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Töte deinen Fernseher!

Die Anthroposophie ist die esoterische Grundlage, die an Waldorfschulen und anderen pädagogischen Institutionen bis heute praktiziert wird. Sie ist eine Lehre, der nicht unbegründet Antihumanismus, Irrationalität, Rassismus und Antisemitismus vorgeworfen wird. Ein wichtiger Pfeiler dieser Theorie, die auf Rudolf Steiner zurückgeht, ist der Kampf gegen die Errungenschaften der Moderne, gegen alles was als „materialistisch“ eingeordnet wird. Diesem „Materialismus“ wird eine Welt gegenübergestellt, in der unter anderem Zwerge und andere Wesenheiten existieren.

Da ist es kein Wunder, dass die Anthroposophinnen und Anthroposophen gegen alles argumentieren, was dieser esoterischen Verklärung der Welt entgegenstehen kann. Ein Beispiel ist der Waldorf-Klassiker „Lieber spielen als fernsehen“ der Anthroposophin Karin Neuschütz, das in vielen anthroposophischen Bibliotheken zu finden sein wird.

Töte deinen Fernseher

In diesem Buch polemisiert die Autorin gegen das Fernsehen, Computerspiele und andere technische Errungenschaften, an denen sie kein gutes Haar lässt. Das erste Mal erschien das Buch in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, es wurde bis in die 90er Jahre immer wieder neu aufgelegt. Heute findet es sich bei Amazon oder auf den zahlreichen Waldorf-Büchermärkten, die anlässlich des sogenannten „Martinsmarkts“ an Waldorfschulen angeboten werden. Dort durfte ich ein Exemplar dieses Buches ergattern, das dafür gesorgt haben dürfte, dass zahlreiche Fernseher aus den Elternhäusern der angehenden Waldorfkinder verbannt wurden.

In ihrem Machwerk begeistert sich Neuschütz an der Phantasie, dass „das Bild auf allen Fernsehschirmen erlöschen“ würde. Sie sieht in diesem „märchenhaften Ereignis“ natürlich einen Vorteil, weil die Menschen nicht mehr vor dem Fernseher „hängen“, sondern „den Blick einander zuwenden“ würden.

Neuschütz behauptet, das Fernsehen ein „Gift“ sei. „Die bewegenden Fernsehbilder sind eine nicht zu unterschätzende Gefahr“, schreibt Neuschütz, „weil sie sich in unsere Phantasie einnisten“. Sie beklagt, dass das Kind „fremden Leuten überlassen“ werden würde, nämlich „den Fernseh-Onkels und Tanten“.

Die Folge seien „Gehirnschäden“ und der „Gestaltzerfall“. Kinder, die „schlechte Augen haben“, seien besonders gefährdet: „Bei diesen Kindern kann im Gegensatz zu den gesunden, schon einmaliges Fernsehen, können schon einzelne Programme Schaden anrichten“, schreibt die Waldorf-Autorin. Die Menschen würden sich „zu Sklaven des Fernsehens“ machen, diese „seelenlose Apparate“, in denen „Fernsehhelden“ zu sehen sind, die „etwas tun“:

Sie kämpfen, kippen Autos um, zünden Häuser an, hängen Leute an die Laternenpfähle – alles für einen heiligen Zweck.

Das Kind würde nun „sofort nachmachen“, was es im Fernsehen gesehen habe. Neuschütz führt Gewalt auf den Fernsehkonsum zurück.

Außerdem warnt Karin Neuschütz vor „Vereinfachung und Gleichschaltung“ (!) „der Kinderliteratur“:

„Multinationale Bücherfabriken speien am laufenden Band fade, einfältige Figuren aus, die (…) jeden nationalen Hintergrund entbehren.

Das behauptet Neuschütz und bedient sich an dieser Stelle eines nationalistischen Jargons.

„Die Kinder werden ins Niemandsland der Comicfiguren und Plastikmonster geschickt“.

