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Naturgeist im Auto

Waldorfschulen und die Moderne? Das waren schon immer zwei Dinge, die nicht unbedingt harmonieren. Bereits der Gründer der Waldorfschulen, der anthroposophische Vordenker Rudolf Steiner, klagte über die Moderne und den „Materialismus”.

Steiner behauptete, dass das „ganze neuzeitliche Geistesleben” geradezu „zerstörerische Formen angenommen” hätte. Mit den „Werken der Technik” würde zudem eine„ahrimanische”, das heißt teuflische, „Umgebung” geschaffen werden. Dieser Warnung vor der Moderne und der Technik stellte Steiner seine „Geisteswissenschaft” entgegen.

Es handelt sich um ein esoterisches Gebilde, in dem zahlreiche Wesenheiten existieren. In Steiners Planetarium leben „Volksgeister”, „Erzengel”, „Zwerge” und andere Gestalten. Die „Volksgeister” würden „das Leben größerer Menschheitszusammenhänge, wie zum Beispiel Völker” und „Rassen” beeinflussen, sagte Steiner. Er behauptete, dass er den Weg gefunden hätte, das Wirken dieser Wesenheiten zu erkennen. Sein theoretisches Gebilde nannte er „Anthroposophie”. Diesem Gebilde werden Waldorfschüler_innen bis heute ausgesetzt.

Etwa 70.000 Schülerinnen und Schüler werden auf den deutschen Waldorfschulen anthroposophisch verzogen. Für Waldorfpädagog_innen und Waldorfeltern gibt der „Bund der Freien Waldorfschulen” ein Hochglanzmagazin heraus.

Die Zeitschrift „Erziehungskunst” wird von zahlreichen Eltern und Lehrern gelesen, denen dort eine aktualisierte Form der anthroposophischen Ideologie vermittelt wird. Die Angst vor der Moderne und vor der Technik ist in diesem Magazin bis heute zu finden. In der Mai-Ausgabe dieser Waldorf-Zeitschrift wird sich mit „Phantasie und Technologie” auseinandergesetzt.

Dort warnt Martin Spura vor der Technik und vor ihren angeblichen Folgen: „Die Technik bedroht die Ästhetik und vernichtet sie”, glaubt Spura. Er fordert Märchen statt Märchenfilme, denn durch Filme, bei „denen der technische Effekt im Vordergrund steht”, würden „keine zarten Seelensaite mehr erklingen”. Die Folgen dieses visuellen Märchen-Konsums sei, dass Kinder zunehmend an „ADHS leiden” würden.

Spura macht diese Krankheit zu einer „Eindrucks­allergie” und deutet so die Ursachen der Krankheit um. Seine unwissenschaftliche Diagnose führt den Anthroposoph zur Forderung nach einem „Raum” ohne„technischen Leistungs– und Fortschrittsanspruch”. Dieser Raum wird in den Waldorfschulen geschaffen, in dem die moderne Technik im besten Fall vernachlässigt wird.

Im schlimmsten Fall wird sie komplett abgelehnt. Dies zeigt auch ein weiterer Artikel in der anthroposophischen Zeitschrift. Dort darf eine Dr. Paula Beckmann, die als „Medienpädagogin” in Erscheinung tritt, vor den Gefahren von Computerspielen und Fernseherfilmen warnen, indem sie Menschen, die Computer-Spiele nutzen, als dicke und süchtige Nerds denunziert. Sie zitiert, am Ende ihres tendenziösen Artikels, einen namenlosen Spiele-Süchtigen:

Unverständlich, dass Leute, die Haschisch oder Drogen verkaufen, festgenommen werden, während Leute, die Spiele wie WoW verkaufen, als Stützen für den Wirtschaftsstandort angesehen werden.

Durch Computerspiele und Fernseher-Konsum würden die Menschen zu „biologische Maschinen” mutieren. Beckmann sieht darin eine „Art von Materialismus”. Auf den Spuren des Vordenkers, Rudolf Steiner, werden alle technologischen Errungenschaften abgelehnt.

