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Zwischen Moskau, Rockefeller und Hartz IV

Es ist ein kleiner Bestseller auf dem riesigen verschwörungsideologischen Markt: Oliver Janichs„Kapitalismuskomplott” gilt als eine Bibel der deutschen Libertären. Der ehemalige Focus-Money Redakteur hat nicht nur eine kleine Partei gegründet, sondern auch ein Buch geschrieben, mit dem die theoretischen Grundlagen vorgestellt werden, die ihn und seine Kompagnons antreiben.

Das Buch wird von Libertären und Verschwörungsfans als Erklärung beworben, mit der die Welt verändert werden könne. „Dieses Buch hat es geschafft mir viele linke Dogmen aus den Gehirnwindungen zu entfernen”, jubelt ein Anhänger des Parteivorsitzenden. Dieser behauptet, dass mit der Lektüre die „Vorstellungen über die Realität auf den Kopf ” gestellt werden würde. Er würde „Wege” aufzeigen, „wie wir zu einer friedlichen, freiheitlichen und gerechteren Welt gelangen” können.

Doch Janich verspricht vieles und hält nichts. Dafür kolportiert er wahnwitzige Verschwörungsmythen. Der Parteivorsitzende erfindet das ein oder andere Gespräch, fälscht den ein oder anderen Fakt und warnt vor dem ein oder anderem Politiker, den er zum Instrument einer angeblichen kommunistischen Weltverschwörung macht. Genug Stoff für einen „Triller”, denn mit einem Sachbuch oder gar mit einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung hat das Buch vom „Kapitalismuskomplott” nicht das Geringste zu tun.

Putzen und Kapitalismus

Schließlich hat der umtriebige Verschwörungsideologe nach eigenen Angaben noch nicht einmal ein Sachbuch verfasst, sondern ein Machwerk veröffentlicht, das er „Thriller” nennt. Daher verzichtet Janich auch auf den Gebrauch von Fußboten, „weil diese” angeblich „gerne übersehen werden”. Das macht es ihm einfach, sein wahnwitzige Theorien zu verbreiten, ohne sie in irgendeiner Form belegen zu müssen.

Janich definiert zum Beispiel den Kapitalismus als „Vertragsfreiheit”. Er leugnet die Totalität dieses gesellschaftlichen Systems, verneint die gesellschaftliche Ausbeutung, den Warenfetisch und die reaktionären Ideologie, die die kapitalistischen Gesellschaften Tag für Tag hervorbringen.

Dafür gibt Janich sich reichlich Mühe, den Kapitalismus als naturwüchsige Gesellschaftsform darzustellen, der aus „Putzfrauen” reiche Menschen macht. Es handele sich um eine „natürliche Ordnung”, die „eigentlich nur Freiheit” bedeuten würde, wenn denn der bösartige Leviathan Staat nicht wäre, den Janich als Einschränkung der kapitalistischen Gesellschaft begreift:

Ich werde später zeigen, wie eine ungelernte Putzfrau ohne Sprachkenntnisse komfortabel leben kann und im Alter sogar Millionärin wäre, würde der Staat nicht eingreifen.

Nun werden Menschen die ihre Arbeitskraft verkaufen und putzen gehen, im Alter nicht reich, können sich dafür aber an einem kaputten Rücken und anderen Schmerzen erfreuen. Doch derartige Folgen der Lohnarbeit werden vom Vordenker der „Partei der Vernunft” (PdV) ignoriert. Es ist sein spezifischer Blick auf die deutsche Realität, der das Buch wie ein roter Faden durchzieht. Mit dem Blick auf Hartz4-Empfänger_innen behauptet Janich zum Beispiel:

Sozialhilfe oder Hartz-IV-Empfänger haben ein geringes Interesse zu arbeiten, wenn sie auch ohne zu schuften Geld bekommen.

Wer einmal in den zweifelhaften Genuss dieser rudimentären Sozialleistungen gekommen ist, die gerade einmal ausreichen, um ein Leben am Rande der Gesellschaft zu fristen, dürfte diese Behauptung empören. Schließlich bedeutet Harz IV ein Leben in Armut. Janicht stigmatitisiert die Empfänger derartiger Sozialleistungen, auch wenn er einschränkt, dass nicht „alle diese Gruppen faul” seien. Doch solche Relativierungen verblassen angesichts von Sätzen, in denen Janich die Erwerbslosen als gesellschaftliche Schädlinge bezeichnet:

Der faule Arbeitslose schadet den fleißig Arbeitenden.

Ähnliches weiß Janich über Migranten zu berichten. Er hat kein Problem mit denjenigen, die seinem Ideal des Kapitalismus nützen, dafür aber mit Menschen, die nach Deutschland kommen und Sozialleistungen beziehen. Am deutschen Stammtisch des Oliver Janich klingt das dann etwa so:

Die eigentliche Ursache liegt darin, dass Menschen in unsere Sozialsysteme einwandern können und sich so gar nicht integrieren müssen.

Sein Ideal ist die kapitalistische Gemeinschaft, in der Gewerkschaften und Konzerne miteinander harmonieren. Erstere dürfen „Rechtsberatung, eine genossenschaftliche Versicherung oder andere Interessenvertretungen” anbieten, die Konzerne dürfen ihr kapitalistisches Zuckerbäckerland schaffen, indem weder Kündigungsschutz noch Mindestlöhne existieren, dafür aber Leih– und andere Formen der Lohnarbeit. Janich singt das hohe Lied der guten Konzerne, diese seien „von sich heraus sozial”.

Rothschild und Gorbatschow

Der Parteivorsitzende hat keine Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft. Schließlich macht er letztendlich einige einzelne Familien für die vermeintlichen Ungerechtigkeiten verantwortlich, die er zu erkennen glaubt.

Er knüpft an anti-amerikanische und antisemitische Verschwörungsmythen an. Janich gibt unter anderem der amerikanische Notenbank Federal Reserve (FED) die Schuld, dass die Menschen und auch der„ungelernte Arbeiter” noch nicht „im Schlaraffenland leben”. Schuld tragen „diejenigen Familien, die die amerikanische Notenbank durchgesetzt haben”.

Mit diesem verschwörungsideologischen Mythos macht Janich einzelne Bankiers-Familien verantwortlich. Hier agrumentiert der Vorsitzende der „Partei der Vernunft” wie jeder ordinäre Verschwörungsideologe, der von „Familien” munkelt, aber oftmals die Rothschilds und Rockefellers meint.

Janich beruft sich dabei auf einen weiteren Bestseller der Verschwörungsszene. Er zitiert zustimmend aus G. Edward Griffins Buch „Die Kreatur von Jekyll Island”. In Deutschland ist dieses Machwerk im rechten und esoterischen Kopp-Verlag erschienen. Griffin ist seit Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts ein Vordenker der antisemitischen John Birch Society.

Er macht in seinem Buch ganze sechs Familien für alle Ungerechtigkeiten des Kapitalismus verantwortlich. Sein antisemitischer Kolportagen-Roman befasst sich über weite Strecken mit der Rothschild-Familie, die er zum führenden Teil einer gigantischen Verschwörung macht.

„Sie” würden eine „verborgene Tagesordnung” umsetzen wollen. Ziel sei der „Welt-Sozialismus”. Griffin macht diese angebliche Verschwörung daher für kapitalistische Kriege und für staatskapitalistische Systeme wie die Sowjetunion verantwortlich. Außerdem hätten „sie”, mit Hilfe des„Erzkriminellen” Gorbatschow, die „Öko-Bewegung” geschaffen. Der Verschwörungsautor Janich scheint von diesem antisemitischen Verschwörungsbuch inspiriert worden zu sein, sein Buch liest sich über weite Strecken wie ein deutsches Plagiat des antisemitischen Machwerks.

JFK und Woody Harrelson

Ich werde in diesem Buch keine einzige Verschwörungstheorie verbreiten.