So klagt eine Waldorf-Autorin. Hier bestehe „das Risiko, auf dem Niveau der Comics steckenzubleiben“. Sprachschäden seien die Folge des Comic-Konsums. Durch Comics und Fernsehen würde die Gefahr bestehen, dass „verhältnismäßig kleine Kinder sich schon destruktiven Spielen widmen“ und dass „Teenager von Zerstörungswut befallen werden und schwere Verbrechen begehen“.

Natürlich hat Karin Neuschütz eine Lösung für die Probleme – „Zerstörungswut“ und „schwere Verbrechen“ – die angeblich durch Comics und Fernsehen entstehen würden. Sie verbannt den Fernseher aus der elterlichen Wohnung. Neuschütz ruft dazu auf, eine Art Nachbarschaftshilfe zu organisieren, die „gefährdeten Eltern aus der Abhängigkeit“ hilft.

Schließlich müsse man sich entscheiden:

Für die Kinder und gegen das Fernsehen.

Der Rest des Machwerks, das dafür gesorgt haben wird, das tausende Waldorfschüler der Genuss von Fernsehsendungen, Comics und Computerspielen verwehrt wurde, bietet praktische Ratschläge, angebliche Alternativen, die das Kind viel mehr befriedigen würden.

Für die Kinder sei es „das Beste, etwas Sinnvolles und Konkretes nachzuahmen wie z.B. die Zubereitung von Essen, die Herstellung von Gebrauchsgegenständen, das Jäten von Unkraut im Garten, das Nähen von Kleidern“, behauptet die Waldorf-Autorin. Außerdem empfiehlt sie Märchen, deren blutrünstige Inhalte verschwiegen werden, sowie „Zungenbrecher wie z.B. ‚Brautkleid – Blaukraut‘“ und die üblichen Gesänge von „Königen“, „Prinzessinnen“ und anderen herrschaftlichen Gestalten.

Die Welt, die entstehen kann, wenn man die Ratschläge der Neuschütz ernst nimmt, ist eine Welt der Anti-Moderne: Mit Märchen und anderen esoterischen Geschichten, mit körperlicher Feldarbeit und ohne jeden Fernseher, ohne Comics und ohne Computer. Bis heute findet sich das Buch in vielen anthroposophischen Bibliotheken oder auf den Flohmärkten an Waldorfschulen. Hier lebt die Anti-Moderne, hier tötet man den Fernseher.

Bis heute wird das Machwerk der Karin Neuschütz von Anthroposophinnen und Anthroposophen bemüht, wenn es darum geht, den Fernseher an und für sich zu verdammen. So wird beispielsweise in einer aktuellen Information (PDF) der Waldorfschule Neumünster gegen eine „Scheinwirklichkeit der Medien“ und der „Zerstreuungsmaschinerie der Medien“ polemisiert.

Der Fernseher ist eine Maschine (…). Alle diese Maschinen sind leblos, kalt und herzlos.

So werden die angehenden Waldorfeltern gewarnt. „Vor der Mattscheibe aber müssen die Phantasiekräfte verkümmern und erlahmen“, lautet der esoterische Hinweis der Waldorfschule, die ebenfalls davon ausgeht, das durch den Fernsehkonsum die „steigernde Jugendgewalt“ erklärt werden könne. Die „oberflächliche Weltwahrnehmung“ würde in letzter Konsequenz „vom maßlosen Süßigkeitenkonsum bis zum Einstieg in die Drogen Alkohol, Nikotin und Haschisch“ reichen.

Medien im Allgemeinen führen „in eine Passivität“, warnt die Waldorfschule. Die Folge seien „motorische Defizite und Haltungsschäden“ sowie „Gewalt als Problemlöser für soziale Konflikte“. Es ist nicht überraschend, dass in den Literaturangaben das Machwerk der Karin Neuschütz als Quelle angeben wird, die mit ihrem Buch eine weitere Grundlage für die Ablehnung moderner Medien und Unterhaltung geschaffen hat, die bis heute an Waldorschulen verbreitet ist.

Karin Neuschütz: „Lieber spielen als Fernsehen“, Verlag Freies Geistesleben, 1984.

