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Der Prozess

Am Montag, den 25.02.2013, stand ein Mensch vor Gericht, weil er keine Fernsehgebühren bezahlt hatte. Im britischen Horsham fand ein Prozess gegen Tony Rooke statt, bei dem es eigentlich nur Fernsehgebühren gehen sollte. Doch es ging auch um die Ereignisse 11. September 2001 und eine gigantische Fernseh-Verschwörung, an die Rooke zu glauben scheint.

In Großbritannien muss man ebenfalls Fernsehgebühren zahlen, mit denen die British Broadcasting Company (BBC) finanziert wird. Rooke hatte die Zahlung dieser Gebühren eingestellt und sich wenig später von einem Kontrolleur erwischen lassen. Gegen einen Zahlungsbefehl legte er einen Widerspruch ein. Rooke wollte das resultierende Gerichtsverfahren vor dem Magistrates Court, um sich als Ankläger aufzuspielen. Dem Angeklagten ging es darum, die BBC der Beihilfe zum Terrorismus zu beschuldigen. Dabei berief er sich auf Paragraph 15, Artikel 3, des „Terrorism Act 2000“, in dem es um die Finanzierung von terroristischen Gruppierungen geht.

Tony Rooke macht die BBC zu einer terroristischen Gruppierung, weil diese angeblich die Hintergründen des 11. September 2001 verschweigen und all diejenigen diffamieren würde, die die Wahrheit ans Licht bringen wollten. Dabei geht es auch um zwei Dokumentationen der BBC, die die Verschwörungsideologen und ihre Konstrukte kritisch beleuchten. Damit war der Sender ins Fadenkreuz der Verschwörungsgläubigen geraten.

Dem Verschwörungsgläubigen ging es vor dem Magistrates Court um seine Sache: Der Aktivist der verschwörungsideologischen Gruppe „Christians for 9/11 Truth“ glaubt, dass die britische „Mainstream-Medien“ ein Teil der gigantischen Verschwörung seien, die er für die Ereignisse des 11. September 2001 verantwortlich macht.

Auf der Internetseite seiner christlich-fundamentalistischen Sekte werden daher Martin Luther King und Jesus Christus in Stellung gebracht, um über die angeblichen Hintergründe des 11. September aufzuklären. Seinen Prozess wollte er zum Fanal machen, mit dem die angebliche Wahrheit ans Licht kommen sollte. Der Truther wurde dabei von verschiedenen Verschwörungsideologen unterstützt, die vor Gericht als Zeugen aussagen sollten.

Der dänische Verschwörungsideologe Niels Holger Harrit, der ein Begründer der so genannten und vielfach widerlegten „Nanothermit-Theorie“ ist, war nach Hersham gereist. Der britische Truther Ian Henshall, der sich gerne über den angeblichen Einfluss von „jüdischen Gruppen“ erregt und die Unterstützung durch den britischen Nationalsozialisten Martin Webster lediglich aus taktischen Gründen ablehnt, war ebenfalls anwesend, um als Zeugen aufgetreten.

Als Kameramann trat der norwegische Verschwörungsideologe Torstein Viddal auf, der bis 2010 ein Mitglied der rechtspopulistischen „Fremskrittspartiet“ (FrP) war. Viddal erregte in letzter Zeit einiges Aufsehen, als er heimlich das Abschlussstatement des Anders Behring Breivik aufnahm und über Youtube verbreitete. Er macht diesen Massenmörder zum „Zionisten“ und erfreut auf diese Weise die Antisemiten in aller Welt. Viddal propagiert dabei das Konstrukt einer zionistischen Weltverschwörung, die die Massenmedien kontrollieren würde. Diese angebliche Verschwörung sei außerdem – direkt oder indirekt — für verschiedene Anschläge verantwortlich.

Die Zeugen und der Kameramann, der sie vor dem Gerichtsgebäude befragte, glauben wie ihr Kompagnon Rooke, dass die BBC bereits vor dem 11. September 2001 über den Ablauf und die Hintergründe der Anschläge informiert war. Sie glauben an die machtvolle Verschwörung, die Politik und Presse kontrolliert und dabei über Leichen geht. Die eigentlichen Täter des 11. September 2001, jene islamofaschistischen Rackets, die damals etwa 3000 Menschen ermordeten, werden vom ihnen entlastet. Sie schreiben dafür eine ganz andere Geschichte, in denen sie selbst als Helden auftreten. Dabei inszenieren sie sich als Aufklärer und Wahrheitssuchende, die diese angebliche Wahrheit gegen alle Widerstände vor Gericht und ans Licht zerren.

Vor dem Prozess hatte man daher Texte verfasst, mit denen der Angeklagte zum Ankläger gemacht wurde. So suggerierte Michel Chossudovsky, dass die BBC „wegen Manipulation von Beweisen und einseitiger Berichterstattung im Zusammenhang mit den Anschlägen vom 11. September 2001 vor Gericht“ stehen würde. Nichts davon ist wahr.

Unterstützung gab es auch aus Deutschland. Der Text des antisemitischen Autors wurde ab dem 24.02.2013 auf der Internetseite des rechtslastigen Kopp-Verlages verbreitet. Einen Tag später griff ein Autor der nationalbolschewistischen Tageszeitung junge Welt das Thema auf. Dort wurde der Verschwörungsgläubige zum „Terrorismusverweigerer des Tages“ gemacht. Dort wurde die Hoffnung geäußert, dass die „Verantwortlichen zur Rechenschaft“ gezogen werden. Ähnliche Äußerungen waren auf zahlreichen Internetseiten des Verschwörungsmilieus zu lesen.

Vor Prozessbeginn hatte sich die Gemeinde der Verschwörungsgläubigen vor dem Gerichtsgebäude versammelt. Etwa 100 Unterstützerinnen und Unterstützer waren eingetroffen, um die angekarrten Zeugen zu hören, die über die Ereignisse des 11. September berichten sollten. Doch dazu kam es nicht. Richter Stephen Nicholls befand Rooke für schuldig. Er muss nun 200 Pfund Verfahrenskosten zahlen. Die eigens eingeflogenen Zeugen kamen nicht zu Wort.

Sicherlich ist das nicht das Ergebnis, von dem die Verschwörungsgläubigen geträumt haben. Daher tun sie nun das, was sie am besten können: Sie deuten die Ereignisse um und blenden die Fakten aus, die nicht mit ihrer Umdeutung übereinstimmen.

Im „American Freedom Radio“ berichtete Rooke und sein Kompagnon Henshall stolz darüber, wie sie den Richter überzeugt hätten. Rooke war in der Sendung des Kevin Barrett zu hören, der von der Anti Defamation-League als einer der bekanntesten Köpfe der antisemitischen Verschwörungsmythen zum 11. September 2001 bezeichnet wird. Auf den Prozess folgten zahlreiche Jubelartikel. Da wurde die Verteilung zum historischen Triumph gemacht. Die Niederlage wurde zum Sieg des Angeklagten umgedeutet.

Die größten Falschbehauptungen finden sich in einem deutschen Jubelartikel. Dort wird die Verurteilung verschwiegen und eine ganze Hauptverhandlung erfunden, von der noch nicht einmal die britischen Truther sprechen:

Rooke wurde nicht abgeurteilt. Stattdessen setzte der Richter den Termin zu einer umfassenden Hauptverhandlung an. Damit wird es jetzt allmählich eng für die BBC, denn nun werden verschiedene international anerkannte Wissenschaftler und weitere Zeugen angehört werden.

Man muss schon ein sehr spezielles Verhältnis zur Realität haben, wenn man aus einer Verurteilung einen Sieg des Angeklagten fabriziert.

Tony Rooke ist nun auf der Suche nach den nächsten Verschwörungsgläubigen, die keine Fernsehgebühren mehr zahlen. Es könnte also in naher Zukunft weitere Verurteilungen geben, die dann in einen Sieg umgedichtet werden, um die Märchen von der Fernseh-Verschwörung zu verbreiten.

