Schlagwörter: Kilez More

Camp der Verschwörungsfans

Zum dritten Mal mobilisieren verschiedene Verschwörungsideologen in die deutsche Provinz. Am 17. August 2012 werden sie für das Wochenende nach Völpke reisen. Es handelt sich um eine beschauliche Gemeinde in Sachsen-Anhalt, dort kommen die Verschwörungsfans seit mittlerweile drei Jahren zusammen, um an einem „völlig entspannten Gedankenaustausch” teilzunehmen.

Das Szenetreffen der Verschwörungsfans dient der internen Stabilisierung und Vernetzung. Die selbsternannten „Truther” und „Infokrieger” zelten, schießen mit Pfeil und Bogen und musizieren am Lagerfeuer. Außerdem konsumieren sie Verschwörungsideologie, „Spanferkel (…), Lamm, Putenschnitzel sowie Würstchen in etlichen Ausführungen”. Vegetarier dürfen sich ebenfalls an Verschwörungsmythen aber auch am Saltbuffet erfreuen, der Veranstalter verspricht, dass auch sie „auf Ihre Kosten kommen”. Das Zeltlager der Verschwörungsfans wurde auf den Namen „Truthcamp” getauft,

In den vergangenen Jahren wurde das Camp vor allem durch Jens Blecker organisiert, der auf den Spitznamen „Cheffe” hört. Er betreibt die Internetseite „IK-News”, mit der er zahlreiche Verschwörungsmythen kolportiert. Fast harmlos erscheint eine Umdeutung einer Kennedy-Rede, die in Verschwörungskreisen erstaunlich beliebt ist, obwohl es sich um eine offensichtliche Umdeutung handelt.

Auf „IK-News” wird aber auch, in einem anti-amerikanischen Jargon, vor der angeblichen „amerikanischen Hegemonialkrankheit” gewarnt. Als Urheber macht man eine „kleine Hochfinanzkaste” aus. Es seien die „beiden Familienclans Rothschild und Rockefeller”, die „noch über die Erde” verfügen würden. Diese werden als „Brut” bezeichnet, die USA sei die „Brutstätte dieser negativen Kräfte”. Mit diesen antisemitischen Konstruktionen begeistert die Internetseite „Truther” und „Infokrieger”, die ebenfalls diesem Wahn erlegen sind.

Die Causa Günter Grass erfüllte den Unmut der „Infokrieger” von „IK-News”. In der Pseudo-Kritik vieler Medien, die die Form, aber nicht den Inhalt des neuesten Pamphlet des greisen SS-Veterans kritisierten, wollten Blecker gar eine „Hetzkampagne” erkannt haben. Als einen Urheber machte „Cheffe” Henryk M. Broder und den Zentralrat der Juden aus. Der Autor würde „sein Gift (…) verspritzen”, gemeinsam würde man eine „gesellschaftlich vernichtende Keule” schwingen. Die Deutschen seien „mit der Schuld unserer Vor-Vorfahren überladen” worden.

Es sind Inhalte, die in dieser Form auch auf zahlreichen nationalsozialistischen Internetseiten zu finden sind. Der Betreiber der Internetseite „IK-News” verharmlost allerdings auch die industrielle Vernichtung der Jüdinnen und Juden. Schließlich behauptet er, dass „sich etliche schwerer Verbrechen schuldig gemacht” hätten und verweist auf die „Verfolgung der Indianer”.

Kein Wunder, dass auch die Kommentatoren dieser Internetseite zahlreiche antisemitische Äußerungen hinterlassen. Einige Zeit wurde im Forum zur Internetseite die „Protokolle der Weisen von Zion” beworben, es handelt sich um eines der schlimmsten antisemitischen Pamphlete, auf das sich NSDAP-Kader und andere Antisemiten bezogen.

Jens „Cheffe” Blecker ist nicht nur für solche Inhalte, sondern auch für das „Truth-Camp” verantwortlich. Der Einzelhandelskaufmann aus dem niedersächsischen Helmstedt hat die Internetseite zum verschwörungsideologischen Stelldichein angemeldet. Er bewirbt das Zeltlager der Verschwörungsfans auf „IK-News”.

In diesem Jahr hat sich Blecker allerdings ein wenig aus den Vorbereitungen zurückgezogen. Er plant die dauerhafte Ausreise nach Kanada und hat auch so „sehr viel um die Ohren”. Daher hat er einen Großteil der Planung in diesem Jahr einem verschwörungsideologischen Kameraden überlassen.

Es handelt sich Christian B., der die Internetseite„Lotus-Online” betreibt und im niedersächsischen Landkreis Cuxhaven lebt. Auf „Lotos-Online” finden sich ganz ähnliche Inhalte wie auf den Internetseiten des Jens„Cheffe” Blecker. Dort wird verschwörungsideologisch vor Handys und W-LAN-Netzen gewarnt, durch die Gehirntumore entstehen würden.

Ansonsten selektiert Christian B. gerne Jüdinnen und Juden. Es gibt zum Beispiel einen Artikel über „kritische Juden”, die Israel mit Verachtung begegnen. Natürlich möchte Christian B. kein Antisemit sein, schließlich konstruiert er eine „Machtelite”, „die eben nicht ausschließlich jüdisch geprägt ist”. Diese sei „eine Bedrohung für die freie Welt”.

Selbstverständlich sind es auch hier die üblichen Verdächtigen, die von deutschen Verschwörungsideologen bevorzugt herangezogen werden. Christian B. empfiehlt zum Beispiel den antisemitischen Propaganda-Film „Endgame”, der vor „Elite-Banker-Familien wie den Rothschilds” warnt.

Christian B. und Jens Blecker sind nicht nur Brüder im Geiste, sondern auch die Organisatoren des diesjährigen „Truth-Camps”. Für etwas mehr als 30 Euro dürfen die geneigten Verschwörungsfans am Szene-Treffen teilnehmen. Dort gibt es dann nicht nur Vorträge verschiedener Verschwörungsideologen zu hören, sondern auch den Soundtrack zum Verschwörungswahn: „An den Musikacts ändert sich nichts. Es sind wieder Kilez More und Die Bandbreite eingeladen”, kündigt Christian B. im Internet-Forum zur Veranstaltung an. Während „Die Bandbreite” das Milieu mit vergleichsweise seichten Reimen versorgt und zum Beispiel die Ereignisse des 11. September 2001 umdeutet,  hat „Kilez More” mehrere Lieder im Repertoire, die den Organisatoren und Verschwörungsfans ganz besonders gut gefallen dürften.