Engel-Propaganda

Die Dezember-Ausgabe der anthroposophischen Szene-Zeitschrift „Erziehungskunst“, die vom „Bund der Freien Waldorfschulen“ herausgegeben wird, macht den esoterischen Gehalt der Waldorf-Pädagogik deutlich. Bereits im Editorial wird der Begründer der Waldorfschulen, Rudolf Steiner, als „bedeutender Vordenker des 21. Jahrhunderts“ gehuldigt. Jener Rudolf Steiner, der von „Volksgeistern“,„Ätherleibern“ und anderen geistigen „Wesenheiten“ halluzinierte, sei nach wie vor „unverzichtbar“. Als Geist sei Steiner sogar bei der „Geburtstagsfeier“, die im schweizerischen Dornach stattfand, anwesend gewesen, behauptet Mathias Maurer im Editorial.

Im Innern der Zeitschrift geht es dann anthroposophisch zur Sache: „Mit den Engeln leben“, „Alltagsregeln für einen gesunden Lebenstil“ oder „Waldorf-Hochschulen sind ein Kultur-Impuls“ lauten lediglich einige Überschriften der Artikel. In denen geht es natürlich wieder um Rudolf Steiner, den Guru der Waldorfschulen. Henning Köhler bemüht den Guru beispielsweise, um auf angebliche „vorgeburtliche Ereignisse“ hinzuweisen. „Es sei unerlässlich , die Dimension der Ungeborenheit mitzudenken“, schreibt Köhler über diese angebliche „geistige Tatsache“. Kinder seien „auf eine neue Art von spirituellen Impulsen durchdrungen“ und würden bereits vor der Geburt „auf das in unserem Kulturraum (…) vorherrschende geistige und soziale Klima“ eingestimmt werden. Auch hier geht es also um die Wahn-Ideen Rudolf Steiners, der statt den sozialen Bedingungen, denen Individuen unterworfen sind, angebliche„vorgeburtlichen Ereignisse“ bemüht, denen alle Menschen, im Rahmen eines „Inkarnationsprozesses“, unterworfen seien. Aber natürlich kritisiert Köhler auch die Bedingungen, mit denen Kinder heute aufwachsen, wenn sie nicht an Waldorfschulen unterrichtet werden. Er warnt unter anderem vor dem staatlichen, „gewöhnlichen Schulleben“ und vor dem unkontrolliertem „Medienkonsum“, die „eine Abstumpfung“ hervorrufen würden. Die „Ursachen“ für „Traurigkeit, Ängstlichkeit“ und„Unzufriedenheit“ würden „tiefer liegen“, schließt Köhler, um genau dort zu enden, wo er seinen Text begonnen hat. Diese Dinge seien eben „oft ‚mitgebracht“ aus vorherigen Leben. Es handele sich um einen„vorgeburtlichen Grundkonflikt“ und um die „spirituelle Leere“, denen die „Seelen“ ausgesetzt seien. Dieser angeblichen „Leere“ möchte Köhler einen „Christus-Impuls“ entgegensetzen. Wer sich für die Texte des„Erziehungskunst“-Autoren begeistert, wird eventuell auch die Werbung beachten, die direkt neben dem Artikel zu finden ist. Köhler hat seine Theorien in zwei Büchern ausgebreitet, die im anthroposophischen„Verlag Freies Geistesleben“ erschienen sind und die neben dem Artikel beworben werden.

Der Anthroposoph Walter Rietmüller beschäftigt sich in einem anschließenden Artikel mit der „Situation von Kindheit und Jugend heute“. Malerisch beschreibt Riethmüller die „Herbstzeit im Waldorfkindergarten“: „Kastanien werden gesammelt (…), es wird vom Erzengel Sankt Michael gesungen und erzählt“, begeistert sich der Autor in der „Erziehungskunst“: „Ein viereinhalbjähriges Mädchen“ sei vom „heiligen Michael“ derart indoktriniert worden, dass es „die Lieder auch zu Hause als Spielbegleitung“ intonieren würde. Das Kind sei durch diese anthroposophische, religiöse Erziehung in „einen größeren Zusammenhang“ eingebunden worden, „der bestimmend wirkt“.

