „Die Bandbreite“ verantwortlich macht.

Am 10. September 2011 wollen die Verschwörungsfans aufmarschieren, um die historischen Ereignisse des 11. September 2001 umzudeuten. Die Veranstaltung beginnt um 14 Uhr auf dem Friedrichsplatz in Karlsruhe.