Der Vordenker der deutschen Libertären will mit seinem Buch zwar „keine einzige Verschwörungstheorie” verbreiten, doch er tut es. Penetrant propagiert Janich Verschwörungsmythen, die in seinem Milieu so ungeheuer beliebt sind. So behauptet Janich, dass John F. Kennedy durch die CIA ermordet wurde. Die Bush-Familie sei in das Attentat verwickelt.

Menschen, die dieser vollkommen haltlosen Behauptung widersprechen, werden als CIA-Agenten bezeichnet. So zum Beispiel der NBC-Journalist Edward Epstein. Janich muss auch hier jeden Beweis schuldig bleiben, deswegen beruft er sich aber auf namenlose Gesellen: „Laut vielen Top-Kennedy-Forschern ist Epstein ein CIA-Agent”. Janich spart sich jeden Beweis. Seine obskure Begründung klingt amüsant:

Die Hinweise sind so zahlreich, dass hierfür kein Platz ist, um sie abschließend behandeln zu können.

Dafür greift er eine Rede auf, die in der Verschwörungsszene umgedeutet wird, um die Existenzt der angeblichen Verschwörung zu belegen. Es handelt sich um eine Rede, die Kennedy im Jahr 1961 vor versammelten Journalisten hielt.

Hier warnte er vor einer „monolithischen und ruchlosen Verschwörung”, die mit „Unterwanderung” und mit „Guerillaangriffen” vorgehen würde. Kennedy knüpfte hier an antikommunistische Theorien an, die von einer großen kommunistischen Verschwörung ausgingen. Verschwörungsideologen benutzen diese antikommunistische Rede des John F. Kennedy, um die Behauptung aufzustellen, dass der damalige Präsident ganz allgemein vor einer Weltverschwörung gewarnt habe. Daher sei er ermordet worden.

Für Janich handelt es sich um eine Verschwörung des amerikanischen Geheimdienstes. So reißt Janich die Rede des John F. Kennedy aus dem Zusammenhang. Seine weiteren Quellen sind YouTube-Videos und „Oliver Stones Film JFK”, der zur wahnwitzigen Beweisaufnahme herangeführt wird:

Stones Hauptdarsteller in Natural Born Killers von 1994 war Woody Harrelson. Er ist der Sohn von Charles Harrelson, einem verurteilten Auftragskiller. Er soll der Charles Harrelson sein, der als einer der drei ‘Landstreicher’ am Tag des Kennedy-Attentats verhaftet wurde. Die drei waren höchstwahrscheinlich Teil des Plots.

Unfreiwillig amüsant ist auch Janichs Schilderung eines mega-geheimen Treffens, das in seinem Kopf entstanden ist. Er schildert ein geheimnisvolles Treffen von dreizehn „Illuminaten”, die den Klimawandel erfinden und nebenbei auf die Idee kommen, Flugzeuge in Wolkenkratzer fliegen zu lassen.

„Wie wär’s, wenn wir den Leuten einfach erzählen, es liege an der Industrialisierung. Ihr wisst schon: Mensch bläst Schadstoffe in die Luft, gleichzeitig wird’s wärmer, also ist der Mensch schuld”, sagt der Eine. Der Andere zweifelt: „Das schlucken die nie. Genauso gut könnte ich ein Flugzeug in einen riesigen Wolkenkratzer fliegen lassen und den Leuten erzählen, dass er dadurch in sein eigenes Fundament fällt.” Janich urteilt über sein Märchen, das er für das Buch erfunden hat:

So könnte es gelaufen sein.

Weltverschwörung und Google

Es sind die USA, die den Hass des Autoren erregen. Er die Praxis des Nationalsozialismus mit dem Vorgehen der amerikanischen Institutionen gleich:

Wie man heute noch die Parallelen zwischen Reichstagsbrand und 11. September sowie Ermächtigungsgesetz und Patriot Act übersehen kann, ist nur mit einem völligen Versagen der Medien zu erklären, zumal wir im Zeitalter des Internets leben.

Doch die Medien seien von alten „Kommunisten” und „Linksintellektuellen durchsetzt”. Außerdem würden „Desinformanten” den armen Janich und seine ideologischen Kumpanen mit „Desinformationstaktiken” bedrohen. Selbstverständlich macht Janich geheimnisvolle Hintermänner aus, die hinter dem Vorhang die Fäden ziehen.

Es seien „Globalisten”, „die eine Weltregierung anstreben”. Janich konstruiert hier eine kleine, geheime Gruppe, die an einer „Neuen Weltordnung” arbeiten würden. Beweise muss Janich schuldig bleiben. Stattdessen empfiehlt er eine Suchmaschine:

Wenn Sie ‘Neue Weltordung’ oder ‘New World Order (NWO)’ googeln, finden Sie unzählige Zeitungsberichte, in denen geschildert wird, wie Bush (Vater und Sohn), Obama, Merkel, Brown und viele andere an der Neuen Weltordnung arbeiten oder arbeiteten.

Tatsächlich finden sich, wenn man Janichs Ratschlag befolgt, hunderte Internetseiten der Verschwörungsszene, auf denen ähnliche Märchen kolportiert werden. Wo die Internetseiten der Verschwörungsszene als Quelle dienen, sind Verfälschungen und Umdeutungen nicht weit. So behauptet Janich zum Beispiel:

Den exakten Terminus ‘Neue Weltordung’ haben meines Wissens (…) bisher nur George Bush sen. und Gordon Brown in den Mund genommen.

Würde der Verschwörungsideologe auch einmal andere Internetseiten besuchen, könnte er wissen, dass die Phrase von der „Neuen Weltordnung” bereits nach dem Ersten Welkrieg populär wurde.

Darth Vader und die Grünen

Die kleine Truppe, die anscheinend relativ erfolglos die „Neue Weltordnung” anstrebt, setzt sich nicht nur aus bekannten amerikanischen Politikern zusammen. Janich behauptet, dass diese geheime Gruppe von einem schwarzen Lord geführt werden würde: Der Bankier David Rockefeller sei „der ‘Darth Vader’ der Neuen Weltordnung”. Außerdem würden verschiedene Think-Tanks existieren, die alle an der großen Weltverschwörung beteiligt wären. Janich nennt etwa den amerikanischen „Council on Foreign Relations”(FER).

Hier beruft sich der Verschwörungsideologe auf einen anderen Verschwörungsideologen: Die Propagandisten von Verschwörungsmythen berufen sich eben gerne auf andere Propagandisten, die ganz ähnliche Märchen propagieren. So werden Pseudo-Beweise geschaffen: Die eigene Ideologie wird mit den Groß-Konstruktionen anderer Verschwörungsideologen belegt.

In diesem Fall beruft sich Janich auch auf den amerikanischen Nationalisten Alex Jones, der mit seiner verschwörungsideologischen Radiosendung und seinen Pseudo-Dokumentationen die Ideen der „Truther” und „Birther” propagiert. Zur riesigen Weltverschwörung gehören für Janich außerdem weitere Think-Tanks, Barack Obama, die „Bilderberg-Konferenz”, die deutschen Grünen und die Pharma-Industrie.

AIDS und „Illuminati” 

Vielleicht bewirbt Janich daher andere Machwerke der Verschwörungsszene. Er behauptet zum Beispiel, dass das „Wissen um alternative, natürliche Heilmittel – insbesondere für Krebs – (…) unterdrückt” werden würde, damit „Big Pharma” mehr Profite generieren könne. Außerdem versucht sich Janich als AIDS-Leugner:

Aids soll durch Hepatitis-B-Impfungen in Afrika und San Francisco in Umlauf gekommen sein.

Hier kolportiert Janich ein Märchen, das in der Verschwörungsszene durchaus beliebt ist. Er beruft sich dabei auch auf Ted Gunderson, der von Janich als „ehemalige FBI Direktor von Los Angeles” eingeführt wird.