Einen anderen Weg empfiehlt Thomas Mayer, der ansonsten mit„Zwergen” spricht. Er behauptet in seinem wahnhaften Artikel, dass die „Naturgeister”, deren Erfindung auf Rudolf Steiner zurückgeht, „auch mit der Technik verbunden” seien. Mayer will einen „Naturgeist” gefunden haben, der seinen Computer begleitet. Er will sogar den Namen dieses „Naturgeist” erfahren haben: „Sora Barabam” lebt, zumindest für den esoterischen Autoren. Außerdem möchte Mayer viele weitere Wesenheiten entdeckt haben, die seinen technischen Gefährte begleiten.

In seinem Auto soll es gleich zwei Wesen geben, die ihn vor Unfällen und Pannen schützen. Mayer breitet nun eine ganze Geschichte aus, für die sich gläubige Esoteriker sicherlich begeistern werden.

Einmal ging ich zu ‘Huma Ranatal’, einem Naturwesen, das andere Naturwesen ausbildet, und bat ihn: ‘Ich hätte gerne aus Deiner Schule ein Naturwesen für mein Auto. Ich fahre immer zu schnell und habe ein ungutes Gefühl.’ Zack, war schon ein Wesen da, es heißt ‘Huma Uto’. Ich nahm es mit zu meinem Auto. Da fiel mir ein, ich würde etwas falsch machen, da ist doch schon jemand! Also führte ich ein Gespräch mit dem Autowesen. ‘Ich bringe Huma Uto mit, ist es Dir recht?’ Die beiden rauften sich zusammen und ich hatte zwei Wesen in meinem Auto (…).

Einmal war ich auf der Autobahn und hatte vergessen zu tanken. Der Motor setzte aus und ich rollte auf den Seitenstreifen. Ich sagte zu ‘Huma Uto’: ‘Eineinhalb Kilometer sind es noch bis zur nächsten Ausfahrt und 500 Meter bis zur Tankstelle, bitte hilf, dass das noch möglich ist!’ Auf einmal lief der Motor wieder. Ich dachte, das ist doch nicht möglich, der Motor hat doch schon ausgesetzt? Wir sind aber genau hingekommen, nur die letzten zwei Meter zur Tanksäule musste ich schieben.

Der anthroposophische Autor gibt den geneigten Waldorfpädagoginnen und Waldorfeltern einige Ratschläge mit auf den Weg. Er glaubt:

Technikwesen wollen geliebt und angesprochen werden.

Daher empfiehlt er, dass seine Leser_innen das Gespräch suchen, dadurch würden „viele unnötigen Reparaturen und Verschrottungen vermieden werden”.

Das anthroposophische Magazin bewegt sich eben irgendwo zwischen irrationaler Ablehnung der Moderne und ebenso irrationaler Verklärung der Technik, die mit nicht-existenten Wesenheiten in Verbindung gebracht wird. Es wird allerdings genügend Pädagogen und Waldorfeltern geben, die nach der „Erziehungskunst”–Lektüre nun den „Naturgeist” in ihrem Auto suchen.

Zwerg im Kopf (II)

Die angebliche Existenz von „Zwergen“ und andere Fantasiegestalten ist ein Inhalt zahlreicher Artikel und Bücher der organisierten Anthroposophie, die über Waldorfschulen und Biohöfe gesellschaftlichen Einfluss erlangt. So schreibt der anthroposophische Autor Tho­mas Meyer in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Erziehungskunst“ über seine angeblichen Erfahrungen mit „Zwergen“ und anderen Fabelwesen:

In einer Ecke des Ess­zim­mers saß ein Zwerg. Die­ser war sehr fest ge­formt, etwa einen hal­ben Meter hoch, dar­über wurde es sehr licht, weit und weise. Schnell be­griff ich, die­ser Zwerg ist viel schlau­er als ich, er be­sitzt Wel­ten­weis­heit.