Mit Armbrust und Knarre

Am Freitag, den 11. Januar 2013, wurde der amerikanische Programmierer und Autor Aaron Swartz, der an der Entwicklung von RSS-Feeds beteiligt war, tot in seiner Wohnung aufgefunden. Er hatte sich, so berichtete sein Onkel Michael Wolf, offensichtlich erhängt. Dem Mitbegründer der Seite Reddit stand ein Prozess bevor, weil er angeblich 4,8 Millionen Dokumente aus dem Archiv des Massachusetts Institute of Technology (MIT) heruntergeladen haben sollte.

Aaron Swartz setzte sich für ein freieres Internet ein und wollte anderen Nutzerinnen und Nutzern des Netzes den Zugang zu Daten ermöglichen. Er kämpfte aber auch einen anderen Kampf und berichtete von Depressionen, die dazu führten, dass er sich wertlos und düster fühlte. Aaron Swartz wurde gerade einmal 26 Jahre alt.

Am Sonntag, den 13. Januar 20013, betrieb Mike Adams Leichenfledderei. Der Freitod des Programmierers war für Adams der Anlass, um einen Text zu verfassen, der sich rasant  verbreitete und auf zahlreichen Internetseiten der Verschwörungsszene zu finden ist.

Adams machte den Suizid des Programmierers zum perfiden Mord und benannte die vermeintlichen Täter. Er munkelte in diesem Zusammenhang über „tyrannische Urheberrechts-Fanatiker, die jeden zum Verbrecher stempeln wollen, der einen Film aus dem Internet herunterlädt”.

Mike Adams nutzte den Tod, um das Konstrukt einer Hollywood-Verschwörung zu aktualisieren. Er schrieb von den „großen Filmproduzenten der USA”, die wie eine „Mafia-Organisation” agieren würden. Diese angebliche Verschwörung der Filmproduzenten macht er nun für den Tod des Aaron Swartz verantwortlich.

Mike Adams bewirbt allerdings nicht nur Verschwörungsmythen, die sich um das Ende des Aaron Swartz ranken: So deutet er die islamo-faschistischen Anschläge des 11. September 2001 zum „Inside Job” um. Außerdem raunt er über eine  „Pharma Lobby”. Diese würde mit ihren Medikamenten die Immunschwächekrankheit AIDS verbreiten. Im paranoiden Wahn fürchtet sich Adams vor Barack Obama, der für ihn gar eine „neue Art Hitler” darstellt.

Seine Vorbilder sind ganz andere Personen. Es sind antisemitische Verschwörungsideologen wie David Icke oder verschwörungsideologische Holocaust-Leugner wie Jeff Rense, die für ihn „echte Helden” sind. Zusätzlich palavert Adams von einem „Holocaust”, für den er Feministinnen verantwortlich macht. Seine wahnhafte Mythen erfreuen die Verschwörungsgläubigen in aller Welt. Die Pamphlete des Mike Adams werden auch in Deutschland verbreitet.

Am Montag, den 14. Januar 2013, veröffentlichte der rechts-esoterische Kopp-Verlag auf seinen Internetseiten eine deutsche Fassung des Adams-Textes. Nun konnten sich auch die hiesigen Verschwörungsgläubigen über die angeblichen Hintergründe des Todes von Aaron Swartz belehren lassen. Der Text über die Hollywood-Verschwörung verbreitete nun auch auf den deutschsprachigen Internetseiten der Verschwörungsszene und wurde dementsprechend kommentiert.

„Das war Mord”, empörte sich ein Verschwörungsgläubiger, der ansonsten Wahlwerbung für die NPD verbreitet, auf der Facebook-Seite des Kopp-Verlages. Ein Kompagnon assistierte und schrieb über geheimnisvolle Strahlenwaffen, mit denen eine „Manipulierung des Unterbewusstseins” betrieben werden würde. Vielleicht sind auch diese beiden Verschwörungsgläubigen dem Aufruf gefolgt, der am Ende des Adams-Textes zu finden ist. Der Verschwörungsideologe appelliert dort an seine Gefolgschaft: Diese soll sich bewaffnen. Diese Forderung findet sich auch auf den Internetseiten des Kopp-Verlages:

Ich bezweifle, dass Menschen wie Aaron Swartz viel über Selbstverteidigung wussten. Vermutlich besaß er nicht einmal eine Pistole. Aber dies ist eine Lektion, die sich alle Aktivisten zu Herzen nehmen sollten: Schaffen Sie sich eine Waffe an. Bringen Sie sich die Grundzüge der Selbstverteidigung bei. Gehen Sie mit ‘taktischerem’ Denken durch Ihre Umgebung (Städte, Straßen, Parkplätze, Wohnhäuser usw.). Achten Sie auf Ihr Umfeld.

Der Freitod des Internet-Pioniers Aaron Swartz wird also nicht nur benutzt, um ein kleines bisschen Leichenfledderei zu betreiben. Der daraus resultierende Verschwörungsmythos wird auch mit dem Aufruf verknüpft, sich zu bewaffnen. Es könnte tatsächlich Gläubige geben, die diese Aufforderung befolgen werden.

Diejenigen, die sich auf den Internetseiten des Kopp-Verlages informieren und sich daher durch die angebliche Verschwörung der Hollywood-Produzenten bedroht fühlen, weil sie gerade einen Film heruntergeladen haben, können sich in einem anderen Internetshop des Milieus mit Waffen eindecken. Dort finden sie zum Beispiel eine „leicht zu handhabende Gewehrarmbrust, die sowohl mit Pfeilen als auch mit 8 mm Stahlkugeln schiesst und über ein Magazin für 30 Kugeln verfügt”. Sie sei „kinderleicht” zu bedienen und könne daher auch von „Jugendlichen und Frauen” (!) „ohne Probleme gespannt werden”.

Das Verschwörungsmärchen über die mordenden Hollywood-Produzenten ist also nur ein weiterer Anlass, der dazu führen kann, dass sich einige Verschwörungsgläubige bewaffnen. Sie dürften sich mit Armbrust und Knarre ausstatten: So wie es sich Mike Adams auch im Kopp-Verlag erwünscht hat.

Dokumente der Bilderberger

Auf der Internetseite des berüchtigten Kopp Verlages wurden, in Zusammenarbeit mit verschwörungsideologischen Mysteries–Magazin, einige alte Dokumente über die Bilderberger-Konferenzen veröffentlicht, denen verschiedene Verschwörungsideologen eine unglaubliche Macht unterstellen.

Die Bilderberger-Konferenz findet seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts statt, dort kommen Politiker, Manager und Journalisten zu einem losen Gedankenaustausch zusammen. Dabei werden Sonntagsreden gehalten und Kontakte geknüpft. Weil die Teilnehmer oftmals über den Inhalt dieser Sonntagsreden schweigen, haben Verschwörungsideologen ein leichtes Spiel.

Sie behaupten zum Beispiel, dass auf diesen Konferenzen wichtige Entscheidungen, etwa über den nächsten Kanzlerkandidaten der SPD oder den zukünftigen Präsidenten der USA, getroffen werden würden. Einige Autoren der Verschwörungsszene gehen sogar so weit, in der Konferenz, die einmal im Jahr an wechselnden Orten stattfindet, den Kern einer zukünftigen „Weltregierung“ erkennen zu wollen.

Dies ist nichts Neues: Der rassistische, antisemitische und antikommunistische Autor Gary Allen, der 1971 das verschwörungsideologische Standartwerk „Die Insider“ veröffentlichte, schrieb damals, dass das„ultimative Ziel der Bilderberger (…) eine Weltregierung“ sei. Als Verantwortliche wurden die üblichen Verdächtigen ausgemacht.

In fast jedem Pamphlet zur Konferenz werden seitdem die typischen Chiffren verwendet: Hier ist von den Rockefellers und Rothschilds die Rede, denen Verschwörungsideologen im antiamerikanischen und antisemitischen Wahn unterstellen, dass sie – so Allen — nach „einer Welt-Superregierung“ streben würden.

Dieses verschwörungsideologische Konstrukt wird auch auf den Internetseiten des Kopp-Verlages reproduziert. So warnt etwa Webster G. Tarpley auf den Internetseiten, auf denen sich Verschwörungsgläubige außerdem über „spirituelle Vorsorge“ und die baldige Wiedereinführung der Deutschen Mark belehren lassen können, vor den „Bilderbergern“ als „Wurzel der Macht und Weltherrschaft“.