Ted Gun­der­son, der an die­ser Stelle ein wich­ti­ger Kron­zeu­ge ist, glaubt im Übrigen an die „Ent­füh­rung von vie­len Tau­sen­den von ame­ri­ka­ni­schen Kin­dern zum Zweck der Pro­sti­tu­ti­on, der Por­no­gra­phie, für ex­pe­ri­men­tel­le High­tech­waf­fen, Ge­dan­ken­kon­troll­miss­brauch, Kin­der­skla­ven­ar­beit für un­ter­ir­di­sche Stütz­punk­te, weiße Kin­der­skla­ve­rei“ und sa­ta­ni­sche Ri­tu­al­mor­de. Als Täter hat Gun­der­son den ame­ri­ka­ni­schen Ge­heim­dienst CIA aus­ge­macht, die im Auf­trag von “ in­ter­na­tio­na­len Sa­ta­nis­ten – als das Il­lu­mi­na­ti be­kannt – han­deln“. Dies ist nur einer der Kronzeugen aus dem Verschwörungsmilieu, die Oliver Janich bemüht.

Carlos und Kissinger

In seinem Buch macht Janich, mit Hilfe anderer Kronzeugen, außerdem noch weitere Hintermänner aus: Der Terrorist Ilich Ramírez Sánchez (Carlos, der Schakal) und Henry Kissinger seien ein Teil der Weltverschwörung. Janich spricht davon, dass sie Mitglieder des sowjetischen Geheimdienstes KGB gewesen seien.

Kissinger sei nicht nur ein altgedienter KGB-Mann, sondern auch noch „der Pate der Bilderberger und der Neuen Weltordnung”. Beweise muss Janich natürlich auch hier schuldig bleiben. Es bleibt bei Mythen und Märchen, mit denen die große Weltverschwörung konstruiert wird.

Bilderberger, Rockefeller, Obama, Adorno und der KGB sowie die deutschen Grünen werden fröhlich zusammengemixt: Heraus kommt die kommunistische Weltverschwörung, an der auch ZDF-Anchorman Claus Kleber beteiligt sein soll. Nach langen Tiraden behauptet Janich:

Wir werden später noch sehen, dass sie tatsächlich echte Kommunisten sind, nicht nur in der Theorie.

Die kommunistische Weltverschwörung

Um die angebliche kommunistische Mega-Verschwörung zu belegen, beruft sich Janich — mal wieder — auf einen anderen Verschwörungsautoren. Janich empfiehlt die antikommunistischen Machwerke des Torsten Mann, der „die beiden wichtigsten Bücher der letzten Jahre geschrieben” hätte. Es handelt sich um Bestseller der Verschwörungsliteratur, die ebenfalls im rechtsesoterischen Kopp-Verlag erschienen sind.

Torsten Mann konstruiert ebenfalls die kommunistische Weltverschwörung. Er scheint durch eine Episode der Simpsons inspiriert, in der der Fall der Mauer und der Untergang der Sowjetunion als perfider Plan der Kommunisten dargestellt wird. Was bei den Simpsons noch ein Gag war, ist bei Torsten Mann trauriger Verschwörungswahn, dem auch Janich verfallen ist:

Der Fall der Mauer, die Auflösung des Warschauer Pakts und die scheinbare Demokratisierung des Ostens sind Teil einer Langfriststrategie, deren Ziel darin besteht, eine kommunistische Weltordnung zu errichten, was von jeher der Plan war.

Janich behauptet, dass „alle im Bundestag vertretenen Parteien kommunistisch unterwandert” seien. Er lässt die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts wiederaufleben und spricht „von einer direkten Steuerung aus Moskau”.

Von dort habe man die „Achtundsechziger-Bewegung” gesteuert und dort sei auch die kritische Theorie erfunden worden: „Der Ansatz: Alles sollte kritisiert werden, ohne Lösungsansätze zu bieten. So sollte die Unzufriedenheit der Bevölkerung geschürt werden, die diese auf den Kapitalismus schieben sollte”.

Später habe Moskau „die Friedensbewegung und die Anti-Atomkraftbewegung aufgebaut” und dann sogar noch die „Perestroika” erfunden, um das „langfristige Ziel”, den Kommunismus, zu erreichen. Die „Globalisten des Westens und des Ostens” hätten sich zusammengeschlossen: Ihr Ziel sei die faktische Zerstörung Deutschlands. So reproduziert der Parteivorsitzende, dessen Partei mal mit den Piraten und mal mit der NPD marschiert, rechte Verschwörungsmythen über die angebliche Weltverschwörung:

Heute wissen wir, dass der Student Benno Ohnesorg 1967 von einem Stasi-Mann ermordet wurde. Wichtige Leute aus der damaligen Bewegung haben heute Schlüsselpositionen in Politik und Wirtschaft inne.

IM-Merkel und IM-Brandt

Ein weiterer Agent dieser konstruierten Weltverschwörung sei Willy Brandt gewesen. Der ehemalige Bundeskanzler hatte während des Nationalsozialismus unter falschem Namen leben müssen. Für Janich ist dies Anlass genug, um zur Denunziation zu greifen: „Falsche Identitäten anzunehmen scheint ihm gelegen zu haben”, urteilt Janich über Brandt.

Außerdem stellt Janich die verschwörungsideologische Theorie auf, dass Brandt in Wirklichkeit ein Agent des KGB gewesen sei. Beweise muss er natürlich auch hier schuldig bleiben, es bleibt bei der Behauptung, dass der Kanzler „offensichtlich im Interesse der Stasi” gehandelt habe. Die Parolen von Nationalsozialisten, die den „Volksverräter” und „Stasi-Spitzel” in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts am liebsten an die Wand gestellt hätten, erleben auf diese Weise eine verschwörungsideologische Wiederkehr.

Brandt ist nicht der einzige bürgerliche Politiker, dem Janich eine Agenten-Tätigkeit andichtet. Er behauptet auch, dass Hans Dietrich Genscher in Wirklichkeit ein Stasi-Mitarbeiter gewesen sei. Ähnliches kolportiert Janich mit dem Blick auf Gregor Gysi und Angela Merkel. Bei Gysi konstatiert Janich eine„Stasi-Verdacht”, bei Merkel möchte er „weitere Hinweise auf eine mögliche Stasi Tätigkeit” entdeckt haben. Schließlich kennt Janich die Internetseiten der Verschwörungsszene, auf denen derartige Märchen kolportiert werden. Janich konstatiert:

Im Internet wird auch spekuliert, dass sie ihre eigenen Stasi-Akten und die ihres Vaters aufbewahrt.

Zentrale in Moskau

Die Gründung der Grünen führt Janich ebenfalls auf das geheimnisvolle und mächtige Moskau zurück. Er verschweigt die Beteiligung von deutschnationalen Hippies und von ebenso deutschnationalen Alt-Nazis. Dafür behauptet er:

Aus Moskau erging seinerzeit Order an die kommunistischen Kader, in die Grüne Partei einzutreten.

Beweise oder gar eine Quellenangabe sucht man hier ebenfalls vergeblich, dafür schmeißt Janich — mal wieder — einige Namen in den Raum:

Die spätere grüne Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer engagierte sich in der KPD/AO-nahen ‘Liga gegen den Imperialismus’, der spätere Vorsitzende Reinhard Bütikofer hat eine Vergangenheit in den kommunistischen Hochschulgruppen und dem maoistischen KBW, Jürgen Trittin war Mitglied im Kommunistischen Bund.

Dabei verschweigt Janich, dass die von ihm benannten K-Gruppen rein gar nichts mit der Politik der Sowjetunion anzufangen wussten. Ganz im Gegenteil sprachen sie vom „Sozialimperialismus” oder gar vom „Sozialfaschismus” der Sowjetunion.

