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Verschwörungswerbung auf SAT 1

Der zehnte Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001 wird in verschiedenen Fernsehsendungen aufgegriffen, in denen die Verklärung dieser Anschläge beleuchtet wird. Das gelingt oftmals eher schlecht als recht.

So geriet ein Bericht in der ARD-Sendung „Titel, Thesen, Temperamente“ zur unverhohlenen Werbung für den Verschwörungsideologen Mathias Bröckers, der mehrere Bücher zum Thema verfasst hat. Sein neuestes Buch „11.9. – zehn Jahre danach: Der Einsturz eines Lügengebäudes“ wurde am 10. Juli 2011 in der ARD-Sendung vorgestellt. Bröckers wurde als „streitbaren Publizist aus Deutschland“beschrieben. Hier gab es keine Auseinandersetzung über einen unsäglichen Verschwörungstheoretiker, der mit falschen Thesen Geld verdient, sondern eine Sendung, in der sich Bröckers als Tabubrecher darstellen konnte, der „unangenehme Fragen“ stellen würde.

Schlimmer war allerdings ein Beitrag in der Sat 1 Sendung „Kerner“, der am 01. September 2011 zu sehen war. Hier sollte die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Verschwörungstheorien zum 11. September 2001 beantwortet werden, „Was ist dran an den Verschwörungstheorien vom 11. September“, hieß es in der Ankündigung. Der Beitrag beantwortete diese Frage, in dem er unverhohlene Werbung für die Ideen der Verschwörungsideologen betrieb.

Diese behaupten, dass die Anschläge vom 11. September 2001 unter falscher Flagge durcheführt wurden. Statt der Terroristen von Al-Qaida werden die amerikanische Regierung oder der israelische Geheimdienst Mosssad für die Taten verantwortlich gemacht. Deswegen stellen sie viele Fragen, die sie in ihrem Sinne beantworten. In der Sat 1 Sendung „Kerner“ hatten sie alle Zeit der Welt, um Fragen zu stellen und Antworten zu geben.

In dem Beitrag kommt unter anderem Frank Höfer zu Wort, der mit seiner NuoViso-Filmproduktion den deutschen Markt mit verschwörungstheoretischen Erzeugnissen versorgt. Mit seinem Film „Unter falscher Flagge“ stellt er die Behauptung auf, dass die Anschläge vom 11. September 2001 in Wirklichkeit von der amerikanischen Regierung, unter falscher Flagge, durchgeführt worden wären. Er hat allerdings auch schon Filme über Kornkreise produziert: „Die neue Feldordnung“ heißt eines seiner weiteren Machwerke, in denen er Kornkreise untersucht, die – so suggeriert es die Pseudo-Dokumentation – von Aliens geschaffen werden.

Höfer trat auf einer Veranstaltung des Sektengurus Ivo Sasek auf, der mit seiner Anti-Zensur-Koalition eine Plattform für verschiedene esoterische, verschwörungstheoretische und antisemitische Propagandisten geschaffen hat. Neben der Leugnung der historischen Ereignisse vom 11. September 2001 traten dort auch Apologeten der „Neuen Germanischen Medizin“, Holocaustleugner und Chemtrail-Aktivisten auf.

Diese Umstände, die geeignet gewesen wären, den Verschwörungstheoretiker genauer einzuordnen, wurden im Sat 1 Beitrag allerdings nicht erwähnt. Sein Interview wurde mit Filmausschnitten aus seiner Dokumentation unterlegt. Der Filmemacher durfte in langen O-Tönen Werbung betreiben:„Frank Höfer sucht nach Antworten“, hieß es dort. Er durfte darüber berichten, dass der amerikanische Präsident am 11. September 2001 nicht kreischend aus einer Schulklasse rannte, als er vom Einschlag des ersten Flugzeugs erfuhr, was für Leute wie Höfer ein Beweis ist, dass der Präsident ein „Vorwissen“ über den Ablauf der Anschläge besessen hätte.

Außer Frank Höfer kam auch Niels Holger Harrit zu Wort, dessen Nanothermit-Theorie für viele Verschwörungsfans der endgültige Beweis ist, dass das World-Trade-Center in die Luft gesprengt wurde. Harrit hat ominöse Proben untersucht, deren Herkunft nicht eindeutig geklärt ist. In diesen Proben möchte Harrit Nanothermit-Partikel entdeckt haben, was für ihn und seinesgleichen der Beweis dafür ist, dass Rückstände eines Sprengstoffes gefunden worden wären.