Beachtenswert ist ebenfalls die Werbung für einige Kinder-Zeichnungen, die der Anthroposoph Gerd Kellermann sammelte und mit den Gedichten von Ute Heim in Verbindung brachte. „Wenn Engel bunte Kleidung tragen, gibt es keine Fragen, denn sie zeigen die Schönheit der Welt“, heißt es neben einer Kinder-Zeichnung, auf der wohl ein „Engel“ zu sehen sein soll. „Der Engel, das bin ich“ ist ebenfalls im „Verlag Freies Geistesleben“ erschienen und scheint für die Anthroposophen und Anthroposophinnen gemacht, die tatsächlich an „Engel“ und andere Hirngespinste glauben.

Weniger um Engel, dafür umso mehr Jesus Christus, geht es Andrea Unser, die in der „Erziehungskunst“ über die „Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes“ jammern darf. Dem hält die Anthroposophin, den Advenzkranz entgegen: „Das zunehmende Licht kann zum Symbol werden: Jesus, das Licht der Welt, wird geboren“, schreibt die Autorin. Dieses Symol „wärmt und stärkt uns“, behauptet die Autorin, der angesichts dieser Idee sogar „warm ums Herz“ wird. Sie beschreibt des Weiteren die anthroposophischen Weihnachtsspiele, bei denen Kinder als Engel verkleidet werden. „Dabei erleben sie, welche Kraft von den Himmelsboten ausgeht“, behauptet Andrea Unser, die den lesenden Waldorf-Eltern nahelegt, mit den Kindern die „Heilige Barbara“ zu feiern. Deren Vater habe sich zum christlichen Glauben bekehrt, deshalb sei seine Tochter „ins Gefängnis gesperrt und gefoltert worden“, worauf einige Engel erschienen, die „Barbaras Wunden verbanden“ und sie „heilten“. Mit solchen Fantasy-Storys soll eine „andere Wirklichkeit“, eine „andere Sicht auf die Realität“ vermittelt werden: „Das wird das Leben mit unseren Kindern beleben und bereichern“, schließt Andrea Unser ihren Artikel.

Etwas weltlicher fallen die „Alltagsregeln für einen gesunden Lebenstil“ aus, die Wiebke Kottenkamp für die anthroposophische Engels-Zeitschrift verfasst hat. Sie fordert keinen Engel-Einsatz zur Verklärung der Realität, dafür aber „geregelte Tagesabläufe und Routinen“. Ebenso weltlich fällt der Artikel des Anthroposophen Lorenzo Ravagli aus, der sich ansonsten von „faschistoiden Antifaschisten“ und„rassistoiden Antirassisten“ bedroht fühlt. Der Star-Autor und Redakteur der „Erziehungskunst“, widmet sich verschiedenen Kinder- und Jugendzeitschriften sowie den „Digitalen Welten“.

Für die nächste Engel-Story ist wiederum Johannes Kiersch zuständig, der sich – natürlich – auf Rudolf Steiner beruft. Dessen Texte seien gar „Anleitungen“, mit dem die geneigten Fans des Gurus, ihren und andere Engel erkennen könnten: „Wer so etwas wie die Realität eines ‚Schulgeistes‘ spüren lernt (…) kommt dem Erzengel nahe“, behauptet Kiersch, der auf diese Art und Weise deutlich macht, was für Inhalte an Waldorfschulen vermittelt werden können. Außer einem obskuren „Erzengel“ gibt es allerdings auch noch „Zeitgeister“ und andere Wesenheiten, zumindest in der Waldorf-Welt von Johannes Kiersch. Solche Inhalte sollen allerdings auch an Waldorfschulen vermittelt werden:

Selbst „Liberale Eltern, die weltanschaulich nicht festgelegt sind, werden nichts dagegen haben, wenn die Lehrer ihrer Kinder sich auf Suchwege“ nach Engeln, Erzengeln und Zeitgeistern begeben, behauptet Kiersch. Schließlich würden Kinder an Waldorfschulen „gern mit Bildern von Engeln, wie sie aus den alten Mythenkreisen der Menschheit (…) in unserern Lernplanen hineinspielen“ leben, begeistert sich Kiersch an der religiösen Erziehung im anthroposophischen Sinne. Durch die behauptete Existenz von Engeln und anderen Wesenheiten, würden die Kinder „von der banalen Engstirnigkeit der landläufigen Naturwissenschaft geschützt“, die an Waldorfschulen lediglich eine untergeordnete Rolle spielt. Bei all‘ den Wesenheiten, wie „Engeln“, „Erzengeln“ und „Volksgeistern“, mit denen die Schülerinnen und Schüler indoktriniert werden, sollte dieser Umstand allerdings nicht verwundern.

Angehende Lehrerinnen und Lehrer, die den Waldorfschülerinnen und Schülern, von „Engeln“ und anderen Fabelwesen berichten wollen, werden im ausführlichen Anzeigenteil fündig. Das „Rudolf Steiner Institut“ in Kassel bietet dort die Ausbildung zum anthroposophischen Heilpädagogen an. Andere Waldorf-Institutionen suchen Lehrerinnen und Lehrer, schließlich müssen noch mehr Kinder mit den Märchen von „Engeln“indoktriniert werden. Soviel also aus der obskuren Welt der Waldorfschulen und ihrem Propaganda-Organ, dem Magazin „Erziehungskunst“.

 (Fast) Alle Zitate stammen aus der „Erziehungskunst“, 12/2010.

Krawattenträger und Ökofreaks

In der Zeitschrift „Erziehungskunst“, in der die Welt der Waldorfschulen beworben wird, meldet oftmals die Redaktion zu Wort, um zu aktuellen Themen Stellung zu beziehen. Diesmal ist es Mathias Maurer, der eine Ode verfasst hat, in der er einen Bogen von den Protesten gegen Stuttgart 21 über die Montagsdemonstrationen 1989 bis zu den Aktionen gegen das Kernkraftwerk in Whyl spannt.

Maurer geht es  um „das Volk“, das der Redakteur mit vielen Worten beschwört. Die„Fun-Party“ (!) der Jugend von Stuttgart hätte durch Wasserwerfer „ein jähes Ende“ gefunden; sie seien wie die „mutigen ‚Das Volk sind wir‘-Skandierenden“, die 1989 in Leipzig marschierten. Maurer beschwört eine Protestgemeinschaft, die „vom Krawattenträger bis zum Ökofreak“ reicht, und träumt von einer „einer politischen, wenn nicht historischen Wende. Das geschieht in einem Magazin, das die „Waldorfpädagogik heute“ vermitteln möchte und das vom „Bund der Freien Waldorfschulen e.V.“ herausgegeben wird.

Der Beitrag von Mathias Mauer, vom November 2010, macht deutlich, dass das offizielle Organ der Waldorfpädagogik eine politische Linie verfolgt, der es um mehr geht, als um schnöde Pädagogik. Hier geht es um eine politische Linie, die ein „Volk“ konstruiert und ihm Heldentaten andichtet. Das ist nur konsequent. Denn bereits Steiner widmete sich, so berichtet sein Biograph und Weggefährte Friedrich Rittelmeyer, dem deutschen „Volk“. Steiner hätte „seine Liebe“ einer ominösen „deutschen Weltaufgabe“ gewidmet; „aber es war eine Liebe der Hoffnung und der Sorge“, so zumindest Rittelmeyer in seiner Steiner Biographie. Wenn also heute in der „Erziehungskunst“ das „Volk“ bemüht wird, bewegt sich die Zeitung nur auf den Spuren des Begründers der Waldorfschulen.

Führerfigur

Die „Freien Waldorfschulen“ gelten als freie Schulen, an denen Schüler_innen ohne Notendruck lernen dürfen. Dabei hatte bereits deren Begründer Rudolf Steiner, den Unterricht als „religiöse Tat“, als eine „Art Gottesdienst“ verstanden, bei der der Lehrer als Führerfigur agiert. Mehr als siebzig Jahre nach dessen Tod, ist Steiners Lehre noch quicklebendig. Ein Blick in eine der zahlreichen Waldorfpublikationen dürfte ausreichen, um diesen Umstand zu erkennen.