Sie übernahmen oftmals die sogenannte Drei-Welten-Theorie der Maoisten. Diese Theorie, die 1974 von Deng Hsiao-ping formuliert wurde, geht davon aus, dass die Supermächte UdSSR und USA die erste Welt bilden, wobei die Sowjetunion als die aggressivere politische Macht eingeschätzt wurde, von der die Gefahr eines neuen Weltkriegs ausgehen würde. Diese Einschätzung ging mit einem aggressiven und positiven Deutschland-Bezug einher.

In den 80er Jahren lösten sich einige K-Gruppen auf, sie waren am Rande der Handlungsunfähigkeit. Einzelne Partei-Kader suchten ihr Heil in der Umweltbewegung, aus der die Grünen als Partei hervorgingen. Mit einer Verschwörung haben diese Ereignisse allerdings nichts zu tun. Oliver Janich verschweigt derartige Tatsachen und die Motivation der Partei-Kader. Stattdessen erfindet er einen Befehl der „Globalisten”, deren heimliche Haupstadt Moskau zu sein scheint.

Traum vom Reich

Bei soviel Verschwörungsmythen verwundert es dann auch nicht mehr, dass Janich an Theorien anknüpft, die durch die rechten „Reichsbürger” vertreten werden. Diese behaupten, unter anderem mit dem Blick auf den Personalausweis, dass die Bundesrepublik in Wirklichkeit kein Staat, sondern eine Firma der Alliierten darstellen würde.

Sie sprechen von der „BRD-GmbH” und behaupten, dass das „deutsche Reich” noch existieren würde. Daher schaffen sich „Reichsbürger” fantasievolle Ersatzdokumente und Pseudo-Institutionen. Mehrere „Reichskanzler” konkurieren miteinander, es gibt verschiedene „Reichsregierungen”, die von einem Deutschland in den Grenzen von 1941 träumen. Janich kritisiert zwar die Praxis der Reichsbürger, begeistert sich aber für deren Theorien:

Es spricht juristisch manches dafür, dass es sich bei der Bundesrepublik um eine Art Nichtregierungsorganisation (NGO) handelt, der Sie durch Beantragung eines Personalausweises (müsste eigentlich Personenausweis heißen) unwissentlich beigetreten sind. Bei der Gelegenheit: Schauen Sie sich Ihren Personalausweis einmal genauer an (…). Die Existenz der im Internet berühmten BRD GmbH ist ein weiteres Indiz.

Verschwörungsschrott

Janichs Machwerk ist ein verschwörungsideologisches Pamphlet, voller Verfälschungen und Umdeutungen, um die angebliche Mega-Verschwörung der Kommunisten aus Moskau zu belegen. Dabei nutzt er die Machwerke anderer Verschwörungsideologen oder empfiehlt die ein oder andere Internetseite des Verschwörungsmilieus. Fakten wird man in diesem Buch allerdings nicht finden. Der „Kapitalismuskomplott” ist ein wahnwitziges und antikommunistisches Pamphlet. Es handelt sich um Verschwörungsschrott in Buchform, von dem man nur abraten kann.

Oliver Janich appelliert am Ende seiner schriftstellerischen Tirade an seine geneigten Leser: Sie sollen das Buch weitergeben und den neuen Kunden „an einen Stuhl” binden, „bis Sie es gelesen haben”. Anders ist das Machwerk des Verschwörungsideologen auch kaum zu ertragen.

Oliver Janich: „Das Kapitalismus-Komplott: Die geheimen Zirkel der Macht und ihre Methoden”. Erschienen im FinanzBuch Verlag.

Wahlschlappe

Ganze ‎6.348 Wähler_innen wählten am 13.05.2012 in Nordrhein-Westfalen die „Partei der Vernunft” (PdV). Mit diesem Ergebnis unterbot die verschwörungsideologische Partei sogar das Satire-Projekt „Die Partei”, das immerhin von 23.032 Wähler_innen favorisiert wurde.

Die „Partei der Vernunft” leistet sich nicht nur einen Verschwörungsideologen als Parteivorsitzenden, sondern auch einen Reichsbürger und Holocaustleugner als Werbefigur.

Der Parteivorsitzende Oliver Janich leugnet den islamistischen Terror des 11. September 2001. Er mobilisiert zu Aufmärschen der selbsternannten „Truther” und „Infokrieger” und wirbt auf den Veranstaltungen dieses Milieus für seine Partei. Als Autor schreibt er unter anderem für den rechts-esoterischen Kopp-Verlag, indem Eva Herman und andere Gestalten eine Heimat gefunden haben.

Die Werbefigur Marco Wüst wird in einem offiziellen Video als einfaches Parteimitglied vorgestellt, dabei hat er die Kleinpartei mittlerweile wieder verlassen und organisiert nun Veranstaltungen für rechte „Reichsbürger”. Bis heute hat sich die„Partei der Vernunft” nicht von ihrer Werbefigur distanziert, das Video ist nach wie vor über den offiziellen Partei-Account des niedersächsischen Landesverbandes zu finden.

Während des Wahlkampfes versuchte die „Partei der Vernunft” ganz populistisch die FDP zu beerben und machte gegen den Euro mobil. „Als schnelle Zwischenlösung” dachte der Parteivorsitzende Janich über die Wiedereinführung der Deutschen Mark nach. Zwischendurch verteilte man Kuchen in den Innenstädten des Ruhrgebiets und produzierte ein Wahlvideo, indem mit kleinen Kindern an das Gewissen der wählenden Eltern appelliert wurde.

Der Spitzenkandidat Die­ter Audehm ließ sich von der verschwörungsideologischen Internetplattform „Infokrieg.tv” interviewen, in den Sendungen dieser Seite werden ansonsten die Morde des Anders Behring Breivik und die des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) umgedeutet. Unterstützung gab es aber auch durch die rechts-konservative Internetseite „Eigentümlich Frei”. Dort wurde die „Partei der Vernunft” als „Wahlalternative” beworben, während darüber gejammert wurde, dass die verhassten „Mittelstrommedien” nicht über die Partei, dafür aber „über Viertligaspiele im Frauenfußball” (!) informieren würden.

Genutzt hat es wenig. Mit den ‎6.348 Stimmen (0,1 %) reichte es nur für das schlechteste Ergebnis aller antretenden Parteien. Die verschwörungsideologische Truppe rangiert abgeschlagen hinter der christlich-fundamentalistischen AUF und den Freien Wählern.

Die Wahlschlappe wird allerdings nicht eingestanden, dafür blühen Verschwörungsmythen und Durchhalteparolen. Die Partei habe sich „einer gigantischen Herausforderung gestellt und dabei viel gewonnen”, behauptet der Partei-Kader Martin Moczarski ganz „erschöpft” auf der offiziellen Facebook-Seite des Landesverbandes. Um ein drohendes Auseinanderfallen der Parteistrukturen zu verhindern, wählt er einen kriegerischen Tonfall. Es müsse eine„Schlacht geschlagen” geschlagen werden:

Nicht im Internet, nicht auf Facebook wird die Schlacht geschlagen, sondern da draussen: Vor den Haustüren, auf den Bürgersteigen, in den Fussgängerzonen. Jeder einzelne von Euch wird dafür gebraucht.

Auf der Internetseite „Infokrieg.tv” findet sich außerdem eine offizielle Erklärung:

Die Partei der Vernunft wird den eingeschlagenen Weg konsequent fortsetzen, im Interesse unseres Landes und unserer aller Freiheit.

Unter dieser Erklärung, die zuerst auf dieser verschwörungsideologischen Plattform veröffentlicht wurde, finden sich außerdem zahlreiche Kommentare der Leser_innen, die sich dort mit der Wahlschlappe der Partei beschäftigen.