Harrit vertritt seine Thesen unter anderem in Interviews mit dem nationalistischen Radiomoderatoren Alex Jones oder auf Vorträgen für das strukturell antisemitische Weblog „Alles Schall und Rauch“. Seine Thesen werden von Wissenschaftlern in Frage gestellt. Hier geht es nicht nur um die Herkunft der verwendeten Proben, sondern auch um die Tatsache, dass der Schutzanstrich und die Rostschutzfarbe des World-Trade-Centers die gleichen chemischen Elemente wie die Analyse aufweisen. Doch diese Fakten kamen im Sat 1 Beitrag nicht vor. Statt dessen wurde Harrit als „Wissenschaftler und Professor“vorgestellt. Eine kritische Einordnung dieser Person unterblieb vollkommen.

Nach Niels Holger Harrits Auftritt durfte Mathias Bröckers Werbung für sein neuestes Buch betreiben. Er wurde tatsächlich als „Historiker“ vorgestellt. Wer nicht zu Wort kam, war irgendeine Person, die sich kritisch mit den Verschwörungstheorien und ihren Propagandisten auseinandersetzte.

Die Sendung geriet zur unverhohlenen Werbung für die Verschwörungstheoretiker und ihre Produkte. Sie zeigt deutlich auf, wie salonfähig derartige Theorien in Deutschland sind. Diese werden keiner kritischen Prüfung unterzogen, sondern zur besten Sendezeit beworben.

Kein Wunder, dass die Freude über die Sendung bei verschiedenen Verschwörungsfans überwiegt. Der Beitrag stellt „einen der besten dar, der in ganzen 10 Jahren (…) publiziert wurde“, heißt es auf einer Website der Verschwörungsszene. „Kerner“ bringt 9/11-Wahrheit“, auf einer anderen Seite. Dem „deutschen Schweigekartell“ sei damit ein „schwerer Schlag versetzt“ worden.

Mittlerweile ist die Sendung auf vielen Internetseiten der verschwörungstheoretischen Szene zu finden. Frank Höfer hat sie ebenfalls ins Internet gestellt, um seine NuoViso-Filmproduktion zu bewerben. Sat1 und „Kerner“ haben nicht nur ihm einen großen Gefallen getan

Totenkult im TV

Das große Interesse an esoterischen Themen bedienen verschiedene Menschen. Sie behaupten, dass sie in Kontakt zu „geistigen Welten“ stehen, für die es in der Realität nicht die geringste Spur eines wissenschaftlichen Beweises gibt. Für einiges Aufsehen sorgte die RTL-Sendung „Das Medium“, in der das selbsternannte „Medium“ Kim-Anne Jannes unter anderem einen angeblichen Kontakt mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Uwe Barschel suchte.

Barschel, der 1987 in einer Badewanne den Freitod gewählt hatte, wurde sogar ermordet, behauptete das selbsternannte „Medium“. Dort wurde mit plumper Schauspielkunst eine esoterische Wahnidee reproduziert und mit dieser Masche auf Zuschauer_innenfang gegangen. Die Sendung sollte gar „die Antwort auf die alles entscheidende Frage“ geben:

Die Befürchtung der 66-jährigen Witwe wird nun endlich bestätigt: Nein, es war kein Selbstmord!

Kim-Anne Jannes, die es mit ihrer angeblichen Fähigkeit, mit dem „Reich der Toten“ zu kommunizieren, nicht nur auf RTL bis ins Abendprogramm geschafft hat, ist heute eine der bekannteren esoterischen Gestalten im deutschsprachigen Raum. Nicht ganz so bekannt ist der gelernte Schauspieler Pascal Voggenhuber, der sich ebenfalls als „Medium“ bezeichnet.

Voggenhuber behauptet, dass er ein „Hellsichtiger“ sei, den „außergewöhnliche Begabungen“ befähigen würden, in „direktem Kontakt“ mit einer angeblichen „geistigen Welt“ zu treten. Wie Kim Anne-Jannes steht er den verzweifelten Menschen zur Verfügung, die nach jedem Strohhalm greifen, der ihnen präsentiert wird. Schließlich kann gerade nach einem menschlichen Verlust die Versuchung entstehen, mit Hilfe eines geistigen Supermans, mit dem Verstorbenen in einen angeblichen Kontakt zu treten.

Der Ort, in dem Menschen auf die „Medien“ aufmerksam werden, ist neben dem Internet eben auch das Fernsehen. Pascal Voggenhuber war unter anderem bei Johannes B. Kerner („Der mit den Toten spricht“), in der Sendung „Reporter“ („Der mit den Toten spricht – Aus dem Leben des Mediums Pascal Voggenhuber“) und in einem „Talk Täglich Special“ des Senders „TeleZüri“ zu sehen. Neben solchen TV-Auftritten, die gute Werbemaßnahmen darstellen, publiziert Voggenhuber bei „Ansata“, einem esoterischen Seitenprojekt des Verlags „Random House“. Dieser Verlag gehört wiederum zum „Bertelsmann Konzern“, dem ebenfalls Teile der RTL-Gruppe gehören.