Im Verlagsprogramm sind die dazu passenden Bücher zu finden. Dort berichtet etwa Andreas von Réttyi, der ansonsten auch über angebliche Außerirdische auf Erden aufklären möchte, auf 320 Seiten von den angeblichen Machenschaften der „Bilderberger“, die für ihn „das geheime Zentrum der Macht“ darstellen.

Auf der Internetseite dieses Verlages finden sich nun seit dem 02.12.2012 einige ausgewählte Dokumente aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Verlag veröffentlichte „im Geist von WikiLeaks“ rund 120 Seiten, die streng geheime„Bilderberg-Papiere“ darstellen sollen.

Diese Papiere stammen aus dem Archiv des ehemaligen Bundespräsidenten Walter Scheel. Man kann sie im Bundesarchiv in Koblenz einsehen. Die Papiere sind also bei weitem nicht so geheimnisvoll, wie es der Kopp Verlag suggeriert, der behauptet, „unzählige seiner jahrzehntelang geheimen Bilderberg-Akten” entdeckt zu haben. Trotzdem werden die Veröffentlichungen der Papiere von verschiedenen Verschwörungsgläubigen bejubelt.

Endlich, so glaubt man, hätte man Indizien, mit denen man das Konstrukt von der „Weltregierung“ belegen könne. So verweisen verschiedene rechte und esoterische Gruppierungen auf die Papiere.  Die völkische „Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn“ bewarb die Papiere ebenso wie die esoterische „Galaktische Föderation des Lichts“.

Wer einen Blick in die Papiere wirft, wird auf Belanglosigkeiten stoßen. Dort sind zum Beispiel seitenweise Dankesschreiben zu finden, mit denen für die Teilnahme an dem Treffen gedankt wird. Dort bedankt sich der eine beim anderen für den „netten Brief“ und schlägt vor „in Kontakt“ zu bleiben. Außerdem gibt es einen Überblick über die Reden, die auf den angeblich so mysteriösen Treffen der „Bilderberger“ gehalten wurden.

Es handelt sich um belanglose Sonntagsreden und Debattenbeiträge, in denen es um die damalige Situation in Europa, um die „Friedensbewegung“ und um Auf– oder Abrüstung geht.  Da spricht der damalige Bundeskanzler Schmidt von der „gleichberechtigten Partnerschaft“ zwischen den NATO-Mitgliedern und der Situation in Afghanistan, da schwafelt der damalige Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorf „von der Verpflichtung, den Zusammenhalt der Gemeinschaft freier Völker (…) zu festigen“. Da finden sich seitenweise belanglose Finanztabellen, Verabredungen zu Abendessen und Stichworte für zukünftige Telefongespräche.

Ein Blick in diese Dokumente macht allerdings deutlich, wie irrational der verschwörungsideologische Blick auf das Treffen der „Bilderberger“ ist. Verschwörungsideologen machen aus dem Treffen einiger Politiker, die Zusammenkunft einer angeblichen „Weltregierung“, vor der sie lautstark warnen. Aus den Dokumenten, die nun veröffentlicht wurden, geht allerdings nur hervor, dass auf diesen Zusammenkünften belanglose Reden gehalten werden, die sich in keiner Weise von den Reden unterscheiden, die Bundestag oder auf den Parteitagen zu hören sind.

Von dieser Tatsache werden sich die Verschwörungsideologen allerdings nicht abhalten lassen, um weiterhin das Konstrukt von der angeblichen „Weltregierung“ zu verbreiten, die einmal im Jahr zum Bilderberger-Treffen zusammenkommt.

Darauf verweist auch der Bericht des „Mysteries“–Magazins:„Trotz Verbot enthüllt: die Bilderberg-Geheimnisse der Bundesregierung“, heißt es hier reißerisch. Dort ist ebenfalls von der „Weltregierung” die Rede. Sicherlich werden die Dokumente auch weiterhin von dem einen oder anderen Verschwörungsautor missbraucht werden, um das irrationale Konstrukt von der„Weltregierung“ zu verbreiten. Schließlich geht es ihnen nicht um Fakten, sondern um die Umdeutung der Realität.

MTV-Verschwörung

Martialisch berichtet die Tageszeitung Junge Welt über die Kämpfe in Syrien. Das Vorgehen des syrischen Regimes wird hier nur am Rande erwähnt. Dafür gibt es Gruselstorys und Verschwörungsmythen: „Kampf um Syrien“, lautete die Schlagzeile eines Artikels, der am 12.06.2012 in der Tageszeitung erschien. Dort ging es um „eine großangelegte Propagandaaktion der NATO gegen Syrien“.

Die Junge Welt schrieb über eine „eine virtuelle Übernahme der syrischen Fernsehsender vermutlich ab Freitag Mittag“. Dahinter verortete die Tageszeitung den Geheimdienst CIA, der ein Programm produziert hätte, das „den Eindruck eines zusammenbrechenden Regimes vermitteln solle“. Das Ziel sei ein „Staatsstreich gegen die Regierung von Präsident Baschar Al-Assad“.

Die Tageszeitung berief sich auf  Thierry Meyssan, der einen dementsprechenden Artikel über seine Internetseite verbreitet hatte. In der Tageszeitung wurde Meyssan als „Journalist“ dargestellt. Dabei handelt es sich zuallererst um einen kruden Verschwörungsideologen.

Meyssan ist Autor eines Büchleins, mit dem die Ereignisse des 11. September 2001 umgedeutet werden. Auf seiner Internetseite kolportiert Mayssan zahlreiche Verschwörungsmythen. So schreibt er im Jahr 2008, dass der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy in „Wahrheit“ ein Geheimagent „der Vereinigten Staaten und Israels“ sei. Über die Bilderberg-Konferenz, der Verschwörungsideologen eine unglaubliche Macht nachsagen, schreibt er, dass sie in „Wirklichkeit“ die „Lobby der mächtigsten Militärorganisation der Welt“, der NATO, sei.

Thierry Meyssan schrieb, vor dem Bericht der Tageszeitung Junge Welt, über eine angebliche Geheimoperation gegen das syrische Regime:

In wenigen Tagen, vielleicht schon am Freitagmittag, 15. Juni werden die Syrer, die die nationalen Fernsehkanäle ansehen möchten, von der CIA ersetzte Fernseh-Bildschirme entdecken.

Er berichtete ausführlich über die angebliche Verschwörung, die „von Washington“ geplant worden wäre. Sie würde aber auch „Al-Arabiya, Al-Dschazira, BBC, CNN, Fox, France 24, Future TV und MTV (!)“ umfassen.

Meyssan halluzinierte von mega-geheimen Fernsehstudios, die in den vergangenen „Wochen in Saudi Arabien“ entstanden seien. Dort würden „die zwei syrischen Präsidentenpaläste und die wichtigsten Orte von Damaskus, Aleppo und Homs“ rekonstruiert worden. Natürlich muss Meyssan auch hier jeden Beweis für seine Behauptungen schuldig bleiben, doch das wird die Fans derartiger Verschwörungsmythen nicht stören.

Auch ohne Beweise verbreiten sich die Texte des Thierry Meyssan, etwa über die Internetseiten der Verschwörungsszene: „Truther“ und „Infokrieger“ berufen sich gerne auf den „Journalisten“, der auch in der Tageszeitung Junge Welt als Quelle benannt wird.

Der Text über die Fernseh-Verschwörung von CNN und MTV findet sich nämlich auf zahlreichen Internetseiten der Verschwörungsszene. So kolportiert die antisemitische Internetseite „Der Honigmann“ die Verschwörungsmärchen des Thierry Meyssan. Diese finden sich aber auch auf zahlreichen anderen Internetseiten des Verschwörungsmilieus, auf denen ansonsten über Reichsflugscheiben oder die gezielte Vergiftung der Bevölkerung mit geheimnisvollen„Chemtrails“ berichtet wird.

Auf den Internetseiten des rechts-esoterischen  Kopp-Verlags werden die Texte des Verschwörungsideologen Thierry Meyssan ebenfalls regelmäßig veröffentlicht. Außerdem berichtet die Tageszeitung Junge Welt. Die Märchen dieses anti-amerikanischen Verschwörungsideologen passen nämlich ganz ausgezeichnet zur ebenso anti-amerikanischen Tageszeitung.