Dort schreibt zum Beispiel der Verschwörungsideologe Hans Kolpak, der in der Vergangenheit als „Pressesprecher” der „Partei der Vernunft” auftrat und im Parteivorstand saß. Auf seiner eigenen Internetseite wird die deutsche Kriegsschuld am zweiten Weltkrieg als „Lüge um Deutschland” bezeichnet. „Was soll die Holocaustreligion verbergen”, fragt dieser antisemitische Verschwörungsideologe und macht die „Zionisten” und die „Machenschaften ihrer Neocon-Agenten” für die angebliche Religion verantwortlich. Auf der Internetseite „Infokrieg.tv” liefert Kolpak wiederrum eine Erklärung für die Wahlschlappe der„Partei der Vernunft” (PdV): Es sei die Dummheit der Wähler_innen, sie hätten die „zumeist korrekten Inhalte nicht erfassen” können.

Andere Parteikader greifen auf Verschwörungsmythen zurück, um die Wahlschlapppe zu verklären. Da wäre zum Beispiel Igor Ryvkin, der als offizielles Mitglied des „Presseteams” Wahlkampf betrieb. Er deutet die Niederlage zum gigantischen Wahlbetrug um. Es sei „seltsam”, wo die Stimmen der Partei-Wählerinnen„abgeblieben sind”, schreibt Ryvkin. Der zweite Vorsitzende der „Sektion Ruhrgebiet” möchte „das Ergebnis der NRW Wahl noch untersuchen”.

Mit martialischen Durchhalteparolen und dem Verschwörungsmythos vom Wahlbetrug dürften die Partei-Kader zusammengehalten werden. Die Partei des Verschwörungsideologen Oliver Janich wird den Wähler_innen also erhalten bleiben. Bei den nächsten Landtagswahlen dürften wieder einige tausend Stimmen und damit 0,1 % möglich sein. Die Stimmen von „Truthern” und „Infokriegern” ermöglicht noch lange keinen Wahlerfolg. Daher ist eines ziemlich sicher: Die nächste Wahlschlappe kommt bestimmt.

Partei des Verschwörungsideologen

Am 13. Mai 2012 wird in Nordrhein-Westfalen gewählt. Außer den bekannten Parteien treten auch verschiedenere kleinere Parteien an. Um Stimmen buhlt die „Familien-Partei Deutschland”, die sich im anti-feministischen Jargon gegen „Aktivisten des Gender Mainstream” ausspricht und nach eigenen Angaben weder „weder cool noch sexy” ist.Im Saarland kam das gut an. 1,7 Prozent der Wähler_innen machten ihr Kreuz bei der „Familien-Partei”, die damit sogar die FDP übertrumpfte. Am 13. Mai  erhofft sich die Partei ganz ähnliche Ergebnisse.

Davon träumt allerdings auch eine weitere Partei. Die „Partei der Vernunft”(PDV) möchte am liebsten das Erbe der FDP antreten. Dabei hofft sie auf die Stimmen von Verschwörungsaktivist_innen und neoliberalen Kleinbürger_innen. Die kleine Partei, zu deren Wahlparteitag gerade einmal 31 Mitglieder erschienen, buhlt außerdem um die Unterstützung von Europa-Hasser_innen, deutschen Pazifist_innen und Antikommunist_innen.

Die Gruppierung wurde am 30. Mai 2009 in Hambach gegründet. Die Idee stammte vom Parteigründer und Bundesvorsitzenden Oliver Janich, der zu dieser Zeit als Autor für den „Focus-Money” arbeitete. Dort schrieb er gegen den „Klimaschwindel” an und veröffentlichte ein großes Spezial, mit dem die Ideen der Verschwörungsszene beworben wurden. Hier ging es um die Umdeutung der Ereignisse des 11. Septembers 2001. In einer seiner weiteren Kolumnen drohte er auch mit der Gründung einer „Partei der Vernunft”, die er in mehreren Ausgaben des Focus-Ablegers bewarb, bis die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelte, weil er Aktien von mindestens einem Start-up-Unternehmen angepriesen und so mitgeholfen haben soll, den Kurs nach oben zu treiben.

Seit der Parteigründung ist Janich vor allem als Bundesvorsitzender aktiv. Seine Theorien bewirbt der umtriebige Parteivorsitzende unter anderem auf den Veranstaltungen der „Truther” und „Infokrieger”. Im letzten Jahr war er Teilnehmer einer Veranstaltung gegen das „Bilderberger”–Treffen in der Schweiz. Dort saß er gemeinsam mit dem Querfrontler Jürgen Elsässer auf der Bühne, um die Verschwörungsfans mit Verschwörungsmythen zu begeistern.

Janich ist ein gefragter Interview-Partner für die verschwörungsideologische Internetseite „Infokrieg.tv”. Auf dieser Internetseite werden die Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds” ebenso umgedeutet wie der mörderische Terror der al-Qaida. Der Terror wird dort zum „Inside Job” staatlicher Institutionen gemacht. Vom „Inside Job“ ist auch Janich überzeugt, deswegen mobilisierte er mit einem Online-Aufruf zu einem Aufmarsch von Anti-Amerikaner_innen, die zum zehnten Jahrestag der Anschläge des 11. September 2001 durch Karlsruhe marschierten.

Diese Positionierung des Parteivorsitzenden findet sich auch im aktuellen Parteiprogramm der „Partei der Vernunft”. Dort wird eine „unabhängige Untersuchung der Ereignisse vom 11. September“ sowie „eine Gerichtsverhandlung vor einem unabhängigen Gericht“ gefordert.  Es handelt sich um eine zentrale Forderung der „Truther“ und „Infokrieger“, die im Programm dieser Partei zu finden ist. Kein Wunder, dass sich auch einige bekanntere Verschwörungsaktivisten für die kleine Partei engagieren. Da wäre zum Beispiel „Kilez More“, der am  24. November 2011 auf einer Parteiveranstaltung in München auftrat. Dieser Verschwörungsrapper reimt, zur Freude der Partei-Mitglieder, über „Iluminaten“, die für ihr „Volk” an einer„Weltregierung“ arbeiten würden.

Im Parteiprogramm finden sich nicht nur verschwörungsideologische Forderungen. Die „Partei der Vernunft“ steht für die totale Abschaffung des verbliebenen Sozialstaats. Die Partei fordert einen „vollständig flexibilisierten Arbeitsmarkt“ und eine „Aufhebung des Kündigungsschutz“. Die Rente soll abgeschafft werden. Die Bürger_innen sollen sich „privat gegen alle Unglücke des Lebens und für das Alter abzusichern“, heißt es im Parteiprogramm.

Migrant_innen soll das Leben in Deutschland weiter erschwert werden. Diese sollen „erst nach zehn Jahren Arbeit“ die deutsche Staatsangehörigkeit erwerben können und auch erst dann durch die Sozialsysteme berücksichtigt werden. Außerdem spricht man sich gegen bestimmte Kriegseinsätze aus. Das Ziel ist offensichtlich: Auf diese Weise sollen friedensbewegte Deutsche und andere Anti-Amerikaner_innen von den Zielen der Partei überzeugt werden. Auf dem „Friedensfestival” im Jahr 2011 polemisierte der Parteivorsitzende Janich auf dem Alexanderplatz in Berlin Agegen amerikanische Kriege und „Geldverleiher”, die bereits von Jesus aus dem Tempel geworfen worden wären.

Im Parteiprogramm und in den Reden des Verschwörungsideologen Oliver Janich lassen Thesen entdecken, die an die strukturell antisemitische „Zinskritik“ eines Silvio Gesell und die „libertäre”Propaganda des Ron Paul erinnern. Im Parteiprogramm wird von der „Geldschöpfung der Geschäftsbanken aus dem Nichts“ geschrieben und vor einem „ungedeckten Papiergeldsystem“ gewarnt. Stattdessen will sich die Partei für „alternative Geldsysteme wie die Regiogelder“ einsetzen.

Dazu passt die paranoide Angst vor dem Euro. Die Partei organisierte mehrere Kundgebungen gegen den „Euro-Wahn“. In Berlin marschierten Parteimitglieder unter anderem am 14. Mai 2011 vor dem Reichstag auf. Als Redner war der verschwörungsideologische Querfrontler Jürgen Elsässer eingeladen worden, der „Linke“, „Rechte“ und„Religiöse“ zu einer großen deutschen Gemeinschaft vereinen möchte. In seiner Rede warnte Elsässer vor einer „Diktatur der Kommissare“.