Solche Berichte sind keine Ausnahme. In einer etwas älteren Ausgabe der anthroposophischen Zeitschrift „Das Goetheanum“ (13/07) berichtet die anthroposophische Autorin Tallis Halliwell beispielsweise in einem Interview über ihre angeblichen Erfahrungen mit „Zwergen“ und „Gnomen“. Sie beruft sich auf den Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, dem sie geheimnisvolle Treffen mit „Elementarwesen“ andichtet.

Als Mensch war nur Rudolf Steiner da; und mit ihm die Elementarwesen von vielen Kulturen und Traditionen aus aller Welt. Naturgeister von allen Völkern, von den Indianern, Eskimos.

Der Guru der Waldorfschulen, Rudolf Steiner, propagierte die Existenz von sogenannten „Elementarwesen“, zu denen er „Gnome“ und „Zwerge“ zählte:

Gnomen heißen diese Wesenheiten, und zahlreiche Arten von ihnen beherbergt die Erde, und sie sind da zu Hause, wo sich der Stein mit dem Metall berührt. Recht sehr gedient haben sie früher den Menschen beim alten Bergbau, nicht beim Kohlenbergwerk, aber im Metallbergbau.

So fabuliert der Gründer der ersten Waldorfschule in einem seiner Vorträge. In Steiners Fußstapfen tritt Halliwell, indem sie Bücher verfasst, in denen sie ihre Erfahrungen mit kleinwüchsigen Wesen, die nichtmenschlicher Herkunft sind, niedergeschrieben hat. Die Zeitschrift „Das Goetheanum“ beklagt sich im Interview mit der „Naturgeister“-Expertin, dass „die Zeiten“ vorbei seien, „in denen viele Menschen noch eine reale Beziehung zu Zwergen, Gnomen und anderen elementarischen Wesen hatten, wie sie uns heute noch in Märchen und Geschichten begegnen“.

Derartige Artikel können einen Einstieg in eine Welt bedeuten, deren wahnhafter Charakter offensichtlich ist. Da existieren „Zwerge“, „Gnome“ und andere Gestalten, die vom Menschen gesehen werden können, wenn diese sich nur darauf einlassen, den „anthroposophischen meditativen Schulungsweg“ zu gehen. Zu diesem Zweck hat der bereits erwähnte Autor Thomas Meyer mehrere Bücher verfasst, die in einschlägigen esoterischen Kleinst-Verlagen erschienen sind.

Wir leben alle im Reich der Elementarwesen. Immer und überall durchdringen sie unsere Seele (…) Das flüssig geschriebene, authentische Buch berichtet von konkreten Begegnungen mit Zwergen, Riesen, Nixen, Feen, Elementarwesenkönigen, Körperelementarwesen, persönlichen Helferwesen und Karmawesen.

So bewirbt der Autor sein Machwerk. Bei organisierten Anthroposoph_innen, die oftmals auch als Pädagog_innen an Waldorfschulen und anderen pädagogischen Einrichtungen tätig sind, existert der Zwerg tatsächlich im Kopf: Vermittelt durch die esoterische Waldorf-Ideologie, deren Inhalte in anthroposophischen Zeitschriften und Büchern propagiert werden.

Waldorfschüler_innen werden ebenfalls mit „Zwergen“ und anderen Wesen konfrontiert. Davon zeugen bereits die zahlreichen Mythen, Märchen und Sagen, die den Schüler_innen an Waldorfschulen und den Kindern an Waldorfkindergärten vermittelt werden: In einer Reihe für Waldorfpädagog_innen, das als „Arbeitsmaterial aus den Waldorfkindergärten“ beworben wird, heißt es beispielsweise:

Aus Märchen und altem Wissen sind uns die Namen elementarer Naturwesen überliefert (…). Die Menschen lebten mit ihnen, überall waren kleine Wesen dabei (…). Noch eine Menschengruppe geht bis auf den heutigen Tag mit den Naturgeistern, den Spukgestalten, Kobolden und Damonen, Trollen und Gespenstern um. Das sind die Sensiblen.