Forstwagenverschwörung

In den Internet-Nachrichten des Kopp-Verlags propagiert die Anti-Feministin Eva Herman am 16.08.2011 tatsächlich eine große Forstwagenverschwörung zur angeblichen Wiedereinführung der D-Mark. Sie beruft sich auf „verschiedene Blogs“, in denen derartige Behauptungen zu finden wären.

Das Gerücht über eine angebliche Wiedereinführung der D-Mark wird unter anderem durch den Verschwörungsideologen Walter K. Eichelburg bedient, der derartige Behauptungen in schöner Regelmäßigkeit aufstellt. So behauptete Eichelburg 2010, dass es eine geheime Aktion namens „Balthasar“ geben würde, um zur Jahresmitte 2010 eine „D-Mark 2″ als als „Notwährung“ einzuführen:

Ab Montag (17.5.) kann jeder Kontoinhaber 100 Deutsche Mark abheben. Die Umstellung dauert 2 Wochen, in einem Internen Schreiben der Bundesbank wurden alle großen Handelsketten vor 2 Wochen angeschrieben, keine EURO Zeichen mehr zu verwenden.

Im Jahr 2011 wiederholt Eichelburg derartige Behauptungen, mit denen sowohl Verschwörungsfans, als auch rechte EU-Hasser anspricht, die von der Wiederkehr der Deutschen Mark träumen.

Auf seiner Internetseite veröffentlicht Eichelburg angebliche Erlebnisberichte von anonymen „Informanten“. Dort findet sich am 15.08.2011 die Behauptung, dass die „D-Mark 2″ verteilt werden würde:

Sehr helles auffälliges Grün, keine Werbung an Zugmaschinen oder Auflieger, immer gefolgt von vollbesetzten unauffälligen Forstfahrzeugen.

Im Jahr 2012 wird Eichelburg ein neues Datum zur Wiedereinführung der „D-Mark 2″ ansetzen. Wahrscheinlich wird auch zur Jahresmitte 2012 von einer geheimen Aktion mit Forstwagen die Rede sein, mit der die „D-Mark 2″ eingeführt werden soll. Wahrscheinlich wird Eva Herman auch dann berichten. Der Vorteil der Forstwagenverschwörung besteht auch in dem Umstand, dass Eichelburg sie jedes Jahr aufs Neue propagieren kann.

Terror & Verschwörungstheorien

Die mörderischen Anschlägen in Oslo und auf der Insel Utøya wurden von Verschwörungsideologen in der ganzen Welt aufgegriffen, um ihre Theorien über die Taten zu propagieren. Dass der mutmaßliche Täter, Anders Behring Breivik, zunächst zur Bombe und dann zur Waffe griff, um mehr als 70 Menschen zu ermorden, die an einem Camp der Jugendorganisation der norwegischen Sozialdemokraten teilgenommen hatten, interessierte zunächst nur am Rande.

Es wurde nach Hintermännern, Ufos und Sprengstoff gesucht. Es müsse sich einfach um eine so genannte „False Flag“-Aktion, eine Aktion unter falscher Flagge, die von mächtigen Institutionen begangen worden sei, gehandelt haben. Diese Idee geistert durch die Köpfen der Verschwörungsfans, die nun im Internet nach Beweisen fahnden und jede noch so absurde Behauptung benutzen, um ihre Theorien zu propagieren. Je nach ideologischer Perspektive werden mit diesen Verschwörungstheorien andere Täter oder geheimnisvolle Hintermenschen ausgemacht, die für die verachtenswerten Taten verantwortlich sein sollen.

Das nationalistische Manifest des Täters, Anders Behring Breivik, der auf mehr als 1500 Seiten seine mörderischen Taten mit Paranoia vor einem allumfassenden „Kultur-Marxismus“ und einem „Multikulturalismus“ begründete, wird dabei oftmals ignoriert. Stattdessen wird von einer Tat durch Geheimdienste oder anderen geheimnisvollen Gruppen halluziniert.

Dass der Täter selbst verschwörungsideologische Vorsatzstückchen propagierte, er „zeitgenössischen Rechtsradikalismus mit altbekannten Verschwörungen“ kompilierte, spielt im Diskurs der Verschwörungsszene eben sowenig eine Rolle, wie die antisemitische Tendenzen des Täters, die sich in seinem Manifest offenbaren. Behring Breivik sprach dort unter anderem davon, dass „die Vereinigten Staaten von Amerika mit sechs Millionen Juden (…) wirklich ein beträchtliches Judenproblem“ hätten.

Verschwörungsideologen interessieren sich nur am Rande für den mutmaßlichen Täter und seine Motivation. Schließlich glauben sie, hinter dem Täter eine viel umfangreiche Verschwörung entdeckt zu haben. Das geht sogar so weit, dass der Täter zum Opfer dieser angeblichen Verschwörung gemacht wird. Verschiedene Verschwörungsideologen sprechen von geheimen Gehirnwäsche-Programmen, „Mind Control“ genannt, denen der Täter angeblich zum Opfer gefallen sei.

Alex Jones, ein verschwörungsideologischer Radiomoderator aus den USA, spricht beispielsweise von einer „False-Flag“ Aktion, durchgeführt von einer „White al-qaeda“, die durch amerikanische Institutionen gelenkt werden würde. Auf diesem Weg sollen die „patriotischen“ Gegner einer „Neue Weltordnung“ diskreditiert werden, glaubt der dieser wichtige Stichwortgeber der organisierten Verschwörungsideologie.

Mit der Tat, die für Alex Jones unter falscher Flagge durchgeführt wurde, sollen jene nationalistischen Verschwörungstheoretiker diskreditiert werden, die sich für Nationalstaaten und gegen Migrant_innen aussprechen würden. Dass Anders Behring Breivik nicht nur Mitglied einer rechtspopulistischen Partei, sondern auch Mitglied einer Freimaurer-Loge war, ist nicht nur für Alex Jones ein weiteres Indiz, mit dem die Verschwörungstheorie gebastelt wird.

Derartige Theorien propagiert nicht nur Alex Jones auf seiner Seite „Infowars.com“, sondern auch sein Kompagnon Paul Watson. Dieser stellt dort unter anderem die Verschwörungstheorie auf, dass Norwegen gestraft worden sei, weil es sich in die „Agenda“ der „New World Order“ einmischte. Weil Norwegen einen palästinensischen Staat befürwortete, sei es das Opfer des Anschlags geworden. Diese antisemitische Theorie erfreut sich einer ungeheuren Beliebtheit und wird auf zahlreichen Internetseiten der Verschwörungsszene propagiert.

„Skywatch Bretten“, ein anonymes Webblog, berichtet ebenfalls über den Umstand, dass Anders Behring Breivik Mitglied in einer Freimaurer-Loge war. Außerdem hat der Autor des Blogs eine blau-weiße Krawatte des Täters untersucht: „Und wer kennt sich besser mit der Schuld aus als Blau/Weis? Niemand“, schreibt der Autor dieser Verschörungsseite. Der Verantwortliche dieses Blogs betreibt einen besonders obskuren Antisemitismus, der über die Farbe einer Krawatte funktioniert.

Hier wird der antisemitische Furor vieler Verschwörungsfans deutlich. Weil der Täter auf einem Foto eine blau-weiße Krawatte trug, wird Israel für die Taten verantwortlich gemacht. Weil sich Norwegen angeblich hinter den entstehenden palästinensischen Staat stellen würde, könne nur der israelische Geheimdienst Mossad für die Taten verantwortlich sein.

„Widerstand in Aktion“, ein Blog des nationalistischen und verschwörungsideologischen Stammtischs der Internetseite „Alles Schall und Rauch“ vermutet, „dass es Explosionen, Verpuffungen oder was auch immer“ gegeben haben könnte. Ein „Klarer Fall: Staatsterror!“. Denn: „die Sache stinkt nach Mindcontrol!“ Zumindest für die Betreiber der Verschwörungsinternetseite.