Der Wiener inszeniert sich als „Infokrieger im Informationskrieg” und warnt vor einer angeblichen „Weltregierung”. Paranoiderweise glaubt dieser Deutschrapper, dass „sie” dafür „Internet verbieten” wollen und dass „wir” tagtäglich „vergiftet” werden. Außerdem fragt sich der reimende Verschwörungsideologe, was „die Spasten” denken, die angeblich an der „Spitze der Pyramide” stehen.

Diese Frage beantwortet sich „More” mit einem Track, den er „Seitenwechsel” genannt hat. Dort schlüpft er in die Rolle eines angeblichen „Illuminaten”, der mit seine „Logenbrüdern” die Welt beherrschen würde:„Ich bin wieder mal Stolz auf den Krieg für mein Volk”, heißt es hier. Das Video zum Lied hat „More” mit einer Foto-Aneinanderreihung unterlegt. Dort wurde unter anderem ein Bild der nationalsozialistischen Organisation „Bund für echte Demokratie” (BfeD) verwendet. Andere Bilder zeigen einen hakennasigen „Illuminaten”, das Logo das israelischen Geheimdienstes Mossad oder den Teufel. Bei derartigen Inhalten sollte die Dauereinladung des Deutschrappers nicht verwundern. Er wird mit der „Bandbreite” für die musikalische Untermahlung der verschwörungsideologischen Zusammenkunft sorgen.

Zwischen dem 17. und dem 20. August 2012 wird ein Teil der Verschwörungsszene also in Völpke zusammenkommen, um dort für das Wochenende die Zelte aufzuschlagen. Dann wird man den Tiraden der ideologischen Vordenker lauschen. Gemeinsam wird man am Lagerfeuer musizieren und das ein oder andere Schwein vertilgen. Dort darf dann sicherlich auch über „die Rothschilds” und die angebliche„Weltregierung” debattiert werden.

Partei des Verschwörungsideologen

Am 13. Mai 2012 wird in Nordrhein-Westfalen gewählt. Außer den bekannten Parteien treten auch verschiedenere kleinere Parteien an. Um Stimmen buhlt die „Familien-Partei Deutschland”, die sich im anti-feministischen Jargon gegen „Aktivisten des Gender Mainstream” ausspricht und nach eigenen Angaben weder „weder cool noch sexy” ist.Im Saarland kam das gut an. 1,7 Prozent der Wähler_innen machten ihr Kreuz bei der „Familien-Partei”, die damit sogar die FDP übertrumpfte. Am 13. Mai  erhofft sich die Partei ganz ähnliche Ergebnisse.

Davon träumt allerdings auch eine weitere Partei. Die „Partei der Vernunft”(PDV) möchte am liebsten das Erbe der FDP antreten. Dabei hofft sie auf die Stimmen von Verschwörungsaktivist_innen und neoliberalen Kleinbürger_innen. Die kleine Partei, zu deren Wahlparteitag gerade einmal 31 Mitglieder erschienen, buhlt außerdem um die Unterstützung von Europa-Hasser_innen, deutschen Pazifist_innen und Antikommunist_innen.

Die Gruppierung wurde am 30. Mai 2009 in Hambach gegründet. Die Idee stammte vom Parteigründer und Bundesvorsitzenden Oliver Janich, der zu dieser Zeit als Autor für den „Focus-Money” arbeitete. Dort schrieb er gegen den „Klimaschwindel” an und veröffentlichte ein großes Spezial, mit dem die Ideen der Verschwörungsszene beworben wurden. Hier ging es um die Umdeutung der Ereignisse des 11. Septembers 2001. In einer seiner weiteren Kolumnen drohte er auch mit der Gründung einer „Partei der Vernunft”, die er in mehreren Ausgaben des Focus-Ablegers bewarb, bis die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelte, weil er Aktien von mindestens einem Start-up-Unternehmen angepriesen und so mitgeholfen haben soll, den Kurs nach oben zu treiben.

Seit der Parteigründung ist Janich vor allem als Bundesvorsitzender aktiv. Seine Theorien bewirbt der umtriebige Parteivorsitzende unter anderem auf den Veranstaltungen der „Truther” und „Infokrieger”. Im letzten Jahr war er Teilnehmer einer Veranstaltung gegen das „Bilderberger”–Treffen in der Schweiz. Dort saß er gemeinsam mit dem Querfrontler Jürgen Elsässer auf der Bühne, um die Verschwörungsfans mit Verschwörungsmythen zu begeistern.

Janich ist ein gefragter Interview-Partner für die verschwörungsideologische Internetseite „Infokrieg.tv”. Auf dieser Internetseite werden die Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds” ebenso umgedeutet wie der mörderische Terror der al-Qaida. Der Terror wird dort zum „Inside Job” staatlicher Institutionen gemacht. Vom „Inside Job“ ist auch Janich überzeugt, deswegen mobilisierte er mit einem Online-Aufruf zu einem Aufmarsch von Anti-Amerikaner_innen, die zum zehnten Jahrestag der Anschläge des 11. September 2001 durch Karlsruhe marschierten.

Diese Positionierung des Parteivorsitzenden findet sich auch im aktuellen Parteiprogramm der „Partei der Vernunft”. Dort wird eine „unabhängige Untersuchung der Ereignisse vom 11. September“ sowie „eine Gerichtsverhandlung vor einem unabhängigen Gericht“ gefordert.  Es handelt sich um eine zentrale Forderung der „Truther“ und „Infokrieger“, die im Programm dieser Partei zu finden ist. Kein Wunder, dass sich auch einige bekanntere Verschwörungsaktivisten für die kleine Partei engagieren. Da wäre zum Beispiel „Kilez More“, der am  24. November 2011 auf einer Parteiveranstaltung in München auftrat. Dieser Verschwörungsrapper reimt, zur Freude der Partei-Mitglieder, über „Iluminaten“, die für ihr „Volk” an einer„Weltregierung“ arbeiten würden.

Im Parteiprogramm finden sich nicht nur verschwörungsideologische Forderungen. Die „Partei der Vernunft“ steht für die totale Abschaffung des verbliebenen Sozialstaats. Die Partei fordert einen „vollständig flexibilisierten Arbeitsmarkt“ und eine „Aufhebung des Kündigungsschutz“. Die Rente soll abgeschafft werden. Die Bürger_innen sollen sich „privat gegen alle Unglücke des Lebens und für das Alter abzusichern“, heißt es im Parteiprogramm.