Die „Partei der Vernunft“ (PDV) sieht in der Europäischen Union gar eine drohende „EUdSSR“ und macht mit derartiger antikommunistischer Paranoia eine anti-europäische Politik. Dies geschah zum Beispiel auf der 26. Mitgliederversammlung der AUNS („Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz“). Dort sprach sich das PDV-Bundesvorstandsmitglied Norbert Geng gegen die angeblich drohende „EUdSSR“ aus. Seine Brandrede wurde vom AUNS-Vorsitzenden Pirmin Schwander eifrig beklatscht. Dieser sitzt außerdem für die rechtspopulistische „Schweizer Volkspartei“ (SVP) im Nationalrat, er trat im auf einer Veranstaltung gegen die „Bilderberg-Konferenz“ auf, die unter anderem von der antisemitischen Internetseite „Alles Schall und Rauch“ organisiert wurde.

Der Landtagswahlkampf in Nordrhein-Westfalen muss allerdings ohne derartige prominente Unterstützung auskommen. Es sind die fünf Listenkandidat_innen und einige Partei-Kader, die den Wahlkampf der „Partei der Vernunft“ unterstützen, ein Wahlprogramm wurde bisher nicht veröffentlicht. Auf Listenplatz Eins tritt der Unternehmensberater Dieter Audehm an. Um sich die Stimmen der „Truther“ und „Infokrieger“ zu sichern, gab er dem Internetportal „Infokrieg.tv“ ein ausführliches Interview. Dieses Interview für die Verschwörungswebsite wird nun über die Homepage des Landesverbandes verbreitet. Ansonsten wird die Kandidatur des Dieter Audehm vor allem über soziale Netzwerke beworben, ganze 45 Personen begeistern sich dort zur Zeit für den Spitzenkandidaten.

Über die anderen Landtagskandidat_innen ist noch weniger bekannt. Der Wahlkampf wird vor allem über eine mehr als unpersönliche Facebook-Seite geführt. Außerdem wurde ein Wahlwerbespot finanziert, der die Wähler_innen mit kleinen Kindern umwirbt. Auf der Facebook-Seite findet sich eine der wenigen inhaltlichen Positionierungen.

Die Seite veröffentlichte eine Rede des Dieter Ber, der zumindest zeitweilig im Bundes– und im Landesvorstand der Partei aktiv war. Ber stellte die Behauptung auf, dass im Bundestag „Pläne geschmiedet“ würden, die ihn an die „Planwirtschaft der Kommunisten“ erinnerten und warnte im antikommunistischen Jargon vor einer „ökoszialistischen, planwirtschaftlichen Wohlfühldiktatur“. In der „Klimapolitik“ sah er „Blasphemie und Götteslästerung“, für die Klimaerwärmung machte er Vulkane verantwortlich. Ber behauptete, dass es eine „langfristige Strategie der Kommunisten“ gebe, mit denen alle anderen Parteien unterwandert werden würden, die einzige Alternative sei die „Partei der Vernunft“.

Mit anti-europäischen, verschwörungsideologischen und antikommunistischen Forderungen wird nun auf Stimmenfang gegangen. Es werden auch „Truther“ und „Infokrieger“ sein, die am 13. Mai ihr Kreuz bei der „Partei der Vernunft“ machen werden. Die Partei hofft auf einen Achtungserfolg, auf den sie aufbauen kann. Ob dieser Wunsch allerdings in Erfüllung geht, wird sich erst in wenigen Wochen zeigen.

Der Querfrontler und der Occupy-Aktivst

Nun hat sie also stattgefunden. Die Veranstaltung des Querfrontlers Jürgen Elsässer, der „Linke, Rechte“ und „Religiöse“ zu einer großen Gemeinschaft vereinen möchte, ging am 03.11.2011 im Viethaus in Berlin Mitte über die Bühne. Neben Elsässer und seinem Kompagnon, dem Verschwörungsideologen Oliver Janich, saß auch ein Vertreter von Occupy-Berlin auf dem Podium, um die „Bewegung der Empörten“ zu bewerben.

Eigentlich wollte der Occupy-Aktivist Florian Raffel, der sich als „Presseansprechpartner“ präsentiert, auf dem Podium sitzen, doch der hatte „aus Zeitgründen“ abgesagt und diese Absage mit einer Einladung an den Querfrontler verbunden:

ich möchte hiermit Abstand nehmen, an Ihrer Po­di­ums­dis­kus­si­on teilzunehmen. Ich bin in Arbeitsgruppen so ein­ge­bun­den, dass ich lei­der zeit­lich kür­zer tre­ten muss und bis auf wei­te­res erst­mal keine Zeit für wei­te­re In­ter­views habe. (…) Bitte neh­men Sie di­rekt Kon­takt mit der Asam­blea auf. Täg­lich um 17 Uhr und spre­chen Sie di­rekt zur Grup­pe.

Vor der Veranstaltung war es innerhalb der Occupy-Gruppe zu einer Debatte über Jürgen Elsässer gekommen. Die meisten Teilnehmer dieser Diskussion, die sich im E-Mail-Verteiler der Occupy-Gruppe zu Wort meldeten, erklärten ihre Sympathien für den Querfrontler: „Die ‚Rechtskeule‘ scheint immernoch ein geeignetes Instrument um zu verunglimpfen“, erläuterte ein Teilnehmer. „Der soll doch einfach mitmachen“, forderte ein anderer. „Auch wir haben Überschneidungen mit den Zielen der Nazis“, wurde von einem Occupy-Aktivisten, der „kritisch und tollerant“ bleiben wollte, festgestellt. „Laß die Rechten kommen, ich rede mit jedem“, lautet seine Schlussfolgerung.

Ein weiterer Teilnehmer schrieb ein langes Pamphlet. Dort warnte er vor einer „tatsachenverdrehenden und polemischen antideutschen zugewandten Berichterstattung“, er wolle weiterhin „kritische fragen zu 9/11″ stellen und sich mit „angeblichen Pseudowissenschaften“ beschäftigen. Ein anderer Teilnehmer fühlte sich unterdessen von Verschwörungsfreaks umgeben: „Ich bin mir natürlich bewusst, dass es in der Occupy-Bewegung (…) einen nicht zu vernachlässigenden Anteil von Verschwörungstheorie-Alles-Schall-und-Rauch-Truther-Inside-Job-Propagandafront-Infokrieg-Ron-Paul-Spinnern gibt“, klagte er.

Prompt fühlte sich ein weiterer „Occupy“-Aktivist zu einem Outing berufen: „Ich vertrete diese und jene Theorie einer Verschwörung“, schrieb er stolz. Ein anderer Teilnehmer warnte vor „Hetze in der Mailinglist“ und empfahl die Szene-Seiten des verschwörungsideologischen Milieus zur Informationsbildung. Außerdem verteidigte er den Nationalismus dieses Mileus: „Nationalismuss ist kein verbrechen. Das hat mit Ängsten und Werten zu tun“, schrieb er. Nach diesen Zuwortmeldungen wurde die Debatte auf der Mailingliste beendet.

Daher war es wirklich nicht verwunderlich, dass am 03.11.2011 ein Occupy-Aktivist neben Oliver Janich und Jürgen Elsässer auf der Bühne saß, um seine „Bewegung“ zu bewerben. Für Occupy-Berlin saß Bastian Menningen auf dem Podium, der vom Querfrontler Elsässer als Aktivist beworben wurde, „der auch immer vor dem Reichstag und bei anderen Aktionen dabei ist“.