Auf der ebenfalls verschwörungsideologischen Internetseite „Infokrieger-News“ kommentieren verschiedene Verschwörungsfans die schrecklichen Geschehnisse: Sie plädieren dort dafür „die Schuldigen beim Mossad oder bei den Franzosen zu suchen“. Weil Norwegen das Bestreben der palästinensischen Organisationen nach einem eigenen Staat unterstützt hätte, sei dieses Land nun Ziel eines Anschlags geworden, lautet auch hier die Begründung für die Verschwörungstheorie, deren Grundlage der Hass auf Israel und seine angebliche Macht und Machenschaften sein dürfte.

Ein anderer Verschwörungsfan will in dem Ort des Massakers, der Insel Utøya, eine „Pyramide“ erkannt haben. Für ihn und andere Verschwörungsgläubige sind derartige Symbole das Zeichen der geheimen Weltverschwörung, die sie für die Anschläge verantwortlich machen. In jedem Fall sei der Anschlag „deffintiv vom Mossad inziniert“. Andere Nutzer dieser Verschwörungsplattform machten allerdings andere Geheimdienste der angeblichen „Eliten“ für die Morde verantwortlich.

Nicht nur hier ist von angeblichen Gehirnwäsche-Projekten die Rede. Wie in einer Folge der Serie „Akte X“ oder der Handlung des Computerspiels „Call of Duty: Black Ops“ wird die Behauptung aufgestellt, dass der Attentäter einer Gehirnwäsche durch CIA oder Mossad zum Opfer gefallen sei und deswegen seine Taten verübt habe.

In eine ähnliche Richtung geht eine Sendung der nationalistischen Verschwörungs-Website „Infokrieg TV“. In einer Radiosendung versucht dessen Betreiber, Alexander Benesch, den Täter zum Teil einer Verschwörung zu machen, hinter der er ehemalige Gladio-Strukturen vermutete. Außerdem zieht er, wie viele andere Verschwörungsideologen auch, einen Zusammenhang zu dem Attentat in Oklahoma City. Dort sprengte Timothy McVeigh am 19. April 1995 einen Van im Murrah Federal Building in die Luft. Dabei starben 168 Menschen. Bis heute behaupten verschiedene Verschwörungsideogen, dass es sich hierbei um eine Verschwörung der geheimen „Elite“ gehandelt habe, die den Täter benutzte.

Auf diese Art und Weise leugnen Verschwörungsideologen die ideologischen Hintergründe der Anschläge. „‚Rechter Terror‘ unter falscher Flagge“ heißt es beispielsweise auf der Internetseite „Infokrieg TV“. Die Melange aus Nationalismus, Rassismus und der Hass auf die Moderne, die in beiden Fällen eine Ursache für die Taten gewesen sein könnte, wird beiseite geschoben. Aus dem rechten Terror wird eine „Bedrohung“ gemacht, die „nur Schreckgespenst und Werkzeug der Bundesregierung“ sei, „um eine patriotische und globalismusfeindliche Strömung im Land zu diskreditieren“.

Stattdessen wird ein ein Konstrukt propagiert, dass von der angeblichen Existenz einer mega-geheimen„Elite“ ausgeht, die so wahnsinnig-mächtig sein muss, dass sie derartige Komplotte arrangieren kann, ohne das es die „schlafende“ Mehrheit der Menschheit überhaupt mitbekommt.

Verschwörungsideologen schreiben in diesem Zusammenhang oftmals von einer israelischen Aktion. Dies zeigt den Antisemitismus vieler Verschwörungstheorien deutlich auf. Diesem Antisemitismus fühlt sich wohl auch der Reptoloiden-Theoretiker David Icke verpflichtet, der auf seiner Internetseite verschiedene Texte aus der Szene veröffentlichte, in denen die Behauptung aufgestellt wird, es handele sich um eine Aktion des israelischen Geheimdienstes Mossad, weil sich Norwegen hinter den entstehenden palästinensischen Staat stellen würde. Mit dieser wahnhaften Theorie haben viele Verschwörungsideologen ihr Motiv gefunden, das sie nun immer wieder verwenden, um einen angeblichen Zusammenhang zwischen den Attentaten und dem israelischen Geheimdienst zu konstruieren.

So weit will der Kopp-Verlag, der esoterische, populistische und verschwörungsideologische Machwerke veröffentlicht, dann doch nicht gehen. Er erwähnt den israelischen Staat nur am Rande. Allerdings wird in einem Artikel der Nachrichtenabteilung des Verlages die Frage aufgeworfen, ob nicht „westliche Mächte“ für die Anschläge verantwortlich seien, „weil Norwegen sich für einen unabhängigen Palästinenserstaat stark machen will“. In einem weiteren Artikel spricht der Verschwörungsideologe Webster Tarpley bereits in der Überschrift von „Terroranschlägen in Norwegen unter falscher Flagge“.

Nicht nur auf derartigen Internetseiten blühen die Verschwörungstheorien: Auf der antisemitischen Internetseite „Muslim Markt“ werden Verschwörungsmythen gesponnen: „Der inzwischen als angeblicher Einzeltäter vorgestellte Rechtsradikale war sicherlich vieles, aber ganz sicher kein Einzeltäter. Und die Hintermänner dürften das Land – wohin auch immer – schon längt verlassen haben“, heißt es dort, um ebenfalls auf die drohende Anerkennung eines palästinensischen Staates, durch die Regierung Norwegens, hinzuweisen.

Verschwörungstheorien finden sich eben nicht nur auf den Internetseiten der Szene, auf denen derartige Ideen am ungehemmtesten propagiert werden, sondern auch auf verschiedenen anderen Internetseiten, die die Ereignisse ebenfalls verklären.

Viele verschwörungstheoretische Vorsatzstückchen finden sich beispielsweise auf den Internetseiten, die durch ihre rassistische Hetze gegen Muslime auf sich aufmerksam machen. Zum Beispiel in den Kommentaren der Internetseite „Politically Incorrect“, die einräumt, dass die Texte des Anders Behring Breivik „großenteils Dinge“ seien, „die auch in diesem Forum stehen könnten“. Dort heißt es in den Kommentaren beispielsweise:

Es riecht hier so unangenehm stark nach False-Flag, dass ich das Fenster aufreißen möchte.

In weiteren Kommentaren, die vom dortigen deutschen Mob produziert werden, gibt es einige, die mit der Verschwörungsideologie arbeiten, um die Zusammenhänge zwischen der eigenen menschenverachtenden Ideologie und der Tat zu verschleiern. Hier sprechen einige Kommentatoren davon, dass „es stinkt“. Die bereits erwähnte Mitgliedschaft des Anders Behring Breivik in einer Gruppe der Freimaurer wird bemüht:

Dann hatte er den Auftrag von der Loge. Laut viele Büchern schwören die Hochgradmaurer auf den Koran.

Außerdem wird von „gewissen Kreisen“ geraunt, die ein „Interesse“ an den Anschlägen gehabt hätten.

Fast schon putzig erscheint, angesichts des geschilderten verschwörungsideologischen Wahns, mit dem die Geschehnisse verklärt werden, ein Hinweis des bereits erwähnten Kopp-Verlags. Hier weist Udo Ulfkotte auf ein Video hin, das ein Ufo in der Hauptstadt Oslo zeigen soll. „Selbst eine renommierte Wirtschaftszeitung berichtet, unmittelbar nach der Bombenexplosion in Oslo sei über dem Regierungsviertel ein Ufo gesichtet worden“, behauptet der Rechtspopulist.

Außerirdische sind für die Taten verantwortlich. Auch so kann man einen mutmaßlichen Täter und seine Ideologie entlasten. Lustiger als die wahnhafte Ideen von der Täterschaft durch „westliche Mächte“ oder gar den israelischen Geheimdienst Mossad ist diese krude Behauptung allemal.

Aufmarsch der Verschwörungsfans

Am 11. September 2011 jährt sich der zehnte Jahrestag der mörderischen Anschläge auf das World Trade Center in New York, dem mehr als 2000 Menschen zum Opfer fielen. Jahr für Jahr nutzt die Bewegung der „Truther“, „Infokrieger“ und „Wahrheitsbewegten“ dieses Datum, um ihre Theorien in der Öffentlichkeit zu verbreiten.