Eine Waldorfzeitung ist die „Erziehungskunst“, die an vielen Waldorfschulen verteilt wird, um den Eltern eine theoretische Unterfütterungen der pädagogischen Praxis zu ermöglichen. Hier scheint alles im besten Licht. In der „Erziehungskunst“ wird die Waldorfpädagogik beworben. Das beweist auch ein Artikel aus diesem Jahrtausend, mit dem die autoritäre Figur des Waldorf-Lehrers beschrieben wird. Zwar wird dieser zunächst nicht als Führer bezeichnet, dafür werden aber andere Worte gefunden, die in eine ähnliche Richtung gehen. Das macht bereits die Artikelüberschrift deutlich: „Der Lehrer als Bergführer und Kapitän“, lautet die Überschrift des Artikels von Oscar Scholz, der bereits im Januar diesen Jahres erschienen ist. Auch durch diesen Artikel wird deutlich, dass Lehrer_innen an Waldorfschulen eine Art Führerfigur darstellen, deren Entscheidungen nicht hinterfragt werden sollen.

Diese autoritäre Form der Pädagogik wird mit den Wünschen der Kinder begründet:

Die Kinder möchten, auch wenn das oft auf den ersten Blick nicht so scheint, gesagt bekommen, wo es lang geht. Sie wollen geführt werden.

Auf diese Art und Weise wird den Kindern jedwede Entscheidungsfreiheit genommen. Sie sollen auch im Jahr 2010 gehorchen. Hier werden Kinder geformt. Denn bereits „zu Beginn der Schulzeit“ gehe es darum, die Kinder „zu einer Klasse zu formen“. Dabei sollen „Gewohnheiten“ ausgebildet werden, an die sich die Kinder gewöhnen sollen, ohne den Sinn in Frage zu stellen. Hier gehe es auch darum, die Kinder zu „führen“ und von den angeblichen Gefahren der modernen Technik fernzuhalten:

In diesen Zusammenhang gehört die Diskussion über die schädliche Wirkung von Computerspielen. Viele dieser Spiele gewöhnen einem das Einfühlungsvermögen systematisch ab.

Stattdessen empfiehlt die Zeitschrift die üblichen Erziehungsmethoden an Waldorfschulen. Da wird das „Formenzeichnen“ hervorgehoben und die „Pflege des Lied- und Sprachguts“ empfohlen. Statt moderner Technik sollen blutrünstige „Märchen, Fabeln und Legenden“ erzählt werden, in denen Gegenstände, wie Steine, Tiere oder Geister, miteinander kommunizieren. Hier sei „die innere Führungskraft des Lehrers gefragt“, heißt es in der „Erziehungskunst“. Der würde als ein „guter Führer“ agieren, der „den Weg und das Ziel“ kennt.

Erst gegen Ende der Schulzeit, in der Oberstufe, würden die Schüler_innen zur Einsicht gelangen, dass sie nicht für den Lehrer, sondern für sich selber lernen würden. Bis dahin sind sie einem autoritären System, ganz ohne die Errungenschaften der modernen Technik, ausgeliefert, das sie mit Märchen und Sagen malträtiert und ihnen ein eigenständiges Lernen verwehrt. Wer also seine Kinder einem „Führer“ anvertrauen möchte, dem sie auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, dem seien die Waldorfschulen ans Herz gelegt: Sie halten das ein, was in der „Erziehungskunst“ versprochen wird.

Anthroposophische Vergangenheitsbewältigung

In der aktuellen Ausgabe der anthroposophischen Monatszeitschrift „Erziehungskunst“, einem Werbeblatt rund um die Waldorfschulen, geht es um die angeblichen Gefahren des Fernsehens für Babys, anthroposophische Erlebnispädagogik und um das „Böse“.