Auf RTL war – wie erwähnt – das andere „Medium“, Kim Anne-Jannes, zu sehen, die wie ihr Kollege Pascal Voggenhuber eine plumpe Scharlatanerie betreibt. Voggenhuber steht allerdings auch dem rechten „Kopp-Verlag“ zur Verfügung. Dort wurde er von den Anti-Feministin Eva Herman interviewt. Auch dort geht es um den Tod Barschels, der – laut Voggenhuber – aus einem angeblichen „Jenseits“ den Kontakt mit der Witwe suche: „Mit Lichtzeichen habe er stets versucht, auf sich aufmerksam zu machen“, heißt es in der Verlags-Ankündigung.

Esoterische Ideen finden sich eben nicht nur im Programm der Bertelsmann-Gruppe, sondern in vielen Verlagsprogrammen, bei kleineren Verlagen, die einen wachsenden Markt bedienen. Auch dort können sich Menschen die Bücher und DVDs besorgen, die von selbsternannten „Hellsichtigen“ publiziert werden. In einem Land, in dem „demokratische Sozialisten“ zu gemeingefährlichen Kommunist_innen gemacht werden, gehören esoterische Wahn-Ideen zum guten Ton: Hier spricht man mit den Toten.

Konkurrenzkampf

Die Spiele der deutschen Fußballnationalmannschaft produzieren einen merkwürdigen Trubel, der mit noch merkwürdigeren Ritualen einhergeht. Eines der Rituale besteht darin, in einem farblich geordneten schwarz-rot-gold gekleidet, gleichfarbige Fahnen zu schwenken und sich durch lautstarke Sprechchöre bemerkbar zu machen. Einheitskleidung ist das deutsche Trikot, national die kollektive Psychose.

Die Einheitsmeinung kommt derweil von der „Bild“–“Zeitung“, die eine „Party“, bei der die beschriebenen Rituale praktiziert wurden, als „Mega-Sause“ verklärte. Diese „Mega-Sause“ konnte man am vergangenen Mittwoch im Fernsehen bewundern. Dort moderierte Johannes B. Kerner die Sat.1 Sendung „Deutschland gegen Türkei- Das Duell“.

Mit vielen B, C, D und E Promis nahm der routinierte Moderator das anstehende Länderspiel zwischen Deutschland und der Türkei mit kleinen Partyspielchen à la „Schlag den Raab“ vorweg. Hier standen sich zehn deutsche Promis und zehn deutsche Promis, deren Eltern oder Großeltern vielfach irgendwann als Gastarbeiter_innen nach Deutschland kamen, gegenüber. Die Promis sollten den „Kampf“ zwischen „zwei großen Nationen“ ausfechten, versprach der Sender in seiner Vorabwerbung.

Das versprach zwar keine Fernsehunterhaltung, aber zumindest einen Einblick in die dunklen Abgründe der deutschen Fernsehkultur. Der Sender Sat 1 wollte mit diesem Format zeigen, dass man bei aller Konkurrenz doch gemeinsam feiern könne, doch im Trailer war mehr vom „wir“ und dem „Kampf“, der zu führen sei, die Rede.

Boris Becker, Axel Schulz, Jürgen Vogel und – leider, leider – Christoph Maria Herbst („Stromberg“) waren nur einige Mitglieder der deutschen Nationalmannschaft; einem Gruselkabinett, das noch mehr verschreckte, als die die gegnerische Mannschaft. Die bestand unter anderem aus dem Sat 1 Komiker Kaya Yanar, Erdogan Atalay („Alarm für Cobra 11″) sowie Eko Fresh, der eigentlich Deutsch-Rap produziert.

Nationales Fieber in schwarz-rot-gold und in rot-weiß, dazwischen Johannes B. Kerner, der sich verzweifelt Gehör verschaffen wollte, um die Partyspielchen anzusagen. Da gab es eine Tisch-Tennis-Version oder das neu erfundene Spiel „Autoscooter-Basketball“, allesamt moderiert vom „Sport“-„Moderator“ Frank – „Bushy“ – Buschmann, der auch „Schlag den Raab“ kommentiert. Die Sendung war ansonsten nicht viel mehr als eine „Schlag den Raab“ Kopie; vermischt mit Nationalfahnen und Gesängen, nebst angestrengter Feierlaune, nationalen Parolen und diese nervigen Farben, die man nicht nur zur WM-Zeiten ertragen muss, sondern auch zur besten Sendezeit auf Sat 1.