„Truther“ und „Infokrieger“ glauben tatsächlich, dass der Anschlag nicht durch fanatische antiamerikanische und antisemitische Islamisten begangen wurde. Sie machen vor allem die amerikanische Regierung und deren Institutionen, aber auch den Mossad und andere Geheimdienste, für den Anschlag verantwortlich. Zum Jahrestag des Anschlags mobilisiert dieser verblendete Klüngel nach Karlsruhe. Dort will man, am 10. September 2011, einen Aufmarsch durchführen.

Organisiert wird dieser Aufmarsch von einem „Stammtisch“ der Verschwörungsfans aus Karlsruhe. Verschiedene Blogs und Internetseiten, die die Szene der „Truther“ organisieren wollen, haben derartige „Stammtische“ geschaffen. Dort kommt der harte Kern der Verschwörungsfans zusammen. Auf diese Art und Weise ist ein reges Netzwerk um verschiedene Internetseiten entstanden, die der Szene als Informationsquellen dienen.

Der „Stammtisch“ aus Karlsruhe ist um die Internetseite „The Real Stories“ organisiert, empfiehlt allerdings auch die Verschwörungskonkurrenz von der strukturell antisemitischen und nationalistischen Internetseite „Alles Schall und Rauch“. Einmal im Monat kommen die Mitglieder des Stammtischs im „Restaurant Walhalla“ in Karlsruhe zusammen, um sich „über aktuelle Themen auszutauschen und um Leute aus der Bewegung persönlich kennen zu lernen“.

Auf der Internetseite von „The Real Stories“ finden sich die üblichen Verschwörungstheorien: So zum Beispiel Interviews des nationalistischen Verschwörungsideologen Alex Jones, der die Behauptung aufstellt, dass die deutschen Nationalsozialisten durch den englischen Geheimdienst gesteuert werden würden. Außerdem finden sich Texte und Videos des „Chemtrail“-Theoretikers Werner Altnickel, der in seinem antisemitischen Wahn unter anderem von geheimen israelischen Strahlen- und Erdbebenwaffen halluziniert. Des Weiteren werden die Videos der „Anti-Zensur-Koalition“ des Sektengurus Ivo Sasek empfohlen. „Wer mir jetzt nicht gehorcht, gehorcht dem Herrn nicht“, warnt Sasek seine Anhänger_innen.

„The Real Stories“ propagiert aber auch die Theorien des Verschwörungsideologen Oliver Janich, der eine „Partei der Vernunft“ (PdV) geschaffen hat. Diese neo-liberale Organisation – um den ehemaligen „Focus Money“-Autoren Janich, der immer wieder mit dem „Linksnationalisten“ Jürgen Elsässer klüngelt – ist eines der obskursten Projekte innerhalb der Verschwörungs-Szene: Auf der einen Seite mit streng neo-liberalen Programm, auf der anderen Seite mit streng verschwörungstheoretischen Ideen ausgestattet, ist der Parteivorsitzender Oliver Janich angetreten, die Parteienlandschaft aufzurollen. Der Erfolg bleibt gering, doch über die verschwörungstheoretischen Inhalte gelingt es Janich, innerhalb der Szene der „Truther“ und „Infokrieger“, einen gewissen inhaltlichen Einfluss zu erlangen.

Oliver Janich wird wohl auch daher als Redner für den Aufmarsch der Verschwörungsfans in Karlsruhe angekündigt. Für die musikalische Untermahlung dieses Verschwörungstreffens sind die üblichen Verdächtigen zuständig. Die Band „Die Bandbreite“, die zuletzt unter anderem auf dem UZ-Pressefest der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) auftrat, sowie der Verschwörungsrapper „Kilez More“, der unter anderem während eines Vortrags des antisemitischen Echsen-Ideologen David Icke für die musikalische Untermalung sorgte, werden zum Stelldichein der Verschwörungsfans angekündigt. „Die Bandbreite“ hat sogar einen eigenen Trailer erstellt:

Wenn ihr euch selber nicht erklären könnt, wie drei Stahlhochhäuser in Fallgeschwindigkeit kollabieren können. (…) Wenn ihr genau diese Fragen habt, kommt auf die Demo.

Deren anti-amerikanische Ausrichtung ist offensichtlich. Schließlich soll mit Plakaten und Transparenten Stimmung gemacht werden. Das beinhaltet auch im Jahr 2011 Losungen wie „George Bush ist der größte Terrorist“ (!), „US-Terror weltweit“ oder „3.000 Opfer für Öl, oder was“.

Diese Manifestation der Verschwörungsfans wird vom esoterischen Kopp Verlag beworben. Der Aufruf zum Aufmarsch findet sich auf der Internetseite des Verlags. Doch damit nicht genug. In den fürs Internet produzierten „Kopp-Nachrichten“ vom 11.07.2011 berichtet die ehemalige Tagesschau Sprecherin Eva Herman mit einiger Begeisterung von der Demonstration, für die sie „Die Bandbreite“ verantwortlich macht.

Am 10. September 2011 wollen die Verschwörungsfans aufmarschieren, um die historischen Ereignisse des 11. September 2001 umzudeuten. Die Veranstaltung beginnt um 14 Uhr auf dem Friedrichsplatz in Karlsruhe.

Die Konferenz des Infokriegers

Jens Blecker hat sich ein hohes Ziel gesetzt. Er möchte mit dem dritten „Kongress der unabhängigen Medien“, der am 02.04.2011 in Hannover stattfinden soll, „Pionierarbeit“ leisten. Der Kongress ist nur ein Teil des „Informationskriegs“, dem sich der „Infokrieger“ aus Helmstedt verschrieben hat.

Jens Blecker, der Hauptorganisator des Verschwörungs-Kongress, ist Betreiber der Internetseite „Infokrieger News“. Dort widmet sich der „selbstständige Einzelhandelskaufmann“ etwa vermeintlichen UFOs in China, dem 11. September 2001, der Klimaveränderung und vielen anderen Ereignissen, die er verschwörerisch verklärt. Blecker glaubt, dass geheime Mächte im Verborgenen agieren, um die Menschen mit Desinformationen zu täuschen, während Blecker und seine Kumpanen die „wahren Hintergründe“ kennen würden. Wie andere Verschwörungstheoretiker macht Blecker jene „Verantwortlichen um Verborgenen“ für bestimmte historische Ereignisse, etwa die mörderischen Anschläge des 11. September 2001, verantwortlich. Neben dieser bekannten Verschwörungstheorie gibt es natürlich auch noch weitere Themen, die dem „Infokrieger“ am Herzen liegen.

Da wäre zum Beispiel jeder Versuch einer geschlechtsneutralen Sprache. Für Blecker sind sprachliche Regelungen – wie zum Beispiel das Binnen-I – gar ein „Angriff auf die Individualität der Menschen“. Blecker geht es eher um angebliche „Merkmale“ zwischen den biologischen Geschlechtern: „Jedes Geschlecht hat seine spezifischen Merkmale. So sind Frauen eher gefühlvoll und sinnlich wogegen Männlichkeit eher für Praktisches und Maskulines steht“. Diese angeblichen „Merkmale“ sieht der „Infokrieger“ durch „Gendering“ bedroht. Ein „Irrsinn“, befindet Blecker, um einen anti-feministischen Rollback einzufordern. In seiner Welt sollen „Frauen“ als „die emotionale Stütze einer jeden Familie“ funktionieren, „wogegen die Männer andere und eher rustikale Aufgaben erfüllen“.

Es sind die Theorien anderer „Männer“, die Jens Blecker am Herzen liegen. Regelmäßig veröffentlicht der „Infokrieger“ etwa die antisemitischen Reden des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad. Die Theorien des nationalistischen Verschwörungsideologen Alex Jones, der Neonazis für eine Erfindung des britischen Geheimdienstes hält, finden sich ebenfalls auf der Internetseite des Jens Blecker. Eine andere Ikone ist der englische Abgeordnete des Europäischen Parlaments, Nigel Farage, dessen „United Kingdom Independent Party“ (UKIP) vor allem mit anti-europäischen, nationalistischen und rassistischen Parolen auf Wähler_innenfang geht. Farages Reden vor dem Europäischen Parlament werden auf Bleckers Seite beworben. Dafür stehen andere Politiker_innen in der Gunst des „Infokriegers“ ganz unten: Dem deutschen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble wirft Blecker beispielsweise vor, dass er für „die Abschaffung Deutschlands“ eintreten würde. Blecker sieht hier „alle Voraussetzungen für einen Hochverrat“gegeben.