Migrant_innen soll das Leben in Deutschland weiter erschwert werden. Diese sollen „erst nach zehn Jahren Arbeit“ die deutsche Staatsangehörigkeit erwerben können und auch erst dann durch die Sozialsysteme berücksichtigt werden. Außerdem spricht man sich gegen bestimmte Kriegseinsätze aus. Das Ziel ist offensichtlich: Auf diese Weise sollen friedensbewegte Deutsche und andere Anti-Amerikaner_innen von den Zielen der Partei überzeugt werden. Auf dem „Friedensfestival” im Jahr 2011 polemisierte der Parteivorsitzende Janich auf dem Alexanderplatz in Berlin Agegen amerikanische Kriege und „Geldverleiher”, die bereits von Jesus aus dem Tempel geworfen worden wären.

Im Parteiprogramm und in den Reden des Verschwörungsideologen Oliver Janich lassen Thesen entdecken, die an die strukturell antisemitische „Zinskritik“ eines Silvio Gesell und die „libertäre”Propaganda des Ron Paul erinnern. Im Parteiprogramm wird von der „Geldschöpfung der Geschäftsbanken aus dem Nichts“ geschrieben und vor einem „ungedeckten Papiergeldsystem“ gewarnt. Stattdessen will sich die Partei für „alternative Geldsysteme wie die Regiogelder“ einsetzen.

Dazu passt die paranoide Angst vor dem Euro. Die Partei organisierte mehrere Kundgebungen gegen den „Euro-Wahn“. In Berlin marschierten Parteimitglieder unter anderem am 14. Mai 2011 vor dem Reichstag auf. Als Redner war der verschwörungsideologische Querfrontler Jürgen Elsässer eingeladen worden, der „Linke“, „Rechte“ und„Religiöse“ zu einer großen deutschen Gemeinschaft vereinen möchte. In seiner Rede warnte Elsässer vor einer „Diktatur der Kommissare“.

Die „Partei der Vernunft“ (PDV) sieht in der Europäischen Union gar eine drohende „EUdSSR“ und macht mit derartiger antikommunistischer Paranoia eine anti-europäische Politik. Dies geschah zum Beispiel auf der 26. Mitgliederversammlung der AUNS („Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz“). Dort sprach sich das PDV-Bundesvorstandsmitglied Norbert Geng gegen die angeblich drohende „EUdSSR“ aus. Seine Brandrede wurde vom AUNS-Vorsitzenden Pirmin Schwander eifrig beklatscht. Dieser sitzt außerdem für die rechtspopulistische „Schweizer Volkspartei“ (SVP) im Nationalrat, er trat im auf einer Veranstaltung gegen die „Bilderberg-Konferenz“ auf, die unter anderem von der antisemitischen Internetseite „Alles Schall und Rauch“ organisiert wurde.

Der Landtagswahlkampf in Nordrhein-Westfalen muss allerdings ohne derartige prominente Unterstützung auskommen. Es sind die fünf Listenkandidat_innen und einige Partei-Kader, die den Wahlkampf der „Partei der Vernunft“ unterstützen, ein Wahlprogramm wurde bisher nicht veröffentlicht. Auf Listenplatz Eins tritt der Unternehmensberater Dieter Audehm an. Um sich die Stimmen der „Truther“ und „Infokrieger“ zu sichern, gab er dem Internetportal „Infokrieg.tv“ ein ausführliches Interview. Dieses Interview für die Verschwörungswebsite wird nun über die Homepage des Landesverbandes verbreitet. Ansonsten wird die Kandidatur des Dieter Audehm vor allem über soziale Netzwerke beworben, ganze 45 Personen begeistern sich dort zur Zeit für den Spitzenkandidaten.

Über die anderen Landtagskandidat_innen ist noch weniger bekannt. Der Wahlkampf wird vor allem über eine mehr als unpersönliche Facebook-Seite geführt. Außerdem wurde ein Wahlwerbespot finanziert, der die Wähler_innen mit kleinen Kindern umwirbt. Auf der Facebook-Seite findet sich eine der wenigen inhaltlichen Positionierungen.

Die Seite veröffentlichte eine Rede des Dieter Ber, der zumindest zeitweilig im Bundes– und im Landesvorstand der Partei aktiv war. Ber stellte die Behauptung auf, dass im Bundestag „Pläne geschmiedet“ würden, die ihn an die „Planwirtschaft der Kommunisten“ erinnerten und warnte im antikommunistischen Jargon vor einer „ökoszialistischen, planwirtschaftlichen Wohlfühldiktatur“. In der „Klimapolitik“ sah er „Blasphemie und Götteslästerung“, für die Klimaerwärmung machte er Vulkane verantwortlich. Ber behauptete, dass es eine „langfristige Strategie der Kommunisten“ gebe, mit denen alle anderen Parteien unterwandert werden würden, die einzige Alternative sei die „Partei der Vernunft“.

Mit anti-europäischen, verschwörungsideologischen und antikommunistischen Forderungen wird nun auf Stimmenfang gegangen. Es werden auch „Truther“ und „Infokrieger“ sein, die am 13. Mai ihr Kreuz bei der „Partei der Vernunft“ machen werden. Die Partei hofft auf einen Achtungserfolg, auf den sie aufbauen kann. Ob dieser Wunsch allerdings in Erfüllung geht, wird sich erst in wenigen Wochen zeigen.

Der Auftritt

Die Abgründe der deutschen Occupy-Bewegung sind nicht zu übersehen: Da wären zum Beispiel die Holocaust-Leugner im Occupy-Camp in Düsseldorf, der Querfront-Auftritt eines Occupy-Aktivisten in Berlin und die NS-Apologie in Frankfurt. Dort empfiehlt ein Occupy-Camper den Besucher_innen die ersten Jahre des Nationalsozialismus als Orientierungsmodell.

Der Occupy-Aktivist erklärt, dass der „frühe Nationalsozialismus schon solche Ansätze hatte, die auch interessant waren“, wenn man das einmal„geschichtlich betrachtet“. Doch in Frankfurt sind nicht nur NS-Apologeten, sondern auch Aktivist_innen aktiv, die sich auf die Verschwörungsfilme der Zeitgeist-Reihe beziehen.