In einem Interview mit Wilfried Jaensch, der am „Seminar für Waldorfpädagogik“ in Berlin Waldorflehrer ausbildet, geht es unter anderem um die deutsche Geschichte, um die Rote Armee Fraktion und um die selbst gestellte Frage: „Könnte ich Menschen ins Gas schicken?“

Das ist eine Frage, die sich Jaensch in seinen „inneren Monologen“ stellt, wenn er sich mit einem seiner Themen beschäftigt, das im Interview „das Dritte Reich“ genannt wird. Jaensch reformuliert dort einen weit verbreiteten politischen Standpunkt, der als Erklärungsansatz für Freundinnen und Freunde der Waldorfschulen dient. Kurz zusammengefasst lautet dieser Ansatz: Gerade aufgrund der historischen Ereignisse zwischen 1933 und 1945 seien „die Deutschen“, als neu geeintes nationales Zwangskollektiv, nun in der Lage, sich dem „Guten“ zuzuwenden, „gute“ Kriege zu führen sowie eine „gute“ Gesellschaft aufzubauen, die sich nicht trotz, sondern aufgrund von Auschwitz allen anderen Gesellschaften überlegen fühlt. Diesen Gedanken formuliert Jaensch auf anthroposophische Art und Weise, im bekanntesten anthroposophischen Magazin aus dem Umfeld der Waldorfschulen.

Dort berichtet Wilfried Jaensch, dass er schon im Alter von fünfzehn Jahren im Ausland zu hören bekommen hätte, „wir Deutschen seien Verbrecher“. Gegen diesen Gedanken habe sich Jaensch weitere „fünfzehn Jahre gewehrt“, bis er auf die wahnwitzige Idee gekommen ist, die deutsche Schuld für sich selbst zu affirmieren:

Ich sagte zu mir selbst: Ja, ich gehöre dazu. Ich bin ein Verbrecher.

Aus dieser frei gewählten Zugehörigkeit zu den Täterinnen und Tätern, die während des Nationalsozialismus ihr Vernichtungspotential unter Beweis stellten, will Jaensch noch einen esoterischen Vorteil ziehen. Er habe – wie seine deutschen Vorfahren – „die Grenzen der bisherigen Menschheit überschritten“. Als„Deutscher“ sei er „fähig zum bewusst Bösen“ und könne sich daher dem „bewusst Guten“ widmen.

Vom anthroposophischen Autor, der mehre Bücher verfasst hat, sind auch andere Reden überliefert, die ein ganz spezielles Geschichtsverständnis deutlich machen, das sich unter Anthroposophinnen und Anthroposophen großer Beliebtheit erfreut:

Am 21.12.2012 zur Wintersonnenwende tritt Mutter Sonne aus der Vagina der Galaxis.

So schreibt Jaensch in seinem Blog. Eine ausführlichere Rede, ohne „Mutter Sonne“, hielt Jaensch am anthroposophischen „Ita Wegmann-Therapeutikum“, die sich der „anthroposophischen Medizin“ verschrieben hat, die als „eine Erweiterung der naturwissenschaftlichen Medizin“ verkauft wird. Hier redete Jaensch vom „Dritten Reich“, dass einerseits eine „fast göttliche Verehrung des Menschen“ hervorgebracht hätte. Auf der anderen Seite habe es aber auch eine „fast nicht nachvollziehbare Menschenverachtung, (…) eine Menschenvernichtung“ gegeben. Später wurde die „Bundesrepublik (…) einfach draufgeklatscht auf das Ganze“.

Jaensch fordert daher eine neue Verfassung, in der auch die „Verstorbenen und Ungeborenen“ berücksichtigt werden müssten. Von diesen fühlt Jaensch sich nämlich umgeben. Bereits der Guru der Anthroposophie, Rudolf Steiner, habe nach der Ermordung Rosa Luxemburgs, „mit der Verstorbenen gesprochen“, behauptet Jaensch. Der glaubt nämlich, dass die „Verstorbenen und Ungeborenen sehr wohl da“ sind. Daher müssten ihnen „Menschenrechte gewährt“ werden:

Wenn wir das aber angehen, dann käme eine Verfassung des Bewusstseins zustande, die in Deutschland ja noch aussteht, wie Sie wissen. Wir haben ja noch keine neue deutsche Verfassung.