Das Buch wirbt damit, „die Liebe der Kinder zu Zwergen und Elfen“ zu behüten. Als pädagogische Praxisbeispiele dienen einige handgefertigte Zwerge, die die Kinder anfertigen müssen, sowie einige Märchen und Sagen, die den Kindern erzählt werden sollen. Das pädagogische Buch aus dem Waldorfverlag „Freies Geistesleben“ bietet ansonsten einige Strickmuster für „Wurzel“–, „Kletter-“,„Wald“– „Haus“–, „Blaubär-“ und „Möhrenzwerge“, zu deren Anfertigung die Schülerinnen und Schüler genötigt werden.

Arbeitsmaterial aus den Waldorfkindergärten
Arbeitsmaterial aus den Waldorfkindergärten

In den Arbeitsmaterialien und den Waldorf-Zeitschriften finden sich Beispiele für einen pädagogischen Umgang, der die Existenz von „Zwergen“ und anderen Fantasiegestalten vermitteln soll. Hier werden die ideologischen Grundlagen, immer mit dem Verweis auf den Waldorf-Guru Rudolf Steiner, vermittelt. Die Fabelwesen aus der Waldorfwelt finden sich nicht nur in den anthroposophischen Propaganda-Erzeugnissen, sondern auch im täglichen Unterricht an den Waldorfschulen. Die Waldorfpädagogik und die Anthroposophie, die als Grundlage dient, ist nichts anderes als die wahnhafte, esoterische Verklärung der Realität, was die „Zwerge“ und „Gnome“ veranschaulichen.

Zwerg im Kopf

Zu Besuch bei Elementarwesen in Susannes Wohnung.

Gestern war ich bei Susanne, sie wollte einige Wesen ihrer Wohnung kennenlernen. Ich zeigte ihr im Esszimmer neben der Küchenzeile das Wohnungswesen, das man in einem Durchmesser von etwa siebzig Zentimeter und einer Höhe von etwa 1,50 Meter erleben konnte. (…) Das Wohnungswesen koordiniert alle Elementarwesen der Wohnung, lebt sehr stark das soziale Leben der Menschen mit und ist deshalb ein geeigneter Ansprechpartner. Deshalb bat ich Susanne, das Wohnungswesen einmal direkt anzusprechen. Sie meinte, sie könne das nicht. Ich sagte: ‚Du musst es einfach tun und das Wohnungswesen ernst nehmen.‘ Sie versuchte es und sagte: ‚Ich habe den Eindruck, dass ich mich erst mit dem Wesen noch mehr anfreunden muss, bevor eine differenziertere Kommunikation möglich ist.‘ (…) Susanne tastete dann noch mit den Händen das Wesen, das sich dichter und pelziger anfühlte als die Umgebung. Ich suchte weiter. In einer Ecke des Esszimmers saß ein Zwerg. Dieser war sehr fest geformt, etwa einen halben Meter hoch, darüber wurde es sehr licht, weit und weise. Schnell begriff ich, dieser Zwerg ist viel schlauer als ich, er besitzt Weltenweisheit. (…) Vor dem Fenster fand ich einen größeren Bereich voller Bewegung und träumender und leicht melancholischer Weisheit: das Wasserwesen der Wohnung. (…) Es gibt heute an jedem Ort nicht nur Erdwesen, Wasserwesen, Feuerwesen und Luftwesen, sondern überall noch eine fünfte Art: die Christus-Elementarwesen. In der Wohnung von Susanne wird man von einem solchen gleich im Flur empfangen (…). An jeder Ecke des Lebens arbeiten Elementarwesen mit. Ohne sie läuft nichts!

Aus einem aktuellen Artikel der Waldorfzeitschrift „Erziehungskunst“ (04/2011), in dem der Autor Thomas Meyer über seine Erlebnisse mit „Zwergen“ und anderen „Elementarwesen“ berichtet.