Einer dieser Zeitgeist-Fans ist der Occupy-Aktivist Wolfram Siener, der vom Spiegel als „charismatische Führungsfigur“ bezeichnet wurde und nach den Märschen vom 15.10.2011 zu einem kleinen Medienstar der Bewegung avancierte. Ein weiterer Wortführer ist Frank Steg­mai­er, der bereits bei den rechtspopulistischen „Freien Wählern“ aktiv war.

Bei derartigen Aktivist_innen verwundert es überhaupt nicht, dass die Verschwörungsband „Die Bandbreite“ ein Podium geboten bekam. Die Band, um den Musikpädagogen Marcel Wojnarowicz, verpackt verschwörungsideologische Inhalte in sich nicht immer reimende Reime.

Sie besingt unter anderem die Aids-„Lüge“, den 11. September 2001 und zahlreichen anderen Verschwörungstheorien. Auf dem neuesten Album ist die Anti-Feministin Eva Herman im Intro zu hören. „Nenne mich ruhig einen Revisionist“, heißt es in einem anderen Lied. „Hahaha – antideutsche Antifa“, lacht Wojnarowicz in einem weiteren Song.

Das„Dortmunder Antifa-Bündnis“ hat einige Texte der Band untersucht. Es seien „se­xis­ti­sche, an­ti­se­mi­ti­sche und NS-​re­la­ti­vie­ren­de Song­tex­te“, urteilen die Antifaschist_innen.

Am 10.12.2011 durfte die Band trotz alledem auf einer Demonstration der Occupy-Bewegung in Frankfurt auftreten. Dort bot sie ein buntes Potpourri aus ihrem musikalischen Programm an. Der Frontmann der Band stand auf dem Lautsprecherwagen und beschallte die Demonstrant_innen, die sich als die 99 Prozent bezeichnen. Unterstützt wurde er durch den Verschwörungsrapper „Kilez More“.

Nach dem Auftritt kam es am Occupy-Camp, das von Grünen, SPD und Linkspartei subventioniert wird, zu einem freundlichen Gespräch zwischen Marcel Wojnarowizc und einigen Occupy-Aktivist_innen, darunter auch Wolfram Siener.

Der Auftritt der Verschwörungsband war, vielleicht aufgrund der schlechten Erfahrungen, die die Band in Frankfurt gemacht hat, nicht im Internet angekündigt worden. Am 09.​10.​2009 hatten etwa 100 Menschen gegen einen Auftritt der „Bandbreite“protestiert. Zu Protesten ist es diesmal nicht gekommen. Bei diesem Auftritt der Verschwörungscombo gab es stattdessen Beifall durch die Occupy-Aktivist_innen.

Aufmarsch gegen die USA

Am 10. September 2011 versammelten sich mehrere hundert Menschen in Karlsruhe, um für „die Opfer und die Wahrheit“ auf die Straße zu gehen. Es handelte sich um eine Aktion von organisierten „Truthern“ und „Infokriegern“, die die historischen Ereignisse des 11. Septembers 2001 umdeuten.

Die terroristischen Anschläge seien nicht durch fanatische Mitglieder al-Qaidas ausgeführt worden, sondern in Wirklichkeit das Werk einer Verschwörung gewesen. Diese Verschwörung wird wahlweise der amerikanischen Regierung oder gar dem israelische Geheimdienst Mossad angelastet, die für den „Inside Job“ verantwortlich gemacht werden.

Am 10. September 2011 war die Verschwörungsszene in Karlsruhe unterwegs und stellten ihre wachsende Handlungsfähigkeit unter Beweis. Zwischen vier- und fünfhundert Menschen beteiligten sich an dem Aufmarsch. Für diese Manifestation des deutschen Irrationalismus hatte die Verschwörungsszene seit Monaten mobilisiert. Es gab verschiedene Videos, mit denen Organisatoren und Teilnehmer – wie die „Die Bandbreite“ – für den Aufmarsch warben. Mobilisiert wurde über den esoterischen und verschwörungstheoretischen Kopp-Verlag. Eva Herman bewarb den Aufmarsch in den Kopp-Nachrichten.

Die Demonstration war bereits am Montag, den 24. Februar 2011 angemeldet worden. Organisiert wurde sie von einem „Stammtisch“ aus Karlsruhe, der sich an den Internetseiten „The Real Stories“ und „Alles Schall und Rauch“ orientiert. In diesem „Stammtisch“ sind deutsche Kleinbürger organisiert, die eine organisatorische Vernetzung des verschwörungstheoretischen Milieus betreiben. Auf der Demonstration in Karlsruhe kam die Verschwörungsszene zusammen, um ihre krude Version der „Wahrheit“ zu bewerben.

Auf Plakaten war von einer „kontrollierten Sprengung“ die Rede. Die Verschwörungsfans behaupten, dass die World-Trade-Center durch eine Sprengung zerstört wurden, was den „Inside Job“ darstellt, von dem die Anhänger dieser Verschwörungstheorie halluzinieren. „9/11 was an Inside Job“, hieß es auf einem Transparent. Auf Plakaten wurden 49 tote Bundeswehrsoldaten erwähnt, die „für die Lüge von den 19 Teppichmesser-Terroristen“ gestorben seien. „US-Terror weltweit“, hieß es auf einem anderen Plakat, das den Lautsprecherwagen zierte.

Hier wurde nicht den dreitausend Menschen gedacht, die am 11. September 2001 aufgrund der Angriffe durch al-Quida starben. Die Zahl der Opfer wurde dreist nach unten korrigiert. Außerdem wurden sie zu Opfern eines „US-Terrors“ gemacht, der auch die Toten in Afghanistan und dem Irak umfassen würde. Der Anchorman sagte:

Wir gedenken den 2000 Opfern in New York und den Millionen Opfern der illegalen Angriffskriege in Afghanistan und Irak.

Der Redner appellierte auch an die Gefühle der Deutschen: „Es kann nicht sein, dass gerade wir als Deutsche an zwei illegalen Angriffskriegen beteiligt“ sind, jammerte der Anchorman: „Unsere deutschen Soldaten sterben für diese Lüge“, brüllte er.

An dem Aufmarsch beteiligten sich Mitglieder der sogenannten „Anti Genozid Bewegung“, einer Vorfeldorganisation der Sekte „Organische Christus-Generation“ des Ivo Sasek. Diese sieht in der Anwendung von RFID-Transpondern die Anzeichen eines bevorstehenden Massenmordes an Christen.