Dem „Infokrieger“ Blecker geht es auch um Deutschland, das er von allen Seiten bedroht sieht. Da wären die eigenen Politiker_innen wie Wolfgang Schäuble, die Deutschland angeblich an die Europäische Union„verschachern“. Ein Umstand, der den „Infokrieger“ aus Helmstadt in Rage bringt. Noch mehr erregt Blecker allerdings die israelische Politik. Der „Infokrieger“ behauptet, dass sich Israel „unglaublicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht“ hätte. Um diese „Verbrechen“ zu vertuschen, würde „die Vergangenheit rausgeholt und kochendheiß serviert“. Seine anti-israelische Hetze veröffentlicht Blecker ebenfalls auf seiner Internetseite. Dort liest man auch von der „Kollektivschuld“, unter der Deutschland angeblich „leidet“.

Dort erfahren die staunenden Leser_innen von dem geheimen „Ziel“ der Bundesregierung, das den Wahn des„Infokriegers“ verdeutlichen: „(Noch geheim gehaltenes) Ziel unserer Regierung ist die De-Industrialisierung Deutschlands und die Umerziehung des Volkes im Sinne einer neuen Ideologie“, warnt Jens Blecker seine Leser_innen.

Wem nun Angst und Bange wird, dem können die Anzeigenpartner des Jens Bleckers helfen, die auf seiner Internetseite etwa „Käse aus der Dose“, als „Krisenvorrat für den Einsatz in katastrophenreichen Zeiten“, bewerben. Vielleicht hat sich Blecker einen solchen Krisenvorrat angelegt; schließlich warnt er vor einem angeblich drohenden „Zusammenbruch“ oder gar einem „Bürgerkrieg“.

Mit solchen Angstphantasien von einem Finanzcrash oder gar einem Bürgerkrieg verdienen die Anzeigenpartner_innen und damit der „Infokrieger“ selbst ein wenig Geld. Die Werbeeinnahmen der Seite “würden gut“ ausreichen, „um alle Nebenkosten der Arbeit zu decken“, freut sich Blecker in einem Interview mit dem antisemitischen „Muslim-Markt“, dem sich auch schon der Nazi Andreas Molau zum Interview zur Verfügung stellte. Die „Nebenkosten“ könnte Blecker auch mit seinem „Kongress der unabhängigen Medien“ abdecken. Schließlich wird der „Kongress“ von „Gold Money“ gesponsert, einer Firma die sich auf das Geschäft mit Gold, Silber und Platin spezialisiert hat und die in der Steueroase Jersey beheimatet ist.

Zum Kongress werden bekannte Protagonisten der „Infokrieger“-Szene sowie einige selbsternannte Wirtschaftsexperten erwartet. Da wäre Andreas Popp, der ebenfalls mit der Angst vor der Krise hausieren geht: „Wer sich rechtzeitig auf die zu erwartende Weltwirtschaftskrise vorbereitet, wird sie definitiv besser durchstehen und eventuell sogar Chancen daraus generieren,“ wird der Referent auf der Kongress-Internetseite zitiert. Von seinem sonstigen Thesen, etwa über die pseudo-wissenschaftliche und antisemitische „Germanische Neue Medizin“ des Ryke Geerd Hamer, den Popp als „Entdecker einer völlig neuen Medizin“ glorifiziert, wird dort geschwiegen.

Als Referent wird zudem wird Frederick William Engdahl angekündigt. Engdahl arbeitete als Autor unter anderem für die antisemitische Sekte BÜSO (Bürgerrechtsbewegung Solidarität). Heute schreibt er für den rechten, esoterischen Kopp-Verlag. Engdahl propagiert dort die so genannten „Peak-Oil“-Verschwörungstheorie, die davon ausgeht, dass „Erdöl konstant unterirdisch unter ungeklärten Umständen entsteht“. Im Kopp-Verlag schreibt Engdahl unter anderem über angebliche„Impfungen mit unsichtbaren Nano-Impfstoffen“, die der „Bevölkerungskontrolle und -reduzierung“ dienen sollen. Auch auf dem „Kongress der unabhängigen Medien“ dürfte Engdahl solche Gedanken propagieren.

Die Referenten auf dem „Kongress der unabhängigen Medien“ werden die Theorien und Ideen propagieren, die dem Verschwörungsfan Blecker so sehr am Herzen liegen. Zur Werbeveranstaltung des „Infokriegers“ werden allerdings nicht nur rechte Verschwörungs-Referenten, sondern auch einige Musiker erwartet, die mit dem Soundtrack zur Verschwörungstheorie die Teilnehmer_innen der Veranstaltung beschallen werden.

Jens Blecker kündigt jedenfalls an, „noch mit Livemusik den Abend versüßen“ zu wollen. Zum Verschwörungs-Treffen werden die Band „Die Bandbreite“ sowie der Verschwörungs-Rapper „Killez More“ erwartet, die bereits ein Vernetzungs-Treffen – das „Truth-Camp“ (2010) des „Infokriegers“ Blecker – beschallten. Nach den Auftritten auf linken Festivals sowie einem „Ballermann“-Event in Bochum wird die Band „Die Bandbreite“ also wieder einmal auf einem Verschwörungstreffen auftreten.

Jens Bleckers Verschwörungsevent wird 02.04.2011 im Raum Hannover stattfinden. Über den genauen Ort des Spektakels schweigt sich Blecker noch aus. Er habe „Lokalitäten optioniert und werden nach der ersten Woche der Anmeldephase entscheiden“, welche Örtlichkeit er wählen würde, schreibt der „Infokrieger“. Es bleibt also abzuwarten, in welcher Lokalität der „Kongress der unabhängigen Medien“ stattfinden wird.

Totenkult im TV

Das große Interesse an esoterischen Themen bedienen verschiedene Menschen. Sie behaupten, dass sie in Kontakt zu „geistigen Welten“ stehen, für die es in der Realität nicht die geringste Spur eines wissenschaftlichen Beweises gibt. Für einiges Aufsehen sorgte die RTL-Sendung „Das Medium“, in der das selbsternannte „Medium“ Kim-Anne Jannes unter anderem einen angeblichen Kontakt mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Uwe Barschel suchte.

Barschel, der 1987 in einer Badewanne den Freitod gewählt hatte, wurde sogar ermordet, behauptete das selbsternannte „Medium“. Dort wurde mit plumper Schauspielkunst eine esoterische Wahnidee reproduziert und mit dieser Masche auf Zuschauer_innenfang gegangen. Die Sendung sollte gar „die Antwort auf die alles entscheidende Frage“ geben:

Die Befürchtung der 66-jährigen Witwe wird nun endlich bestätigt: Nein, es war kein Selbstmord!

Kim-Anne Jannes, die es mit ihrer angeblichen Fähigkeit, mit dem „Reich der Toten“ zu kommunizieren, nicht nur auf RTL bis ins Abendprogramm geschafft hat, ist heute eine der bekannteren esoterischen Gestalten im deutschsprachigen Raum. Nicht ganz so bekannt ist der gelernte Schauspieler Pascal Voggenhuber, der sich ebenfalls als „Medium“ bezeichnet.

Voggenhuber behauptet, dass er ein „Hellsichtiger“ sei, den „außergewöhnliche Begabungen“ befähigen würden, in „direktem Kontakt“ mit einer angeblichen „geistigen Welt“ zu treten. Wie Kim Anne-Jannes steht er den verzweifelten Menschen zur Verfügung, die nach jedem Strohhalm greifen, der ihnen präsentiert wird. Schließlich kann gerade nach einem menschlichen Verlust die Versuchung entstehen, mit Hilfe eines geistigen Supermans, mit dem Verstorbenen in einen angeblichen Kontakt zu treten.