Außer diesen Personen saß Karl Feldmeyer auf der Bühne, ein „eher konservativ gestrickter Zeitgenosse“, der Mitinitiator der Seite „Abgeordneten-check.de“ ist. Der gelegentliche Autor der „Jungen Freiheit“ kam als erster zu Wort und feierte prompt den CSU-Rechtsaußen Peter Gauweiler, für den er „besondere Achtung“ empfinden würde. „Der ist tot, es sei denn er schafft es, Parteivorsitzender zu werden“, orakelte Feldmeyer. Außerdem fürchtete er sich vor einem angeblichen „Masterplan“, der einen „europäischen Zentralstaat“ mit einer „anonymen Kommission“an der Spitze hervorbringen würde,

Nun durfte Oliver Janich, Vorsitzende der Partei der Vernunft (PdV), seine Organisation bewerben. Elsässer ist ein gern gesehener Redner auf den Kundgebungen der Partei, die in den verschwörungsideologischen Kopp-Nachrichten begeistert beworben werden. In deren Par­tei­pro­gramm wird eine „un­ab­hän­gi­ge Un­ter­su­chung der Er­eig­nis­se vom 11. Sep­tem­ber“, der „Ausstieg aus dem Euro“und die „Abschaffung der Eu­ro­päi­schen Union“ gefordert.

Janich berief sich auf die Ideen des Ron Paul, auf die Tea-Party-Bewegung und bewarb seine Organisation, die nach dem angekündigten„Zusammenbruch“ mit den „richtigen Rezepten“ zur Machtübernahme bereit sei:

Unser Ziel ist bis 2013 gemütlich in den Bundestag mit 5,1%, dann bricht es zusammen und dann in der nächsten Wahl 50%, das ist der Plan.

Nach diesen Ausführungen kam Bastian Menningen für die Occupy-Bewegung zu Wort. Er bewarb in seinem Beitrag den Occupy-Ableger aus Berlin. Seine politische Sozialisation habe er dem „Compact“-Magazin des Jürgen Elsässer zu verdanken, sagte er. Im „Compact“-Magazin finden sich verschwörungsideologische, nationalistische und homophobe Artikel. „Schulfach Schwul“ lautete eine Schlagzeile beispielsweise. In der aktuellen Ausgabe wird vor dem „Klimaschwindel“ gewarnt. Außer der „Compact“-Lektüre und einer Joseph Fischer Biographie habe er sich nicht näher mit politischen Themen befasst, sagte Menningen. Elsässer wird es gefreut haben.

Gemeinsam wurde nun von der Rückkehr zur Deutschen Mark geträumt. Später kam es zu Debattenbeiträgen aus dem Publikum: „Wir müssen uns darüber klar werden, wer hier der Feind ist“, sagte ein Besucher der Veranstaltung dort ins Mikrofon. Er meinte die USA, was mit Beifall bedacht wurde.

Viel mehr gibt es über die Werbeveranstaltung für das „Compact“-Magazin, für die „Partei der Vernunft“ , für die Deutsche Mark und für die Occupy-Bewegung nicht zu berichten.

Der Auftritt des Aktivisten wird auf den Internetseiten der Occupy-Bewegung schamhaft verschwiegen. Sie mobilisieren stattdessen zum „Karneval der Empörten“. Am 11.11.2011 wollen die Aktivisten um 11 Uhr 11 gegen die „selbst ernannte Elite“ und „das bestehende Geldsystem“ protestieren:

Kamen auf Ideen wie eine Meute als Schafe verkleidet mit nem Regierenden als Antreiber durch den Marsch zu jagen. Das gleiche mit Sklaven und Leuten die ne Kombo aus MArionettenspieler und Marionetten machen.

Das dürfte auch Jürgen Elsässer und Oliver Janich gefallen, die ebenfalls der verschwörungsideologischen Deutung der Realität verfallen sind.

Die Empörten und der Querfrontler

Jung, charismatisch und redegewandt. So feiern einige deutsche Journalisten die selbsternannten Sprecher der Occupy-Bewegung, die nach ihren Märschen am 15.10.2011 überall in der Bundesrepublik campiert, um gegen die „Bankster“ zu protestieren.

Das bekannteste Gesicht dieser losen Bewegung ist sicherlich Wolfram Siener aus Frankfurt, der in seiner kurzen Karriere in verschiedenen Fernsehsendungen zu sehen war, die sich der deutschen Erweckungsbewegung annahmen. Ob nun bei Maybrit Illner, im ARD-Nachtmagazin oder in der ZDF-Sendung „log in“: der „Bankenkritiker“ durfte überall sprechen.

Der Spiegel porträtierte Siener sogar als „Hoffnungsträger“ und „charismatische Führungsfigur“. Der wurde zwar durch die strukturell antisemitischen Zeitgeist-Filme geprägt, aber dieser Umstand interessierte den Spiegel nur am Rande.

Sein Auftritt in einer Sendung der verschwörungsideologischen Seite „Infokrieg“ wurde überhaupt nicht erwähnt. Dort sagte Siener:

Wir als Volk sind re­la­tiv weit ge­lenkt, also wir sind re­la­tiv weit zer­split­tert, jeder hat ei­ge­ne Mei­nun­gen und sowas. Darum geht es. Es geht darum, dass zu beheben. (…) Wir haben nur als Einheit eine Chance.

Sein Drang, sich vor Fernsehkameras als wütender deutscher Wutbürger zu inszenieren, wurde nicht nur hier begrüßt. In der Sendung „log in“, die im Infokanal des Zweiten Deutschen Fernsehens zu sehen ist, hatte Wolfram Siener einen weiteren Auftritt. Dort haute der Wutbürger mit der Faust auf den Tisch und wetterte gegen „das Geldsystem“.

In der ZDF Sendung war ein weiterer Aktivist der Occupy-Bewegung zu sehen: Florian Raffel fand die Darstellung der „charismatischen Führungsfigur“ Siener „unausgeglichen“ und ergänzte daher einige Dinge. Er stellte die „Bewegung“ als „kulturelle Revolution“ vor, die eine „Kultur des Zuhörens“ entwickelt hätte.

Derartige Thesen verbreitet Raffel nicht nur in Fernsehsendungen, sondern auch in verschiedenen Zeitschriften und im Internet. „Wir haben viele Meinungen, viele Idee und wir sind bunt“, schreibt er dort. Die BZ veröffentlichte ein Streitgespräch zwischen ihm und einem Banker. Dort warb Raffel für „echte Demokratie in einem neuen System“. Seine Huldigung der „Gesprächskultur“, bei der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Sätze der Redner im Chor nachsprechen, schaffte es sogar in den Stern.

Florian Raffel gibt nicht nur Interviews in größeren Zeitungen, er steht auch verschiedenen Internetseiten zur Verfügung. So zum Beispiel der Online-Zeitung „Berliner Umschau“, in der ansonsten über die „Pläne für die unmittelbare Einführung einer Diktatur“ halluziniert wird, die es angeblich nach dem „Zusammenbruchs des Finanzsystems in Euro-Land“ geben soll. Außerdem finden sich dort Werbe-Berichte über die Aktivitäten des Querfrontlers Jürgen Elsässer, der nun sogar einen gemeinsamen Auftritt mit dem Occupy-Aktivisten Florian Raffel ankündigt.

Am 3.11.2011 soll der Occupy-Aktivist auf einer Veranstaltung des Jürgen Elsässer auftreten. Elsässer träumt davon, dass „Linke, Rechte“ und „Religiöse“ zusammenarbeiten, um „die Globalisten“ zu „schlagen“. Mit seinem Compact-Magazin möchte er „demokratische Linke“ und „demokratische Rechte“ vereinen.

Mit der Veranstaltung soll die neue Ausgabe des Compact-Magazins beworben werden. Hier wurde in der Vergangenheit ganz homophob vor einem „Schulfach Schwul“ gewarnt, in der neuen Ausgabe wird von der Rückkehr der Deutschen Mark geträumt. „Wir freuen uns, (…) mit Florian Raffel auch einen Aktivisten von OCCUPY BERLIN gewonnen“ zu „haben“, schreibt der Querfrontler Elsässer auf seiner Homepage. Auf dieser Veranstaltung soll über die „Frage der Sammlung der Euro-kritischen Kräfte und eine mögliche Parteibildung“ debattiert werden.