Andere Teilnehmer_innen des Aufmarsches gaben einen Einblick in ihr anti-amerikanisches Weltbild:

Das war inszeniert, Amerika hat schon immer seine Krieg erlogen. (…) Die haben das Ziel die ganze Welt zu terrorisieren.

So sprach ein Teilnehmer in eine Kamera. Es geht eben nicht nur um den 11. September 2001, sondern um ein Weltbild, das in den USA alles Böse verortet und diese für alle Kriege und den weltweiten Terrorismus verantwortlich macht.

Der Aufmarsch dieser Verschwörungsfans, deren Triebkraft ein unbändiger Hass auf die Vereinigten Staaten von Amerika darstellt, wurde nicht nur vom Südwestrundfunk (SWR) gefilmt, die einen mehr als unkritischen Bericht fabrizierten. Berichte gibt es von einer „Chemtrail-Petition“-Seite, auf der die Behauptung aufgestellt wird, dass es angebliche „Chemtrails“ gäbe, die aus Flugzeugen versprüht werden, um die Menschen zu vergiften.

Auch über Karlsruhe seien „ChemTrails in kleiner Dosierung und das über den ganzen Tag hinweg versprüht“ worden, behaupten die „Chemtrail“-Ideologen. Außerdem gibt es einen Video-Bericht von „Infokrieger-News“. Der Verantwortliche dieser Internetseite, der „Infokrieger“ Jens Blecker hielt auf einer Zwischenkundgebung eine Rede. Im Nachhinein erfreut sich Blecker an dem Umstand, dass der Aufmarsch „sauber und ruhig“ ablief.

Als weiterer Redner war Christoph Hörstel eingeladen worden, der mit seiner Kleinst-Organisation „Neue Mitte“ in der Vergangenheit unter anderem Aufmärsche gegen Israel veranstaltete. In der Gründung dieses Staates sieht Hörstel einen „blutigen Akt kolonial Ungerechtigkeit“. Israel sei ein „rassistischer unterdrückerischer Staat“, gegen den die palästinensischen Organisationen ein „Recht auf Gegenwehr“ ausüben würden.

Die FAZ bezeichnet Hörstel als „umtriebigen Lobbyisten“ der Taliban in Deutschland. Außerdem betätigt sich Hörstel als Propagandist des iranischen Regimes. Der deutsche Jubelperser trat beispielsweise auf einer Veranstaltung mit dem iranischen Botschafter, dem Schlächter Ali Reza Scheikh Attar, in Hamburg auf.

Christoph Hörstels Rede in Karlsruhe richtete sich gegen die „NATO-Regierung“, einer „Verbrecherbande mit angeschlossenen Propagandaapparat“, die einen „Massenmord“ verübt hätte. Er zog eine historische Linie, bei der er allerhand historische Ereignisse benutzte, um das Bild einer riesigen US-Verschwörung zu propagieren. Dabei berief sich Hörstel auch auf „unsere Freunde von Rechts“, denen er zustimmte:

Seit 1898 wird gelogen. Da kommen unsere Freunde von Rechts, die mit den seltsamen Stiefeln und den kurzen Haaren und weisen auf 1916 hin, auf dieses Schiff namens Lusitania. Ihr Lieben! Recht habt ihr! Das war auch eine gezinkte Sauerei!

Nach dieser Werbung für die Lusitania-Verschwörungstheorie übersprang Hörstel allerdings einige Jahrzehnte, er wolle nicht „auf die ganzen Lügen“ eingehen.

Doch aus so wurde deutlich, dass Hörstel ein Jahrhundert der Verschwörungen entwirft, für das er die USA verantwortlich macht. In der Konsequenz fordert Hörstel ein Neubewertung dieses Jahrhunderts ein und betreibt damit einen Geschichtsrevisionismus, der darauf hinausläuft, sämtliche Ereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts verschwörungstheoretisch zu verklären.

Musikalisch wurde der Aufmarsch von der Band „Die Bandbreite“ und von dem Rapper „Kilez More“ begleitet. Diese traten nicht nur auf der Demonstration auf, sondern ihre Lieder erschallten in Rotation aus dem Lautsprecherwagen. Hier wurde „Was ist los in diesem Land“ gespielt. In diesem Lied der Band „Die Bandbreite“ wird gegen „verhurte Politiker“, „Dekadenz“ und „Bonzen“ angesungen. Das Video zum Lied zeigt eine Fla­sche Zy­klon B , wäh­rend der Sän­ger von einem „Völ­ker­mord“ in Af­gha­nis­tan singt. Auf diese Art und Weise wird die Ver­nich­tung der Jü­din­nen und Juden re­la­ti­viert und mit dem Vor­ge­hen der NATO auf eine Stufe ge­setzt.

Außerdem gab die Band das Lied „Selbst Gemacht“ zum Besten. Mit dem Lied zieht die Band eine verschwörungsideologische Kontinuität vom Angriff auf Pearl Harbour, bei dem die USA angeblich „eigene Leute geopfert“ hätten, bis zu den Anschlägen auf das World Trade Center. Dieser Anschlag sei ebenfalls „Selbst Gemacht“ gewesen. Die angeblichen Täter hätten „dabei an das Geld gedacht“.

Die Demonstration endete mit diesen musikalischen Beiträgen. Im Anschluss an den Aufmarsch war eine After-Show-Party im Restaurant „Walhalla“ angekündigt, in dem der organisierende „Stammtisch“ auch ansonsten zusammenkommt.

Der Aufmarsch stellte einen geistigen Abgrund dar, dem sich die deutsche Verschwörungsszene ergeben hat. Hier kamen Verschwörungsfans, Chemtrail-Ideologen und Sekten-Mitglieder zusammen, um gegen die USA zu hetzen. Hier wurde an deutsche Gefühle appelliert, hier wurden die USA zu den eigentlichen Terroristen gemacht. Hier wurde ein Jahrhundert der Verschwörungen propagiert, mit dem auch Kriege wie der zweite Weltkrieg umgedeutet werden können.

Es ist eine revisionistische und deutsche Anklage gegen die USA, die von den Verschwörungsfans formuliert wird. Der Aufmarsch dieser deutschen Verschwörungsfans soll im nächsten Jahr erneut stattfinden. Dann dürften wiederum hunderte Verschwörungsfans zusammenkommen, um gemeinsam gegen die USA zu marschieren.