Der Ort, in dem Menschen auf die „Medien“ aufmerksam werden, ist neben dem Internet eben auch das Fernsehen. Pascal Voggenhuber war unter anderem bei Johannes B. Kerner („Der mit den Toten spricht“), in der Sendung „Reporter“ („Der mit den Toten spricht – Aus dem Leben des Mediums Pascal Voggenhuber“) und in einem „Talk Täglich Special“ des Senders „TeleZüri“ zu sehen. Neben solchen TV-Auftritten, die gute Werbemaßnahmen darstellen, publiziert Voggenhuber bei „Ansata“, einem esoterischen Seitenprojekt des Verlags „Random House“. Dieser Verlag gehört wiederum zum „Bertelsmann Konzern“, dem ebenfalls Teile der RTL-Gruppe gehören.

Auf RTL war – wie erwähnt – das andere „Medium“, Kim Anne-Jannes, zu sehen, die wie ihr Kollege Pascal Voggenhuber eine plumpe Scharlatanerie betreibt. Voggenhuber steht allerdings auch dem rechten „Kopp-Verlag“ zur Verfügung. Dort wurde er von den Anti-Feministin Eva Herman interviewt. Auch dort geht es um den Tod Barschels, der – laut Voggenhuber – aus einem angeblichen „Jenseits“ den Kontakt mit der Witwe suche: „Mit Lichtzeichen habe er stets versucht, auf sich aufmerksam zu machen“, heißt es in der Verlags-Ankündigung.

Esoterische Ideen finden sich eben nicht nur im Programm der Bertelsmann-Gruppe, sondern in vielen Verlagsprogrammen, bei kleineren Verlagen, die einen wachsenden Markt bedienen. Auch dort können sich Menschen die Bücher und DVDs besorgen, die von selbsternannten „Hellsichtigen“ publiziert werden. In einem Land, in dem „demokratische Sozialisten“ zu gemeingefährlichen Kommunist_innen gemacht werden, gehören esoterische Wahn-Ideen zum guten Ton: Hier spricht man mit den Toten.

Die Rückkehr der Eva Herman

Mit einer Art Tagesschau für das In­ter­net versucht der ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sche, rechts­kon­ser­va­ti­ve Kopp-​Ver­lag für Aufmerksamkeit zu sorgen. Die Nach­rich­ten werden von der Kopp-​Au­to­rin und ehemaligen Tagesschau-​Sprecherin Eva Her­man moderiert, die bereits ein Buch im Ver­lag ver­öf­fent­lich­te, aber auch für die Nach­rich­ten­sei­ten des Ver­lags schrieb. Dort warn­te sie vor „Gen­der-​Main­strea­ming“ und an­de­ren an­geb­li­chen Ge­fah­ren, die die deut­sche Fa­mi­lie zer­stö­ren wür­den.

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Über den Kopp-​Ver­lag wer­den auch die Bü­cher des an­ti­se­mi­ti­schen „hohle Erde“ Theo­re­ti­kers Jan Udo Holey (alias „Jan von Hel­sing“) ver­trie­ben. Eben­so er­schei­nen dort die Bü­cher des angeblichen „Is­lam-​Kri­ti­kers“ Udo Ul­fkot­te, der sein Buch mit einer „gro­ßen Deutsch­land­kar­te zum Her­aus­neh­men“ be­wirbt, auf denen alle „bür­ger­kriegs­ge­fähr­de­ten Ge­bie­te“ zu fin­den sind, die an­geb­lich auf­grund „eth­ni­scher Span­nun­gen“ in den Groß­städ­ten der Bun­des­re­pu­blik ent­ste­hen wür­den.

Ak­tu­ell spricht Eva Her­man nicht nur die „Nach­rich­ten“ des Ver­lags, die sich auch auf den üb­li­chen Vi­deo­por­ta­len fin­den las­sen, son­dern hat – na­tür­lich auch im Kopp-​Ver­lag – ein Buch ver­öf­fent­licht, mit dem sie ihren skan­dal­träch­ti­gen me­dia­len Ab­gang ver­mark­tet. „Die Wahr­heit und ihr Preis“ nennt sich das neu­es­te Mach­werk der Eva H., das es ak­tu­ell auf Platz 21 der „Spie­gel-​Best­sel­ler­charts“ ge­schafft hat.

Der Kopp-​Ver­lag fin­det immer wie­der sei­nen Weg in die gro­ßen Me­di­en. Als Ve­hi­kel dient ihm Udo Ul­fkot­te, aber vor allem Eva Her­man, die sich einer teil­wei­sen Rück­kehr in die gro­ßen Me­di­en si­cher ist, seit­dem sie ex­klu­siv für die Bild–“Zei­tung“ ihre Sicht auf die Dinge ver­öf­fent­li­chen konn­te, die zur ihrer Ent­las­sung beim NDR führ­ten. Das Bou­le­vard-​Blatt war sich nicht zu scha­de, die Buch-​Er­in­ne­run­gen der Her­man in Aus­zü­gen ab­zu­dru­cken. Im Mai ver­öf­fent­lich­te das Blatt ganze vier Ar­ti­kel über die rechts­kon­ser­va­ti­ve An­ti-​Fe­mi­nis­tin: „Eva Her­man rech­net mit ihren Kri­ti­kern ab“, hieß nur eine der reiße­ri­schen BILD-Schlag­zei­len. Knapp drei Jahre zuvor hatte Eva Her­man die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche „Fa­mi­li­en­po­li­tik“ ge­lobt und muss­te kurz dar­auf den NDR ver­las­sen.

Die fünf Mi­nu­ten lan­gen „Nach­rich­ten“ des Kopp-​Ver­lags haben es wie­der­um bis in einen Be­richt des Fern­seh­sen­ders RTL ge­schafft. In der Sen­dung „Ex­clu­siv – Weekend“ (06.​06.​2010), in der die neu­es­ten News über„die Schö­nen und Rei­chen“ ver­brei­tet wer­den, wur­den die „Nach­rich­ten“ des Kopp-​Ver­lags be­wor­ben. Dort gab es na­tür­lich kein Wort der Kri­tik an den Po­si­tio­nen Eva Hermans, die wäh­rend der Eu­ro­pa­wah­len 2009 die rechtskle­ri­ka­le Kleinst­par­tei AUF un­ter­stützt hatte und die nach ei­ge­nen An­ga­ben einen Kampf gegen „grau­si­ge Ideo­lo­gie der Gleich­heit von Mann und Frau“ führt. Eben­so kein Wort der Kri­tik an dem Ver­lag, in dem Eva Her­man pu­bli­ziert. Etwa über Bü­cher, in dem für das At­ten­tat auf John F. Ken­ne­dy „CIA, Mafia und Hoch­fi­nanz“ ver­ant­wort­lich ge­macht wer­den oder in denen der Selbst­mord des FDP-​An­ti­se­mi­ten Jür­gen Möl­len­mann um­ge­deu­tet wird.

Statt­des­sen gab es bei RTL eine Wer­bung, die nicht als sol­che ge­kenn­zeich­net war und die dem Kopp-​Ver­lag den ein oder an­de­ren Klick durch in­ter­es­sier­te Zu­schau­er_in­nen beschert haben dürf­te, die durch „RTL-​Ex­clu­siv-​Weekend“ auf die „Nach­rich­ten“ des„​Ver­lages auf­merk­sam wur­den. Eben­so dürf­te es den Le­ser_in­nen der Bild-„Zeitung“ er­ge­hen, die durch einen wei­te­ren Ar­ti­kel über Eva Her­mans neu­es­te Karriere in­for­miert wur­den: „Ich finde gut, dass wir dort Nach­rich­ten brin­gen kön­nen, die sonst nicht so im Fokus ste­hen“, sagte Her­man der BILD. Ein Blick in die bis­he­ri­gen Sen­dun­gen of­fen­bart wenig Überraschendes: Ver­schwö­rungs­theo­ri­en, wie die bal­di­ge Ein­füh­rung des Impstoffs gegen Krebs, Ul­fkot­te-​Tex­te über die „IHH“ und die Paranoia vor dem EU-​Par­la­ment, das an­geb­lich be­stimm­te Rol­len­bil­der ver­bie­ten wolle, durch­zie­hen die „Nach­rich­ten“ des Kopp-​Ver­lags wie einen roten Faden. Dank der tat­kräf­ti­gen Un­ter­stüt­zung durch BILD und RTL könn­te Eva Hermans Rück­kehr vor die Bild­schir­me tat­säch­lich glü­cken. Zu­min­dest erst einmal im In­ter­net.