Wilfried Jaensch ist ein typischer Anthroposoph, dessen Esoterik und seltsamer Blick auf die Vergangenheit, dazu führen, dass er auch politische Forderungen stellt:

Wenn die Anthroposophen in der Mehrheit wären, hätten wir längst den Faschismus.

Dies erzählte Jaensch seinen Schülerinnen und Schülern, die als angehende Waldorflehrerinnen und Lehrer eine gemeinsame Pause verbrachten, erinnert sich der Waldorfkritiker Andreas Lichte. Solche politischen Forderungen führen selbst verständlich nicht dazu, dass Jaensch keine weiteren Lehrerinnen und Lehrer für die Waldorfschulen ausbilden darf. Ganz im Gegenteil qualifizieren sie anscheinend für ausführliche Interviews in der „Erziehungskunst“, die mit einer Auflage von 70.000 Exemplaren erscheint und für die Welt der Waldorfschulen wirbt.

Klebebandstrafe

Die Waldorfschulen geben sich gerne weltoffen. Offensiv wird mit einer Erziehung zur Freiheit, ganz ohne Noten, geworben. Die Schulen berufen sich auf die Lehren Rudolf Steiners, der eine reaktionäre Ideologie entwickelte, die alle Bereiche des menschlichen Lebens umfasst: Zum Beispiel eine besondere Form Landwirtschaft, bei der die Bauern des Nachts mit Scheiße gefüllte Kuhhörner verbuddeln, aber auch besondere Form der Pädagogik, die an Waldorfschulen praktiziert wird.

Nach Rudolf Steiner, der den Unterricht als „religiöse Tat“, als eine „Art Gottesdienst“ aufgebaut haben wollte, bei der der Lehrer als Führerfigur agiert, sind andere Menschen in seine theoretischen Fußstapfen getreten. Da wäre zum Beispiel der Waldorf-Theoretiker Erich Gra­bert, dessen Buch von der „Stra­fe in der Selbst­er­zie­hung und in der Er­zie­hung des Kin­des“, bei Waldorflehrer_innen durchaus verbreitet ist und 1998 in einer überarbeiteten Version auf den Markt gebracht wurde. Im Original werden körperliche Strafen wie Backpfeifen als „wort­lo­se, di­rek­te Ak­ti­on“ verkauft, die gegenüber einer „Predigt“ ihre „ent­schei­den­den Vor­zü­ge“ hätten: „Es kann also durch­aus Not­wen­dig­kei­ten geben für kör­per­li­che Stra­fen“, lautet ein Fazit Graberts. Auch in der überarbeiteten Version von 1998 werden körperliche Strafen nicht generell ausgeschlossen, allerdings wird dazu geraten, auf subtilere Formen der Bestrafung zurückzugreifen, denn der „Schmerz, wie beim Schlag, bei der Ohrfeige, kommt wohl in den seltensten Fällen wirklich in Betracht“.

Wie solch subtilere Formen der Bestrafung von unliebsamen Schüler_innen aussehen kann, zeigte wiederum der Waldorflehrer Helmut Meisenburg im Jahr 2006 an der Waldorfschule in Berlin Kreuzberg. Um „Ruhe und Disziplin in die Truppe“ zu bringen, griff er zu einem anderen Mittel, um seine Schüler_innen zu disziplinieren. Er griff zum Klebeband und klebte den zu bestrafenden Schüler_innen den Mund zu. Meisenburg „holte (…) eine Rolle Kreppband hervor und einige der lautesten ‚Schätzer‘ holten sich gleich freiwillig ein Mundpflaster ab“. Vielleicht ist das eine der subtileren Formen der Strafe, die zustande kommen kann, weil Waldorflehrer_innen seit 1998 geraten wird, nur in den „seltensten Fällen“ mit einem „Schlag, einer Ohrfeige“ zu strafen.