Aufmarsch der Verschwörungsfans

Am 11. September 2011 jährt sich der zehnte Jahrestag der mörderischen Anschläge auf das World Trade Center in New York, dem mehr als 2000 Menschen zum Opfer fielen. Jahr für Jahr nutzt die Bewegung der „Truther“, „Infokrieger“ und „Wahrheitsbewegten“ dieses Datum, um ihre Theorien in der Öffentlichkeit zu verbreiten.

„Truther“ und „Infokrieger“ glauben tatsächlich, dass der Anschlag nicht durch fanatische antiamerikanische und antisemitische Islamisten begangen wurde. Sie machen vor allem die amerikanische Regierung und deren Institutionen, aber auch den Mossad und andere Geheimdienste, für den Anschlag verantwortlich. Zum Jahrestag des Anschlags mobilisiert dieser verblendete Klüngel nach Karlsruhe. Dort will man, am 10. September 2011, einen Aufmarsch durchführen.

Organisiert wird dieser Aufmarsch von einem „Stammtisch“ der Verschwörungsfans aus Karlsruhe. Verschiedene Blogs und Internetseiten, die die Szene der „Truther“ organisieren wollen, haben derartige „Stammtische“ geschaffen. Dort kommt der harte Kern der Verschwörungsfans zusammen. Auf diese Art und Weise ist ein reges Netzwerk um verschiedene Internetseiten entstanden, die der Szene als Informationsquellen dienen.

Der „Stammtisch“ aus Karlsruhe ist um die Internetseite „The Real Stories“ organisiert, empfiehlt allerdings auch die Verschwörungskonkurrenz von der strukturell antisemitischen und nationalistischen Internetseite „Alles Schall und Rauch“. Einmal im Monat kommen die Mitglieder des Stammtischs im „Restaurant Walhalla“ in Karlsruhe zusammen, um sich „über aktuelle Themen auszutauschen und um Leute aus der Bewegung persönlich kennen zu lernen“.

Auf der Internetseite von „The Real Stories“ finden sich die üblichen Verschwörungstheorien: So zum Beispiel Interviews des nationalistischen Verschwörungsideologen Alex Jones, der die Behauptung aufstellt, dass die deutschen Nationalsozialisten durch den englischen Geheimdienst gesteuert werden würden. Außerdem finden sich Texte und Videos des „Chemtrail“-Theoretikers Werner Altnickel, der in seinem antisemitischen Wahn unter anderem von geheimen israelischen Strahlen- und Erdbebenwaffen halluziniert. Des Weiteren werden die Videos der „Anti-Zensur-Koalition“ des Sektengurus Ivo Sasek empfohlen. „Wer mir jetzt nicht gehorcht, gehorcht dem Herrn nicht“, warnt Sasek seine Anhänger_innen.

„The Real Stories“ propagiert aber auch die Theorien des Verschwörungsideologen Oliver Janich, der eine „Partei der Vernunft“ (PdV) geschaffen hat. Diese neo-liberale Organisation – um den ehemaligen „Focus Money“-Autoren Janich, der immer wieder mit dem „Linksnationalisten“ Jürgen Elsässer klüngelt – ist eines der obskursten Projekte innerhalb der Verschwörungs-Szene: Auf der einen Seite mit streng neo-liberalen Programm, auf der anderen Seite mit streng verschwörungstheoretischen Ideen ausgestattet, ist der Parteivorsitzender Oliver Janich angetreten, die Parteienlandschaft aufzurollen. Der Erfolg bleibt gering, doch über die verschwörungstheoretischen Inhalte gelingt es Janich, innerhalb der Szene der „Truther“ und „Infokrieger“, einen gewissen inhaltlichen Einfluss zu erlangen.

Oliver Janich wird wohl auch daher als Redner für den Aufmarsch der Verschwörungsfans in Karlsruhe angekündigt. Für die musikalische Untermahlung dieses Verschwörungstreffens sind die üblichen Verdächtigen zuständig. Die Band „Die Bandbreite“, die zuletzt unter anderem auf dem UZ-Pressefest der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) auftrat, sowie der Verschwörungsrapper „Kilez More“, der unter anderem während eines Vortrags des antisemitischen Echsen-Ideologen David Icke für die musikalische Untermalung sorgte, werden zum Stelldichein der Verschwörungsfans angekündigt. „Die Bandbreite“ hat sogar einen eigenen Trailer erstellt:

Wenn ihr euch selber nicht erklären könnt, wie drei Stahlhochhäuser in Fallgeschwindigkeit kollabieren können. (…) Wenn ihr genau diese Fragen habt, kommt auf die Demo.

Deren anti-amerikanische Ausrichtung ist offensichtlich. Schließlich soll mit Plakaten und Transparenten Stimmung gemacht werden. Das beinhaltet auch im Jahr 2011 Losungen wie „George Bush ist der größte Terrorist“ (!), „US-Terror weltweit“ oder „3.000 Opfer für Öl, oder was“.

Diese Manifestation der Verschwörungsfans wird vom esoterischen Kopp Verlag beworben. Der Aufruf zum Aufmarsch findet sich auf der Internetseite des Verlags. Doch damit nicht genug. In den fürs Internet produzierten „Kopp-Nachrichten“ vom 11.07.2011 berichtet die ehemalige Tagesschau Sprecherin Eva Herman mit einiger Begeisterung von der Demonstration, für die sie „Die Bandbreite“ verantwortlich macht.

Am 10. September 2011 wollen die Verschwörungsfans aufmarschieren, um die historischen Ereignisse des 11. September 2001 umzudeuten. Die Veranstaltung beginnt um 14 Uhr auf dem Friedrichsplatz in Karlsruhe.

Der klandestine Kongress der Verschwörungsfans

Der Kongress des Jens Blecker, der am 02.04.2011 in Hannover stattfinden sollte, ist vorübergegangen. Das Treffen, das Blecker auf den Namen „Kongress der unabhängigen Medien“ getauft hat, ist ein mittlerweile jährliches Treffen der „Infokrieger“-Szene. Blecker ist Betreiber der verschwörungsideologischen Internetseite„Infokrieger-News“ und spricht mit seinen Treffen die Szene an, die sich auf seiner Internetseite ihre tägliche Dosis Verschwörungstheorie abholt.

Auf dem Kongress des „Infokriegers“ Blecker treffen sich Verschwörungsfans, um den Referaten ihrer geistigen Vordenker zu lauschen. Vor allem besteht mit dem Kongress die Möglichkeit, einen Austausch und eine Vernetzung zu betreiben. Das war auch am 02.04.2011 in Hannover nicht anders.