Der Occupy-Aktivist Florian Raffel wird dort neben Oliver Janich sitzen, um seine Ideen zu bewerben. Janich ist Bundesvorsitzender der rechtspopulistischen „Partei der Vernunft“ und Verschwörungspropagandist. Er trat in der Vergangenheit mit Jürgen Elsässer unter anderem auf einem Treffen gegen die Bilderberg-Konferenz auf, dem Verschwörungsideologen – im Rahmen einer Zentralsteuerungstheorie – eine unglaubliche Macht nachsagen. Im Parteiprogramm wird eine„unabhängige Untersuchung der Ereignisse vom 11. September“, der „Ausstieg aus dem Euro“ und die„Abschaffung der Europäischen Union“ gefordert.

Florian Raffel wird auf der Veranstaltung seine Occupy–Bewegung, Jürgen Elsässer sein Compact-Magazin und Oliver Janich seine rechtspopulistische Kleinpartei bewerben.

Update: Florian Raffel hat den Auftritt abgesagt und Jürgen Elsässer dafür direkt auf die Versammlung der „Empörten“ eingeladen:

ich möchte hiermit Abstand nehmen, an Ihrer Podiumsdiskussion teilzunehmen. Ich bin in Arbeitsgruppen so eingebunden, dass ich leider zeitlich kürzer treten muss und bis auf weiteres erstmal keine Zeit für weitere Interviews habe. (…) Bitte nehmen Sie direkt Kontakt mit der Asamblea auf. Täglich um 17 Uhr und sprechen Sie direkt zur Gruppe.

Die Anfrage des Querfrontlers Jürgen Elsässer ist allerdings nach wie vor auf einer Internetseite der Bewegung zu finden, über den E-Mail-Verteiler wird nach einem Ersatz gesucht. Auf Elsässers Internetseite wird der Occupy-Aktivst weiterhin angekündigt, allerdings heißt es dort nun:

Florian Raffel hat leider trotz mehrfacher Zusage jetzt doch aus Termingründen abgesagt. Wir haben aber einen Ersatz von Occupy Berlin in Aussicht.

Aufmarsch der Verschwörungsfans

Am 11. September 2011 jährt sich der zehnte Jahrestag der mörderischen Anschläge auf das World Trade Center in New York, dem mehr als 2000 Menschen zum Opfer fielen. Jahr für Jahr nutzt die Bewegung der „Truther“, „Infokrieger“ und „Wahrheitsbewegten“ dieses Datum, um ihre Theorien in der Öffentlichkeit zu verbreiten.

„Truther“ und „Infokrieger“ glauben tatsächlich, dass der Anschlag nicht durch fanatische antiamerikanische und antisemitische Islamisten begangen wurde. Sie machen vor allem die amerikanische Regierung und deren Institutionen, aber auch den Mossad und andere Geheimdienste, für den Anschlag verantwortlich. Zum Jahrestag des Anschlags mobilisiert dieser verblendete Klüngel nach Karlsruhe. Dort will man, am 10. September 2011, einen Aufmarsch durchführen.

Organisiert wird dieser Aufmarsch von einem „Stammtisch“ der Verschwörungsfans aus Karlsruhe. Verschiedene Blogs und Internetseiten, die die Szene der „Truther“ organisieren wollen, haben derartige „Stammtische“ geschaffen. Dort kommt der harte Kern der Verschwörungsfans zusammen. Auf diese Art und Weise ist ein reges Netzwerk um verschiedene Internetseiten entstanden, die der Szene als Informationsquellen dienen.

Der „Stammtisch“ aus Karlsruhe ist um die Internetseite „The Real Stories“ organisiert, empfiehlt allerdings auch die Verschwörungskonkurrenz von der strukturell antisemitischen und nationalistischen Internetseite „Alles Schall und Rauch“. Einmal im Monat kommen die Mitglieder des Stammtischs im „Restaurant Walhalla“ in Karlsruhe zusammen, um sich „über aktuelle Themen auszutauschen und um Leute aus der Bewegung persönlich kennen zu lernen“.

Auf der Internetseite von „The Real Stories“ finden sich die üblichen Verschwörungstheorien: So zum Beispiel Interviews des nationalistischen Verschwörungsideologen Alex Jones, der die Behauptung aufstellt, dass die deutschen Nationalsozialisten durch den englischen Geheimdienst gesteuert werden würden. Außerdem finden sich Texte und Videos des „Chemtrail“-Theoretikers Werner Altnickel, der in seinem antisemitischen Wahn unter anderem von geheimen israelischen Strahlen- und Erdbebenwaffen halluziniert. Des Weiteren werden die Videos der „Anti-Zensur-Koalition“ des Sektengurus Ivo Sasek empfohlen. „Wer mir jetzt nicht gehorcht, gehorcht dem Herrn nicht“, warnt Sasek seine Anhänger_innen.

„The Real Stories“ propagiert aber auch die Theorien des Verschwörungsideologen Oliver Janich, der eine „Partei der Vernunft“ (PdV) geschaffen hat. Diese neo-liberale Organisation – um den ehemaligen „Focus Money“-Autoren Janich, der immer wieder mit dem „Linksnationalisten“ Jürgen Elsässer klüngelt – ist eines der obskursten Projekte innerhalb der Verschwörungs-Szene: Auf der einen Seite mit streng neo-liberalen Programm, auf der anderen Seite mit streng verschwörungstheoretischen Ideen ausgestattet, ist der Parteivorsitzender Oliver Janich angetreten, die Parteienlandschaft aufzurollen. Der Erfolg bleibt gering, doch über die verschwörungstheoretischen Inhalte gelingt es Janich, innerhalb der Szene der „Truther“ und „Infokrieger“, einen gewissen inhaltlichen Einfluss zu erlangen.

Oliver Janich wird wohl auch daher als Redner für den Aufmarsch der Verschwörungsfans in Karlsruhe angekündigt. Für die musikalische Untermahlung dieses Verschwörungstreffens sind die üblichen Verdächtigen zuständig. Die Band „Die Bandbreite“, die zuletzt unter anderem auf dem UZ-Pressefest der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) auftrat, sowie der Verschwörungsrapper „Kilez More“, der unter anderem während eines Vortrags des antisemitischen Echsen-Ideologen David Icke für die musikalische Untermalung sorgte, werden zum Stelldichein der Verschwörungsfans angekündigt. „Die Bandbreite“ hat sogar einen eigenen Trailer erstellt:

Wenn ihr euch selber nicht erklären könnt, wie drei Stahlhochhäuser in Fallgeschwindigkeit kollabieren können. (…) Wenn ihr genau diese Fragen habt, kommt auf die Demo.

Deren anti-amerikanische Ausrichtung ist offensichtlich. Schließlich soll mit Plakaten und Transparenten Stimmung gemacht werden. Das beinhaltet auch im Jahr 2011 Losungen wie „George Bush ist der größte Terrorist“ (!), „US-Terror weltweit“ oder „3.000 Opfer für Öl, oder was“.

Diese Manifestation der Verschwörungsfans wird vom esoterischen Kopp Verlag beworben. Der Aufruf zum Aufmarsch findet sich auf der Internetseite des Verlags. Doch damit nicht genug. In den fürs Internet produzierten „Kopp-Nachrichten“ vom 11.07.2011 berichtet die ehemalige Tagesschau Sprecherin Eva Herman mit einiger Begeisterung von der Demonstration, für die sie „Die Bandbreite“ verantwortlich macht.

Am 10. September 2011 wollen die Verschwörungsfans aufmarschieren, um die historischen Ereignisse des 11. September 2001 umzudeuten. Die Veranstaltung beginnt um 14 Uhr auf dem Friedrichsplatz in Karlsruhe.