Im Vorfeld hatte Jens Blecker, der als Organisator des Verschwörungstreffens aufgetreten war, den Autoren dieser Zeilen zunächst mit einer Einladung, dann jedoch mit einer Anzeige gedroht, nachdem in diesem Blog auf einige Ideen des „Infokriegers“, sowie die politischen Thesen von einigen Referenten und Bands hingewiesen worden war. Jens Blecker, der von seinen Fans „Cheffe“ genannt wird, schrieb:

„Du wirst nun die Rechnung bekommen für diesen Rufmord, ich denke dort werden auch einige der Referenten sich beteiligen.“

Außerdem wurde auf das „Forum des Infokriegers“ aufmerksam gemacht, in dem die gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“ und andere antisemitische Texte beworben wurden, was zum Löschen des Forums und zu erregten Kommentaren auf der Seite „Infokrieger-News“führte.

Nach diesen – auf das Internet beschränkten – Ereignissen meldete sich die „Antifaschistische Aktion Hannover“, die „Antifaschistische Gruppe Braunschweig“ sowie die kommunistische Gruppe „Fast Forward“ mit einem Aufruf zu Wort, mit dem sie dem verschwörungsideologischen Event eine eindeutige Absage erteilten.

Auf eine Bekanntgabe des Veranstaltungsortes wurde verzichtet, obwohl auf der Seite bis heute angekündigt wird, dass dieser „in Kürze bekannt gegeben“ wird. Diejenigen, die sich angeblich der Wahrheit verschrieben haben, verzichteten auf die Bekanntgabe des Veranstaltungsortes und verhielten sich genau so, wie sie es der angeblichen „Elite“ gerne vorwerfen – man tagte insgeheim und unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Das ging sogar soweit, dass einem Verschwörungsfan, der den Eintritt von 20 Euro bezahlt hatte, der Ort des Treffens verschwiegen wurde, woraufhin dieser sich in den Kommentaren auf „Infokrieger-News“ beschwerte. Am Abend, während des Auftritts des Verschwörungsrappers „Killez More“ , bemerkte „Cheffe“, dass kein Mensch sein klandestines Geheim-Treffen stören würde. Daher gab er den Kongressort im Internet bekannt.

Vorher hatten etwa einhundert Verschwörungsfans, die aus der gesamten Bundesrepublik angereist waren, im Ramada-Hotel in Hannover den Vorträgen der Referenten gelauscht. Ein Bericht im nationalistischen „Ron Paul Revolution“-Blog spricht gar von 215 Teilnehmer_innen.

Einer der Referenten war Andreas Popp, der zu Beginn seines Vortrags davon berichtete, dass er sich „oft geirrt“ habe. Nun wolle er aus seinem jetzigen „Weltbild“ berichten. Popp distanzierte sich vom „Reichsgedanken“, um regionalistische Modelle für „Friesen und Bayern“ zu propagieren. Dem Jargon der „Reichsbürger“ ist Popp allerdings treu geblieben: Große Teile seines Vortrags widmete er der „BRD GmbH“. Dies ist eine Chiffre, mit der rechte „Reichsbürger“, die an die Fortexistenz des „Deutschen Reiches“ glauben, auf Menschenfang gehen.

Ansonsten erläuterte Popp sein Verständnis von Demokratie, die eher an eine autokratische Elitenherrschaft erinnerte. Er sagte unter anderem:

Führer können auch was sinnvolles sein.

Außerdem warnte Popp vor „Völkerwucherungen“ und forderte tatsächlich eine Art Wahl-Führerschein für den nicht anwensenden Teil der Bevölkerung, der er die geistigen Fähigkeit, einen Stimmzettel auszufüllen, absprach. Seinen Vortrag reicherte er des Weiteren mit schalen Witzchen über„eine Westerwelle“ an.

Als weiterer Referent sollte eigentlich F. W. Engdahl auftreten. Der ist ein wichtiger Propagandist der Peak-Oil-Theorie, die davon ausgeht, dass Erdöl „nicht aus prähistorischen Überresten von Algen und Zooplankton stamme, sondern konstant unterirdisch unter ungeklärten Umständen entstehe“. Allerdings war Engdahl wegen einer Krankheit verhindert. Er wurde aus dem Krankenbett zugeschaltet, was nach einigen technischen Problemen gelang.

Vom Krankenbett sonderte Engdahl, der für den rechten, esoterischen und verschwörungsideologischen „Kopp“-Verlag tätig ist, urige Behauptungen über Revolutionen und soziale Revolten ab. Für Engdahl sind diese nämlich durch Geheimdienste gesteuert und ins Leben gerufen worden. Engdahl benannte die russische Revolution (1917) und die „Studentenrevolte“ (1968) als solche Ereignisse, um auf heutige Geschehnisse in Libyen, Ägypten und anderen Ländern zu sprechen zu kommen. Auch hier machte der „Kopp“-Autor die angeblichen Machenschaften der westlichen Geheimdienste als Verursacher der Revolten aus.

Nach diesen und anderen Referenten wurde zum gemütlichen Teil des Abends übergegangen. „Killez More“, der demnächst auf einer Veranstaltung des Reptilien-Verschwörungs-Ideologen David Icke auftreten wird, inszenierte sich einmal mehr als „Infokrieger, im Informationskrieg“. Ihm folgten die Verschwörungs-Pop-Schlager-Hip-Hop-Liedermacher von der Band „Die Bandbreite“, die sich als Opfer von „Hetze“ inszenierten und ein ganzes Lied zum Thema intonierten, mit dem sie sich als Opfer böser Machenschaften imaginieren, weil sie ein Lied über den 11. September geschrieben haben.

Dieses Spektakel wurde von Jo Conrad gefilmt, der als esoterischer Verschwörungsideologe einen Internetfernsehsender namens „Bewusst.tv“ betreibt. Dort darf unter anderem der selbsternannte „Reichskanzler“ Wolfgang Ebel antisemitische Verschwörungstheorien verbreiten: Angela Merkel sei Jüdin und alle Bundeskanzler würden einen israelischen Pass besitzen. Aktuell bewirbt Conrad allerdings den Auftritt von „Killez More“ und der „Bandbreite“ auf der Startseite seines Internet-TV-Senders.

Ob Jens „Cheffe“ Blecker seinen Kongress das nächste Mal wieder in der niedersächsischen Landeshauptstadt stattfinden lassen wird, wird sich zeigen. Vielleicht sucht er sich, wie im Jahr 2010, ein kleineres Provinzstädchen, weil es dort keine Kritik am Verschwörungs-Event gibt. Es bleibt abzuwarten, in welcher Form und an welchem Ort der „Kongress der unabhängigen Medien“ im nächsten Jahr stattfinden wird.

Die wundersame Welt des Verschwörungsrappers

„Kilez More“ hat gut lachen. Als Teilnehmer des „Newcomer Contest 2011″, der von der Internetseite „HipHop.de“ und der „Juice“organisiert wird, wird er unter anderem vom Deutsch-Rapper Azad gelobt, der ihn von allen teilnehmenden Deutsch-Rappern „thematisch am interessantesten“ findet, „weil er über vieles rappt“.

Am Wettbewerb nimmt „Kilez More“ mit verschiedenen Liedern teil, die interessierte Hörer_innen direkt auf der Homepage des Contests erwerben können. Dort verbreitet „Kilez More“ die Inhalte, für die er bekannt ist. Er propagiert verschiedenste Verschwörungstheorien für diejenigen, die sich für Verschwörungstheorien begeistern.

Die Titel, mit denen„Kilez More“ am Wettbewerb teilnimmt, hören auf Namen wie „TV (Totale Verblödung)“, „Geistesgestört“ oder „Infokrieger“. Mit den Titeln, unter anderem von seiner „Truth-Rap“-EP, versucht der Rapper die Ideologie der „Infokrieger“ und „Truther“ in Reime zu verpacken und den „Newcomer-Contest“ für sich zu entscheiden. Die Chancen stehen dafür nicht schlecht, da die Fans des Rappers auf den einschlägigen Internetseiten der „Infokrieger“-Szene dazu aufrufen, für den „Truth“-Rapper zu voten, um ihm einen Plattenvertrag zukommen zu lassen.

Eines seiner Lieder ist der Song „Geistesgestört“. Hier macht der Rapper eine angeblich existierende geheime Elite für die Entwicklung der Welt verantwortlich; diese angebliche Elite sei „Geistesgestört“:

Denn manche haben nicht einmal ein Korn auf dem Teller, weil ihr die Menschen härter fickt als Pornodarsteller.

So rappt der Deutsch-Rapper in diesem Song. Gegen diese angebliche geheime Elite bringt„Kilez More“ diejenigen in Stellung, für die er sich begeistert. Es ist ein unverblümter Bezug auf „das Volk“, die der Rapper immer wieder reproduziert. Dieses „Volk ist stumm, weil es die Klarheit nicht hat“, behauptet „Kilez More“, um sich als angehender Rap-Messias in Stellung zu bringen. Er verbreite„Wahrheit und Fakt“, reimt der Rapper in seinem Track.

Doch es handelt sich um die in seinen Kreisen kolportierte Märchen. So zum Beispiel die Behauptung, die damalige amerikanische Administration hätte den Angriff auf Pearl Harbour bewusst zugelassen. „Kilez More“ verbreitet auf diese Art und Weise eine Lüge, die sich bei „Truthern“ und „Infokriegern“ großer Beliebtheit erfreut:

Ihr wusstet von Pearl Habor, dass man es zerstört, aber habt nichts gemacht, verdammt ihr seid geistesgestört.

„Kilez More“ macht sich zum anti-amerikanischen Ankläger. Für die Geschehnisse des 11. September 2001 macht der Rapper daher als konsequenter Ankläger die amerikanische Regierung verantwortlich. Schließlich könne „sowas (…) kein Turban oder Bartträger“, rappt der Rapper, der es Muslimen anscheinend nicht zutraut, ein Flugzeug zu manövrieren.

Ganz reale Nazis und Rassisten werden von „Kilez Moore“ dafür konsequent ignoriert. Stattdessen bezeichnet er die bürgerlichen Regierungen als „Faschisten und Nazis“. Seine wenig überzeugendes Argument für diese These lautet tatsächlich:

Denn die CIA trainiert die Taliban in Pakistan.

Neben solchen Thesen finden sich auch Fragmente, wie sie auch von anderen Rap-„Truthern“ verbreitet werden.„Kilez More“ zieht eine Traditionslinie, bei der er verschiedene angebliche Verschwörungen aneinandergereiht. Für den Reichtagsbrand, den Golf von Tonkin Zwischenfall und den 11. September 2001 werden ominöse „Mächte“ verantwortlich gemacht, die „schon lang bereit“ seien. Diese angeblichen Eliten werden von „Kilez Moore“ benannt. Er behauptet, dass es „Orden und Logenbrüder“ seien „die den gesamten Plan gestalten“.

Seine Theorien verbreitet „Kilez More“ auch mit seinem Track „Infokrieger“. Dort inszeniert sich „Kilez More“ als „Infokrieger im Informationskrieg“, der schon „vor Jahren prophezeit“ hätte, „dass es und wie es geschieht“. Dabei sei er „nicht links“ und „nicht rechts“, behauptet der Rapper in dem Song, in dem er vor einer angeblich drohenden „faschistischen Weltregierung“ warnt. Hier bedient sich der Rapper einer Sprache, die durchmilitarisiert ist. Schließlich steht der Rapper „direkt an der Front mit den Kämpfern“und führt einen „Informationskrieg“.

Die Thesen des Rappers scheinen weder für Deutsch-Rapper wie Azad noch für die Macher_innen des Contest ein Anlass gewesen zu sein, die Theorien des „Kilez Moore“ zu kritisieren. Stattdessen bieten sie ihm erst die Bühne, damit er seine Theorien verbreiten kann. Eine Bühne, mit dem er deutlich mehr Menschen erreichen wird, als mit irgendwelchen Auftritten auf den Szene-Treffen der „Infokrieger“ und „Truther“.

Einen solchen Auftritt wird es im Übrigen am 02.04.2011 im Raum Hannover geben. Dort wird „Kilez Moore“,neben der „Bandbreite“, im Rahmen des „Kon­gress der un­ab­hän­gi­gen Me­di­en“ des Verschwörungsideologen Jens Blecker auftreten. Vielleicht wird „Kilez More“ dann der „Newcomer des Jahres“ von „HipHop.de“ und„Juice“ sein. Die Verschwörungsideologien, die von ihm propagiert werden, scheinen die Macher_innen des Contest nicht zu stören. Sie tun ihren Teil, um die Theorien des „Kilez More“aufzuwerten.